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Chaos Computer Club: So tickt der wichtigste Hackerverein Deutschlands

(Foto: dpa)

Die Struktur des Chaos Computer Clubs lässt sich nicht gerade leicht durchschauen. ­Davon darf man sich nicht täuschen lassen: Die Bedeutung des Vereins für den digitalen Diskurs in Deutschland ist enorm. Im Rahmen unserer Themenwoche digitales Deutschland erklären wir, warum.

„Damit wir als Komputerfrieks nicht länger unkoordiniert vor uns hinwuseln, tun wir wat und treffen uns am 12.9.81 in Berlin“: Mit diesem Aufruf, erschienen ­unter der Headline „Tuwat.txt“ in der taz, beginnt die Geschichte des Chaos ­Computer Clubs (CCC) – eine der ältesten und einflussreichsten Hackerorganisa­tionen der Welt.

Die Gründungsmitglieder des CCC haben die Zeichen der Zeit sehr früh ­erkannt: „Wir reden über ­internationale Netz­werke, Kommunikationsrecht, Daten­­­­­­recht (,Wem gehören meine ­Daten?‘),“ kündigt ­Tuwat.txt an, „Copyright, Informations- u. Lern­systeme, Datenbanken, Encryption, Komputerspiele, Programmiersprachen, processcontrol, Hardware und was auch immer.“ Ein beeindruckend aktuelles ­Themenspektrum – wohlgemerkt aus ­einer Zeit, in der das World Wide Web noch gar nicht erfunden war.

Und trotzdem ist es für Menschen, die damals noch (lange) nicht geboren waren (wie der Autor dieses Textes), auf den ersten Blick nicht immer leicht, die Bedeutung des CCC für unsere Gesellschaft zu erkennen. Einerseits blickt man voll Ehrfurcht auf die einstigen ­Pioniere. Andererseits wirkt manches am CCC ­irgendwie, naja, oldschool: Das Logo etwa, der „Chaosknoten“, eine Verballhornung eines Logos der Bundespost, die es schon lange nicht mehr gibt. Die meisten Websites im Umfeld des CCC sehen ein bisschen aus wie aus den 90ern, viel Text auf weißem Grund, weit und breit keine schicken Parallax-Effekte oder responsive Designs. Und dann die Sprache: Die regio­nalen Gruppen heißen „Erfa-Kreise“, das steht für Erfahrungsaustauschkreis und klingt so sehr nach 80er-Jahre-Sponti, dass man beinahe auf die Idee kommen könnte, der CCC wäre eine aus der Zeit gefallene Ansammlung einiger Alt­hippies. Dazu kommt: Der CCC ist tatsächlich manchmal etwas schwer zugänglich. Presseanfragen jedenfalls können schon mal eine Weile dauern.

Wer sich von der sperrigen Benutzeroberfläche nicht täuschen lässt, entdeckt eine einzigartige Infrastruktur – und eine der wichtigsten Stimmen im Diskurs um die Digitalisierung in Deutschland. Der CCC hat mehr als 9.000 Mitglieder, einige davon werden immer wieder als Sachverständige im Bundestag oder vor dem Bundesverfassungsgericht gehört und zeigen durch Hacks, welche Schwachstellen in Computersystemen stecken. So wird der Verein mittlerweile von Vielen als einflussreiche Nichtregierungsorganisation (NGO) in allen Fragen der Computer­sicherheit wahrgenommen.

Der CCC organisiert nicht nur den Chaos Communication Congress

Das ist aber nicht alles. „Der NGO-Teil macht nur einen winzig kleinen Teil des CCC aus“, erklärt Linus Neumann, einer der Sprecher des Clubs. Der CCC organisiert zum Beispiel auch den gigantischen Chaos Communication Congress, zu dem einmal pro Jahr mehr als 15.000 Menschen kommen.  Außerdem unterhält der Club unabhängige Hacker-Spaces und -Gruppen, geht aktiv in Schulklassen, um digitale Aufklärungsarbeit zu leisten.

Bei alldem ist eine gewisse Anarchie durchaus beabsichtigt: „Wir haben eine grundsätzliche Ablehnung gegen Über­bürokratisierung“, sagt Tim Pritlove, langjähriges CCC-Mitglied und bis 2006 Geschäftsführer der Chaos Computer Club Veranstaltungsgesellschaft, die den Kongress organisiert. „Es gibt bei uns wenige Gremien, keine Hierarchien.“ Und auch ein bisschen Geheimniskrämerei gehört dazu: „Einer unserer Grundsätze lautet: öffentliche Daten nützen, private Daten schützen. Insofern lassen wir uns nicht in die Karten schauen – dass Bundes­tag und Bundesregierung das auch immer ­weniger tun, prangern wir an“, so ­Neumann.

Anprangern ist seit jeher eine wichtige Aufgabe des CCC. Mit Hacks, wie dem des Staatstrojaners 2011, oder der Software „PC-Wahl“ 2017, durch Demonstrationen und Veröffentlichungen haben die Mitglieder immer wieder auf Missstände hingewiesen und tun das bis heute. An der deutschen Netzpolitik lässt der Club kein gutes Haar. Wer Tim Pritlove danach fragt, bekommt einen Spontanvortrag: „Wir sind beim Breitbandausbau ­Klassenletzter, das ist ganz schlimm“, sagt er. „In Deutschland könnte so einiges gut laufen, theoretisch. Aber es gibt einfach überhaupt keine vernünftige Strategie. Die Netzneutralität wird leichtfertig über Bord geworfen, stattdessen kommen so Schnapsideen wie das ­Leistungsschutzrecht. Wenn es so weitergeht, werden wir einfach weiter zurückfallen.“

Dass es überhaupt noch Hoffnung geben könnte – das liegt auch am CCC.  Der vielleicht größte Verdienst des Clubs ist, dass er die Keimzelle einer digitalen Zivilgesellschaft ist, die es so nur in Deutschland gibt. So urteilte etwa das Wirtschaftsmagazin Bloomberg 2017, der Chaos Computer Club habe es durch seine Aktionen und seine Aufklärungs­arbeit „sehr viel schwieriger gemacht, die ­Demokratie des Landes zu unterminieren“ als beispielsweise in Großbritannien oder den USA. Aus dem Dunstkreis des CCC hervorgegangenen sind Organisationen wie der Verein Digitalcourage, das Portal netzpolitik.org, die Konferenz Republica, die Digitale Gesellschaft e. V. „Eine starke Zivilgesellschaft, der Regierung etwas entgegenzusetzen, das ist von Anfang an unser Ziel“, sagt Pritlove. „Keine Gesellschaft kann ohne zivilgesellschaftliches Engagement auskommen. Die Frage ist nur: Wird uns auch zugehört?“

Mitmachen

In vielen Städten gibt es  ­„Erfa-Kreise“ oder die kleineren „Chaostreffs“. Eine Übersicht: ccc.de/de/club/erfas

Who to follow

Linus Neumann ist ein ­Sprecher des CCC und twittert unter ­anderem zu netzpolitischen Themen. @Linuzifer

Tim Pritlove ist langjähriges CCC-Mitglied und hostet mit Linus Neumann den Podcast ­„Logbuch: Netzpolitik“. @timpritlove

Peter Glaser ist Schriftsteller, Journalist und ­Ehrenmitglied des CCC. @peterglaser

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