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Peloton im Test: Hype oder Zukunftsmodell im Fitnessbereich?

Das Indoor-Fitnessbike von Peloton erfreut sich zunehmender Beliebtheit. (Foto: t3n; Frank Feil)

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Die Fitnessbranche hat einen neuen Star: Peloton. Was steckt hinter dem Erfolg des Indoor-Fitnessbikes und wie nachhaltig ist das Geschäftsmodell?

Es muss irgendwann im Februar gewesen sein, als ich im Vorspann eines Youtube-Videos das erste Mal Werbung von Peloton gesehen habe. Live- und On-Demand-Workouts für daheim, deutschsprachige Trainer und ein Fitnessbike mit gigantischem Bildschirm – mein Interesse war sofort geweckt. Mit über 2.000 Euro für das „Original Bike“ und 39 Euro im Monat für die Kurse war Peloton aber alles andere als ein No-Brainer.

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Doch kann kam Corona. Urlaube und Events fielen ins Wasser, soziale Kontakte mussten auf ein Minimum reduziert werden und ich verließ – wie viele andere auch – kaum noch das Haus. Ich nahm das zum Anlass, endlich etwas für meine Fitness zu tun – und bestellte das Peloton Bike.

Man muss dazu sagen, dass Peloton das ganz geschickt macht: Wer sich ein Bike bestellt, hat 30 Tage lang Zeit, dieses zu testen. Ist man nicht zufrieden, wird das Bike wieder von der Spedition abgeholt. Ohne dass einem Kosten entstehen.

Was die User Experience angeht, orientiert man sich an Unternehmen wie Apple und Amazon. Für den Nutzer soll alles so einfach und komfortabel wie möglich sein, sodass er sich rundum gut aufgehoben fühlt. Das fängt schon bei der Bestellung an: Nachdem man diese online getätigt hat, erhält man einen Anruf von der Spedition, die den Liefertermin abstimmt. Auf die Stunde genau. Das war tatsächlich das erste Mal, dass ich es mit einer Spedition zu tun hatte, die wirklich pünktlich geliefert hat. „Lieferung“ heißt bei Peloton, dass das Bike fertigmontiert zum Wunschort gebracht und eingerichtet wird. Der Käufer kann mit dem ersten Training starten, sobald die Spedition zur Tür raus ist. Sind noch Fragen offen, gibt es einen Telefon-Termin mit einem Peloton-Experten. Das mag banal klingen, ist aber in diesem Preissegment elementar.

Peloton trifft den Zeitgeist

Seither sind zwei Monate vergangen. In dieser Zeit habe ich über 100 Workouts absolviert und nicht einmal darüber nachgedacht, das Bike wieder zurückzuschicken. Und so scheint es den meisten Peloton-Nutzern zu gehen, weshalb der Umsatz des Unternehmens im Ende Juni abgeschlossenen dritten Geschäftsquartal im Jahresvergleich um 172 Prozent auf 607 Millionen US-Dollar sprang. Die Zahl der Abonnenten stieg innerhalb eines Jahres um 113 Prozent auf knapp 1,1 Millionen an. Mitte 2021 sollen es bereits 2,1 Millionen sein.

Natürlich haben die Corona-Pandemie und die damit verbundene Stay-at-Home-Mentalität zu diesem explosionsartigen Wachstum beigetragen. Die Beliebtheit von Peloton aber allein darauf zu reduzieren, wird dem Unternehmen nicht gerecht. Gegründet im Jahr 2012, hat Peloton 2013 mit einer Kickstarter-Kampagne erstmals für Aufsehen gesorgt. Seither wurde das Konzept konsequent weiterentwickelt.

Und das ist der erste Grund für den (nachhaltigen) Erfolg von Peloton: Zwar konzentriert man sich im Marketing in erster Linie auf das Indoor-Fitnessbike, inzwischen deckt Peloton aber die gesamte Bandbreite an Kursen ab: Cycling, Running, Kraft, Yoga, Meditation und Stretching. Für 39 Euro bekommt man somit nahezu alle im Fitnessbereich relevanten Workouts geboten. Live und On-Demand, mit erstklassigen Trainern. Genau darin liegt auch der Unterschied zu Apps wie Freeletics, Headspace oder Asana Rebel, bei denen einfach nur die einmal aufgenommene Sequenzen und Übungen vom Algorithmus neu zusammengesetzt werden.

Peloton Fitnessbike

Durch seine kompakten Maße findet das Peloton Bike nahezu überall Platz. (Foto: t3n; Frank Feil)

Der zweite und aus meiner Sicht entscheidende Erfolgsfaktor von Peloton ist aber ein ganz anderer: der Zeitgeist. Zum einen gibt es immer mehr Menschen, die nicht mit Hundert anderen im überfüllten Fitnessstudio trainieren wollen. Dennoch legen sie Wert auf ein hochwertiges Workout und wollen einen Trainer, der sie anleitet und mit ihnen interagiert. Genau hier setzen die Live- und On-Demand-Workouts von Peloton an. Wenn ich möchte, kann ich nahezu rund um die Uhr in Live-Kursen trainieren.

Zum anderen spart das Konzept von Peloton jede Menge Zeit. Inzwischen absolviere ich jeden Morgen eine Trainingseinheit von 30 bis 45 Minuten, bevor ich an den Schreibtisch gehe. Müsste ich dazu jedes Mal ins Fitnessstudio fahren, wäre das nicht möglich. Ich würde wahrscheinlich nicht mal drei Workouts pro Woche schaffen, weil mir schlicht die Zeit fehlt, am Tag zwei Stunden für 45 Minuten Training zu investieren.

Die Zielgruppe von Peloton ist klar definiert: Das Unternehmen möchte all diejenigen ansprechen, die regelmäßig und fokussiert im Home Gym unter Anleitung trainieren möchten. Für die Zielgruppe spielt der Preis nur eine untergeordnete Rolle, da sie am Ende des Tages nicht mehr bezahlen, als in einem guten Fitnessstudio – ganz zu schweigen von den Kosten für einen Personal Trainer.

Zudem kann bei Peloton für die 39 Euro im Monat die ganze Familie trainieren. Jeweils mit eigenem Profil. Rechnet man dann noch den Zeit- und Komfortfaktor mit ein, relativieren sich selbst die einmaligen 2.145 Euro für das Bike ganz schnell.

Peloton Fitnessbike

Das Herzstück des Peloton Bikes ist der großzügige Touchscreen. (Foto: t3n; Frank Feil)

Peloton: Im Live- und On-Demand-Training steckt noch viel Potenzial

Das heißt nicht, dass das Konzept von Peloton der Weisheit letzter Schluss ist. Es wird auch in Zukunft Menschen geben, die lieber im Fitnessstudio trainieren. Oder Menschen, die ganz einfach ihre Laufschuhe anziehen und im Wald eine Runde joggen gehen. Und wer nur ab und an etwas Sport machen will, für den ist Apples Fitness+ eine super Sache.

Viele passionierte Radfahrer, die ich kenne, packen auch einfach ihr Fahrrad auf einen Rollentrainer oder kaufen sich klassische Indoor-Bikes um die 1.000 Euro. Die „digitale Komponente“ übernehmen dann das iPad und Apps wie Zwift, Rouvy oder Virtugo. Im Gegensatz zu Peloton setzen diese Anbieter allerdings primär auf Gamification und weniger auf Live-Kurse mit Trainern.

Zudem liegt der Fokus bei Zwift oder Rouvy primär auf dem Radfahren, während Peloton seit Kurzem beispielsweise auch Strength-Workouts mit den beiden deutschen Trainern Irène Scholz und Erik Jäger anbietet. Im Laufe des nächsten Jahres kommt das Peloton Laufband nach Deutschland. Ein Rudergerät ist Gerüchten zufolge ebenfalls in Planung.

Ob Peloton das „Apple der Fitnessbranche“ wird, wie es in manchen Artikeln heißt, bleibt abzuwarten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass in Kürze weitere Anbieter mit einem ähnlichen Ansatz folgen werden, denn das Thema Home Fitness steckt in vielerlei Hinsicht noch immer in den Kinderschuhen.

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