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Interview

„Wir werden jeden Tag mit dem Hype des Tages zugeballert“

    „Wir werden jeden Tag mit dem Hype des Tages zugeballert“
(Foto: Michael Herdlein)

Das Silicon Valley nach Deutschland holen? Quatsch, sagt Gunter Dueck. Der Professor und Buchautor kritisiert Versuche, erfolgreiche Ideen einfach eins zu eins zu kopieren. Im Interview erklärt er uns, warum – und wie es besser geht.

Gunter Dueck über sinnloses Kopieren und Diskussionsschwäche im Netz

Gunter Dueck auf der re:publica in Berlin. (Foto: re:publica 2015 / flickr.com, Lizenz: CC-BY-SA)
Gunter Dueck auf der re:publica 2015 in Berlin. (Foto: re:publica 2015 / flickr.com, Lizenz: CC-BY-SA)

Professor, Vordenker, Philosoph, Mathematiker, Buchautor – Gunter Dueck ist all das auf einmal. Vor allem ist der 64-Jährige aber jemand mit einer klaren Meinung. Auf der re:publica referiert er in diesem Jahr über Cargo-Kulte. Was die mit Berlin und dem Silicon Valley zu tun haben, wie sie sich vermeiden lassen und warum wir eine neue Diskussionskultur erlernen müssen, hat er uns im Interview erzählt.

t3n.de: Gunter, wie machen wir Berlin zum Silicon Valley? 

Gunter Dueck: Das ist schwierig.

t3n.de: Warum? 

Dueck: Weil man nicht einfach dieselben Büros wie Google aufbaut, einen Kaffeeautomaten hinstellt und dann ein Silicon Valley erschaffen hat.

t3n.de: Du beschäftigst dich auf der re:pulica genau mit solchen Themen: Warum es nicht funktioniert, ein erfolgreiches Konzept eins zu eins zu kopieren. Die Bezeichnung für ein solches Verhalten ist Cargo-Kult. Woher kommt dieses Wort?

Dueck: Ursprünglich kommt der Begriff aus den 1940er Jahren. Damals haben melanesische Ureinwohner im japanisch-amerikanischen Krieg eine Landebahn planiert, ein paar Türme aus Holz gebaut und zu den Vorfahren gebetet. Warum sie das gemacht haben? Weil sie sich dieses Verhalten von den Amerikanern abgeguckt hatten. Wenn die auf ihren Tower gestiegen sind und zu ihren Vorfahren gebetet haben, kamen immer Flugzeuge mit Essen. So erschien es den Eingeborenen zumindest. Das wollten sie auch und deswegen haben sie die Rahmenbedingungen nachgebaut.

t3n.de: Was ist das Problem daran?

Dueck: Dass wir das heute noch genauso machen. Wir denken nicht nach. Wir werfen mit Geld auf Probleme und glauben, dass sie sich dann schon lösen werden. Der Versuch, das Silicon Valley zu kopieren, ist nur ein Beispiel dafür. Genauso verhält es sich in der Bildung: Da wird viel Geld in Elite-Universitäten oder ähnliches gesteckt und dann gehen wir davon aus, dass die Nobelpreise kommen. Auch wenn da gar kein Zusammenhang besteht.

t3n.de: Wie können wir es besser machen?

Dueck: Aus meiner Sicht müssen wir uns erst einmal fragen, woran wir bislang gescheitert sind. Dass wir so wenige Nobelpreise gewinnen, könnte zum Beispiel daran liegen, dass die Studenten gar keine Lust an der Forschung haben, weil sich dort keine Karriere machen lässt. Vorbilder können da schon helfen, aber man sollte sie nicht eins zu eins übernehmen.

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„Wir brauchen mehr Hypomanie“

t3n.de: Wie geht es dann?

Dueck: Wir müssen mutiger sein. Insbesondere in Deutschland habe ich das Gefühl, dass es kaum Leute gibt, die eine tolle Idee haben und sie sofort umsetzen. Die meisten gucken erst, was die Konkurrenz macht. Wenn sie dann erkennen, dass noch keiner der Idee nachgegangen ist, dann fühlen sie sich allein und glauben, dass sie sich irren. Das ist eine Einstellungssache.

t3n.de: Inwiefern?

Dueck: Ich könnte auch sagen: „Wow, da ist noch keiner drauf gekommen, wir müssen das sofort machen.“ Wir brauchen ein wenig mehr Hypomanie. Das beschreibt im Psychologischen eine gemäßigte Form der Manie. Wir sollten also nicht alle unser Geld raushauen, sondern mit etwas mehr Überzeugung an unsere Ideen glauben. Das wäre gar nicht so schlecht.

„Es ist möglich geworden, nur noch Quatsch zu erzählen“ 

t3n.de: Das Phänomen des Hinterherlaufens kennen wir auch aus dem Netz: Einer greift ein Thema auf und plötzlich ist es überall. Du kritisierst dieses Phänomen in deinem Buch „Schwarmdumm“. Warum?

Dueck: Weil die Tendenz dahin geht, dass wir nichts mehr dauerhaft besprechen können. Im Grunde wird jetzt immer ein Thema hochgepuscht. Das hat Ähnlichkeiten mit der Börse: Irgendeine Aktie ist gerade im Gespräch, alle merken das und dann wollen sie alle etwas dazu sagen. Im Netz ist das ähnlich: Wir werden jeden Tag mit dem Hype des Tages zugeballert. Mal ein herzzereißendes Unglück in Nepal, mal eine eingesperrte Frau in Rosenheim, mal eine Vergewaltigung. Wir kommen nicht mehr dazu, uns über intelligente Themen auszutauschen.

t3n.de: Aber es gibt doch immer wieder ernsthafte Debatten, ob nun über die Rente oder das Elterngeld.

Dueck: Aber wir diskutieren die Fragen nicht aus! Wenn Wolfgang Schäuble sagt, dass wir die Rente mit 70 Jahren brauchen, dann wird mit Abscheu auf ihn geschossen und er muss wieder vier Wochen ruhig sein. Und wenn vier Wochen später ein anderer das Thema aufgreift, dann wird er auch mundtot gemacht.

t3n.de: Hat sich diese Tendenz durch das Internet verstärkt?

Dueck: Absolut. Jetzt ist die ganze Öffentlichkeit immer dabei.

t3n.de: Die Optimisten würden jetzt sagen, dass das gut ist, weil endlich alle mitentscheiden können. 

Dueck: Aber die Mechanismen laufen aus dem Ruder. Im Ideal von Sascha Lobo, in dem sich die ganze Welt dauerhaft am Diskurs beteiligt, wäre Basisdemokratie sicherlich vernünftig. Dann würde man diskutieren, Standpunkte austauschen und am Ende eine Entscheidung treffen. Aber dadurch, dass sich alle beteiligen können, werden Diskussionen immer wieder neu angefacht.

t3n.de: Wir sollten die Basisdemokratie also abschaffen?

Dueck: Nein. Aber wir müssen uns fragen, ob sie funktioniert. Gucken wir uns doch mal die Politik derzeit an: Es ist möglich geworden, nur noch Quatsch zu erzählen und das Volk kalkuliert aufzuwiegeln. Das sieht man an Beispielen wie Donald Trump, der AfD oder auch – in gemäßigt kalkulierter Form – Horst Seehofer. Ich sage etwas Provokantes, bekomme die vollständige Aufmerksamkeit für mich und das reicht, um Wahlen zu gewinnen. So war es jetzt auch in den Niederlanden.

t3n.de: Was wäre dein Wunsch?

Dueck: Ich hätte gerne, dass wir um einen Diskurs ringen. Dass wir uns nicht gegenseitig mit Gift beschießen, wenn irgendeiner etwas sagt, sondern dass wir die Aufmerksamkeit auf wichtigen Punkten belassen. Wir müssen die Fähigkeit besitzen, ein Problem zu erkennen und es zu lösen. Dafür dürfen wir nicht ständig von vorne diskutieren. Wir müssen uns sechs Wochen lang mit einem Thema beschäftigen, bis jeder alle Vor- und Nachteile erkannt hat, bis alle Ängste angehört wurden. Und dann muss ein Beschluss folgen. Sonst erreichen wir gar nichts mehr.

t3n.de: Gunter, vielen Dank für das Gespräch.

Der Vortrag von Gunter Dueck findet heute von 10 bis 11 Uhr auf Stage 1 statt.

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Eine Reaktion
Lita Haagen
Lita Haagen

Die Forderung, einen intensiven, fortschreitenden, mehrwöchigen öffentlichen Diskurs zu einem Thema durchzuhalten, um zu echten Problemlösungen zu kommen, ist super.

Das hier vorgestellte Problem würde sich eignen.
Jetzt steht das hier bei t3n, auf XING hab ich es gesehen, und sicher wird es auch anderswo diskutiert.
Das schafft Reichweite. Das ist gut.
Es verzettelt aber auch weil der Kommentator hier nicht weiß, was der Kommentator dort sagt.

Wie müsste eine Diskussionsplattform aussehen, die einen sinnvollen Diskurs ermöglicht?
Vielleicht eine zentrale Plattform zu einem Thema, die via Hashtag alle Beiträge zum Thema aus dem Netz zusammenführt?
Das alleine dürfte nicht reichen.
Es müsste spambereinigt, sortiert, moderiert und ausgewertet werden.

Eine interdisziplinäre Aufgabe für Kommunikationswissenschaftler, Soziologen, Psychologen, Prozess Optimierer, IT Experten und einige andere.

Es müsste für jeden Diskussionsteilnehmer ersichtlich sein, wie weit fortgeschritten die Problemlösung zum aktuellen Zeitpunkt ist und welche Unterthemen noch zu bearbeiten sind.
Dazu müsste ein Gremium aus Themenexperten und Unterthemenexperten die Befugnis haben, einen Punkt als abgehakt zu deklarieren, obwohl immer weiter konträre Standpunkte, Ergänzungen, Bedenken und Fragen aufkommen.
Dafür müssten verbindliche Kriterien geschaffen werden.

Es wäre bei komplexen Problemen sinnvoll, nach der ersten Phase der Problembeschreibung und ersten groben Lösungsansätzen (Brainstorming) einen Fragenkatalog im Sinne von Aufgaben zu entwickeln.
Beispiel:
Unterthema 17 d § 8 Abs.3c (ungelöst): Kompetenzbereich Mathematik, Aufgabe: Wie viel x muss eingesetzt werden, um y zu erreichen? Siehe Unterthema 17 a § 12 Abs.1 (gelöst): Notwendigkeit von y, und Unterthema 17 a § 12 Abs.2 (gelöst): Voraussetzungen für y.

Dann könnte sich jeder Bürger aus seinen Kompetenzbereichen Teilaufgaben aussuchen und bearbeiten.
Das Expertengremium müsste das Ergebnis überprüfen und bestimmen, ob damit die Aufgabe gelöst ist, oder ob noch weitere Lösungsansätze und Vorschläge eingeholt werden sollen.
Das Ganze müsste öffentlich finanziert und überwacht werden.

Zeitungen, Portale, Socail Media und Blogs könnten teilnehmen, indem sie für sie relevante Aufgaben einbinden.

Gefällt die Idee?
Wäre das wünschenswert und machbar?

Grübelnde Grüße,
Lita Haagen

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