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Analyse

The Headless Web und das Ende des Webdesigns

    The Headless Web und das Ende des Webdesigns

Bloß nicht den Kopf verlieren. (Foto: Pixabay.com)

Brauchen wir in ein paar Jahren eventuell keine Browser mehr und nutzen dennoch das Web? Das ist gar nicht so weit hergeholt, wie du vielleicht spontan denkst. Das Headless Web ist im Kommen.

Headless Browser: UI ohne UI

Headless Browser sind nichts neues. Seit etwa zehn Jahren gibt es diese Spezies. Es handelt sich um Anwendungen, die auf den gängigen Rendering-Engines (Chrome, Webkit, Gecko) basieren und Web-Inhalte darstellen können, ohne sie tatsächlich darzustellen. Es fehlt ihnen das grafische Nutzerinterface, sie sind quasi kopflos, headless.

Entwickelt wurden Headless Browser, um Webseiten schnell und automatisiert testen zu können. Das geschieht in der Regel über die Befehlszeile (CLI) oder Schnittstellen (API). Fehlerausgaben erfolgen auf Anforderung als Screenshots oder in standardisierter Weise.

Seit ihrer Erfindung ist die Entwicklergemeinde gespaltener Meinung dazu. Die einen halten sie generell für Blödsinn und testen ihre Designs und Anwendungen lieber unter einer Vielzahl „normaler” Browser. Die Begründung ist plausibel. Immerhin verwendet der Besucher, für den letztlich die Anwendung funktionieren muss, ebenfalls keinen Headless Browser. Phantom als einer der bekanntesten Headless Browser erzeugt in manchen Fällen wohl auch Fehlermeldungen, die es im regulären Browser schlussendlich doch nicht gibt.

Phantom: wohl der bekannteste Headless Browser. (Screenshot: t3n)
Phantom: Der wohl bekannteste Headless Browser. (Screenshot: t3n)

Die überzeugten Verwender der Headless Browser schätzen gerade die Möglichkeit, schnell und unkompliziert eine Vielzahl von automatisierten Tests über einen Headless Browser oder eine ganze Gruppe solcher Dienste laufen lassen zu können. Es sind in erster Linie die Entwickler komplexer Web-Anwendungen für nennenswert große Zielgruppen, die die Vorteile der Headless Browser zu schätzen wissen. Der durchschnittliche Webentwickler mit überschaubarem Projekt- und Kundenstamm braucht die zu erzielenden Skaleneffekte letztlich nicht und wird eher den konventionellen Weg wählen.

Headless Browser: Google öffnet die Büchse der Pandora

Im Jahr 2009 kam dann der Suchmaschinenriese Google auf die Idee, Headless Browser einmal ganz anders zu nutzen. Die Kalifornier standen nämlich vor dem Problem, per AJAX dynamisch generierte Inhalte nicht indexieren zu können, weil diese eben den Browser benötigen, um korrekt gerendert und damit lesbar zu werden.

Die Suchmaschine bräuchte also intern einen Browser, um die damit zu lesenden Inhalte wiederum selber nutzbar zu machen. Seitdem verwendet Google Headless Browser und kann so, wenn der Webseitenbetreiber ein wenig Vorsorge betreibt, auch Inhalte lesen, die eine Front-End-Interaktion benötigen, um zur Ausgabe zu gelangen. Mittlerweile verwendet Bing eine ähnliche Technologie.

Wenn jetzt die Browser-Engines immer leistungsfähiger werden, was bedeutet das dann für Headless Browser? Richtig, auch diese werden immer leistungsfähiger.

Progressive Web Apps (PWA) weisen die Richtung

Hast du schon meinen Artikel zu „Progressive Web Apps” gelesen? Dann weißt du ja, warum dem Konzept auf längere Sicht die Zukunft gehört. Denn du hast gesehen, dass PWA funktional immer mehr zu nativen Apps aufschließen.

Eine der Kerntechnologien ist der Service Worker, ein JavaScript, das Funktionen ausführen kann, ohne dass die Website überhaupt aufgerufen sein muss. Nähere Erläuterungen findest du im eben genannten Beitrag.

Der Service Worker ist somit selber ein Teil des Headless Web und kann von einem Headless Browser in gleicher Weise wie auf der Clientseite serverseitig verwendet werden. Der Headless Browser wird damit zu einem Service, der programmatische Abläufe schon auf Serverseite abwickeln kann. Dadurch wird der Browser auf der Seite des Besuchers potenziell überflüssig.

Headless Web: Die Inhalte kommen modular aus dem Web

Diese fertig gerenderten Stücke Webcontent liegen zur Weiterverarbeitung oder Anzeige vor. Es bedarf nicht zwingend eines Browsers, um sie korrekt darzustellen. Ebenso könnte eine native App sich um die gesamte Darstellung kümmern und die vorgerenderten Web-Schnipsel innerhalb der eigenen UI strukturiert zur Anzeige bringen.

Beispiele für solche Vorgehensweisen sind die Facebook Instant Articles oder Googles AMP-Projekt. Schon im obengenannten Beitrag hatte ich darauf hingewiesen, dass gerade Google ein besonderes Interesse daran haben muss, das offene Web zu schützen. AMP ist ein Baustein dabei.

Googles AMP-Projekt. (Screenshot: t3n)
Headless Web Light: Googles AMP-Projekt. (Screenshot: t3n)

Ebenfalls in diese Richtung gehen die Push Notifications unter Googles Betriebssystem Android. Microdata spielt hier ein wichtige Rolle. Du magst eventuell einwenden, dass es bereits heute Datenübergaben etwa per JSON gibt und das stimmt natürlich. Das Headless Web geht aber mehrere Schritte weiter, denn es übernimmt nicht bloß Daten aus einer Übergabeschnittstelle, sondern komplette Funktionsmodule, inklusive etwa integrierter programmlogischer Bestandteile. Dazu ist es erforderlich, besonders auf semantisch korrekte Auszeichnung zu achten, um schlussendlich Bausteine zu erzeugen, die sinnvoll verwendet werden können.

The Guardian experimentiert mit Push Notifications. (Screenshot: The Guardian Mobile Innovation Lab)
Vorläufer eines Headless Web: The Guardian experimentiert mit Push Notifications. (Screenshot: The Guardian Mobile Innovation Lab)

Die Verfechter offener Webstandards können sich freuen. Denn das eben diese offenen Standards in der Zukunft an Bedeutung gewinnen werden, kann aus meiner Sicht als sicher gelten. Es sei denn, Google verlöre plötzlich das Interesse am offenen Web und überließe das Feld Marktteilnehmern mit ganz anderen Interessen, wie etwa Facebook. Das allerdings wäre auch das Ende von Google.

„Offene Webstandards werden sich durchsetzen, aber ist das gut?”

Die Freude über den Sieg der offenen Webstandards könnte allerdings dem durchschnittlichen Webdesigner schnell vergehen. Denn klassisches Webdesign wird nicht mehr benötigt, der Aspekt der Architektur tritt noch stärker in den Vordergrund als bislang schon.

Oder ist es eher so, dass sich die Bereiche Design und Entwicklung bloß wieder stärker voneinander separieren? Heutzutage sehen wir ja doch in der Frontend-Entwicklung deutliche Vermischungen der Disziplinen. Das fängt ja schon da an, wo der Webdesigner die Software auf dem Server installiert und das CMS-Theme so anpasst, dass es dynamische Inhalte korrekt zeigt.

Was meinst du? Ist das Headless Web das Ende des Webdesigns, wie wir es kennen? Wie ist deine Einschätzung?

Noch ein kleines Nachwort für diejenigen, die sich direkt Sorgen um ihren Job machen. Aktuell gibt es noch keine Lösung dafür, Headless Browser so zu skalieren, dass sie tausende von Instanzen gleichzeitig anbieten könnten. Diese technische Hürde wird zwar mit Sicherheit in der Zukunft fallen, aktuell steht sie aber noch.

Links zum Beitrag:

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1 Reaktionen
Patrick T.

Ich denke auch, dass das kopflose Konzept einer Website - oder künftig vielmehr Webservices? - durchsetzen wird. Das Web, wie wir es aktuell kennen, wird es womöglich bald gar nicht mehr geben. Immer mehr Menschen surfen mobil auf kleinen Screens. Das lässt sich mit dem klassischen Design einer Website schon lange nicht mehr vereinbaren. Responsive? Keine Dauerlösung, da auf Dauer zu Komplex - und dank seiner Flexibilität gleichzeitig auch völlig unflexibel, was besondere Designs, vom Desktop stark abweichende Layoutideen/konzepte usw betrifft. Oft genug werden klassische Websites gar nicht erst responsive designt, sondern für Mobilgeräte eine eigene Version zur Verfügung gestellt - siehe t3n.

Meine Meinung? Klassische Websites wirds künftig weniger geben bzw. den Desktops vorbehalten sein. Es werden mehr Webdienste werden. Diese Dienste werden sich über Apps abrufen lassen, die ein gewisses Datenschema verlangen, welches sie automatisiert verarbeiten können und die Daten in ein jeweils für das aktuelle Gerät in einem allgemeinen Designschema darstellen. Vielleicht ist das dann auch einfach der Browser 2.0. Statt einer PHP-/HTML-Seite wird z.B. eine simple kleine json-Datei von einem Webserver abgerufen und dargestellt. Diverse Frameworks können ja schon JSON-Daten automatisch ausliefern. Wordpress mittlerweile ja auch.

Ich denke, wir stehen kurz vor einem großen Umbruch.

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