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Interview

Renate Bergmann: Wie ein Buchhalter zur Twitter-Omi wurde

    Renate Bergmann: Wie ein Buchhalter zur Twitter-Omi wurde
(Foto: Steven Siebert)

Sie hat vier Männer überlebt, trinkt bei Gewitter vor Schreck einen Korn und hat manchmal Probleme mit der Feststelltaste: Und dennoch sind die Follower ganz verrückt nach Renate Bergmann.

Die Vorfreude auf Familienfeiern mit der kauzigen Verwandtschaft hält sich meist in Grenzen. Spätestens, wenn Onkel Willi zum zehnten Mal sein iPhone zeigt und damit eigentlich gar nicht umgehen kann, wird mit den Augen gerollt. Torsten Rohde erging es an Weihnachten 2013 ähnlich – doch dann erfand er mit Renate Bergmann eine Kunstfigur, die mittlerweile Kultstatus bei Twitter-Usern hat: Soziale Netzwerke und vegane Ernährung? Was soll dieser ganze Schnickschnack? Das erklärt Renate, die immer ein bisschen Angst bei „Aktenzeichen XY“ hat. Über 39.000 Leute folgen der Online-Oma mittlerweile – und können gar nicht genug von ihr bekommen.

Torsten Rohde erklärt im Gespräch mit t3n, was Renate Bergmann so liebenswert erscheinen lässt und wie er seine Projekte anpackt.

t3n.de: Wenn du Renate Bergmann nicht erschaffen hättest – was würdest du jetzt machen, anstatt diese Fragen zu beantworten?

Torsten Rohde: Wahrscheinlich würde ich im Büro sitzen und mich mit Monatsabschlüssen rumärgern. Buchhalter statt Buchschreiber, sozusagen. Immerhin habe ich BWL studiert und somit was Ordentliches, aber Langweiliges gelernt.

t3n.de: Könntest du für unsere Leser kurz erklären, was du da auf Twitter eigentlich anstellst?

Ich versuche, in 140 Zeichen kleine Geschichten zu erzählen, die Einblick in das fiktive Leben einer 82-jährigen Witwe geben, und dabei möglichst eine Pointe zu setzen. Das gelingt manchmal gut, manchmal weniger gut, aber insgesamt, wenn man das „Gesamtwerk“ betrachtet, bin ich ganz zufrieden.

t3n.de: Hättest du jemals mit diesem Erfolg gerechnet?

Um Himmels willen, nein! Das was alles nur als Spaß gedacht, der sich immer mehr verselbständigt hat und langsam Fahrt aufnahm.

t3n.de: Die Bekanntheit kam ja sozusagen von heute auf morgen. 

Es stimmt nicht so ganz, dass der Erfolg „über Nacht kam“. Die Follower, Leser und Besucher der Lesungen haben nach und nach zugenommen und fielen nicht vom Himmel. Da steckt viel Arbeit dahinter, die Leute zu gewinnen.

Hinter Renate Bergmann steht Ex-Buchhalter Torsten Rohde. (Foto: Steven Siebert)

t3n.de: Wie sieht inzwischen dein typischer Alltag aus – falls es den überhaupt gibt?

Mein Leben ist sehr abwechslungsreich geworden. Was ich auch nicht wusste – das reine Schreiben und Recherchieren eines Buches macht nur etwa ein Drittel der Arbeit aus. Den Rest der Zeit verbringt man mit Lesungen, mit Pressearbeit und viel Organisation drumherum. Ich bin ja nicht „nur“ Autor, sondern betrachte Renate Bergmann als Figur, die nicht nur in den Büchern stattfindet, sondern auch auf der Bühne und täglich im Social Media auf Facebook und Twitter. Dabei kann ich mich immer wieder neu ausprobieren. Das macht riesigen Spaß.

t3n.de: Wir haben mal nachgezählt: Du hast innerhalb der letzten drei Jahre acht  (!) Bücher veröffentlicht. Das ist mehr, als der Durchschnittsautor schaffen würde, der sich mit seinen Werken jahrelang Zeit lässt. Wie hast du das in der kurzen Zeit geschafft?

Viel Arbeit und Disziplin. An manchen Tagen hat man auf alles Lust, nur nicht auf Schreiben – dann heißt es, sich zusammenzureißen. Aber dann sieht man wieder überall um einen herum hart arbeitende Leute, die bei Wind und Wetter rausmüssen, und dann wird einem bewusst, dass es ein ganz großes Geschenk ist, mit dem, was man gern und mit Leidenschaft tut, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

t3n.de: Woher holst du dir deine Inspiration? Wie viel hast du mit Renate gemeinsam?

Es steckt viel in Renate, was ich selber beobachte, aber anders sehe. Ich übersetze das dann „auf Oma“, indem ich mir überlege: „Wie würde eine alte Dame dazu stehen?“. Dazu kommen direkte Beobachtungen im Alltag, schließlich sind die alten Herrschaften ja immer um uns herum – im Supermarkt, beim Arzt, in der U-Bahn, einfach überall.

t3n.de: Was ist dir bei deinen Beobachtungen besonders im Gedächtnis geblieben?

Mein Highlight waren zwei alte Damen, die im Ikea-Restaurant Ketchup in eine mitgebrachte Tupperdose pumpten. Da fehlten mir die Worte – und bis heute habe ich die Geschichte noch nirgendwo einbauen können, weil sie einfach so „drüber“ ist.

t3n.de: Was macht Renate Bergmann so erfolgreich?

Ich glaube, dass jeder so ein Exemplar Oma entweder zu Hause sitzen hat oder aber die Erinnerung an sie mit sich herumträgt. Renate redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist und bedient Klischees. Sie ist oft so, wie man sich alte Leute vorstellt, und dann breche ich das Klischee mal wieder und lasse sie unerwartet was ganz anderes sagen. Ich glaube, das macht es so spannend. Man kann einer süßen Oma nicht böse sein, auch wenn sie manchmal kratzbürstig ist.

t3n.de: Stichwort kratzbürstig: Musst du dich öfter mit Internet-Trollen herumärgern? Man möchte erstmal behaupten, dass Accounts wie Renate eher von sowas verschont bleiben. 

Wenn man einen gewissen Erfolg hat, muss man auf die Neider nicht lange warten. Damit muss man lernen umzugehen. Das tat am Anfang sehr weh, zumal manche glauben, sich im Internet hinter der Anonymität verstecken zu können. Da hilft nur, sich ein dickes Fell wachsen zu lassen.

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