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Karriere

Endlich Freelancer! So überlebst du dein erstes Jahr als Webdesigner

    Endlich Freelancer! So überlebst du dein erstes Jahr als Webdesigner

(Foto: Shutterstock)

Du bist Webdesigner, willst es als Freelancer versuchen und hast keine Ahnung, was auf dich zukommt? Wir haben ein paar Webdesigner nach ihren Erfahrungen aus der Selbstständigkeit gefragt. Welche Tipps sie geben, lest ihr im Artikel.

Wir haben für unsere neue Serie fünf Freelancer gefragt, worauf es bei der freien Arbeit als Webdesigner ankommt. Wir wollten von ihnen wissen, was zum Skillset eines freischaffenden Webdesigners gehören sollte, wie sie an neue Projekte kommen, ob sie dafür irgendwelche Portale nutzen, unter welchem Stundensatz sie nie arbeiten würden, wie viel Equipment oder Kapital man zum Einstieg in die Selbstständigkeit braucht und ob sie branchenspezifische Spar- und Tool-Tipps haben.

1. Was sollte zum Skillset eines Webdesigners gehören, damit er sich in die Selbstständigkeit wagen kann?

Anfangs konnte ich mit Kritik an meiner Arbeit nicht wirklich umgehen, doch als ich oben stehendes verinnerlichte, hatte sich dies prompt geändert. Rafael Alex

Simon Kondermann: Dass man in dem Beruf genug Erfahrung gesammelt haben sollte, versteht sich hoffentlich von selbst. Wenn man selbständig ist, sollte man darüber hinaus aber unbedingt gut strukturiert sein und wissen wie man sich selbst motiviert. Es ist wichtig, nicht nur seine Stärken zu kennen und zu denen mit angemessenem Stolz stehen zu können, sondern auch seine Schwächen zu akzeptieren und für diese Lücken ein passendes Füllmittel zu finden.

Wenigstens einen kleinen finanziellen Puffer sollte man am Start haben und die Energie möglichst gleich am Anfang in die Kundengewinnung stecken. Das passiert in der Regel nicht über die lang geplante und perfekt inszenierte Website, sondern über persönlichen Kontakt auf Veranstaltungen oder übers Telefon und gute Erreichbarkeit. Darauf muss man Lust haben, sonst kommt da nicht viel in Gang.

Rafael Alex: Meiner Meinung nach muss man sich als Selbstständiger – egal in welcher Sparte man erfolgreich sein möchte – präsentieren und verkaufen können. Dazu gehört es auch, sich selbst als Dienstleister und nicht als Künstler zu verstehen. Diese Unterscheidung hilft enorm. Anfangs konnte ich mit Kritik an meiner Arbeit nicht wirklich umgehen, doch als ich oben stehendes verinnerlichte, hat sich dies prompt geändert. Wenn die Lieblingsfarbe der Frau meines Kunden Rot ist, kann ich mit meiner Argumentation nur verlieren. Die Emotion gewinnt fast immer. Merke: Wir sind Dienstleister, keine Künstler.

freelancer webdesign tipps
Rafael Alex: Man muss sich präsentieren und verkaufen können. (Foto: Shutterstock)

Joe Hana: Neben den eigentlichen Fähigkeiten im Fachbereich ist es auch wichtig sich mit den gesetzlichen Gegebenheiten zu befassen (Copyright, Verträge,...) sowie mit den eigenen Zahlen auszukennen. Wichtig sind Disziplin, Ausdauer, Organisation aber auch die Kommunikation (Gespräche mit anderen, Austausch über Foren,...) sollte nicht zu kurz kommen. Die perfekte Mischung muss hier jeder für sich selbst finden und diese führt dann zum gewünschten Erfolg.

Mirjam Schrepler: Programmierkenntnisse und Beherrschen der gängigen Grafiksoftware gehören zu den Basics. Zusätzlich empfehle ich, sich auch mit dem Thema Marketing, SEO, Security und Rhethorik auseinander zu setzen. Webdesign ist deutlich mehr als nur das Setzen einer schicken Grafik in einen halbwegs passablen HTML-Code. Zusätzlich solltet ihr die Konditionen in eurer Branche kennen: Welche Preise werden für welche Leistung verlangt. Wie sollten die Angebot aufbereitet werden. Wie sieht es mit rechtlichen Fragen aus (Bildlizenzen, Impressum und Datenschutz, et cetera). Das Gebiet des Webdesigns umfasst das komplette Spektrum.

2. Wie kommst du an Projekte? Nutzt du dafür irgendwelche Portale?

Als Schuster trägt man ja angeblich immer die schlechtesten Schuhe … Simon Kondermann

Simon Kondermann: Als Schuster trägt man ja angeblich immer die schlechtesten Schuhe… Bei mir ist das so. Meine Website bietet nur meine Kontaktdaten und verlinkt auf Facebook und Behance. Da kann man theoretisch meine aktuellen Projekte angucken, aber ich pflege eigentlich erst etwas Neues ein, wenn ich mal eine kleine Flaute hab. Aber das scheint für mich persönlich nicht so wild zu sein, meine Kunden empfehlen mich gern weiter und über den Co-Workingspace Edelstall habe ich ein solides Netzwerk im Rücken – so musste ich noch nie kalt akquirieren.

Rafael Alex: Seit Beginn meiner Selbstständigkeit habe ich keinerlei aktive Werbung schalten müssen. Alle meine Kunden sind durch Empfehlungen zu mir gekommen (dafür bin ich unendlich dankbar!). Allerdings rate ich durchaus dazu ein aktives Portfolio auf Plattformen wie Dribbble zu pflegen. Es schadet nie, seine Sichtbarkeit durch viele Kanäle zu maximieren.

Mittlerweile finden mich Kunden sogar durch meine Website bei google, was mich doch sehr überrascht hat. Janine Baier

Joe Hana: Am Anfang habe ich mir Aufträge von Freunden oder Bekannten geben lassen - meist sehr günstig. Nach und nach sollte man aber dann den professionellen Weg gehen und erst über Portale Arbeit beschaffen, später läuft das dann teilweise nur noch über Stammkunden – so wie bei mir. Meine Kunden schätzen es sehr, dass ich für sie auch Jahre später verfügbar bin.

Janine Baier: Ich bin zwar in Portalen wie DAS AUGE et cetera eingeschrieben, aber meine Jobs bekomme ich zu 90 Prozent von meinem Netzwerk aus Bekannten, Freunden, Familie, Kollegen und Kunden. Mittlerweile finden mich Kunden sogar durch meine Website bei Google, was mich doch sehr überrascht hat.

Mirjam Schrepler: Zu Beginn testete ich diverse Projektportale. Allerdings war mir dort der Preisdruck zu hoch. Das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage passte für mich nicht. Da ich selbst sehr ungern Kaltakquise betreibe, arbeite ich gerne mit Agenturen zusammen. Mittlerweile habe ich ein wundervolles Netzwerk an Programmieren, Agenturen, Fotografen, Grafikern und Textgestaltern mit denen ich spontan in flexiblen Konstellationen Projekte umsetze. Besonders ausgezahlt hat sich die Investition in den Mitgliedsbeitrag von Wirtschaftsjunioren und lokalen Gewerbeverbänden. Vernetzung ist nach wie vor die bequemste und erfolgversprechendste Methode der Kundengewinnung. Ansonsten generiere ich mittlerweile viel Umsatz aus konkreter Weiterempfehlung und der Betreuung der Bestandskunden.

3. Unter welchem Stundensatz würdest du als Freelancer nie arbeiten?

Rafael Alex: 40 Euro – natürlich gibt es Ausnahmen, zum Beispiel wenn ich an meinen eigenen Projekten arbeite, Freunden helfe oder wohltätige Projekte ehrenamtlich unterstütze.

Simon Kondermann: In der Regel arbeite ich für 70 Euro pro Stunde. Bei Herzensprojekten, die richtig Spaß machen und Potenzial haben, eine tolle Referenz zu werden, kann das gern auch mal weit darunter liegen. Für Freunde arbeite ich auch gern zu besonderen Konditionen, das hängt dann immer vom Umfang und meiner Auslastung ab. Am Anfang habe ich mal für 25 Euro gearbeitet und dachte das wär ein großartiger Stundensatz, aber wenn du davon leben willst geht das nicht, da solltest du schon mindestens 40 Euro zuzüglich Umsatzsteuer nehmen und dich langsam steigern, wenn du merkst dass die Nachfrage es hergibt und du bereit bist.

stundenlohn webdesigner
Mirjam Schrepler: Das Problem beim Kalkulieren eines Preises ist jedoch nicht der Stundensatz. Denn die große Frage ist, wie viel Zeit darf ich für ein Projekt verwenden. (Foto: Shutterstock)

Joe Hana: 50 Euro in Wien. Allerdings kommt es hier auch auf den Kunden, den Auftrag selbst sowie die Auslastung allgemein an. Es gibt schwächere Perioden im Jahr und wenn hier in dieser Zeit ein bekannter Kunde kommt der immer leichte Aufträge hatte dann bin ich da auch beim Rabatt etwas entgegenkommender.

Janine Baier: Unter 40 Euro netto

Mirjam Schrepler: Grundsätzlich peile ich einen durchschnittlichen Stundensatz von 60 Euro an. Für Partneragenturen arbeite ich für 45 – 50 Euro, da mir diese meine komplette Kaltakquise ersparen. Da ich allerdings gerne mit vorab definierten Festpreisen arbeite, kann es passieren, dass ich auch mal deutlich unter meinem Wunschsatz liege. Aber ich habe in der Vergangenheit gelernt, dass mir gerade die Projekte, bei denen ich bei der Abrechnung weinen musste, am Ende neue Projekte beschert haben.

Das Problem beim Kalkulieren eines Preises ist jedoch nicht der Stundensatz. Denn die große Frage ist, wie viel Zeit darf ich für ein Projekt verwenden. Und liegt mein Gesamtpreis im Rahmen.  Webdesign lässt sich nicht so leicht vergleichen. Denn die Qualität von Design ist nicht komplett objektiv messbar. Es gibt immer eine subjektive Komponente. Und die Qualität in der Programmierung ist sehr vielfältig - während die einen lediglich ein Grundgerüst programmieren, entwickeln andere ein responsive Design, mit automatisierter Open Graph und Google Rich Snippet Einbindung.

4. Welches Equipment oder Kapital braucht man?

Rafael Alex: Solange du einen Rechner und eine Internetverbindung hast, bist du startklar. Selbst der gewählte Ort ist irrelevant und alles andere lässt sich mit der Zeit anschaffen. Beispielsweise sind gute Kopfhörer ein Muss für mich, da ich am produktivsten unter Einfluss guter Musik durch den Tag komme. Als Richtlinie sollte man drei Monatsgehälter zurücklegen. Solltest du diesen Puffer nicht benötigen, super. Falls doch, hast du alles richtig gemacht. Weiterhin empfehle ich allen zu versuchen an eine Förderung zu gelangen (z.B. über die Agentur für Arbeit): sechs Monate lang, 75 Prozent seines letzten Gehaltes zu beziehen sind doch eine tolle Unterstützung, oder?

Simon Kondermann: Ich hatte am Anfang weder Kapital noch Kunden. Meine Selbständigkeit habe ich 2010 aus der Arbeitslosigkeit heraus mit Gründungszuschuss gestartet, dadurch war ich abgesichert. An Equipment hatte ich damals nur mein MacBook Pro, mehr brauchte ich auch nicht. Gearbeitet hab ich das erste halbe Jahr zu Hause, bis ich dann in einen Coworking Space gezogen bin.

Meine erste Kundin hatte sich Monate vor der Gründung meine provisorische Visitenkarte beim Existenzgründerseminar von Hannover Impuls eingesteckt und kam im richtigen Moment auf mich zu. Glück gehabt. Sie kommt auch heute nach fünf Jahren noch zu mir, wenn was anliegt. Durch das Seminar ist auch eine erste Kooperation mit einem Softwareentwickler entstanden – das Seminar und damals schon Visitenkarten zu haben war sehr wertvoll.

kapital webdesigner
Als Webdesigner braucht man auch ein Tablet und ein Smartphone um die Websites auf diesen zu testen. (Foto: Shutterstock)

Joe Hana: Ich behaupte mal ganz frech das kein Kapital notwendig ist – zumindest nicht unbedingt. Natürlich ist es mit Kapital wohl einfacher aber ein Notebook mit Internetanschluss und ein paar gute Programme helfen für den Anfang schon mal weiter. Nach einiger Zeit sitzt man dann auch in seinem eigenen Büro mit einer Turbomaschine und drei Bildschirmen und kann es „sich gut gehen lassen".

Janine Baier: Man sollte sich einen vernünftigen Rechner mit großem Monitor anschaffen, eventuell einen Laptop für Kundentermine. Als Webdesigner braucht man auch ein Tablet und ein Smartphone, um die Websites auf diesen zu testen. Die teuren Grafik-Programme nicht zu vergessen. Man braucht circa 3.000 Euro für Equipment und sollte noch ein gutes Polster von 5.000 Euro haben. Man bekommt kein regelmäßiges Gehalt, aber die Lebenshaltungskosten müssen immer pünktlich zum ersten eines Monats bezahlt werden.

Miriam Schrepler: Ich startete damals mit circa 10.000 Euro. Davon habe ich mir die nötige Software, einen Rechner und eine Grundausstattung an Briefpapier, Visitenkarten und Flyern zugelegt. Die laufenden Kosten halten sich im Rahmen. Hosting und Telefon kostet heutzutage nicht mehr viel. Und so fallen lediglich die Versicherungen und die Altersvorsorge stärker ins Gewicht. Und wie stark jemand vorsorgen und sich versichern möchte – das kann jeder für sich selbst entscheiden. Ach ja: Sobald man gewerblich tätig ist und sein Büro auch absetzen möchte, muss man extra Müllgebühren zahlen...

5. Wie lange dauert es, bis du von der Selbstständigkeit leben konntest

Mirjam Schrepler: Ich machte damals einen sehr harten Schnitt. Ich kündigte meine Festanstellung und startete erst mit der Selbständigkeit, als mein letzter Arbeitstag vorbei war. Einen Monat nahm ich mir Zeit, um meine eigene Positionierung zu definieren. Ich erstellte mein Businesskonzept, philosophierte über meine Zielgruppe, entwickelte Akquiseideen.

Neben meinen eigenen Werbeunterlagen und Internetauftritt versendete ich ein Offline-Mailing mit gigantischen 50 (ja, richtig gelesen: Fünfzig....) Briefen. Und bei diesen 50 Adressen war ein Volltreffer dabei. Und so hatte ich neben einem ersten Auftrag aus meiner Verwandtschaft nach fünf Wochen meinen ersten großen Kunden, der mir gleich ein Monatsgehalt sicherte. Dazu habe ich auch noch eine kleine Anekdote: Diesen Kunden hatte ich der Agentur Dreamland weggeschnappt. Der Chefentwickler sah sich meine Programmierung an und statt über mich zu meckern fragte er mich, ob wir zusammenarbeiten können. Bis heute arbeiten wir sehr aktiv zusammen. Und ich habe daraus gelernt, wie genial Kooperationen sein können.

Gleichzeitig trug meine Mitgliedschaft bei den Wirtschaftsjunioren erste Früchte. Und so kam es, dass ich schon vier Monate nach Gründung gut im Fluss und ausgebucht war.

5. Hast du einen Tooltipp?

Simon Kondermann: Ich arbeite vor allem mit den Adobe Programmen. Für mich ist die Creative Cloud eine super Lösung, weil sie kein Startkapital im vierstelligen Bereich mehr voraussetzt. Dafür muss man seine Liquidität natürlich mehr im Auge behalten. Ansonsten versuche ich immer, meine Produktivität zu verbessern – meistens braucht es gar keine weiteren Tools, wenn man die Programme beherrscht, die man schon hat. Mit Photoshop „Generator“ lassen sich zum Beispiel super Einzelelemente aus PSDs exportieren, das habe ich früher mühsam von Hand gemacht, später mit einem extra Tool names Slicy, für ältere Ps-Versionen ist das vermutlich immernoch interessant. Aber auch Photoshop-Aktionen und die Stapelverarbeitung können einem die Arbeit unglaublich erleichtern und beschleunigen. Für mich ist ein Vorteil der Creative Cloud auch die Typekit-Integration, damit kann ich schon im Design genau die Schriften verwenden, die wir später im Web einsetzen.

Was andere Programme für Web-Projekte angeht, arbeite ich im Wesentlichen mit Transmit für FTP und mit Atom, wenn ich mal selbst an den Code muss (ich arbeite meistens mit Entwicklern, die das übernehmen) – das ist schön schlank, erweiterbar und ich finde das Syntax-Highlighting gut. Ganz wichtig ist für mich Things für meine Todo-Liste, darüber organisiere ich in Kombination mit iCal meinen kompletten Arbeitstag.

Rafael Alex: Generell immer die Augen offen halten, jedes Unternehmen fährt hin und wieder Aktionen, bei denen sich bares Geld sparen lässt. Alternativ fällt mir noch die „Deals for Designers“-Seite bei Dribbble ein. Dort gibt es ebenfalls einige Rabatte abzugreifen.

Joe Hana: Hardware besorge ich mir meist bei Cyberport und den Computer ließ ich mir von Alternate zusammenstellen. In beiden Fällen galt die Maxime, top Hardware zu einem sehr fairen Preis zu bekommen. Hardware ist wichtig und hier sollte auch nicht unbedingt gespart werden. Ein Tablet sollte man sich schon auch zulegen, um seine Arbeiten auch darauf wirklich testen zu können.

6. Hast du einen branchenspezifischen Spar-oder Steuertipp?

Simon Kondermann: Meine Buchhaltung und Steuererklärungen lasse ich seit dem ersten Tag von einem Steuerberater machen. Das spart nicht unbedingt Geld, sondern kostet jeden Monat ein bisschen, aber mir spart es Nerven und Zeit, die ich wiederum für die Arbeit verwenden kann, die mir Geld bringt.

Joe Hana: Bei Steuer und Abgaben halte ich eine 50/50 Rechnung für sinnvoll. Von jedem verdienten Euro sollte man 50 Cent weglegen für Steuern und Abgaben. Basierend auf dieser Kalkulation sollte kaum was schief gehen. Am Besten sollte man dies vielleicht auch auf einem eigenen Konto deponieren, aber wer genug Disziplin hat kann alles auch auf einem Konto haben. Wichtig ist es auch, immer einen Kontostand von rund 5.000 Euro zu haben. Zahlungen an das Finanzamt oder die Versicherung können sich oftmals ungünstig überschneiden und plötzlich sind da drei, vier Sachen die man gleichzeitig bezahlen soll. Da ist ein kleiner Puffer jedenfalls sehr nützlich. Ins Minus gehen würde ich nicht empfehlen, da dies im Grunde schon das größte Anzeichen für Misswirtschaft ist – spätestens dann sollte man sich selbst nochmal einige Fragen stellen bezüglich Kalkulation, Stundensatz, Angebot, Nachfrage, Auftragsauslastung et cetera.

steuerberater webdesigner
Simon Kondermann: Ein Steuerberater spart mir Nerven und Zeit, die ich wiederum für die Arbeit verwenden kann, die mir Geld bringt. (Foto: Shutterstock)

Janine Baier: Wer kann, sollte unbedingt der Künstlersozialkasse beitreten. Wer sich mit dem Steuerrecht nicht gut auskennt, dem rate ich auf jeden Fall einen Steuerberater zu konsultieren. Hier gibt es sonst böse Nachzahlungsüberraschungen. Man sollte immer den Kontakt zu anderen Kreativen suchen und sich nicht Zuhause alleine verkriechen. Hier bieten sich in größeren Städten Gemeinschaftsbüros an. Wenn man größere Projekte mit mehr Budget angeht, ist eine Rechtsschutzversicherung anzuraten.

Mirjam Schrepler: Auch wenn mein Tipp mit Kosten verbunden ist – langfristig spart er euch Geld: Nehmt euch zeitnah einen guten Steuerberater. Auch wenn ihr euch am Anfang fragt wozu. Viele Weichen kann man schon zu Beginn stellen – und ich bin jedes Jahr aufs Neue überrascht, was ein Steuerberater zum Schluss noch herausholt. Dafür braucht man nicht gleich zu Beginn ein Buchhaltungsprogramm. Ich erledige beispielsweise meine Rechnungen mit der kostenlosen Faktura von Christian Hau und klopfe meine Buchungen in eine Excelvorlage, die ich direkt von meinem Steuerberater bekommen habe.

7. Welchen Rat würdest du einem Newbie sonst noch mit auf den Weg geben?

Rafael Alex: Jeder muss wissen, mit was du dich selbstständig machst. Wirklich Jeder, egal ob bester Freund oder die Nachbarin deiner Großmutter. Umso mehr Menschen es wissen, desto besser. Sag es jedem, wirklich jedem den du kennst und über den Weg läufst. Irgendwann wird deine Expertise gebraucht und sich an dich erinnert.

Joe Hana: Hier halte ich mich ganz nach Jochen Schweizer – TUN. Das ist wohl das allerwichtigste überhaupt. Einfach nur offiziell selbstständig zu sein und zu warten bringt nichts. Das Geld liegt förmlich auf der (Internet-)Straße und muss nur aufgehoben werden. Von Mitwerbern kann man sich anfangs einiges abschauen (zum Beispiel die AGB oder Preise) aber nach einiger Zeit (spätestens nach drei bis vier Jahren) sollte die eigene Identität vollendet sein. Spätestens dann sollte man stets wissen, was man bereit ist einzusetzen, was für einen selbst Sinn ergibt und wohin die Reise überhaupt gehen soll. Wer nach dieser Zeit noch immer mit Kleinaufträgen beschäftigt ist macht definitiv etwas falsch. Aber auch das ist kein Problem. Aufgeben dafür ist eines.

Janine Baier: Nicht verkriechen, raus gehen, mit Leuten quatschen, netzwerken, damit die Menschen in deiner Umgebung wissen was du machst. Oft wird man nämlich im Bekanntenkreis weiterempfohlen kennst du jemand der Websites macht?" Möchte man eher mit Agenturen zusammenarbeiten und größere Kunden bearbeiten, sollte man sich bei Werbeagenturen als Freelancer initiativ bewerben. Diese Stellen werden oft nicht öffentlich ausgeschrieben. Ein gutes Existenzgründerseminar kann auch nicht schaden. Die eigene Website sollte man auch nicht vergessen.

Der Coworking-Space betahaus. (Foto: Betahaus)
In Coworking-Spaces können Freelancer auf andere freischaffende Menschen treffen und Kontakte knüpfen. Hier: der Coworking-Space betahaus. (Foto: Betahaus)

Es ist ein wundervolles Abenteuer – und ich würde es immer wieder tun Mirjam Schrepler

Mirjam Schrepler: Tipp eins: Trackt eure Zeit – von Anfang an. Nur so bekommt ihr ein Gefühl dafür, wie viel Zeit in welche Tätigkeit fließt. Das kann sehr überraschende Ergebnisse liefern. Es gibt kostenlose Apps oder Tools für euren Rechner, mit denen ihr eure Zeit projektbezogen erfassen könnt.

Tipp zwei: Lasst euch nicht ausnutzen. Bleibt euch und euren Preisen treu – von Anfang an. Ich verhandele beispielsweise nie. Meine Preise sind fix. Das sind Erfahrungswerte und daran gibt es nichts zu rütteln. Zum einen spare ich mir die Zeit zum diskutieren, und zum anderen wissen die Kunden diese Ehrlichkeit auch sehr zu schätzen.

Tipp drei: Denkt an die Umstellung der Steuervorauszahlung. Wenn ihr 2016 gründet und einen Steuerberater habt, dann wird dieser eure Steuererklärung voraussichtlich 2018 fertig haben. Wenn ihr dann 2017 in die Gewinnzone kommt, werdet ihr erst 2019 Steuer zahlen müssen. Allerdings verlangt dann das Finanzamt bis Ende 2019 rückwirkend die Steuer für 2018, 2019 und das erste Quartal 2020. Und das ist dann schnell ein fünfstelliger Betrag. Deshalb legt immer ausreichend Geld für die Steuer zurück. Denn diese Umstellung bricht vielen das Genick.

Und noch ein letzter Tipp: Gönnt euch Auszeiten. Es ist schwer, als Selbständiger vom Job loszulassen. Macht euch bewusst, dass ihr euer eigener Chef seid. Ihr könnt bestimmen, wie euer Tagesablauf aussieht. Ansonsten wünsche ich allen, die den Sprung in die Selbständigkeit wagen viel Erfolg. Es ist ein wundervolles Abenteuer – und ich würde es immer wieder tun.

Vielen Dank an Mirjam Schrepler, Simon Kondermann, Joe Hana, Janine Baier und Rafael Alex. Mehr über die fünf erfahrt ihr auf der nächsten Seite.

Ihr kennt jemanden, der sich als Programmierer selbstständig machen möchte? Dann schickt ihm den ersten Teil unserer Serie: Endlich Freelancer! So überlebst du dein erstes Jahr als Webdesigner

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5 Reaktionen
raistechde
raistechde

Guter Artikel, bei Mirjam's: "Lasst euch nicht ausnutzen. Bleibt euch und euren Preisen treu" musste ich lachen, sehr wertvoller Tip! Ansonsten: Netzwerken was das Zeug hält und stets freundlich und verbindlich bleiben.

Antworten
Keine Klickstrecken
Keine Klickstrecken

> Steht diese Beitrag in irgendeinem Zusammenhang zum Artikel?

>> Klickstrecken sind allgemein unbeliebt.
Klickstrecken sind, wenn man z.b. 30 Photos von irgendeinem Event oder von der neuen Iwatch hintereinander anklicken muss um als als ganz viele Pageviews gezählt zu werden. IVW hat die Regeln verändert aber das Artikel in mehrere Seiten verteilt werden so das man klicken statt scrollen muss, ist trotzdem unbeliebt und auch hier häufiger kritisiert.
2 Seiten: Hmm. Na gut.
3 Seiten : :-(
4 Seiten : :-((((

>>Jede Branche hat Verbände und Spezialmessen. Vermutlich oft billiger besuchbar als IT-Messen.
IT-Spezial-Messen haben oft hunderte Euro Teilnahmegebühr.
Wenn man also z.b. Webdienste für Handwerker oder Arztpraxen bietet (Termine, Angebots-Übersicht,bei Handwerkern Fotos letzter erfolgreicher Aufträge z.b. Solardächern, E-Tankstellen in der Kleingarage, Solarthermie,...) kann man auf deren Spezialmessen durchaus Kunden gewinnen. Aquise ist schliesslich ein Hauptproblem vieler Dienstleister und auch Thema des Artikels. Handwerker sind auch auf den lokalen Messen wo man kleinen Hausbesitzern seine örtliche Handwerkerfirma vorstellt und Solardächer, Carports, Renovierungen, neue Heizung,... verkaufen will. Sowas ist in jeder Gemeinde üblicherweise alle 2 Jahre. Man muss dorthin gehen wo die Kunden sind. Und auch die haben Organisationen, Treffen und Messen wo die Ausbeute besser sein dürfte als wenn man Telefonlisten abklappert.

>>IHK ist froh um IT-Vorträge. Alles Möglichkeiten der Kundengewinnung.
Wer IHK-Zwangsmitglied ist, kann sich durch Vorträge zu seinem Fachthema durchaus neue Kunden in der Umgebung gewinnen statt für den Vermittler am Pitch auf der anderen Seite von Deutschland teilnehmen zu müssen.

>> http://www.heise.de/ct/schlagseite/04/11/ (und dann auf "größer" klicken)
Dort kommt das Wort "Webdesigner" vor. Dieser Artikel hier lautet "Endlich Freelancer! So überlebst du dein erstes Jahr als Webdesigner". Und sogar im Cartoon wird auf selbständig hingewiesen.
Und das es kein Witz ist beweist heute
http://t3n.de/news/selbststaendige-freelancer-649601/
Wenn Entwickler wirklich die versprochenenen Großverdiener wären, gäbs nicht so viele Android-Apps weil jeder von denen ein iPhone, AirBook, MacPro usw. hätte und dafür entwickeln würde. Android-Apps gäbs nur auf Kundenauftrag und die wären immer ein paar Versionen hinter den iPhone-Apps. Oracle gabs früher (auch schon vor dem Aufkauf) wohl auch immer zuerst für Solaris oder Skype früher immer erst für Windows und erst später für Mac und vielleicht noch Linux (falls überhaupt).

>>Davon abgesehen gabs hier ja schon öfter Berichte über Horror-Kunden oder Werksvertrags-Ständige-Nachbesser-Kunden usw.
http://t3n.de/news/kunden-hoelle-freelancer-schuetzen-629544/
http://t3n.de/news/webdesign-vertrag-501172/
http://t3n.de/news/protect-yourself-freiberufler-440234/
Solche Dinge sind aufgrund der Zielgruppe STÄNDIGES Thema hier. Hier werden zwar Cashburner bejubelt aber einige Artikel liefern auch die Wahrheit über die Realität des angeblichen glücklichen und hochzufriedenen Maybach-fahrendenden PHP-Entwicklers und Wannabepreneur-Cashburners ohne Studien-Abschluss.

Und wenn die Rezession kommt fordern Insolvenzverwalter möglicherweise die Gebühren für die Leistungen der letzten 3(?) Jahre zurück. Pareto ist also nicht besonders schlau. Da ich es wohl erklären muss: Pareto besagt, das 20% der Kunden 80% der Umsätze bewirken. Man wird dadurch also sehr abhängig von Großkunden die dann pleite gehen, von US- oder China-Firmen aufgekauft werden (TTIP, Lenovo-IBM-Laptops oder die deutsche Firma Medion) und dann die Großaufträge weg sind...

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iraga
iraga

Cooler Artikel! Widerspiegelt viele eigene Erfahrungen :)

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Keine Klickstrecken
Keine Klickstrecken

Klickstrecken sind allgemein unbeliebt.

Jede Branche hat Verbände und Spezialmessen. Vermutlich oft billiger besuchbar als IT-Messen.
IHK ist froh um IT-Vorträge. Alles Möglichkeiten der Kundengewinnung.

http://www.heise.de/ct/schlagseite/04/11/ (und dann auf "größer" klicken)

Davon abgesehen gabs hier ja schon öfter Berichte über Horror-Kunden oder Werksvertrags-Ständige-Nachbesser-Kunden usw.

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Melanie Petersen

Steht diese Beitrag in irgendeinem Zusammenhang zum Artikel? :D

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