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Mobile User-Experience: App-Richtlinien für bessere Nutzererfahrung

App-Richtlinen für mobile User-Experience. (Foto: Adam Radosavljevic/iStock)

Nicht jede App lässt sich angenehm und intuitiv bedienen. Bei der massiven Konkurrenz in den unterschiedlichen App Stores sollten Entwickler der Nutzererfahrung – kurz User-Experience (UX) – daher besondere Beachtung schenken. Die intuitive und angenehme Bedienung einer App ist häufig noch wichtiger als der Funktionsumfang. Beachtet man bei der Konzeption einer Applikation gewisse Regeln, ist eine positive UX kein Hexenwerk.

Was offensichtlich klingt, ist dennoch einer der wichtigsten Aspekte auf dem Weg zu einer guten User-Experience: Entwickler müssen mit dem mobilen Betriebssystem und dem Gerät, für das sie eine App konzipieren und entwicken, sehr gut vertraut sein – und zwar aus Nutzersicht. Ist ein App-Entwickler dies nicht, läuft er Gefahr, eine Applikation zu entwickeln, die sich auf der Plattform wie ein Fremdkörper anfühlt. Man sollte daher im besten Fall ein entsprechendes Gerät besitzen und es über einen gewissen Zeitraum täglich nutzen. Nur so lassen sich die auf der Plattform üblichen Benutzungsmuster und das „Look & Feel“ kennenlernen.

App-Entwickler sollten auch andere Apps installieren und ausprobieren, um zu sehen, welche Konzepte gängig und für den Nutzer vertraut sind. Das ist ganz besonders wichtig, falls eine mobile Cross-Plattform-App entwickelt werden soll. Nur weil eine Applikation auf mehreren Plattformen läuft, heißt es noch lange nicht, dass sie auch auf mehreren Plattformen angenehm zu bedienen ist.

Entwickler sollten also die Plattform kennen und auch selbst nutzen, für die sie entwickeln. Was sie neben diesem grundlegenden Aspekt noch tun können, um den eher schwammigen Begriff einer „guten“ User-Experience mit Leben zu füllen, soll in den folgenden Abschnitten näher erläutert werden.

Starker Fokus statt Alleskönner

Statt eine App zu bauen, die E-Mail-Client, Fotobearbeitungs-Programm und Fahrtenbuch in einem ist, sollte man sich besser auf eine Kernkompetenz konzentrieren. Folgende Frage sollte bei allen Entscheidungen in Bezug auf das User-Interface und den Funktionsumfang im Mittelpunkt stehen: Mit welchem Ziel startet der Benutzer meine App? Möchte er ein Foto machen? Eine Nachricht schreiben? Die neuesten Schlagzeilen finden? Dieses eine Ziel sollte innerhalb der App so schnell und so einfach wie möglich erreichbar sein. Was nicht primär mit dem Erreichen dieses Ziels in Zusammenhang steht, sollte man entweder ganz weglassen oder so implementieren, dass es den primären Zweck der App nicht in den Hintergrund rückt.

Pick up and Play

Mobile Anwendungen werden auf andere Art und unter anderen Gegebenheiten genutzt als Desktop-Anwendungen. Ein Nutzer legt sein Smartphone nicht vor sich auf den Schreibtisch und sagt sich: „Für die nächsten zwei Stunden werde ich mich mit dieser neuen App beschäftigen. Mal sehen, wie sie funktioniert.“ Mobile Nutzer sind im Zug, im Supermarkt, im Kino oder beim Joggen. Häufige Unterbrechungen sind zudem keine Seltenheit: Der Bus kommt, man ist als Nächster an der Kasse dran oder man bekommt einen Anruf. Beim Entwickeln und Konzipieren einer App sollten Entwickler mit diesen Unterbrechungen rechnen, elegant mit ihnen umgehen und den Nutzer nach einer Unterbrechung dort weitermachen lassen, wo er aufgehört hat. Oft wird eine App nur für 30 Sekunden oder weniger verwendet. Ohne ein Handbuch lesen zu müssen, möchten Nutzer schon beim ersten Start einer App schnell verstehen, wie sie zu bedienen ist. Sie haben weder Lust noch Geduld, die komplizierte Bedienung einer App zu erlernen.

In der Kürze liegt die Würze

Wer liest schon gerne lange Texte auf dem Smartphone? Ist viel Text zur Erklärung der Funktionsweise einer App nötig, ist das fast immer ein Zeichen dafür, dass die Bedienung zu kompliziert ist. In Ausnahmefällen ist mehr Text notwendig. Dieser sollte dann so formatiert sein, dass er „scanbar“, also leicht zu überfliegen ist. Der großzügige Einsatz von Absätzen und das Hervorheben wichtiger Passagen durch Farbe oder Fettdruck erleichtern dem Nutzer das Erfassen der Kernaussagen eines Textes.

Unterbrechungen vermeiden

Nutzer sollten nur dann unterbrochen werden, wenn es absolut nötig ist und sie eine Information unbedingt bestätigen oder eine Entscheidung treffen müssen. Erfolgsmeldungen zählen in der Regel nicht dazu. Diese können beispielsweise dezent im oberen Bildschirmbereich erscheinen und nach ein paar Sekunden einfach wieder verschwinden. So kann der Nutzer sie zur Kenntnis nehmen, wird aber nicht unterbrochen. Während eines Up- oder Downloads sollte er die App normal weiter verwenden können.

Geschwindigkeit und Performance

Nutzer hassen langsame Apps. Als Facebook noch auf eine mobile HTML5-basierte App setzte, gab es wohl kaum jemanden, der sich über das ewige Warten nicht geärgert hat. Die native Facebook-App ist der vorherigen HTML5-basierten App in Sachen Design und Funktionsumfang kaum überlegen. Doch die deutlich schnellere und flüssigere Bedienung macht sie erheblich angenehmer zu bedienen. Geschwindigkeit spielt also ohne Frage eine Schlüsselrolle bei einer guten User-Experiencesi.

Interessanterweise geht es nicht nur darum, wie schnell etwas tatsächlich ist, sondern wie schnell es zu sein scheint. Lukas Mathis empfiehlt in seinem Buch "Designed for Use" zum Beispiel, dass wenn eine App eine Suchfunktion anbietet, sie dem Benutzer die Ergebnisse nicht erst dann zeigen muss, wenn wirklich alle Suchergebnisse vorliegen. Stattdessen zeigt man die ersten Ergebnisse an, sobald sie vorliegen. So macht Apple es bei seiner Spotlight-Suche auf Mac und iOS. Dem Nutzer kommt die Suche deutlich schneller vor, obwohl nicht sofort alle Suchergebnisse zur Verfügung stehen.

Bei Tweetbot erhält der User beim Hochladen eines Fotos die Option, das letzte erstellte Bild zu wählen. Das spart Zeit und verbessert die User-Experience.
Bei Tweetbot erhält der User beim Hochladen eines Fotos die Option, das letzte erstellte Bild zu wählen. Das spart Zeit und verbessert die User-Experience.

Darüber kann man Daten cachen und vermeidet so, dass diese mehrfach geladen werden müssen. Wenn Daten vom Server nötig sind, lassen sich diese auch komprimieren. Alternativ verwenden Entwickler ein schlankeres Datenformat wie JSON statt XML.

Netzwerkoperationen sollte man wenn möglich nicht auf dem UI-Thread ausführen, denn das blockiert das User-Interface und führt zumindest auf iOS dazu, dass es so aussieht, als ob die App eingefroren wäre. Derartige Operationen sollten immer im Hintergrund durchgeführt werden, damit die App zu jeder Zeit schnell und benutzbar bleibt.

Entscheidungen abnehmen

Genau wie bei dem User-Interface der eigentlichen App sollte man auch bei der Anzahl der Einstellungen, die ein Benutzer vornehmen kann, den primären Zweck der App im Fokus behalten. Je mehr Einstellungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, desto schwieriger wird es, die wirklich wichtigen Einstellungen zu finden. Oft können Entwickler oder Designer viel besser einschätzen, welche Ansicht, welche Schriftart oder welche Farbe sich am besten eignet.

Kontext beachten, UX verbessern

Mobile Apps werden unter ganz anderen Umständen verwendet als Desktop-Anwendungen. Das bietet nicht nur Herausforderungen, sondern auch Möglichkeiten. Moderne Smartphones liefern eine Vielzahl an Daten, die sich für die Verbesserung der Nutzererfahrung geschickt einsetzen lassen. Da die meisten Nutzer beispielsweise regelmäßig auf Karten-Apps und Ortungsdienste in anderen Apps zurückgreifen, können Entwickler diese Informationen nutzen, um dem User bestimmte Vereinfachungen zu gewähren – und in diesem Fall beispielsweise das Eintippen einer Adresse zu ersparen, weil die Daten ohnehin vom Smartphone erfasst sind.

Anderes Beispiel: Möchte ein Nutzer ein Bild verschicken, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass er das Bild verschicken möchte, das er soeben geschossen hat. Der Twitter-Client Tweetbot auf iOS bietet beim Auswählen eines Bildes genau diese Option: „Use Last Photo Taken“. Eine kleine Funktion, die zeigt, dass der Entwickler mitgedacht hat und dem Nutzer dadurch die Bedienung etwas erleichtert. Der Kontext, in dem eine App ausgeführt wird, ist ein wichtiger Faktor für eine besserer UX.

Keine unangenehmen Überraschungen

App-Entwickler sollten Überraschungen vermeiden, die sich aus dem unerwarteten Verhalten einer App ergeben. Eine Möglichkeit dafür ist der Einsatz einer Animation für Veränderungen, Aktionen und Updates. So sieht der Nutzer stets, was passiert. Wenn er einen Eintrag löschen möchte, ließe sich die Aktion so animieren, dass der Eintrag auf einen Button mit einem kleinen Papierkorb-Symbol „fliegt“. Der Nutzer erkennt auf diese Weise ohne weitere Erklärung, dass er auf den Papierkorb-Button tippen kann und dann seinen gelöschten Eintrag wiederfindet. Das gibt wesentlich mehr Sicherheit, als wenn sich der Bildschirminhalt schlagartig verändert und der User unsicher ist, was er gerade ausgelöst hat.

Professionelles Design

Würde man einen Grafik-Designer damit beauftragen, eine App zu programmieren? Sicherlich nicht. Würde man einen Entwickler damit beauftragen, eine App zu designen? Die Antwort sollte eigentlich auch „Nein“ lauten, aber dieses Szenario kommt trotzdem sehr häufig vor. Um eine wirklich ansprechende App zu bauen, sollte der App-Entwickler auf professionelle Unterstützung beim Erscheinungsbild zurückgreifen. Das richtige Zusammenspiel von Schriftarten, Abständen, Formen, Farben und ansprechenden Icons macht einen riesigen Unterschied aus. Dieses Design entscheidet, ob eine App professionell oder amateurhaft, ob sie frisch und spannend oder langweilig und altbacken wirkt.

Fazit

Viele der angesprochenen Punkte, die zu einem positiven Nutzererlebnis führen, sind nicht neu, und einige sind sogar offensichtlich – nachdem man sie gelesen hat. Trotzdem werden diese einfachen Regeln häufig nicht beachtet. Wenn App-Entwickler ihre Nutzer wirklich und nachhaltig begeistern möchten, müssen sie lernen, sich zuerst in die Nutzerschaft hineinzudenken. Erst wenn man in erster Linie an die Nutzer und wie diese denkt, lassen sich Apps entwickeln, die so einfach, so hübsch und so angenehm zu benutzen sind wie möglich. Eine App, die man selbst gern benutzen möchte, ist eine erfolgreiche App.

Johannes Fahrenkrug
Johannes Fahrenkrug

ist freiberuflicher Software-Entwickler, Co-Autor des Buches „Objective-C Fundamentals“ und Autor mehrerer Fachartikel. Nach Jahren der C, Python und Java-Entwicklung begeistern ihn derzeit Cocoa, JavaScript und nach wie vor Ruby. Twitter: @jfahrenkrug, www.springenwerk.com.

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