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Holger Schmidt: Eine Karriere im Medienwandel

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Die Entwicklung der Kommunikation hat es ihm bis heute angetan. „Das Social Web ist ohne Zweifel die spannendste Entwicklung der vergangenen zehn Jahre im Internet“, urteilt er. Was Facebook und Twitter ausgelöst hätten, sei enorm. Und auch wie die Sozialen Medien die Arbeit des Journalisten verändert haben. Schmidts eigener Tag beginnt mit Twitter. Auf den täglichen Nachrichtenticker zu verzichten, ist für ihn undenkbar. Twitter und Co. hätten seinen Beruf nicht unbedingt erleichtert, man müsse viel stärker filtern und mehr verarbeiten – „kuratieren, wie man heute sagt“ –, aber er fühle sich besser informiert als je zuvor.

Mittendrin im Medienwandel

Während die klassische Komponente des Journalismus geblieben sei, nämlich Kontakte knüpfen, gute Geschichten finden und Interviews führen, habe sich die Art und Weise der Informationsverbreitung komplett gewandelt. Die in den letzten Jahren oft gehörte Einschätzung, dass der Beruf des Journalisten durch das Social Web aussterbe, hat er aber nie geteilt. „Natürlich treten im Social Web neue Akteuere auf den Plan, oft als Multiplikatoren und Kuratoren. Aber meist verweisen sie dann doch auf die Produkte klassischer Journalisten.“ Allerdings: In einzelnen Bereichen gebe es für seine Berufsgruppe bereits ernsthafte Konkurrenz. Vor allem in den Gebieten Technik und Mode existierten zunehmend gute Blogs von Nicht-Journalisten. Egal in welchem Bereich: Journalisten müssten dort sein, wo ihre Leser sind. Und das ist heute das Soziale Netz.

Die Herausforderung für heutige Journalisten sieht Schmidt darin, eine gespaltene Leserschaft zu begeistern: Print-Leser und Online-Leser. Zwei Gruppen, die sich nicht sonderlich überschneiden, findet er. Als Journalist, aber auch als gesamtes Medienhaus, müsse man in beiden Märkten aktiv sein, beide Gruppen ansprechen. Diesen Sprung hätten viele Medienhäuser nicht rechtzeitig und konsequent genug gemacht. „Viele Medien unterschätzen, dass ihre Marke die Strahlkraft aus der Offline-Welt nicht unbedingt auch in der Online-Welt hat, vor allem bei den jüngeren Lesern“, so Schmidt. Reputation müsse man sich manchmal neu erarbeiten. Und dazu gehöre der Mut und die Kraft zum Experimentieren. „Wir stecken noch mittendrin in der Experimentierphase, der Medienwandel ist noch nicht sonderlich weit gediehen“, schätzt der Journalist die aktuelle Situation ein. „Die ersten zehn Jahre Medienwandel sind vorbei, die spannenden 20 Jahre kommen jetzt.“

Trends: Smart-TV und mobiles Web

Staunen kann Schmidt noch immer darüber, wie rasend schnell die Entwicklungen voran gehen. Viele hätten geglaubt, mit Apps für Apple habe man bereits das Ei des Kolumbus gefunden. Dann sei das Bewusstsein gewachsen, dass die Zukunft nicht darin liege, nur auf einer einzigen Plattform präsent zu sein und sich von einem Unternehmen abhängig zu machen – wo sich doch gerade alles auf die Trends Smart-TV und mobiles Web zubewege.

Das Thema „Bezahlinhalte“ sieht Schmidt noch in der Experimentierphase. Die Medien hätten es in Deutschland schwer, zumindest in Bezug auf klassische Nachrichten, weil es genügend kostenfreie Angebote gebe. „Mit Spiegel und Bild gibt es zwei dominante Player, die keine Notwendigkeit für ein Bezahlmodell haben“, erklärt Schmidt. „Daneben gibt es die gebührenfinanzierten Sender ARD und ZDF.“ Vielversprechender seien Modelle, bei denen Nutzer für Hintergründe, Analysen oder Vielfachnutzung bezahlen. „Auch da muss man ausprobieren. Im Netz und der App-Economy geht es immer mehr in Richtung einer Mischfinanzierung aus Bezahlinhalten und Werbung.“

Während Holger Schmidt beruflich ständig in den Sozialen Medien unterwegs ist, wird man ihn privat eher selten dort finden. Warum er dieses Doppelleben führt, ist für den Internet-Analysten leicht zu erklären: „Ich bin wohl schon zu alt! Einige meiner echten Freunde sind auf Facebook, die meisten aber nicht.“

Einige Wochen nach dem Interview hat Holger Schmidt seinen ersten Monat bei Focus hinter sich gebracht. Er ist nach wie vor hoch motiviert und noch ein bisschen aufgeputscht von der DLD. „Das sind immer die intensivsten drei Tage im Jahr“, freut er sich. Unzählige Gespräche habe er geführt und sei abends „platt und durchgedreht“ ins Bett gefallen. Aber glücklich – weil er tun kann, „was der Traum eines jeden Journalisten ist: Schreiben.“ Als „Netzökonom“ wird er in Zukunft übrigens nicht mehr unterwegs sein. Ein Wiedererkennungseffekt zu seiner bisherigen Online-Identität ist trotzdem da: Sein neuer Blog bei Focus.de heißt „Netzökonomie-Blog“.

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