Interview

Satiriker Shahak Shapira im Interview: „Die Werbebranche respektiert dich nur, wenn du zu viel arbeitest“

Satiriker Shahak Shapira (Bild: Johann Sebastian Hänel)

Spätestens nach seinem Auftritt im Neo Magazin Royale von Jan Böhmermann ist Shahak Shapira einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Was aber wenige wissen: Er kommt ursprünglich aus der Werbebranche. 

Horizont: Shahak, du machst dir derzeit als Buchautor und Satiriker einen Namen, kommst aber eigentlich aus der Werbebranche.

Shahak Shapira: Ja, ich bin aber mehr oder weniger ausgestiegen. Seit vier Jahren arbeite ich jetzt schon als Freelancer in der Branche und habe auch viele Projekte begleitet, vor allem im vergangenen Jahr. 2017 habe ich aber noch gar nichts gemacht.

Horizont: Fangen wir mal vorne an. Wie hat es dich eigentlich in die Werbung verschlagen?

Als ich nach Deutschland kam, war ich 14 Jahre alt und konnte kein Wort Deutsch. Anstatt draußen mit anderen zu spielen, saß ich also lange Zeit zu Hause und bastelte am Computer mit Photoshop herum. Drei Jahre später hatte ich meine eigene kleine Firma, mit der ich im Grunde Webseiten gestaltet habe. Dann bin ich nach Berlin gezogen, habe für ein paar Online-Agenturen als Designer gearbeitet und später – da war ich Anfang 20 – ein Stipendium für die Miami Ad School bekommen. Als Praktikant durfte ich bei Saatchi & Saatchi in Schweden, bei Crispin, Porter & Bogusky in den USA und bei Wieden + Kennedy in Brasilien arbeiten.

Horizont: Wie ging es nach der Miami Ad School weiter?

Danach habe ich in Hamburg für Jung von Matt gearbeitet. Weil mir die Agentur nicht so gepasst hat, bin ich schließlich Freelancer geworden und habe beispielsweise im vergangenen Jahr für die Agentur DCMN eine Kreativabteilung aufgebaut und den Werbespot für Clash of Kings mit Bastian Schweinsteiger konzipiert. Ab und an übernehme ich auch Regie, Schnitt und Werbemusik.


Horizont: Stimmt es, dass du eigentlich Pilot werden wolltest?

Das stimmt. Ich hätte es auch fast geschafft, hatte bei der Lufthansa alle Auswahlprüfungen bestanden. Leider hatte ich zu diesem Zeitpunkt zu viele Punkte in Flensburg. Maximal sechs Punkte durfte man haben. Ich hatte sieben (lacht). Das war das Aus für mich.

Horizont: Du durftest in zahlreichen namhaften Agenturen arbeiten. Welche Erfahrungen hast du bei Saatchi & Saatchi, Wieden + Kennedy und Co. gemacht?

Das war eine krasse Zeit, vor allem in Colorado bei Crispin, Porter & Bogusky. Wir mussten mindestens einmal in der Woche durchmachen. Und ich meine nicht, dass wir uns nachts um eins auf das Bürosofa gelegt haben. Wir haben durchgearbeitet. Bis zum nächsten Tag, 20 Uhr. Es war total verrückt, aber gleichzeitig eine der geilsten Agenturen, die ich je kennengelernt habe.

Horizont: Die Arbeitsbedingungen waren also kein Problem für dich?

Das kann man so nicht sagen. Man nimmt diese Sklaverei aber irgendwann einfach hin. So schlimm das auch klingt. Man findet sich auch deshalb recht schnell damit ab, weil man mit den Kollegen ja quasi ein gemeinsames Schicksal teilt.

Horizont: Kritik an den Arbeitsbedingungen in Agenturen gibt es nach wie vor. Warum glaubst du, hat sich daran nicht viel geändert?

Ich habe das Gefühl, dass die Werbebranche dich nur respektiert, wenn du zu viel arbeitest. An dieser Einstellung muss sich etwas ändern, denn sie ist ein Trugschluss. Es muss um die Qualität deiner Arbeit gehen, nicht um die Quantität.

Als Freelancer geht das. Bei Wieden + Kennedy wahrscheinlich nicht. Nein, natürlich nicht. Bei Crispin, Porter & Bogusky mussten wir beispielsweise sehr viel photoshoppen. Und sobald wir fertig waren, kam schon die nächste Aufgabe, und dann noch eine und noch eine. Das hört nicht auf. Die haben ein unendliches Kontingent an Arbeit. Aber als Praktikant zählt das für dich, denn du willst ja im besten Fall einen Job bei der Agentur abstauben. Und das ist der Knackpunkt: Im Prinzip hängt die ganze Karriere junger Talente davon ab, wie viel sie arbeiten.

Horizont: Hat es dich nie als Festangestellter in eine Agentur gezogen?

Überhaupt nicht. Ich finde es super. Viele denken, als Freelancer bekommt man immer nur die Scheiß-Jobs, aber das stimmt nicht. Wenn du gut bist, laden dich die Agenturen ein, haben wirklich spannende Projekte anzubieten und behandeln dich mit Respekt. Auch aus finanziellen Gründen würde ich mich nicht gegen die Selbstständigkeit entscheiden. Als Freelancer wird man ausreichend gut bezahlt. Und wenn ich 16 Stunden arbeiten muss, dann berechne ich einfach zwei Tage (lacht).

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