Interview

Digitale Technologien als Chance für Journalismus: Wolfgang Blau im Interview

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t3n Magazin: Was meinst du damit?

Chatbots könnten helfen, den Journalismus zu personalisieren, um ihn wirkungsvoller zu machen. Die meisten journalistischen Darstellungsformen sind ja noch im Industriezeitalter verwurzelt: „One size fits all.“ Bis vor kurzem war es nicht möglich, jedem Leser eine individuelle Fassung eines Textes zur Verfügung zu stellen. Die zwangsläufige Folge waren und sind Redundanzen in den meisten Artikel. Egal wie viel du oder ich beispielsweise über den Krieg in Syrien wissen, wird uns beiden der identische Text mit derselben Gewichtung von Hintergrundinfos und neuen Entwicklungen präsentiert.

Wären die jeweiligen Hintergrund-Passagen dieses Textes aber maschinenlesbar strukturiert, könnte ein Chatbot dir und mir jeweils ein bis zwei Fragen stellen und uns dann jeweils verschiedene Versionen dieses Artikels präsentieren, die wir beide als persönlich relevanter empfinden würden. Der Bot könnte bei diesen Interaktionen auch schon Hinweise darauf entdecken, dass Deutsch für dich oder mich nicht Muttersprache ist und dann den Text, der in anspruchsvollem Deutsch für Muttersprachler verfasst ist, an einigen Stellen simpler formulieren.

t3n Magazin: Und warum glauben Sie, dass Inhalte, die in einer gesprächsähnlichen Situation vermittelt werden, nicht die Zukunft von Chatbots im Journalismus sind?

Ich würde das nicht so binär sehen. Die gesprächsähnliche Vermittlung von journalistischen Inhalten bleibt interessant. Wir haben aber mit so gut wie allen neuen Geräte-Kategorien und Kommunikations-Werkzeugen in der Vergangenheit immer wieder dasselbe Phänomen beobachten können: Dass zuerst einmal altbekannte Darstellungsformen auf das neue Gerät übertragen werden – etwa die PDF-Ausgabe der Zeitung auf den Desktop-PC.

Oder dass selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass ein Handy als Weiterentwicklung des Telefons ebenfalls primär zum Telefonieren benutzt würde – und nicht etwa für Textnachrichten und heute Chat-Apps. Ähnlich ist nun mit dem Zusammenkommen von Chat-Apps und Bots. Dass Bots primär chat-ähnliche Interaktionen hervorbringen, scheint naheliegend, ist vielleicht aber nur eine Wiederholung des Reflexes, aus dem heraus Verlage auch glaubten, Desktop-Computer seien ein guter Ausspielweg für Zeitungs-PDFs.

t3n Magazin: Warum ist dieser Reflex in Bezug auf Chatbots ein Problem?

Es birgt auch keinen größeren Erkenntnisgewinn, wenn der Bot mir keine Inhalte anbieten kann, die auf meinen Kenntnisstand des jeweiligen Themas zugeschnitten sind, sondern nur den Standardtext in Chat-Häppchen schneidet.


Die chat-ähnliche Vermittlung von Nachrichten in der Quartz-App ist ein Beispiel: Dem Quartz-Chatbot durch ein Thema zu folgen, ist nicht zeiteffizient. Es birgt auch keinen größeren Erkenntnisgewinn, wenn der Bot mir keine Inhalte anbieten kann, die auf meinen Kenntnisstand des jeweiligen Themas zugeschnitten sind, sondern nur den Standardtext in Chat-Häppchen schneidet. Wie gesagt: interessanter wäre es doch, wenn der Bot das Vorwissen des Nutzers abfragt und ihm dann eine individuelle Fassung präsentiert.

t3n Magazin: In Asien sind Chatbots längst angekommen, über die chinesische Plattform Wechat lassen sich eine ganze Reihe von Tätigkeiten erledigen. Wie verändert das den Journalismus?

Wenn du deine Online-Einkäufe, Flugbuchungen, Taxi- und Pizzabestellungen allesamt via Chat erledigst, dann verändert das auch deine Sicht auf online-journalistische Formate. Von meinen 19 Kollegen in der Online-Redaktion von Vogue China produzieren beispielsweise sechs Kollegen ausschließlich spezielle Inhalte für unseren Wechat-Account. Das ist einfach eine andere Erzählform. Speziell in puncto Chatbots ist der chinesische Messengerdienst der eigentliche Star und Innovationstreiber, nicht Facebook. Wer wissen will, wie der Journalismus auf Mobiltelefonen künftig vonstattengeht, muss China und hier vor allem Wechat im Blick haben.

t3n Magazin: Nach dem mobilen Journalismus scheint Virtual Reality der nächsten große Trend zu sein. Zu Recht?

Es wäre gut, wenn Journalisten deutlicher zwischen Konzepten wie dem 360-Grad-Video, Virtual und Augmented Reality unterscheiden würden. Noch scheint ja fast alles, was mit einem Headset betrachtet wird, als Virtual Reality zu gelten. Natürlich würde ich gerne mit unseren Redaktionen rund um die Welt Virtual-Reality-Projekte anstoßen, werde aber dazu raten, sich auf 360-Grad-Videos zu konzentrieren. Dort sind die Produktionskosten viel niedriger. Virtual-Reality-Projekte sind hingegen fast nur mit Agenturen umzusetzen. Aus wirtschaftlicher Sicht vereint Virtual Reality die Schwächen der meisten journalistischen Apps mit der Schwäche webbasierter Interactives: Sie sind teuer zu produzieren und es ist schwierig, damit eine große Leserschaft zu erreichen, da du für Virtual Reality meistens nicht nur ein Headset, sondern auch noch eine App benötigst.

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