Du hast deinen AdBlocker an?

Es wäre ein Traum, wenn du ihn für t3n.de deaktivierst. Wir zeigen dir gerne, wie das geht. Und natürlich erklären wir dir auch, warum uns das so wichtig ist. Digitales High-five, deine t3n-Redaktion

t3n 51

Digitale Nomaden in Thailand: Zu Besuch im Mekka für Webworker

(Foto: Sébastien Bonset)

Digitale Nomaden arbeiten an Orten, an denen andere ­Urlaub ­machen. Doch wie gut funktioniert der Spagat zwischen ­Arbeiten und Reisen im Alltag? Eine Spurensuche in Chiang Mai, dem thailändischen Mekka für Webworker.

Es ist Dezember, das Thermometer zeigt angenehme 27 Grad, es duftet nach Kaffee. Vor mir überquert ein Mönch in ­grellorangener Robe die Straße und schaut gebannt auf sein Smartphone, ich stehe vor dem Hotel und beobachte ihn. Ich fühle mich ein bisschen wie im Urlaub, obwohl es eigentlich ein normaler Arbeitstag für mich ist: Ich warte auf einen Gesprächspartner, der sich um ein paar Minuten verspätet. Nur mache ich das eben nicht wie sonst in Hannover, sondern im thailändischen Chiang Mai, dem Mekka der digitalen Nomaden.

Eine Flugstunde von Bangkok entfernt hat sich eine ganze Stadt zum Biotop für freiheitsliebende Digitalarbeiter ent­wickelt: Das schnelle Internet, die niedrigen Lebenshaltungskosten ­sowie die vielen Cafés und Coworking-Spaces locken eine globale ­Community aus Gründern und Selbstständigen an. Aus der Ferne hört sich das romantisch an, diese neue Art des Arbeitens unter Palmen. Ich will aus der Nähe sehen, wie der Alltag tatsächlich aussieht.

Dahinter steckt aber auch noch eine größere Frage, die mich beschäftigt. Vielleicht ist das Leben der Digitalarbeiter in Chiang Mai nicht nur für Freiberufler und Reiseverrückte interessant. Vielleicht liefert es auch eine Blaupause für Unternehmen. Schon jetzt werfen Berater mit Begriffen wie „New Work“ und „ortsunabhängigem Arbeiten“ um sich. Die Digitalisierung ermöglicht solche früher utopischen Szenarien – denn, wer den ganzen Tag vor dem Notebook sitzt, kann das theoretisch nicht nur im Büro tun, sondern überall. Die Automatisierung dreht diese Zukunftsvision noch ein Stück weiter: Künstliche Intelligenz verändert den Begriff Arbeit generell, es stellt sich immer mehr die Frage nach dem Sinn einer Tätigkeit. Arbeit soll sich im Idealfall nicht nur finanziell lohnen, sie muss auch die Möglichkeit schaffen, sich selbst zu verwirklichen, überall, jederzeit. Das digitale Nomadentum kann als eine Art Vorläufer dieser Zukunft beschrieben werden.

Ein besonderer Reiz für digitale Nomaden liegt in der Kombination aus Arbeiten an exotischen Orten und dem Reisen und Entdecken neuer Orte. Chiang Mai bietet sich für Kurztrips an, da die Stadt von Bergen und dichten Wäldern umgeben ist, die nicht nur Wasserfälle und Elefantenreservate, sondern auch potenzielle Arbeitsplätze mit ­Internet-Anbindung beherbergen. Hier entspannen und arbeiten ­Mitglieder des Wifi Tribe. (Foto: wifitribe)

Natürlich sind digitales Nomadentum und ortsunabhängiges Arbeiten keine Synonyme. Während das zweite Arbeitsmodell zaghaft von einigen wenigen deutschen Arbeitgebern eingeführt wird, ist das erste von hoher Eigeninitiative abhängig, bedarf guter Planung und bringt einige Schwierigkeiten mit sich: Wie verdiene ich ausreichend Geld? Wie organisiere ich den Erhalt ­offizieller Dokumente ohne feste Postadresse? Wie eröffne ich ein Bankkonto ohne dauerhaften Wohnort und Meldeadresse? Wie sieht es mit der Arbeitserlaubnis aus? Von diesen Sorgen werde ich in den kommenden Tagen in Chiang Mai von fast jedem digitalen Nomaden hören, mit dem ich spreche.

New Work: Realität statt Gerede

Einer von ihnen ist Sebastian Wolff. Er holt mich vor dem Hotel mit seinem Motorroller ab. Der 35-Jährige hat blonde Haare, an den Seiten kurzgeschoren, auf dem Kopf lang, trägt Jeans und T-Shirt. Er reicht mir einen Helm, wir steigen auf den Roller und schlängeln uns durch den Verkehr von Chiang Mai, vorbei an ­Autos, Fußgängern und Straßenverkäufern.

Es ist 13 Uhr Ortszeit und Sebastian ist eben erst aufgestanden. Die Nacht zuvor hat er bis vier Uhr morgens gearbeitet. ­Sebastian hat ursprünglich Apotheker gelernt, jetzt ist er Vollzeit im E-Commerce tätig. Der digitale Nomade betreibt insgesamt drei Onlineshops für den US-Markt und verkauft seine Produkte nach dem Dropshipping-Modell: Er bestellt es beim Hersteller erst, wenn ein Kunde auch tatsächlich gekauft hat – ein Lager braucht er deshalb nicht. Darüber hinaus ist er als ­Business- Coach und Berater tätig.

Es ist kurz vor Weihnachten und der Dropshipper hat viel zu tun. Die Kunden wollen ihre Geschenke noch pünktlich erhalten, die Zahl der Support-Fälle ist hoch und die Kunden erwarten ­Feedback innerhalb der Geschäftszeiten. Da gilt es, bei den eigenen Arbeitszeiten flexibler zu sein – die Arbeit fällt aktuell an, wenn es in Thailand tief in der Nacht ist.

„Ich kann machen, was ich will, wie ich will, wo ich will und wann ich will.“

Bevor es mit Sebastians Roller zum gemeinsamen Mittag­essen – beziehungsweise in seinem Arbeitsalltag: zum Frühstück – geht, halten wir noch kurz an einem Verschlag an, bei dem er regelmäßig seine schmutzige Wäsche abgibt. Während er zwei volle Tüten Dreckwäsche von seinem Roller nimmt, berichtet er, wie er dazu gekommen ist, Deutschland und seinem Job den Rücken zu kehren. In erster Linie war er genervt von ­langen Fahrtzeiten zur Arbeit, langen Arbeitszeiten und dem hohen Stresslevel. „Mir wurde das Leben im Hamsterrad einfach zu viel und so habe ich die Reißleine gezogen. Meine Vorstellungen von einem glücklichen Leben sind einfach andere.“

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

4 Reaktionen
Dopignal

Alternative Arbeitsmodelle sind immer super spannend für alle die mit ihrem aktuellen Status unzufrieden sind. Für mich selbst wäre das Risiko zu hoch wirklich für längere Zeit als digitaler Nomade irgendwo in Süd-Ost
-Asien zu versauern... Für einen Urlaub bin ich gerne dort, aber bei dem Gedanken langfristig auf viele gwohnt Standarts zu verzichten graut es mit. Ich habe die Tage einen Artikel zu weiteren alternativen Arbeitsmoddellen gelesen. (http://www.bigkarriere.de/ratgeber/arbeitswelt/new-work) Man nennt das wohl jetzt auch alles "New Work". Wie auch immer, dort wird vorgschlagen ein Sabatical zu nehmen, was in meinen Ohren besser klingt als alleine im Jungle mit MacBook ;)

Lung Ben

mit 20 kann man das mal ausprobieren, für ein Jahr vielleicht. Hab ich auch gemacht, und auch in Chiang Mai. Heute ist die Luft so schlecht, da ist sie in Mekka n och besser!
Aber dann kommt der Punkt, da möchtest du nicht mehr Roller fahren und ein kleines Büro mit Aircon haben. Die Visumbestimmungen werden immer strikter, du bist praktisch auf Abruf da. Chiang Mai war mal ein kleines Paradies- vor 45 Jahren. Ich spreche seitdem fließend Thai, habe mir aber in Deutschland eine Fir ma aufgebaut und bin sehr froh, schon in jungen Jahren in die RV ei gezahlt zu haben. Ein oder zwei Jah re raus, das geht, aber länger ist keine Lebensplanung.

Ulrich Schmitz

Man sollte auch mal einen Blick auf die älteren "Nomaden" werfen - so man die denn in Thailand findet. So velockend die Aussicht auf unabhängiges Arbeiten unter Palmen ist, so trügerisch ist es auch. Ich habe selbst lange Zeit in Thailand als freier Journalist gearbeitet, wobei ich das Glück hatte einen festen Dienstleistungsvertrag mit einem deutschen Verlag zu haben. Ich konnte gut sehen, wie sich die häufig mit vielen Illusionen gestarteten Aussteiger dort mit allen möglichen Arbeiten versuchten on- oder offline über Wasser zu halten. Meist wurde es dann schwierig, wenn zu den geringen Lebenshaltungskosten noch Kosten für Ärzte und Medikamente hinzukamen. Eine Krankenversicherung haben die meisten Aussteiger nicht oder nur in unzureichender Form, und eine Einzahlung in irgendeine Altersvorsorge ist meist auch nicht drin. Was als netter Erfahrungstrip in der Jugend noch wertvoll ist, wird dann mit zunehmendem Alter und evtl. vorhandener Familie dann schnell ein Horrortrip. Von daher sehe ich das Thema "Digitale Nomaden" eher als eine reizvolle Geschichte für Leute, die aus dem sicheren Job in Deutschland heraus von mehr Freiheit in fremden Ländern träumen ;-) Ach ja, ich war dann nach 3 Jahren auch wieder in good old Germany.

Garret456

Das sieht wirklich nicht verlockend aus.
Auf einem unbequemen Liegestuhl in der Hitze liegen, ständig Ablenkung, kein ergonomisch eingestellter Arbeitsplatz, völlige Abhängigkeit von Dienstleistern (Essen, Wäschewaschen, Obdach).
Am Anfang klingt es sicher toll: "arbeiten, wo andere Urlaub machen". Aber das tun der Hotelangestellte, der Skiliftbetreiber, der Cocktailmixer und der Typ, der einem am Strand eine Massage verkaufen will, auch. Und jeder, der in Berlin, Leipzig, München, Würzburg, Erfurt usw. lebt, arbeitet auch dort, wo andere Leute Urlaub machen.
Nur halt ohne Laptop.

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

Jetzt anmelden