Reportage

Ihr könnt über die Digitalisierung deutscher Konzerne jammern – oder euch Bosch ansehen

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Dass sich Bosch mittlerweile dem Konsumenten nähert, bestreitet auch Bosch-CDO Heinrichs nicht. „Der Markt der Mobility-­Services entwickelt sich gerade erst“, sagt er. „Wir wollen darin eine Kernrolle übernehmen.“ Die Herstellung eigener Fahrzeuge, also den direkten Wettbewerb, schließt er aber aus: „Wir werden keine Autos bauen.“ Der Manager verweist darauf, dass man ja sogar mit den Konzernen kooperiere – wie mit Daimler bei AVP. Von Konkurrenz könne keine Rede sein. Auch Dirk Liedtke glaubt nicht daran, dass Bosch das Zulieferergeschäft aufgeben wird. „Man kann einen Konzern nicht von heute auf morgen auf digital drehen“, sagt er. Ein solches Vorhaben ginge schon allein wegen der Mitarbeiter nicht.

Experimente in Ludwigsburg

Wie in allen großen Konzernen sind die Mitarbeiter auch bei Bosch der vielleicht wichtigste Faktor, um das Gelingen der digitalen Transformation zu sichern. Der Zulieferer steht vor den klassischen Herausforderungen, langjährige Mitarbeiter weiterbilden und digitale Köpfe finden zu müssen. Klar ist aber auch, dass nicht jeder Angestellte diesen Weg mitgehen wird, dass manche Fähigkeiten irgendwann nicht mehr gebraucht werden. Wandel ist nie für alle positiv.

Ein kleines Holzhaus mitten in der Fabrikhalle: In Ludwigsburg werkeln die Bosch-Mitarbeiter an neuen Ideen für den Konzern. Die Umgebung spiele für die Kreativität eine wichtige Rolle, sagt Leiter Peter Guse. (Foto: Bosch)

Dass Wandel Mitarbeitern aber nicht nur aufgedrückt werden muss, sondern auch von ihnen vorangetrieben werden kann, beweist eine Fabrikhalle im baden-württembergischen Ludwigsburg. Auf den 5.000 Quadratmetern finden sich Hängematten, ein kleines Holzhaus, ein Meetingraum in Spiegeloptik. Hier, in den Räumen der Robert Bosch Startup GmbH, sollen sich neue Ideen für das gesamte Unternehmen entfalten: Das Team von ­Bepart will Städte und Bürger miteinander verbinden, mit ­Myscotty sollen Nutzer alle Ride- oder Bikesharing-Angebote auf einen Blick angezeigt bekommen, Light E-Mobility hat sich den Bau eines leichten elektrischen Antriebssystems zum Ziel gesetzt. Anders als es der Name vermuten lässt, versammelt Bosch in der Tochtergesellschaft keinen Accelerator, sondern größtenteils Mitarbeiter, die dort ihre eigenen innovativen Ideen verfolgen können. Unter dem Dach der Startup GmbH können sie diese umsetzen. „Wir sind ein Kosmos, der mehr Freiraum ermöglicht, als es die Strukturen in einem Großkonzern üblicherweise erlauben“, sagt Peter Guse, der Leiter der Abteilung. Eine klare Vorgabe etwa bei der Branche macht Bosch nicht. Einzige Voraussetzung: Die Geschäftsmodelle müssen skalierbar sein.

Schon vorher hat es sporadisch Innovationen bei Bosch gegeben. Zum Beispiel entstand 2009 der E-Bike-Bereich, 2011 kamen die ersten Angebote auf den Markt. Heute gilt die Sparte als Erfolgsgeschichte, erst kürzlich hat das Unternehmen das konkurrierende Startup Cobi übernommen. Aber so wie mit den Fahrrädern lief es nicht überall, manche Ideen funktionierten besser, manche schlechter. „Wir haben uns gefragt, wie wir den Erfolg dieser Innovation systematisch vermehren können“, sagt Guse. Die Startup GmbH ist die Antwort darauf, sie ist so etwas wie eine ausgelagerte Forschungsabteilung. Die Mitarbeiter bleiben  unter dem Dach von Bosch von der Idee bis zur Skalierung. Alles, was sie für ihr Geschäftsmodell brauchen, stellt der Konzern – Ingenieure, die die Prototypen bauen, Entwickler, die die digitalen Konzepte in Code gießen. Die Herausforderung besteht im Spannungsverhältnis zwischen schneller Skalierung und Großkonzern. „Wir haben uneingeschränkt dieselben Werte wie Bosch, aber mehr Eigenverantwortung und Agilität“, so Guse.

Bedeutet: Die Regeln, an die sich andere Bosch-Bereiche halten müssen, gelten in der riesigen Halle nicht unbedingt. Peter Guse nennt den Einkauf als Beispiel: Wenn der Konzern normalerweise einen neuen Lieferanten anheuern will, dann müssen dessen Bauteile vorab auf Qualität geprüft werden. Da kann es schon mal Wochen oder sogar Monate dauern, bis die Koopera­tion wirklich zustande kommt. Die hauseigenen Startups dürfen auch ohne lange Prüfung Bauteile einkaufen, die nicht mehr als eine vierstellige Summe kosten. Das verkürzt die Tage der Beschaffung auf ein bis zwei Tage – schon deutlich startuppigere Zeiten.

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Ein Kommentar
Urte Zahn
Urte Zahn

Kurze Frage: Wer ist eigentlich der zitierte Experte Herrmann?

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