Kolumne

Technologiesprünge: Wieso die Fintech-Nutzung in reichen Ländern hinterherhinkt

Seite 2 / 2

Gewohnheiten stehen im Weg

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Anders als in Deutschland und vergleichbaren Nationen mussten sich die meisten Nutzer in China, Indien oder Brasilien nicht zuvor mit dem stationären Internet angelernte Verhaltens- und Denkmuster abgewöhnen. Hierzulande stellen Smartphones in den Augen vieler noch immer maximal einen funktional eingeschränkten Ersatz-PC dar. Auch weil die gesamten Strukturen der Wirtschaft und ihre hiesigen Entscheider dieses Narrativ seit einem Jahrzehnt akzeptieren, bleibt die rasante, vom Smartphone befeuerte Dynamik aus, mit der etwa in China gerade das Bezahlen revolutioniert wird.

Das Phänomen des technologischen Überholtwerdens ist nicht exklusiv der digitalen Sphäre vorbehalten. Wer beispielsweise in asiatischen Metropolen wie Seoul, Hongkong oder Singapur mit dem Flugzeug ankommt oder U-Bahn fährt, der wird hinsichtlich Infrastruktur mit einer Modernität, Effizienz und Cleverness konfrontiert, die man in vielen europäischen Städten vergeblich sucht. Lösungen, die vergleichsweise jung sind, besitzen gegenüber solchen mit deutlich mehr Jahren auf dem Buckel augenscheinliche Vorteile, was Anpassungsfähigkeit, Skalierbarkeit und Wartung angeht.

Manchmal kommt das Überholtwerden aber auch schlicht dadurch zustande, dass ein Land in Sachen High-Tech derartig vor allen anderen liegt, dass es frühzeitig Lösungen entwickelt, die dann jedoch von anderen Nationen nicht übernommen werden. Stattdessen setzen sich komplett andere globale Standards durch. Der einstige Pionier wird schlagartig technologisch abgehängt. Japan hat diesen als „Galápagos-Syndrom“ bezeichneten Prozess zuletzt mehrfach erlebt.

Hoffnung für Deutschland

Das Überholtwerden einstiger Technologie- und Infrastruktur-Platzhirsche gehört wahrscheinlich zu den unvermeidbaren Vorgängen. Wer in einem Bereich an der Spitze liegt, neigt dazu, die entsprechende Technologie zu „verwalten“ und zu optimieren. Anderswo wird diese Technologie einfach übersprungen.

Für Deutschland gibt die beschriebene Gegebenheit aber sogar Grund zu Optimismus – zumindest beim Thema Breitbandinternet: Denn mit einem frühzeitigen, rasanten und flächendeckenden 5G-Ausbau könnte man im Prinzip auf einen Schlag weltweite Spitze bei der Geschwindigkeit und Kapazität werden. Dann ist es irgendwann vielleicht egal, dass in den zwei Dekaden davor Breitbandverbindungen im globalen Vergleich langsam und überteuert waren.

Weitere Kolumnen der Serie Weigerts World findet ihr hier. Ihr könnt die vom Autor täglich kuratierten News zur Netzwirtschaft abonnieren oder seinen wöchentlichen E-Mail-Newsletter mit englischsprachigen Leseempfehlungen beziehen.

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

5 Kommentare
Miingno

Schon lange würde ich z.B. gerne mit dem Smartphone an der Kasse zahlen. Doch leider sind die Banken hier sowas von im Hintertreffen, dass es wohl noch sehr lange dauern könnte bis endlich eine vernünftige Lösung eingeführt wird.
Hauptproblem welches ich bemerkt habe ist, dass Banken und Zahlungsanbieter hier einfach zu viel vom Kuchen haben wollen. Schon seit Jahren haben alle großen Einkaufshäuser hier Zahlungsterminals welche mit NFC und allem anderen Goodies ausgerüstet sind. Doch die Banken wollen alle ihre eigene App, ihre eigene Zahlungsplattform aufbauen und nicht auf bestehende wie Android Pay oder Apple Pay aufsteigen, da sie Angst haben, zu viel Gewinn abgeben zu müssen.
Die Bereitschaft, vor allem in der jüngeren Generation, solche neue Dienste zu benutzen finde ich ist vorhanden. Da diese aber nicht über „das große Geld“ verfügen sind die Banken abgeneigt hier viel Zeit und Kapital zu investieren.

Antworten
dennis
dennis

Ganz einfach: Wer nichts zu verlieren hat, geht Risiken ein. Es gibt, besonders in Deutschland nicht die Offenheit eine derartige Schnittstelle zu benutzen. Man schaue einfach mal auf die Statistiken der Karten-Nutzung. Bis heute ist Bargeld das, was bevorzugt wird. Fintechs sind einfach unsicher und das will niemand eingehen. Die junge Generation hat nichts zu verlieren, weshalb sie das auch eingehen würde. Etablierte Mitmenschen sehen das (zurecht) eher kritisch.

Antworten
Lars
Lars

Ein „mobile Device“ ist kein sicheres Kommunikations-, und erst recht kein sicheres Zahlungsmittel. Abgesehen davon bietet es keine Anonymität. In der Schweiz kann ich zu meinem Konto Nummernkreditkarten bekommen, die eine Auswertung von Zahlungsströmen durch Datensauger halbwegs verhindern.

Julia Nikolaeva
Julia Nikolaeva

Na das war doch endlich mal ein schöner Artikel, der die Lage gut analysiert und sogar einen Schimmer Hoffnung mit einfließen lässt.

Antworten
Martin Weigert
Martin Weigert

Danke danke :)

Antworten

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung