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Chronobiologie: Ansätze für mehr Energie und Fokus im Büroalltag

Tanzend in den Tag starten: Daybreaker bietet Events an, bei denen die Teilnehmer morgens gemeinsam durch Bewegung auf Touren kommen. Im September startete ein Ableger in Berlin. (Foto: Daybreaker)

Müde, unkonzentriert und angespannt: Viele Menschen ­quälen sich durch die Arbeitswoche, ignorieren die Auswirkungen von Schlafmangel, fehlenden Pausen und Hektik auf ihren Biorhythmus. Dabei gibt es viele Ansätze für mehr Energie und Fokus im Büroalltag – zum Beispiel Tanzen am Morgen.

Glitzer im Gesicht, silberne Pailletten auf den Shirts, Logos der US-Raumfahrtbehörde Nasa und Helme in Astronauten­optik ­prägen das Bild der Party im Video. Das Motto des Events in Philadelphia: Space-Disco. Im Hintergrund läuft elektronische Musik, ein DJ legt auf. Mehrere Hundert Menschen, teils in ­Kostümen, bewegen sich zu den Bässen.

Atmen, dehnen, tanzen

Draußen ist die Sonne vor wenigen Minuten aufgegangen. Anders als bei herkömmlichen Partys treffen sich die Teilnehmer der Veranstaltung, die die Macher „Daybreaker“ nennen, direkt nach dem Aufstehen. Ab sechs Uhr morgens geben Trainer zuerst für eine Stunde Anleitung zu Atem- und Dehnübungen. Dann beginnt der zentrale Teil des Events: das Tanzen. Knapp zwei Stunden später, kurz vor neun Uhr, kehrt wieder Ruhe ein. Zur Abschlussmeditation gehen Kärtchen aus Papier durch die Menge. Jeder Teilnehmer erhält eine Botschaft oder ein Zitat zum Nachdenken.

300 bis 600 Menschen zieht es laut den Veranstaltern pro Event im Schnitt auf die Tanzfläche. Kostüme, Dekoration und Location wechseln mit jedem Termin. „Routinen sind wichtig, aber besondere Ereignisse, die nur einmal im Monat passieren, mindestens genauso. Menschen lieben Magie und Überraschung“, erklärt die Gründerin der internationalen Veranstaltungsreihe, Radha Agrawal, das Konzept auf Anfrage. Die Programmpunkte sind auf ein Ziel ausgerichtet: den Teilnehmern den Start in den Tag zu erleichtern.

Die Gruppe wird gemeinsam aktiv mit Yoga und Tanz. Dann versuchen alle, Ruhe und Konzentration zu finden, bevor es für eine Dusche nach Hause oder ins Fitnessstudio geht – und danach ins Büro. „Daybreaker-Erlebnisse dauern drei Stunden, weil ­unsere Körper Zeit brauchen, um aufzuwachen, warm zu werden und loszulassen“, sagt Agrawal. „Wir legen in den Städten verschiedene Startzeiten fest, abhängig davon, wann die Leute bei der Arbeit sein müssen.“ Vor sechs Jahren in New York gestartet, ist die Partyreihe für Frühaufsteher inzwischen in 26 Städten weltweit vertreten. Im September 2019 kam Berlin als erster deutscher Standort dazu.

Auf der Suche nach der passenden Routine

Ob Tanz, Yoga oder Meditation: Die Suche nach der ­richtigen täglichen Routine gewinnt in einer Arbeitswelt mit immer mehr Freiheiten an Bedeutung. Ohne feste Zeitvorgaben schleicht sich das Gefühl ein, ständig erreichbar sein zu müssen – und jederzeit offene Aufgaben erledigen zu können. Ohne räumliche Trennung von Büro und Zuhause verschwimmt im Homeoffice die Grenze zwischen Beruf und Privatleben. Schnell kreisen die Gedanken permanent um den Job, sorgen schon kurz nach dem Aufstehen für Unruhe und begleiten uns bis in den Schlaf. Der Start am Morgen wird dann irgendwann zur Überwindung, Leistungs­fähigkeit und ­Konzentration stellen sich frühestens nach zwei Tassen Kaffee ein.

Wer Müdigkeit, Anspannung und Stress ignoriert, riskiert schwerwiegende gesundheitliche Probleme. Dazu gehören Kopfschmerzen, Übelkeit und Immunschwäche –, aber auch das Wohlbefinden insgesamt leidet. „Wir leben in einer Welt, in der wir gezwungen sind, unseren Kopf und Körper voneinander zu ­trennen, um zu funktionieren“, warnt Neurobiologe Gerald Hüther. „Das ist ein Zustand, in dem man nicht richtig bei sich ist. Die Hirn­forschung hat gezeigt, dass Menschen dabei körperliche ­Schmerzen erleben.“ Druck auf der Brust oder Stiche im Magen: Der Wissenschaftler vergleicht das Gefühl mit Heimweh.

Was dabei im Gehirn passiert, folgt laut Hüther dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Vereinfacht gesagt, versucht das Gehirn permanent, Energie zu sparen. Und das gelingt am besten in einem Zustand der sogenannten „Kohärenz“. Gemeint ist ein Einheitsempfinden von Körper und Geist, aber auch mit anderen Menschen und der Natur. „Wird diese Einheit gestört, feuern die Nervenzellen quer durcheinander und es wird eine Unmenge an Energie verbraucht – die Folge sind unangenehme Gefühle“, sagt der Neurobiologe.

Das Zusammenspiel von Körper und Geist steht seit ­Langem im Fokus der Wissenschaft. Gerade die Forschung zur ­inneren Uhr des Menschen ist in den vergangenen Jahren weit fortgeschritten. 2017 ging der Nobelpreis für Medizin an drei US-amerikanische Chronobiologen: Sie hatten in den Zellen von Fruchtfliegen ein Protein entdeckt, das dem Organismus hilft, sich auf erdrotationsbedingte Hell- und Dunkelphasen ­einzustellen – ein molekularer Mechanismus, der auch den menschlichen Biorhythmus steuert.

Doch wie sieht der optimale Rhythmus aus physischer und mentaler Aktivität, Pausen und längeren Ruhezeiten wie Schlaf aus? Und lässt er sich im Alltag überhaupt leben – oder steckt dahinter nur seltener Luxus?

Eine Frage der Disziplin

In Washington D.C. nimmt sich Klimaexpertin Nicky Sundt seit zwei Jahren regelmäßig Zeit für die Daybreaker-­Veranstaltungen. Was sie an den Tanzevents für Frühaufsteher schätzt, ist die „körperliche ­Herausforderung“. Zwei Stunden durchzutanzen sei durchaus anstrengend, sagt Sundt, die bis vor ein paar Jahren für den World ­Wildlife Fund in der US-Hauptstadt gearbeitet hat und heute freiberuflich tätig ist. Das frühe Workout hilft ihr nicht nur dabei, wach zu werden, wie Sundt berichtet. Ihre routinemäßigen Sportübungen einzuhalten, entfalte eine zusätzliche Wirkung: Ihre morgendliche Motivation bleibe länger erhalten, sie fühle sich den Tag über „involvierter“.

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