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Reportage

Selbstfahrende Autos: Wenn der Computer am Steuer sitzt

(Grafik: Shutterstock)

In Zukunft werden selbstfahrende Autos auf den Straßen wohl dazugehören. Dabei kommen sie in Situationen, die für Menschen lebensbedrohlich sein können. Forscher sollen ihnen den Notfall beibringen.

Chris Gerdes denkt viel nach über Computer auf vier Rädern. Also über selbstfahrende Autos. Sogar dann, wenn er mit dem Rennrad über die Hügel von San Francisco kurvt. Neulich hatte er wieder so einen Geistesblitz: Die Autos, die ihn überholten, wichen aus, sie überfuhren die doppelt durchgezogene Mittellinie. Würde ein selbstfahrendes Auto das auch tun, fragte er sich. Die kalifornische Straßenverkehrsordnung verbietet das Kreuzen der Mittellinie. Das Computer-Hirn im Fahrzeug würde sich wohl an die Regeln halten.

„Wir haben hier also ein gelerntes menschliches Verhalten, das gesellschaftlich sogar erwartet wird: Platz machen für Fahrradfahrer. Das aber eigentlich nicht legal ist“, sagt Gerdes, Professor an der Elite-Universität Stanford. „Wie bringen wir einen solchen erwünschten Regelbruch dem autonomen Auto der Zukunft bei? Und macht die Mittellinie für ein Roboter-Fahrzeug überhaupt noch Sinn?“

Gerdes geht davon aus, dass ein autonomes Auto die Situation besser einschätzen kann als jeder Mensch. Der Wagen beobachtet die Umwelt mit Sensoren und Kameras. Das Auto wird den Radfahrer also sowieso nur überholen, wenn ihm nichts entgegenkommt. Und es wird dem Radler so viel Raum wie möglich geben. Für Autos ohne Fahrer werden Fahrbahnmarkierungen in Zukunft also womöglich unbedeutend werden.

Wenn plötzlich jemand vors Auto springt

Gerdes forscht in der US-Technologie-Hochburg, im Silicon Valley, zu selbstfahrenden Autos. Mit Doktoranden steht er regelmäßig an einer Teststrecke. Gerade untersuchen sie, wie Shelley, ein umgerüsteter Forschungs-Audi, mit unerwarteten Situationen umgeht.

Zum Beispiel damit, dass hinter jedem am Straßenrand parkenden Auto plötzlich ein erwachsener Fußgänger oder gar ein Kind hervorlaufen kann. „Wir werden nie ein perfektes System bauen“, räumt Gerdes ein. „Aber wir müssen versuchen, es so sicher wie möglich zu machen.“

Eine Frage für Philosophen

Bei der mühsamen Kleinarbeit an der Schaltzentrale der Zukunftsautos stellen sich die Forscher viele Fragen. So bekam Gerdes vor einiger Zeit eine E-Mail von Patrick Lin, einem Philosophieprofessor in San Luis Obispo, gelegen auf halber Strecke zwischen San Francisco und Los Angeles. „Denken Sie auch über all die ethischen Fragen nach, die die autonomen Autos uns bringen werden?“, wollte Lin wissen.

Seitdem forschen die beiden Wissenschaftler gemeinsam. Der Philosoph entwirft ein Szenario, der Ingenieur sucht nach technischen Antworten. Zum Beispiel: Stellen wir uns vor, unser Auto kommt in eine Gefahrensituation und kann einem Crash nur noch entgehen, indem es nach links ausweicht. Dort würde der Wagen eine achtzigjährige Großmutter töten. Er könnte auch nach rechts umlenken, wo er in ein achtjähriges Mädchen steuern würde. Wie soll das Auto entscheiden?

Der Philosoph Lin sagt: „Es gibt nicht die einzig richtige Antwort hier, das liegt in der Natur des ethischen Dilemmas.“ Der Autobranche selbst sind solche Fragen spürbar unangenehm. Die Hersteller betonen, Autos würden nicht dahin programmiert, zwischen Opfertypen zu unterscheiden. Vielmehr sollen die Fahrzeuge jede Kollision vermeiden, erst recht mit ungeschützten Fußgängern und Radfahrern.

Ein wichtiges Argument für mehr Sicherheit, wenn der Computer die Kontrolle übernimmt, ist die traurige Realität auf den Straßen: Sowohl in den USA als auch in Deutschland ist der Mensch am Steuer für die Masse der Unfälle verantwortlich. Experten erwarten, dass es durch autonome Fahrzeuge drastisch weniger Unfälle geben wird.

Trotzdem fordert Philosophieprofessor Lin eine gesellschaftliche Diskussion über die ethischen Fragen: „Wie kommen die Programmierer zu ihrer Entscheidung? Haben sie die Konsequenzen durchdacht?“ Lin rät, dass die Autoindustrie über ethische Fragen offen sprechen sollte. „Macht sie das nicht, wird dieses Informationsvakuum von anderen mit Spekulationen und Ängsten gefüllt werden.“

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Eine Reaktion
Gert Büttgenbach

Das fahrerlose, vollständig autonom handelnde Auto wird eine Illusion bleiben, weil es eben nicht die ethischen Fragen stellvertretend für den Fahrzeughalter lösen kann. Die rechtlichen Probleme, die sich ergeben, sind immens und können, wenn überhaupt, nicht in so kurzen Zeiträumen, wie die Hersteller sich das wünschen, gelöst werden. Für mich ist erstaunlich, mit welcher Konsequenz in der aktuellen Diskussion die einzig denkbare Alternative ausgeblendet wird: Nur die Entflechtung der Verkehrsebenen - Fußgänger und Straßenverkehr - kann die Lösung sein. Die Kosten für den entschlossenen Umbau unserer Infrastruktur beim Namen zu nennen oder auch nur darüber offen nachzudenken, scheut natürlich jeder Politiker. Die scheinbar schnelle und kostengünstige Lösung, künstliche Intelligenz einusetzen, um Unfälle im heutigen, von allen Verkehrsteilnehmern geteilten Raum zu verhindern, wird uns eine Sackgasse führen (man denke nur an die latente Anarchie, die zwischen den Verkehrsträgern Fahrrad und Auto herrscht)

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