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iOS 7: Was Dieter Rams Jony Ive zu sagen hätte [Kommentar]

iOS 7: Was Dieter Rams Jony Ive zu sagen hätte [Kommentar]

Der Industriedesigner Dieter Rams ist eine lebende Legende, sein Stil beeinflusst bis heute viele Designer, selbst Jony Ive ist bekanntermaßen bekennender Rams-Fan. Entwürfe der Apple-Produkte sind oft inspiriert durch das frühe Braun-Design. Würde Rams das neue begrüßen? Was würde ihm missfallen?

iOS 7: Was Dieter Rams Jony Ive zu sagen hätte [Kommentar]

Brauns zehn Thesen über gutes Design sind eine Muss-Lektüre für Gestalter und Designer, oder sollten es zumindest sein. Apples Chef-Designer Jony Ive ist – nach eigener Auskunft – ein Bewunderer von Rams und dessen Design-Credo „Weniger, aber besser“. Produkte wie der iPod orientieren sich an frühen Entwürfen von Rams wie dem Taschenradio T3 von Braun. Oftmals schreibt man dem ehemaligen Industriedesigner Rams, der über Jahrzehnte hinweg den Produkten des deutschen Elektrogeräte-Herstellers Form verlieh, zurückblickend den Minimalismus auf die Fahne. Der Meister selbst verneint das eher und erklärt sein Grundprinzip etwas anders:

„Was man heute fälschlicherweise - wie ich finde - als „Minimalismus“ bezeichnet, das war nicht die Absicht. Aber Dinge leichter zu machen, von Belastungen zu entfernen, sie auch besser, verständlicher zu machen, das war immer eines der Grundprinzipien.“

Dieter Rams | Interview DW-TV, 23.11.2009

Wenn man Jony Ives einleitenden Worten zur iOS-7-Präsentation zuhört, drängt sich dem aufmerksamen Zuhörer der Schluss auf, dass hier Parallelen zu finden sind: zwei verwandte Geister, die den selben Prinzipien zu folgen scheinen:

„True simplicity is derived from so much more, than just the absence of clutter and ornamentation. It's about bringing order to complexity.“

Jony Ive | iOS 7 Präsentation 10.06.2013

Beiden markanten Designern ist so wohl eines besonders wichtig: „Einfachheit und Verständlichkeit“.

An dieser Stelle überlegte ich mir, was wohl Rams zu Ive über iOS 7 sagen würde und ob er mit dem Produkt des Designprozesses zufrieden wäre. Ein gute Weg um das festzustellen, ist eine einfache Überprüfung der Thesen von Dieter Rams anhand der aktuellen Einblicke in iOS 7 und die aktuelle Apple-Keynote. Folgt mir auf dem hypothetischen Pfad durch ein Paar von Dieter Rams Design-Thesen und damit durch den Artikel.

Dieter Rams und Jony Ive – Der Einfluss ist deutlich erkennbar. Der Taschenrechner als klare Hommage an Rams. (Foto: axeldeviaje / flickr.com, Lizenz: CC-BY)

Gutes Design ist innovativ, ist brauchbar

Die Kombination aus neuen technologischen Möglichkeiten und dem passenden Designkonzept zu diesen Möglichkeiten stellt aus Rams Sicht einen Innovationsmotor dar, so kann man seine These interpretieren. Das Ergebnis sollte dabei immer eine Erhöhung des Gebrauchswerts eines Gegenstand sein. Hier geht es um Gestaltung, die einen konkreten Einfluss auf die Usability eines Produkts hat. Ein schönes Beispiel aus iOS 7 ist die Umgestaltung des Multitasking-Prozesses. Die im Hintergrund laufenden Apps werden nun samt Inhalt dargestellt, was den Nutzwert erhöht, da die Informationen, die eventuell in der App stecken, so gleich sichtbar gemacht werden. So kann zum Beispiel die Entscheidung, ob etwas geschlossen wird oder offen bleibt, schneller getroffen werden. Die zusätzlich eingebaute Logik, dass oft genutzte Apps im Stand-By automatisch aktualisiert werden, schafft weiteren Gebrauchswert. Statt mit einer Reihenfolge von verschiedenen Arbeitsschritten wird eine laufende App nun einfach nach oben „weggeschmissen“. Ich musste ein wenig schmunzeln, weil die Invention eigentlich aus einer anderen Quelle stammt – dazu mehr in meinem Fazit –, aber ich freue mich sehr, diese Bedienungsmethode bald auf meinem iPhone wiederzufinden.

(Screen: Apple)
Schön gelöst und grafisch unaufdringlich: Der Multitasking-Betrieb bei iOS 7. Eigentlich wird nur noch der Inhalt der App und die Kennzeichnung der App durch das dazugehörige Icon angezeigt. Alles andere wurde dankenswerter Weise entfernt. (Screen: Apple)

„Wir (Braun) haben von Anfang an viel Wert auf Produktgrafik gelegt, auf Skalen und Beschriftungen am Gerät. Das ist auch bei ganz wesentlich - nicht das vordergründige Aufpolieren eines Gerätes, sondern, es gebrauchstauglich zu machen.“

Dieter Rams | Interview zum Thema Apple. FAZ.net, 27.05.2010

Gutes Design ist ästhetisch, ist unaufdringlich

Gutes Design soll dem Menschen Wohlbefinden vermitteln und Raum zur Selbstverwirklichung lassen – das ist hier einer der zentralen Gedanken. Jony Ive versucht, gerade durch die eingesetzen Transparenzen mehr Raum einzuräumen, so eine der Erläuterungen in der Präsentation. Selbst das simple, eigene Hintergrundbild soll das „Look & Feel“ des iPhones über das komplette System verändern beziehungsweise beeinflussen. In den Funktionalitäten dagegen wurde zu wenig Raum für Selbstverwirklichung gelassen, ein altes Apple-Problem: Kontrolle des Benutzer-Erlebnisses kontra mehr Freiheiten. Ein schwieriger Balance-Akt, der manchmal zu viele Einschränkungen mit sich bringt. Unser Redakteur Luca Carraciolo vermisst immer noch schmerzlich einen anpassbaren Homescreen. Ich übrigens auch, Luca.

(Screen: Apple)
(Bild: Apple)

Gutes Design macht ein Produkt verständlich

Das bestmögliche Ergebnis eines Gestaltungsprozesses: Ein Produkt erklärt sich selbst, keine Notwendigkeit für Instruktionen und Bedienungsanleitungen. Das entspräche Rams Einstellung zur Verständlichkeit. An vielen Stellen gelingt das iOS 7, die neuen Funktionslayer die in der untenstehenden Abbildung zu sehen sind, sind eine Neuerung die hierarchische Zusammenhänge besser abbilden sollen. Arbeiten Designer mit Transparenzen, besteht immer die Gefahr, dass besonders die Typografie unter dem meist unruhig wirkenden transparenten Hintergrund leidet  – wenn durchscheinende Elemente die Lesbarkeit beeinträchtigen. Nach den ersten Eindrücken scheint Apple dieses Problem aber durch gezielte Steuerung der Transparenz in den Griff bekommen zu haben. Negativ bemerkbar macht sich im Moment die Gestaltung der Suchfunktion: Im kleinen t3n-Praxistest unseres Entwicklers David Maciejewski fiel diese jedenfalls erstmal durch, denn die Funktion musste erstmal neu erlernt werden. Stellenweise herrscht also noch Kompliziertheit vor Einfachheit.

(Screen: Apple)
(Bild: Apple)

„Apple ist angeregt von Braun, wie viele andere auch. Hier geht es um die grundsätzliche Auffassung. Design ist ganz wesentlich davon bestimmt, dass es Dinge erklärt, ohne dass man lange eine Gebrauchsanleitung lesen muss.“

Dieter Rams | Interview zum Thema Apple. FAZ.net, 27.05.2010

Gutes Design ist konsequent bis ins letzte Detail

Gründlichkeit und Genauigkeit in der Gestaltung sind letztlich ein Zeichen des Respekts gegenüber dem Verbraucher, so hat Rams einmal seine These erläutert. Die Einführung eines neuen, durchgängigen Gestaltungsrasters in iOS 7 ist eines der Anzeichen dafür, das die Umgestaltung bis ins letzte Detail von Ive perfektioniert wurde und entspricht damit genau der der Denkweise Rams. Werden Gestaltungsraster richtig eingesetzt, führen sie zu einer Harmonisierung des Gestaltungsentwurfs. Die weiterentwickelte Typografie mit einem feineren Grundstrich und größeren Schriftgraden tut ihr übrigs dazu. Nach dem Ausblick auf die Beta-Version ist hier allerdings ein Wermutstropfen beigefügt worden: Die Beta-Version wirkt noch chaotisch und unstrukturiert, verschiedene Schaltflächen-Gestaltungen lösen sich gegenseitig ab, so berichtet unser Entwickler David Maciejewski.

(Screen: Apple)
Die neuen Gestaltungsraster im Einsatz bei der Schrift ... (Bild: Apple)
(Screen: Apple)
... und dem Incon-Design (Bild: Apple)

Gutes Design ist so wenig Design wie möglich

Zurück zum Puren, zum Einfachen und trotzdem Ausdrucksstarken. Die Konzentration auf das Wesentliche eines Produkts, keine haltlose Überfrachtung mit Überflüssigem, das entspricht der Maxime von Rams. Der momentan vorherrschende Trend zum sogenannten Flat Design ist wie erwartet auf iOS 7 übergesprungen und wurde von Jony Ive erwartungsgemäß mit großen Umwälzungen durchgesetzt. Es steht „kein Stein mehr auf dem anderen“, das komplette System wurde neu gestaltet.

Das sogenannte skeuomorphische Design hatte seine Daseinsberechtigung am Anfang der Touch-Ära. Der Sinn und Zweck der Analogien zu den physikalischen Produkten war eindeutig der „selbsterklärende“ Faktor. Ein in Leder gefasstes Ringbuch erkennt jeder – pardon – Depp als Kalender. Und kleine gelbe Zettelchen sind auch schnell als „Notizblock“ zu identifizieren. Mittlerweile sind diese Texturen und Grafiken durch die Marktdurchdringung der fingergestützen Bedienung obsolet geworden. Niemand braucht mehr Analogien zu physikalischen Produkten, um sich besser zurecht zu finden oder sich wohl zu fühlen. Es wurde höchste Zeit, hier grafische Elemente zu reduzieren, was offensichtlich gelungen ist. Sobald iOS 7 den momentan noch chaotischen Beta-Satus verlassen hat, werden Apple-Nutzer auf ein modernes und grafisch ansprechendes System zurückgreifen können. Nicht perfekt – aber ein guter Schritt in die richtige Richtung. Und wie Dieter Rams einmal am Ende eines Interviews sinngemäß auf die Frage antwortete, ob er rückblickend etwas anders machen würde: „Nein, ich bereue nichts – aber man kann alles besser machen.“

(Screen: Apple)
Design muss auch mal in den Hintergrund treten. Unaufdringlich sein und notfalls verschwinden. Wie bei den Bedienelementen des Video-Players. (Bild: Apple)

Fazit iOS 7: Design erhebt sich nicht zum Selbstzweck – Funktionierendes darf übernommen werden

Auch wenn ich hier versuche, mich in die Denkweise von Rams einzufühlen und manchen gestalterischen Aspekt der GUI von iOS 7 nach seinen Thesen zu beurteilen, handelt es sich immer noch um meine Interpretation und um meine Sichtweise auf den Gestaltungsprozess von Apple – und damit auch um meine Meinung. Ich freue mich über eure konträren Standpunkte und anders lautenden Interpretationen in den Kommentaren.

Ein letzter Punkt, wie oben versprochen, noch zum Thema Innovation: Die Diskussion ist mittlerweile fast so alt, wie die Marke Apple: Wer kopiert hier wen? Sind maßgebliche GUI-Elemente von Android bei iOS abgekupfert – und dreht Apple nun den Spieß um und kopiert maßgebliche Elemente oder Funktionen von Android oder sonstwo her? Ich erinnere mich noch an einen markanten Ausspruch von Jobs: „Ich werde Android zerstören, weil es ein gestohlenes Produkt ist. Ich bin bereit, dafür in den thermonuklearen Krieg zu ziehen.“ Hehe – Verzeihung, aber der Ausspruch ist auch zu komisch. Aber typisch Jobs. Ich persönlich betrachte das Thema „Ideen-Übernahme“ etwas pragmatischer: Nicht jede Innovation steht auch für eine neue Erfindung. Es dürfen durchaus schon beschrittene Wege erneut begangen werden, Hauptsache, es ist dem Ziel zuträglich: das Produkt besser und verständlicher und bedienbarer zu machen. Schönes Beispiel ist die Multitasking-Funktion: Die sieht nämlich exakt so aus, wie Palm sie damals bei webOS eingeführt und dafür seinerzeit viel Lob kassiert hat. Leider ist webOS quasi wieder in der Versenkung verschwunden, aber wieso soll deshalb das tolle Bedienkonzept auch gleich verschwinden? Nicht missverstehen: Ich rede hier nicht dem Plagiat zu, aber funktionierende und gute Konzepte dürfen adaptiert werden.

Ich bin selbst ein ziemlich übler Apple-Fanboy, daher schimpft mich ruhig voreingenommen, wenn ich sage: Es ist mir völlig egal, woher das Zeug „geklaut“ wird. Hauptsache, iOS wird immer besser und die Usability immer spürbarer. Rock it, Jony Ive!

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11 Antworten
  1. von severint am 13.06.2013 (08:32 Uhr)

    ...das was hier gelobt wird, ist bei Windows Phone deutlich konsequenter umgesetzt.

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  2. von ingorenner am 13.06.2013 (09:07 Uhr)

    Man könnte Dieter Ramms natürlich auch einfach mal selbst fragen :)

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  3. von ingorenner am 13.06.2013 (09:07 Uhr)

    ...Rams

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  4. von rolandlatzel am 13.06.2013 (09:14 Uhr)

    Gutes Review, vor allem gefällt mir dass hier mal nicht einfach "Totaler Flop!" oder "Ja, ein Meilenstein!" gebrüllt wird, ohne zu erklären wie man zu dieser Meinung kommt (neben dem ganz subjektiven Geschmack). Mir persönlich gefällt das neue iOS7-GUI nicht so ganz, aber ich bin auch kein Apple-User (mehr), nach diesem Artikel kann ich das aber differenzierter beurteilen, das ist doch schon mal was. ;-)

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  5. von Cristian am 13.06.2013 (09:33 Uhr)

    Einige Icons sind misslungen (z.B. Gamecenter), wirken als ob man keine Idee gehabt hat. Die Farben könnten harmonischer sein. Es sind aber auch gute Ideen zum Thema Usability eingeflossen. Einige machen sich einen Spaß mit dem Flat Design von Ive: http://jonyiveredesignsthings.tumblr.com/

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  6. von Werner am 13.06.2013 (11:12 Uhr)

    => anpassbaren Homescreen vermisst..
    Ich noch nie.. wozu die Spielerei?

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  7. von Juli D. am 13.06.2013 (15:30 Uhr)

    Kurze Anmerkung, Jony Ive hat den Taschenrechner auf dem iPhone nicht designt.

    Das daher als Hommage von Ive an Rams zu sehen ist leider nicht so korrekt.

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  8. von Michael am 13.06.2013 (22:15 Uhr)

    Vergleicht mal die Lock-Screens alt und neu, nur der alte ist von jedem ohne Vorkenntnisse und jegliche Anleitung zu entsperren. Ich befürchte, dieser Mangel im Detail zieht sich durch iOS 7. Und dabei habe ich so auf ein frisch aussehendes OS gefreut.

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  9. von NKTHEK am 15.06.2013 (00:41 Uhr)

    Ich muss hier auch mal was los werden, ich bin in den Genuss gekommen iOS 7 auf meinen iPhone 5 ausführlich zu testen, die Beta Version läuft schon sehr flüssig und gut. Das Design ist oberstes Niveau das nur Apple und John Ivy Designern kann. Klar einige Icons wie Aktien und Uhr und vlt noch Notizen gefallen mir nicht so gut. Aktien weil es schwarz ist die Ur ist ungewohnt zeigt aber jetzt die Uhr Life an was ich cool finde und Notizen da fehlt noch was im Icon. Das entsperren des iPhones hab ich von Anfang an geblickt, aber die pfeifen die sich hier beschweren, sah ich nur wenn man es einmal entdeckt hat kann Mans immer, aber er Pfeil unten sollte trotzedem weg. Gut finde ich alles, die Schlichtheit Einfachheit einfach genial Apple.

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  10. von Mike am 15.06.2013 (16:16 Uhr)

    Ich bin etwas erschrocken, als ich den Arikel gesehen habe. Ist Rams doch nach meinem Kenntnisstand noch am Leben. Geht es ihm so schlecht, dass er nicht mehr für sich selbst sprechen kann?

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