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Hochwasser und Dürren: Warum der Klimawandel nicht die einzige Ursache ist

Auch Länder in gemäßigten Zonen dürften in Zukunft regelmäßig zwischen Starkregen und Dürren hin- und herpendeln. Eine Ursache ist der Klimawandel, aber die Probleme reichen deutlich tiefer.

14 Min.
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Im vergangenen Sommer stand ein Drittel von Pakistan zeitweise unter Wasser. Hier ein Bild vom August 2022 aus Jaffarabad im Südwesten des Landes. Auch diese Form der Wetterextreme dürfte zunehmen. Foto: picture alliance / ASSOCIATED

Auch wenn wir derzeit im Süden Deutschlands akute Hochwasserprobleme haben – manchmal haben Wasserwerker ganz andere Schwierigkeiten. Nach tagelangem Dauerregen meldeten die Harztalsperren im Februar des letzten Jahres eine „angespannte“ Lage. Das Problem war aber keineswegs zu viel, sondern zu wenig Wasser. Der überdurchschnittlich nasse Januar brachte zwar noch ein paar Prozentpunkte Füllstand, aber trotzdem blieben die Talsperren weit unter ihrem langjährigen Schnitt. „Ich habe nur Trockenheit erlebt“, sagt Norman Droste, der seit 2018 bei den Harzwasserwerken arbeitet, gegenüber der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung.

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Dieser Winter ist kaum vorbei, da zeichnet sich schon der nächste Dürresommer ab. Frankreich, Italien und die Alpenländer klagen schon jetzt über zu wenig Niederschläge. Alles, was bis jetzt nicht als Schnee gefallen ist, wird ab dem Frühjahr fehlen. Der französische Präsident Emmanuel Macron rief seine Landsleute bereits Anfang März zum Wassersparen auf. In einigen Departements ist das Bewässern von Gärten und Sportstadien, das Auffüllen von Swimmingpools oder das Waschen von Autos schon verboten – eine „für die Zeit des Jahres bisher nie da gewesene Beschränkung“, wie dpa berichtet. Und auch Berlin, meldete der Tagesspiegel, ist mittlerweile trockener als Israel oder Botswana: „Wäre Berlin ein Land, stünde es auf Platz 152 der Weltrangliste für Niederschlagsarmut“.


Im März 2022 war der norditalienische Fluss Po fast völlig ausgetrocknet. Vieles spricht dafür, dass nun ein erneuter Dürresommer bevorsteht.
Foto: Andrea Delbo/Shutterstock

Dürre bedeutet jedoch keineswegs, dass die Gefahr von Hochwassern gebannt ist. Im Gegenteil: Der Klimawandel bringt die gewohnten Wetterlagen so durcheinander, dass die Niederschläge immer extremer und unberechenbarer werden. Besonders betroffen sind davon Schwellenländer. So stand im Sommer 2022 zwischenzeitlich ein Drittel von Pakistan unter Wasser. 1700 Menschen starben, 33 Millionen Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Ursache war drei- bis fünfmal so viel Regen wie üblich. Aber auch in Australien und Brasilien verursachten ungewohnte, heftige Niederschläge Überschwemmungen.

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Wasser ist zunehmend zu wenig oder zu reichlich vorhanden – mit gleichermaßen katastrophalen Folgen: Vernichtete Ernten, zerstörte Siedlungen, um sich greifende Seuchen.

Als Reaktion hatte die UN 2018 eine „Dekade des Wassers“ ausgerufen und dazu eine Reihe von Zielen definiert („Sustainable Development Goals“). Nun – 2023 – ist die Hälfte der Zeit verstrichen. Ende März soll eine UN-Konferenz eine Zwischenbilanz ziehen. Ein Vorab-Paper vermittelt ein gemischtes Bild: Die Effizienz der Wassernutzung hat im Schnitt zwar um zehn Prozent zugenommen und der Anteil der Weltbevölkerung, der Zugang zu sauberem Trinkwasser hat, ist von 2015 bis 2020 von 70 auf 74 Prozent gestiegen. Was zunächst gut klingt, bedeutet aber auch, dass Milliarden von Menschen immer noch nicht von diesen Verbesserungen profitieren. Das UN-Paper schließt: „Die Welt ist nicht auf dem Weg, ihre Ziele zu erreichen.“

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Planetare Grenzen

Global gesehen hat sich der Wasserverbrauch von 1910 bis 2010 versiebenfacht, mit einem besonders starken Anstieg in den 1950er-Jahren. Heute kratzt er an der „planetaren Grenze“, bis zu der Wasser entnommen werden kann, ohne Ökosysteme zu schädigen. Nach einer „groben Überschlagsrechnung“ reichen die heutigen Wasserressourcen für die derzeitige Weltbevölkerung „gerade so aus“, schreibt Dieter Gerten, Koordinator für Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, in seinem kürzlich erschienenen Buch Wasser. Er warnt: „Zwar dürfte der Pro-Kopf-Verbrauch in vielen Ländern wie bisher insgesamt weiter rückläufig sein. Aber diese Einsparungen können dadurch zunichtegemacht werden, dass der globale Nahrungsmittelbedarf voraussichtlich weiter steigen wird, nicht nur wegen des Bevölkerungswachstums, sondern auch wegen der vor allem in Trockengebieten rasant wachsenden Mittelklasse, die sich wasserintensive Produkte aller Art wird leisten wollen.“

Der Klimawandel erschwert die Lage zusätzlich, denn er wirkt auf vielfältigen Wegen auf den globalen Wasserhaushalt: Je früher beispielsweise der Frühling einsetzt, desto mehr Wasser brauchen die Pflanzen. Je länger und heißer die Hitzeperioden, desto höher die Verdunstung. Und da warme Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann, verursacht die Erderwärmung auch heftigere Regenfälle. Die Folgen sind nicht nur Überschwemmungen, sondern paradoxerweise auch gleichzeitig Wassermangel im Boden, denn das meiste Wasser, das vom Himmel fällt, fließt ab, ohne in den Boden einzudringen.

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Jahrzehntelang setzte die Menschheit vor allem auf den „harten“ Weg, das Wasser zu beherrschen. Er bestand vor allem darin, immer mehr Wasser heranzuschaffen, um „alle bestehenden und imaginierten Bedürfnisse“ zu befriedigen, wie es Gerten formuliert – etwa durch große Staudämme, tiefe Brunnen oder große Meerwasserentsalzungsanlagen.

Die technik- und projektverliebte Wasserwirtschaft des 20. Jahrhunderts brachte zwar Milliarden von Menschen sauberes Trinkwasser, günstigen Strom und den Schutz vor Überschwemmungen, aber das hatte seinen Preis – etwa in Form von Stauseen, die Malariamücken und Methan verbreiten, oder in Form geplünderter Grundwasserressourcen. „Paradoxerweise ist die dramatische Entwicklung der Weltwassersituation nicht zuletzt eine Folge eben jener Maßnahmen, die vor Jahrzehnten noch als Teil der Lösung gehandelt wurden“, schreibt Gerten.

Beim „weichen“ Pfad gehe es hingegen darum, möglichst mit dem vorhandenen Wasser auszukommen. Und da gibt es noch reichlich Luft nach oben: „Die Bewässerungseffizienz ist im weltweiten Mittel mit unter 40 Prozent recht gering“, so Gerten. Das bedeutet: Es wird mehr als doppelt so viel Wasser zur Bewässerung entnommen, wie eigentlich von den Pflanzen benötigt. Die globale Kalorienproduktion ließe sich um 40 Prozent erhöhen, ohne zusätzliches Wasser zu verbrauchen – etwa durch die Zwischenspeicherung abfließenden Wassers, effizientere Bewässerung, Reduzierung der Verdunstung und die Wiederverwendung von Abwasser. Insgesamt habe die Welt, glaubt Gerten, immerhin schon die Hälfte des Wegs vom „harten“ zum „weichen“ Pfad zurückgelegt.

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