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Die Rezolution der Politik: So funktioniert politische Kommunikation im Netz

(Illustration: Hubertus Krohne)

Rezo, Artikel 13, Fridays for Future: Eine junge Generation ­protestiert im Netz und auf der Straße. Die großen Parteien trifft das alles ziemlich unvorbereitet. Um die Menschen wieder zu erreichen, muss die Politik sich etwas einfallen lassen – ein paar schicke Youtube-Videos zu drehen, wird nicht reichen.

„Wir machen euch ein ernsthaftes Angebot, ins Gespräch zu kommen. Organisiert euch, ladet uns ein, wir kommen dazu. Egal, ob Wahlkampf ist oder nicht. Uns ist wichtig, dass wir mit euch im Gespräch sind.“ Diese Botschaft richtete Lars Klingbeil, Generalsekretär der SPD, Ende Mai an die Kritiker seiner Partei, in einem Video zusammen mit seinen Parteikollegen Kevin Kühnert und Tiemo Wölken. Die Nutzer, die den Clip auf Youtube kommentieren, reagieren gespalten auf Klingbeils Appell: „Sagen kann man viel. Am Ende zieht ihr doch sehr wahrscheinlich wieder den Kopf ein. Nein danke“, schreibt eine Nutzerin, „die ganze Koalition mit der CDU ist eine Farce“, empört sich ein anderer – 1.539 Likes hat ihm die Community dafür gegeben. Doch es gibt auch ­andere Stimmen: „Kritik ernstgenommen, zum Diskurs eingeladen und ein klares Statement. Auch so kann Politik gehen“, schreibt jemand, oder auch: „endlich mal ne Partei, die (richtig) antworten kann.“

Ein kleiner Einschub für alle, die nicht wissen, auf wen ­Klingbeil, Wölken und Kühnert hier antworten – wahrscheinlich, weil sie längere Zeit digital detoxend im Schweigekloster verbracht haben: Im Mai veröffentlichte der Youtuber Rezo ein Video, in dem er eine knappe Stunde lang darüber spricht, „wie CDU-Leute lügen, wie ihnen grundsätzliche Kompetenzen für ­ihren Job fehlen (…) und dass nach der Expertenmeinung von ­zigtausenden deutschen Wissenschaftlern die CDU aktuell unsere Leben und unsere Zukunft zerstört“, wie er zu Beginn sagt. Er spricht dann vor allem über Klimapolitik, die Entwicklung der Vermögen und Einkommen in Deutschland und über die US-­Militärbasis Ramstein, von der aus Drohnenangriffe gesteuert werden. Rezo belegt seine Behauptungen mit einer Art Literaturverzeichnis, in dem er mehr als 200 Quellen verlinkt und folgert am Schluss, die CDU/CSU, aber auch die SPD, seien verantwortlich für eine völlig verfehlte Politik und deshalb unwählbar, insbesondere für junge Menschen. Die sollten deshalb erstens selbst nicht CDU wählen und zweitens ihre Eltern überzeugen, das doch bitte auch nicht zu tun. Das Video ging viral, Rezos Bild schaffte es bis in die Tagesschau, seine Aussagen wurden gefactcheckt und die Fact-Checks wieder gegengecheckt. Vor allem die Reaktionen oder Nicht-Reaktionen der Adressaten des Videos trieben die Diskussion immer weiter. Und offenbarten nicht zuletzt eins: Der Graben, der derzeit viele etablierte Politiker von der jungen Wählerschaft trennt, wird sich nicht mit ein paar schicken Videos allein überwinden lassen.

Im Juli lud CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak Vertreter von Umwelt- und Jugendorganisationen zur Diskussion über das Klima ein. „Wenn jetzt noch halb so viel Liebe in die Klimakonzepte der CDU fließen würde, wie in die Social-­Media-Betreuung von diesem einen Gesprächstermin, wären wir einen großen Schritt weiter“, twitterte Teilnehmerin Luisa Neubauer von Fridays for Future im Anschluss. (Screenshot: Facebook/Paul Ziemiak)

Im Juli lud CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak Vertreter von Umwelt- und Jugendorganisationen zur Diskussion über das Klima ein. „Wenn jetzt noch halb so viel Liebe in die Klimakonzepte der CDU fließen würde, wie in die Social-­Media-Betreuung von diesem einen Gesprächstermin, wären wir einen großen Schritt weiter“, twitterte Teilnehmerin Luisa Neubauer von Fridays for Future im Anschluss. (Screenshot: Facebook/Paul Ziemiak)

„Es geht nicht um die Form oder den Kanal“, sagt Martin Fuchs, Politikberater und Digitalexperte. Das Problem liegt tiefer. „Es geht um Inhalte, darum, die Leute ernst zu nehmen und um eine neue Debattenkultur, die für viele Menschen Standard ist, in der die Parteien zurzeit aber nicht wirkmächtig agieren.“ Wer früher hauptsächlich zu Wahlkampfzeiten in den direkten Dialog mit Wählern und Konkurenten ging, sieht sich heute oft verpflichtet, auch das aktuelle Tagesgeschehen zu kommentieren – und kann kritischen Fragen kaum über einen längeren Zeitraum ausweichen. Nur wenige Akteure im Politikbetrieb meistern die neue Herausforderung souverän: Die politische Kommunikation ist in einer handfesten Krise – wie Rezo eindrucksvoll gezeigt hat.

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Ein Kommentar
Tristan Melzner
Tristan Melzner

Man muss die Jugendlichen dort treffen, wo sie sind statt zu versuchen, sie zu sich zu holen. Ich bin mal gespannt, ob Klingbeil sein Versprechen einhält.

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