Digitale Gesellschaft

Süddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger im Interview: „Mauern passen nicht zum Netz“

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t3n Magazin: Warum hinken wir in Deutschland mit zukunftsfähigen Entwicklungen im Verlags- und Zeitungsbereich so sehr hinterher?

Stefan Plöchinger: Der deutsche Nachrichten- und Zeitungsmarkt im Netz unterscheidet sich grundsätzlich von den angelsächsischen Märkten. Wir haben in Deutschland zwei klare Marktführer, nämlich bild.de und Spiegel Online, die extrem viel Traffic auf sich vereinen und die beide im Kern kostenlos sind. So lange das so ist und diese beiden nicht umdenken, werden andere Verlage immer Sorge haben, Teile ihrer Nachrichten-Websites mit einer Paywall zu sperren – aus Angst, dass Spiegel Online und Bild noch mehr Geschäft machen. Der zweite Grund für dieses Hinterherhinken in Deutschland: Der digitale Medienbruch hat im angelsächsischen Raum schon früher eingesetzt. Die Verbreitung von Smartphones und Tablets, gerade in den Innovationszentren dieser Länder, ist einfach schon länger viel größer. Die deutsche Bevölkerung hat die neuen Medien noch nicht so stark angenommen und akzeptiert, deswegen gibt es auch einfach weniger Handlungsdruck seitens der Verlage bezüglich neuer Geschäftsmodelle im Internet. Und Sie sollten nie vergessen: Deutschland ist ein Land der Zeitungsleser, hier in München beispielsweise gibt es fünf konkurrierende Zeitungen am Markt. Hier funktionieren alte Geschäftsmodelle einfach noch länger noch besser, weil wir in Deutschland noch ein anderes Medienkonsumverhalten haben. Entsprechend ist der ökonomische Druck für uns Journalisten noch gar nicht so groß wie in anderen Ländern.

t3n Magazin: Ist es denn nicht ein grundlegendes Problem des deutschen Zeitungs- und Nachrichtenmarkts, dass die Branche im Netz so sehr von Bild.de und Spiegel Online abhängig ist und von dem, was diese beiden Player tun?

Stefan Plöchinger: Viele Jahre haben die Verantwortlichen in den Zeitungs- und Verlagshäusern genauso gedacht. Ich glaube aber, dass es keine besonders kluge Art ist, so zu denken. Ein Beispiel: Wenn Sie heute an den Kiosk gehen und die SZ kaufen, dann kaufen Sie eben nicht den Spiegel. Der Käufer entscheidet sich ganz bewusst für die Marke. Viele Zeitungshäuser haben es in den vergangenen zehn bis 15 Jahren versäumt, dieses Profil, das sie als Print-Marke völlig selbstverständlich haben, in die digitale Welt zu übertragen. Wir müssen viel mehr über publizistische Profile nachdenken und darüber, wie wir unsere Marken im digitalen Raum stärken. Und genau zwei Läden haben das sehr früh getan, nämlich Spiegel und Bild – und die sind extrem erfolgreich damit. Womit ich im Übrigen nicht sage, dass ich die Bild-Zeitung gut finde.

Süddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger in seinem Büro in München. Er nutzt eine Kombination aus Meeting- und Schreibtisch für die tägliche Arbeit.
Süddeutsche.de-Chefredakteur Stefan Plöchinger in seinem Büro in München. Er nutzt eine Kombination aus Meeting- und Schreibtisch für die tägliche Arbeit.

t3n Magazin: Wie experimentierfreudig sind Sie denn bei Süddeutsche.de? Haben Sie Labs und tüfteln Sie im Sinne des Beta-Prinzips?

Stefan Plöchinger: Tatsächlich tun wir das. Jahrelang warfen uns Leser beispielsweise vor, dass wir unsere Kommentarfunktion um 20 Uhr Abends sperren – und dann erst wieder am nächsten Morgen freigeben. Diese Beschränkung haben wir kürzlich aufgehoben und es gar nicht kommuniziert – um einfach mal zu schauen, was passiert; also wie viel Leute am Abend kommentieren und was für ein Aufwand dadurch entsteht. Das ist klassisches Beta-Prinzip.Wir veröffentlichen jede zweite Woche einen neuen Release unserer Website – dann gehen viele Features live, ohne dass wir sie kommunizieren, beispielsweise unsere neue Videoseite. Die Funktionalität der Seite haben wir komplett umgebaut, um erstmal auszuprobieren, ob etwas funktioniert oder eben nicht. Erst später, wenn das neue Feature gereift ist und funktioniert, kommunizieren wir es nach außen. Wir versuchen auch ständig, neue Entwicklungsprozesse zu erschließen. Zum Beispiel werden die Daten unserer interaktiven Grafiken auch mit Google Docs gepflegt – und diese Daten sollen bald für jeden Interessierten öffentlich abrufbar sein. Allerdings lässt sich eine Nachrichtenseite auch nicht beliebig im Beta-Status betreiben, schließlich kommen unsere Leser auf Süddeutsche.de um sich zu informieren, und nicht um Testobjekte zu sein.

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4 Kommentare
Chefpraktikant
Chefpraktikant

Peinlich, ausgerechnet in einem Artikel über die Süddeutsche gleich drei sz-Fehler (dass/das) zu finden. Ändert zwar nichts am interressanten Inhalt, ist aber einfach unprofessioneller Journalismus.

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Jan Christe
Jan Christe

@Chefpraktikant Danke für den Hinweis. Die Fehler sind korrigiert.

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Luczi Knox
Luczi Knox

Alles nicht ohne Hand und Fuß soweit, bis auf den platten Apple-Werbeblock im 4. Absatz:
WIR waren schon ‚mobil‘, als Hr. Plöchinger noch seine [Markenname]Superabsorbers getorturetestet hat, und Apple … who?

Aber – Chuzpe! – wie er da stolz seine Prinzenrolle in die Kamera hält, wo man uns 50plusses jede Lachfalte im Gesicht per Abmahnung dokumentiert.
Öfter um den Block laufen hält länger ‚hip‘ …

Artikel wertig, ungeachtet dessen.
:)

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Daniel
Daniel

„Mauern passen nicht zum Netz“ – und gleichzeitig Apple bejubeln, die durch Zensur und Patent-Terror genau diese Mauern schaffen. Wenn’s nicht so traurig wäre könnte man fast drüber lachen.

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