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Basteln für die Großen: So wächst die Maker-Szene in Deutschland

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Dingfabrik Deutschland

Speckmann ist Mitgründer des Fab labs und gerade dabei, die Wände neu zu spachteln. Denn die Dingfabrik ist von einer kleinen Werkstatt in Köln-Mülheim in einen 450 Quadratmeter großen Keller im Stadtteil Nippes umgezogen. Noch muss viel getan werden: Die Mitglieder des Vereins haben Wände eingezogen und Tische geschleppt, unter Planen warten der Lasercutter, der 3D-Drucker
und „Harry Plotter“ darauf, wieder eingesetzt zu werden. Und sie wären keine Maker, wenn sie diese Arbeiten nicht selber machen würden. Die Expansion der Dingfabrik war dringend nötig. In der alten Werkstatt sind sie überrannt worden.

Denn das Phänomen der Maker ist nicht in den USA geblieben: Auch in Deutschland wird die Szene stetig größer, bei der ersten großen Maker-Messe in Hannover im vergangenen Jahr kamen über 4000 Besucher, deutlich mehr als von den Veranstaltern erwartet. Hierzulande organisieren sich viele Maker in den Fablabs. Der amerikanische Professor Neil Gershenfeld hat das erste Fablab
2002 am MIT gegründet. Inzwischen gibt es weltweit über 250, in Deutschland laut dem Fablab-Wiki derzeit 17 dieser High-Tech-Werkstätten. Im klassischen Sinne muss ein Fablab einen 3D-Drucker, einen Lasercutter und eine CNC-Fräse besitzen. Doch Deutschlands Fablabs sind sehr verschieden: Es gibt Hackerspaces, in denen sich vor allem Mitglieder des Chaos Computer Clubs tummeln, dann offene Werkstätten, in denen mehr Handwerker arbeiten, und es gibt große Fablabs wie die Dingfabrik, wo sich von allem ein bisschen findet.

„Wer macht, hat recht“, ist das Credo des Vereins, der inzwischen mehr als 50 Mitglieder zählt. Die kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen: Da ist der IT-System analyst einer großen deutschen Bank, der mal wieder was mit seinen
Händen bauen wollte. Da begegnet man dem Kernphysiker, der eigentlich aus der Modellbau szene kommt, aber jetzt herausfinden will, was in seiner Wohnung so viel Strom verbraucht. Oder die kurz haarige Handwerkerin, die Forken schnitzt und an Frauen mit langen Haaren verkauft. Sie könnte natürlich den 3D-Drucker benutzen, stattdessen schleift sie ihre Haarklammern lieber selbst – jede ist ein Einzelstück.

Bastelsprechstunde: Wenn es mal nicht weitergeht, können einfach mal andere Maker um Rat gefragt werden. (Foto: Thorsten Schiller)

Bastelsprechstunde: Wenn es mal nicht weitergeht, können einfach mal andere aus der Maker-Szene um Rat gefragt werden. (Foto: Thorsten Schiller)

Wer die Dingfabrik besuchen will, muss zuerst einen Hinterhof durchqueren, eine Treppe hinuntersteigen, sich vom Schild an der Eingangstür nicht abschrecken lassen: „Betreten auf eigene Gefahr“. Ein Drucker steht auf einem Podest, aus Lego gebaut. An der Wand darüber klebt ein Sticker: „Das kannste schon so machen, aber dann ist es halt kacke.“ In einer Ecke stehen dutzende
Kisten Club-Mate. Auf einem Tisch liegt ein Buch mit dem Titel „Kultur der Reparatur“ – und die Kultur ist allgegenwärtig: Einer bastelt Origami, ein anderer repariert ein Retro-Radio und dann ist da noch Kurt: Kurt spricht kein Deutsch und kein anderer hier Türkisch, deshalb weiß niemand, was Kurt baut. Bislang hat er einen Druckereinzug unter ein Brett montiert,
dazu eine Stichsäge, deren Schnittblatt ein Brotmesser ist. Kurt kommt jeden Freitag, sie lassen ihn einfach machen. Denn da ist Bastelstunde, jeder kann vorbeikommen und teilnehmen – und jeden Freitag werden es mehr.

Fablab Aachen: Maker meets Scientists

René Bohne kennt sich mit Besucheranstürmen aus. Er vergibt deshalb bloß noch Termine. Bohne ist Diplom-Informatiker und „Master“ des Fablabs der Rheinisch-Westfälischen Universität Aachen (RWTH). Gegründet wurde es 2009 als erstes Fablab in Deutschland von Professor Jan Borchers, der sich an seinem Lehrstuhl unter anderem mit Mensch-Maschine-Interaktion beschäftigt. Bohne machte von Beginn an mit und ist nun für alle der Ansprechpartner. Das Fablab in Aachen zieht auch bald um, einen Stock nach oben, künftig stehen den Besuchern und Bastlern zwei Räume zur Verfügung. Das Interesse wächst.

Das Fablab Aachen ist ein bisschen wie der ältere, aufgeräumte Bruder der Dingfabrik. Zielstrebig, durchorganisiert, finanziell abgesichert. Die Uni-Gänge sind klinisch ordentlich, blaues Linoleum zu blitzblanken Glastüren, im Fablab ist jeder
Zentimeter der 22 Quadratmeter perfekt genutzt: Es gibt Schubladen mit Widerständen, mit Steckverbindungen, mit SMD-Kondensatoren. Hier muss man nicht suchen, man findet. Und mit einer Universität im Hintergrund kann man auch schneller mal 25.000 Euro für eine Fräse und 15.000 Euro für einen Epilog-Lasercutter bezahlen. Nicht ohne Grund ist das erste Fablab in Deutschland an einer Universität entstanden. Doch deshalb haben die Maker in Aachen auch einen weiteren Vorsatz als bloß den Community-Gedanken des Teilens und Mitmachens: An der RWTH drucken, fräsen und cutten auch Forscher.

Mario Lukas zeigt Erfindergeist: Er hat ständig Ideen, die andere schnell als verrückt bezeichnen würden. (Foto: Jessica Borchert)

Mario Lukas zeigt Erfindergeist: Er hat ständig Ideen, die andere schnell als verrückt bezeichnen würden. (Foto: Jessica Borchert)

Mario Lukas kommt auch öfter im Fablab vorbei. Von der RWTH kommen die Pläne für den Fabscan, der 3D-Scanner ist ursprünglich aus einer Bachelorarbeit entstanden. Maker Lukas darf auch außerhalb der klassischen Öffnungszeiten den Lasercutter oder die Fräse benutzen. Er hat in Aachen Informatik studiert, so ist der Kontakt entstanden. An diesem Dienstag im November steht er im Fablab und lässt sich erklären, wie er Formen gießen kann. Lukas hat das Partyspiel Looping Louie von vier auf acht Personen erweitert, eine Idee, die ihm beim Rock-am-Ring-Festival kam. Die zusätzlichen Stecker für die Erweiterung wollte er eigentlich dreidimensional drucken, doch in seinem Shop stapeln sich die Anfragen – und gießen geht schneller. Wenn Lukas konzentriert arbeiten will, zieht er sich jedoch in seine eigene Werkstatt zurück. Da kann er bis in die Nacht tüfteln ohne Zeitdruck. Und ohne Termin.

„Wer macht, hat Recht“

Wenn in der Dingfabrik nachts fast alle weg sind, dann brennt hinter einer Plane meistens noch Licht. Dort sitzen Norbert Braun und Felix Schneider. Braun ist Physiker und schreibt gerade an seiner Doktorarbeit, Schneider hat mal Elektrotechnik
studiert, entwickelt jetzt aber iOS-Apps. Und in ihrer Freizeit bauen sie im Fablab einen Roboter. Der Roboter soll aus zwei
Beinen bestehen und auch auf unebenem Gelände laufen können. Um sich im besten Fall irgendwann in menschenfeindlicher Umgebung bewegen zu können: in verseuchten Gebieten wie Fukushima oder Tschernobyl.

Eigentlich ist das alles albern. Aber was zählt, ist der Lerneffekt mit jedem Fortschritt und Rückschlag.

Es ist Viertel nach zwölf, und Norbert Braun wirft den Platinenbelichter an. „Hier kommt gleich der Laser raus, kann man das sehen?“, fragt er in die Runde. „Man sieht deinen Kopf“, antwortet Schneider. Braun zieht den Kopf aus der Holzbox, tippt ein paar Zeilen Code in die Laptop-Konsole und sagt: „Witzig, ab jetzt die Schutzbrillen aufsetzen, bitte!“ Langsam frisst sich ein Laser durch eine Platine, Schneider und Braun lächeln zufrieden. Platinen kann man auch kaufen, chinesische Hersteller bieten die für zwei bis fünf Euro an. Doch Braun und Fischer wollten nicht immer vier Wochen auf die Platine warten, nur um später festzustellen, dass sie nicht richtig passt.

Deshalb haben sie sich ihren Platinenbelichter kurzerhand selbst gebaut, denn die Platinen brauchen sie für ihren Roboter und ihr Roboter braucht Platinen für fast jede Leitung. Mit dem Eigenbau können sie sich die Prototypen für ihre stecknadelkopfgroßen SMD-Stecker selbst herstellen. Den Belichter haben sie aus einem alten Scanner, einem alten Laserdrucker und einem Dioden-Laser aus einem Beamer gebastelt. Als Mikrocontroller haben sie einen ARM Cortex M4 verbaut. Ein Arduino würde zu wenig Leistung bringen. Das passende Holzgehäuse haben sie auch selbst gebaut.

Auch Platinen sind des Makers täglich Brot. (Foto: Jessica Borchardt)

Auch Platinen sind des Makers täglich Brot. (Foto: Jessica Borchardt)

Kennengelernt haben sich Braun und Schneider vor zwei Jahren im Fablab, sie konnten beide die CNC-Fräse bedienen und waren deshalb schnell dafür zuständig. Seit acht Monaten arbeiten sie nun an dem Roboter. Und als sie kürzlich diese eine 0,5 Millimeter kleine Platine hergestellt haben, waren sie richtig stolz. „Das war Industrieniveau“, sagt Schneider. Er sagt aber auch: „Eigentlich ist das alles ein bisschen albern.“ Der Zeitaufwand lohne sich nicht. Trotzdem bleiben sie dran. Was für sie zählt: Der Lerneffekt mit jedem Fortschritt und Rückschlag. Und das Vertrauen, dass es klappen könnte. „Wir basteln nicht des Bastelns wegen“, sagt Braun, „und wenn ich Technik kaufen kann, die sich für mich lohnt, dann mache ich das!“ Auch Maker kaufen ein.

Es sind kleine Schritte, die Braun und Schneider machen. Oft arbeiten Maker nach Vorlagen, bauen Dinge nach, die andere auch schon mal gebaut haben. Da zeigen sich schnell Erfolge. Ein Projekt wie dieses dauert hingegen Jahre, wird sonst an Universitäten realisiert – und kostet schnell hunderttausende Euro. Die beiden Bastler haben im laufenden Jahr jeweils gut 1.000 Euro ausgegeben – aus eigener Tasche. Und sie sagen selbst: Die Chance, dass es nicht klappt, ist größer, als dass der Roboter irgendwann läuft. Das große Geld verdienen könnte man in Zukunft ohnehin eher mit Greifarmen, die irgendwann in Amazon-Lagern die Ware sortieren oder Menschen beim Einkaufen helfen. Doch Braun und Schneider sind fasziniert vom Gehen auf zwei Beinen. In ihrer Simulation, dem „Cartwheel Walker“, bewegt sich das Modell bereits auf einem blau-roten Schachbrett im aufrechten Gang. Und wenn alles gut geht, lernt ihr Roboter irgendwann laufen. Wie die Maker-Bewegung, aus der die alles bestimmende Idee entstand: „Wer macht, hat recht!“

Ursprünglich publiziert im Neustart Magazin im April 2014.

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4 Kommentare
Jason Bladt

Im Einleitungstext hat sich der Fehlerteufel eingeschlichen: […] wächst und mit ihr die Drage: […]

Antworten
Johannes Schuba

Hoppla, danke dir für den Hinweis, Jason, ist korrigiert!

Antworten
assadollahi
assadollahi

falls es wen interessiert, hier meine highlights von der make munich, die gestern und heute stattfand: http://assadollahi.de/wp-admin/post.php?post=139&action=edit

Antworten

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