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Care-Arbeit: Aus der Krise in die Utopie

(Abbildung: Photocase / Inkje)

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Seit Corona hat sich beeindruckend schnell gezeigt: Für den Fortgang des Lebens lassen sich vielleicht Fertigungs­straßen stilllegen. Ohne dass Menschen sich umeinander ­kümmern, funktioniert jedoch der Alltag nicht. Ein Plädoyer für eine nachhaltige Organisation unserer ­Gesellschaft.

Womit verbinden wir den Begriff „Arbeit“? Würden in Deutschland dazu Menschen in einer Fußgängerzone befragt, dann würden die meisten wohl Tätigkeiten beschreiben, für die man Geld bekommt. Mittlerweile geht diese Definition sogar über den Broterwerb hinaus: Arbeit kann Anerkennung bedeuten, sie kann Spaß machen. Sie kann einen großen Teil des eigenen Selbst­verständnisses ausmachen, sodass Arbeit und Identität sogar miteinander verschmelzen.

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Doch Arbeit ist mehr als das: Für den größten Anteil der ­Arbeitsstunden, die Menschen weltweit leisten, bezahlt niemand etwas. Wenn man also über eine Mutter, die in den ersten Jahren ihr Kind zu Hause betreut, sagt „Sie arbeitet gerade nicht“, dann stimmt das nicht. Die sogenannte „unbezahlte Arbeit“ strukturiert das Leben der Menschheit, ohne dass viel über sie gesprochen wird. Ohne, dass diejenigen, die sie verrichten, dafür gesellschaftliche Anerkennung bekämen, oder der Wert dieser Arbeit sie absichern würde. Klar ist jedoch: Sie muss gemacht werden.

Care-Arbeit beschreibt nicht nur die Sorge um andere, ­sondern auch das Kümmern um sich selbst: einkaufen, kochen, Haare kämmen. Sie existiert sowohl als bezahlte wie auch als unbezahlte Arbeit: Familien kümmern sich selbst um ihre Kinder, sie werden jedoch auch von Erzieherinnen und Erziehern, ­Lehrern und Lehrerinnen in Kitas und Schulen betreut. Menschen pflegen ihre Angehörigen, sie werden jedoch auch professionell zu Hause oder in Heimen umsorgt. Viele weitere Care-Tätigkeiten, die von den meisten Menschen nach wie vor privat organisiert werden, können mittlerweile outgesourct werden: Die Einkäufe oder das Abendessen bringt der Lieferdienst, die Nägel lackiert eine andere Person. Und während man selbst im Büro ist, saugt eine Putzkraft das Zuhause.

Care-Arbeit ist buchstäblich überlebensnotwendig. Denn eine professionelle Fürsorge für diejenigen, die sich nicht um sich selbst kümmern können, kann keinen einzigen Tag pausieren. Dazu kommt die unbezahlte Arbeit im Haushalt. Die Tätigkeiten erscheinen auf den ersten Blick banal und selbstverständlich, doch sie sind Grundlage dafür, dass Menschen morgens zu ihrer Erwerbsarbeit aufbrechen können.
Die Sorge um sich und um andere ist also kein Nebenbei und nichts, was sich gesellschaftlich und wirtschaftlich unterordnen lässt. Sie ist die Grundlage des Lebens, und alles andere baut auf ihr auf. Wir müssen schlafen, essen, uns wohlfühlen und zudem wissen, dass unsere Familie gut versorgt ist, um einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen. Ein Verständnis von Wirtschaft, das Sorgearbeit ausklammert, kann nicht nachhaltig und belastbar sein, da ein riesiger Wirtschaftszweig, in dem gearbeitet wird, der produziert und der Prozesse erst ermöglicht, vergessen wurde.

Care-Arbeit ist systemrelevant. Können wir das erkennen, ­solange sie nicht oder schlecht bezahlt wird? Die unterschiedlichen Jobs in der professionellen Care-Arbeit, also die Jobs, die in der Coronakrise als unverzichtbar bezeichnet wurden, zählen zu den besonders gering bezahlten. Die Gehälter reichen kaum zum Leben und führen sicher in die Altersarmut. Geringe ­Löhne und zu hohe Belastungen treiben Pflegerinnen und ­Pfleger, ­Erzieherinnen und Erzieherinnen und ­Hebammen aus ihren Berufen. Würden nicht mehrere Millionen Menschen jeden Tag unbezahlt Care-Arbeit übernehmen, kleine Kinder betreuen und Angehörige pflegen, wäre das professionell organisierte Care-­System schon lange kollabiert. Wenn die jetzige Wirtschaftsform die stabilste sein soll, die bislang erdacht wurde, warum fehlt dann ausgerechnet dort, wo in einer Krise am dringendsten ­Menschen gebraucht werden, das Personal?

Eine Frage der Macht

Jobs im Care-Bereich haben ihre Wurzeln im Privaten. Die fehlende Anerkennung, dass Care-Arbeit echte Arbeit ist, erklärt ihre geringe wirtschaftliche Bewertung. Dahinter steckt eine systematische Abwertung: Sie sind gelabelt als weibliche Tätigkeiten, als familiäre Arbeit, als Ausdruck von Zuneigung und Liebe, als Tätigkeiten, die einigen Menschen „im Blut liegen“, statt erlernt zu sein. Doch es ist weder logisch, Arbeit, die eher Frauen zugeschrieben oder von ihnen erledigt wird, geringer zu bezahlen, noch Tätigkeiten, die einen gekonnten Umgang mit Menschen ­voraussetzen, medizinisches, psychologisches, pädagogisches Wissen sowie Fähigkeiten wie Empathie, Geduld und Nervenstärke erfordern, die körperlich und psychisch anstrengend sein können, geringer zu bewerten als industrielle oder technische Jobs. „Wer wie viel verdient, das ist eine politische Machtfrage. Durch die aktuelle Krise wird jetzt noch deutlicher: Mein Lohn hängt überhaupt nicht davon ab, wie sehr mein Beruf tatsächlich gebraucht wird“, so beschreibt es der Anthropologe David Graeber in einem Interview bei Zeit Online.

„Die Coronakrise friert weite Teile des ­Care-­Systems ein und löst ein ­Experiment für die ­Neu­bewertung von ­Arbeit aus.“

Eine nachhaltige Organisation unserer Gesellschaft muss also dabei anfangen, die Care-Arbeit nicht nur als Teil der Wirtschaft zu sehen, sondern sie als konstituierend für ein funktionierendes Land zu verstehen. Die Abwertung, die Care-Arbeit als privates Problem und minderwertige Arbeit auffasst, muss abgelöst ­werden von der Anerkennung als herausfordernde und unverzichtbare Arbeit.

Erst wenn die Fragen gelöst sind, wer die Kinder betreut, wer Alte, Kranke und Menschen mit Behinderungen umsorgt, wer die Grundlagen des Alltags organisiert – von der Lebensmittel­versorgung bis hin zur Müllabfuhr –, erst dann können die weiteren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereiche betrachtet werden.

In den ersten Tagen der Covid-19-Pandemie wirkten ­viele ­Entscheidungsträger, als habe diese Erkenntnis sie wie ein Schock getroffen. Als werde ihnen erstmals klar, dass die Welt von mehr in Bewegung gehalten wird als von Unternehmen, und dass die Organisation der Wirtschaft abhängig von Menschen ist, die sich um andere kümmern.

Soziologinnen und Soziologen vermuten, dass Frauen wirtschaftlich und sozial gesehen Verliererinnen der Pandemie sein werden. Sie schultern ohnehin den Großteil der unbezahlten ­Arbeit, sie verdienen in Mann-Frau-Konstellationen in der ­Regel deutlich weniger. Ob nach den gemeinsamen Wochen im ­Homeoffice mehr Gleichberechtigung gelebt wird, oder traditionelle Geschlechterrollen sich verstärkt haben, wird sich erst zeigen. Feministinnen haben in der Vergangenheit immer wieder breite Streiks vorgeschlagen, um die unbezahlte Arbeit sichtbar zu machen und auf die Geringschätzung von Care-Berufen aufmerksam zu machen.

Die Coronakrise hat diesen Streik abrupt organisiert. Sie fror weite Teile des Care-Systems ein, gab die Arbeit zurück in die ­Familien und setzte somit ein Experiment für die Neuverteilung und Neubewertung von Arbeit in Gang, ohne dass sich jemand darauf vorbereiten konnte. Ein Scheitern war absehbar. Denn niemand kann Erzieher, Lehrerin, Koch und Mitarbeiterin gleichzeitig sein. Die Fragen, die sich aus der Coronakrise für unser Verständnis von Arbeit ergeben, sind also, wie wir uns mit Vorlauf auf das ­Stillstehen vorbereitet hätten und was wir langfristig daraus für die Organisation des Lebens mitnehmen möchten.

All die komplexen Abhängigkeiten zu entwirren und neu zu ordnen, wird dauern. Intuitiv liegt jedoch nahe, dass es um mehr Balance gehen muss. Um stabile Care-Netze, die ausgehend von denen gedacht werden, die keine familiäre Unterstützung haben, wie Alleinerziehende. Um Arbeit, die so konzipiert ist, dass sie nicht überlastet, sondern Kräfte schont für mögliche Krisen und all die Arbeit, die nach Feierabend noch wartet. Um Löhne, die finanzielle Rücklagen ermöglichen und der Relevanz des Berufes entsprechen. Um Arbeitsbedingungen und Aufstiegsmöglich­keiten, die zum Ergreifen der Berufe ermutigen, in denen das dringend benötigte Personal fehlt. Lösungen für Gleichberechtigung, die es allen Eltern ermöglichen, sich Care-­Arbeit zu teilen, weil die Berufstätigkeit beider gleichsam bedeutsam ist: zum Beispiel über eine Reduzierung der Arbeitszeit für alle.

Eine Chance für eine andere Arbeitswelt wird die Corona-­Pandemie im Nachhinein nur sein, wenn all diejenigen, die sich Veränderung wünschen, ihre Ideen und Sehnsüchte aus der Krise festhalten und Kraft dafür sammeln, dass sie unsere neue Realität werden. Viele Lösungen liegen näher, als wir denken, und sind machbar statt utopisch: „Ich halte es für politisch fatal, immer von vornherein jede gesellschaftliche Veränderung für unmöglich zu erklären“, hat die Publizistin Carolin Emcke in einem Interview zur Coronakrise gesagt. Uns sollte klar sein: Wir sind nicht einseitig abhängig von der Wirtschaft. Die Wirtschaft ist ebenso abhängig von uns.

Zum Weiterlesen: Teresa Bücker, warum sollten wir alle weniger arbeiten?

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