Interview

VW-Digitalchef Johann Jungwirth im Interview: „Wir schaffen ein Ökosystem für Mobilität“

(Foto: Jan Helge Petri)

Der Mann, der bei Apple mutmaßlich an der Entwicklung des iCar mitarbeitete, soll das Silicon Valley nach Wolfsburg holen: Johann Jungwirth. Wie er VW digitalisieren will, erzählt er im Interview.

Vielleicht zeigt sein Spitzname am besten, was sich Volkswagen von Johann Jungwirth verspricht: In Werkskreisen wird er nur lässig JJ genannt. Diese Lässigkeit, diese Coolness soll er auch in den Wolfsburger Autokonzern bringen. Seit 2015 ist der Chief Digital Officer für Innovationen zuständig. Billig war diese Investition für Konzernchef Matthias Müller wohl nicht, schließlich hat Jungwirth zuletzt in führender Position bei Apple gearbeitet. Und er hat dafür gesorgt, dass nicht wenige Kollegen statt ihrer betagten Blackberrys und Windows-Phone-Geräte mittlerweile iPhones bei sich tragen.

Sitzt man Johann Jungwirth gegenüber und hört ihm zu, wird schnell klar: Der Mann will dem trägen deutschen Tradi­tionsunternehmen einen Hauch von Apple verpassen. Die Idee: ein Ökosystem, das die Kunden langfristig an Volkswagen und seine zahlreichen Marken bindet. Überhaupt soll das selbst für langjährige Mitarbeiter kaum durchschaubare Autoimperium endlich agil und effizient werden. Und damit es große Trends nicht verpasst. Gerade erst hat VW 34 Milliarden Euro für die Entwicklung von Elektroautos locker gemacht.

Johann Jungwirth, „das Valley“ und VW

Geboren wurde Jungwirth als Kind einer deutschsprachigen Familie im rumänischen Siebenbürgen. Als Teenager zog er zu Verwandten nach Hessen, machte Abitur, in Stuttgart studierte er Elektrotechnik. In die Autobranche zog es ihn früh, sein erster Arbeitgeber: Mercedes-Benz. Schnell stieg er auf, 2009 wurde er Präsident und CEO der Forschung und Entwicklung für Nordamerika. Sein Fokus: Telematik und das vernetzte Fahrzeug. Genau diese Kombination machte ihn auch für Apple interessant.

2014 wechselte er zu dem US-Konzern, als Direktor des Mac Systems Egineering und der Gruppe Spezielle Projekte. Woran er dort genau arbeitete, verrät Jungwirth nicht; die Vermutung liegt aber nahe, dass er an dem lange Zeit erwarteten iCar werkelte. Wenn er über „das Valley“, wie er es nennt, spricht, tut er das voller Bewunderung. Er wird dann fast gänzlich zum Amerikaner, inklusive der landestypischen Euphorie. Hin und wieder werde er auch für einen solchen gehalten – was auch an seinem kultivierten US-Akzent liegen dürfte.

Auch inhaltlich hat Jungwirth die unverzichtbaren Buzzwords eines digitalen Lenkers internalisiert. Im Gespräch redet er gerne von „unglaublichen“ Dingen, meist positiven Entwicklungen, an denen er in vielen Fällen nicht unbeteiligt war. Das Bild vom perfekten Innovator kann da lediglich sein Büro trüben, das reichlich unglamourös daherkommt. Eigentlich ist es auch eher ein Bereich als ein Raum, noch dazu in einer alten Gießereihalle auf dem Werksgelände in Wolfsburg gelegen. Immerhin: Gästen kann man dieses Ambiente als „große offene Fläche“ verkaufen, die agiles Arbeiten ermögliche.

Im September zogen er und sein Team in die „IT-City“ des Konzerns um, fünf Minuten vom „Tor Nord“ entfernt. Solange saß Johann Jungwirth noch in der Industriehalle vor seinem iMac – übrigens dem einzigen Apple-Rechner weit und breit.

Das Interview wurde geführt, bevor die Kartellvorwürfe gegen die Automobilbranche öffentlich wurden.

Johann Jungwirth: „Mit hätte, wäre oder wenn beschäftige ich mich nicht“

t3n Magazin: Johann, hat dich die „Dieselproblematik“, wie man sie bei euch im Konzern ja nennt, in deiner Arbeit eigentlich zurückgeworfen?

Johann Jungwirth: Im Gegenteil. Ich habe mich ja während der Krise aktiv für den Konzern entschieden, Mitte Oktober 2015 war das. Ich hatte ein Bauchgefühl, dass ich gerade jetzt und hier am meisten bewegen kann. Und genau das hat sich bewahrheitet. Ich empfinde diese Krise als Katalysator. So hat es auch bereits Matthias Müller artikuliert. Seit September 2015 wurde der Wandel des Konzerns quasi beschleunigt, hin zum Elektroantrieb, zu Shared Mobility, zu selbstfahrenden Automobilen.

t3n Magazin: Das heißt im Umkehrschluss: Wenn der Dieselskandal nicht eingetreten wäre, wäre alles weiter dahingedümpelt.

Johann Jungwirth: Das kann ich nicht sagen. Mit „hätte“, „wäre“ oder „wenn“ beschäftige ich mich nicht. Für mich zählt nur die Realität, das, was heute ist, und das, was wir morgen tun können. Dabei hilft uns auch die Tatsache, dass Matthias Müller, der ja Informatiker ist, den Konzern führt. Er hat viel Verständnis für Software, Services und für diese „neue Welt“. Er stärkt uns den Rücken.

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