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Reportage

Die Zukunft des Lernens: Wie die Digitalisierung die Bildung demokratisiert

Durch die Digitalisierung wandelt sich die Bildung so stark wie selten zuvor. Dabei geht es um weit mehr, als Schulen und Universitäten mit Tablets oder Laptops auszustatten.

11 Min.
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Grafik: flaticon / freepik

Mit Online-Kursen wird Bildung für alle zugänglich, Big Data erlaubt personalisiertes Lernen für jeden. Das ist ein Fortschritt, aber auch eine Herausforderung.

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Salman Khan ist eine Art Popstar. Mit seinen Videos erreicht er 40 Millionen Menschen, die Clips wurden rund eine halbe Milliarde Mal abgerufen. Geschafft er das nicht mit Musik, sondern mit Bildung: Auf der Webseite der Khan Academy können Menschen aus aller Welt mit rund 5000 Videos lernen, wie sie eine Algebra-Rechnung lösen oder was einen Entrepreneur ausmacht.

Es sind Menschen wie Khan, die auf den Kopf stellen, wie wir lehren und lernen: weg von exklusiven Angeboten für wenige hin zu globalen Massenprodukten; weg vom Einheitslernen nach striktem Lehrplan hin zur individuellen Förderung für jeden; weg vom Renommée der Eliteinstitutionen hin zu den Kompetenzen des Einzelnen. Ein Trend, der auch finanziell attraktiv geworden ist: Allein im vergangenen Jahr flossen fast zwei Milliarden US-Dollar in Education-Technology-Startups. Ein Angriff auf das Bildungsbürgertum, auf alte Eliten und etablierte Netzwerke. Viele von ihnen reagieren mit Abwehr und Verunsicherung. Manche sprechen gar von einem digitalen Tsunami, der das Bildungsideal Wilhelm von Humboldts zerstöre.

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Das Gegenteil ist der Fall. Humboldt hätte an der Digitalisierung Gefallen gefunden. Der große Reformer des 19. Jahrhunderts wollte „Bildung für alle“ als Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben und schuf in Deutschland das allgemeine Schulwesen. Sein unerfülltes Ideal: Wer gut ist, kommt weiter, egal, wo er herkommt. Diese Demokratisierung wird nun möglich. Dank digitaler Mittel erhalten bisher Abgehängte Zugang zu günstiger und personalisierter Bildung.

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Davon profitieren derzeit allerdings hauptsächlich Schüler und Studenten in den USA, Asien und Südamerika. Dort nutzen immer mehr Initiativen die neuen digitalen Möglichkeiten und verändern Lehren und Lernen. In Deutschland ist davon noch wenig zu spüren. Es fehlt das Gefühl der Dringlichkeit, die Erkenntnis, dass digitales Lernen keine zusätzliche Belastung, sondern ein Teil der Lösung ist. Deutsche Lehrer sind laut der internationalen Vergleichsstudie ICILS nicht nur schlechter ausgebildet im Umgang mit Computertechnologien, sondern auch deutlich medienskeptischer als ihre Kollegen in 19 Vergleichsländern. Hierzulande gibt es kaum Erfahrungen mit dem Einsatz neuer Medien; in keinem der untersuchten Länder werden Computer seltener im Unterricht genutzt. Auch an den Hochschulen sieht es nicht besser aus. Mancherorts bedeutet digitale Innovation, die überfüllte Einführungsvorlesung per Live-Streaming ins benachbarte Kino zu übertragen. Orientierten sich einst andere Länder an der deutschen Reformpädagogik, läuft unser System nun Gefahr, abgehängt zu werden.

Dabei stehen auch wir vor Herausforderungen, bei deren Bewältigung neue Technologien helfen können: Inklusion, Zuwanderung, der Run auf die Gymnasien – das alles führt dazu, dass die Schulklassen heterogener und individuelle Förderung wichtiger werden. Jeder Schüler lernt anders. Deswegen ist der eine über- und der andere unterfordert, wenn alle im gleichen Tempo im gleichen Raum mit den gleichen Methoden und dem gleichen Ziel unterrichtet werden. Ähnliches gilt für die Hochschulen. Mehr als jeder zweite Schulabgänger schreibt sich heute ein, das Studium wird zum Normalfall. Die Hörsäle sind überfüllt, die Abbrecherquoten hoch, die öffentlichen Kassen leer, und mit allein in Deutschland mehr als 18.000 Studiengängen ist die Auswahl längst unüberschaubar. Das Schulsystem kämpft mit der Vielfalt der Schüler, das Hochschulsystem mit der Masse der Studenten.

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Es sind Geschichten aus dem Rest der Welt, die Hoffnung machen auf mehr Teilhabe. Denn auch wenn das deutsche Bildungswesen einzigartig ist, seine Herausforderungen sind es nicht.

Grafik: flaticon / freepik

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Zugang für alle

Die Stanford University im Silicon Valley gilt als eine der besten Universitäten der Welt. Wer hier studiert, der hat es geschafft. So innovativ das Umfeld der Hochschule in Kalifornien ist, so traditionell funktioniert die akademische Welt: Gelehrt und gelernt wird ganz klassisch in Hörsälen und in der Bibliothek. Die beiden Professoren Sebastian Thrun und Peter Norvig wagten 2011 etwas Neues: Sie brachen mit der Exklusivität der Eliteuniversität und boten ihren Kurs „Einführung in die künstliche Intelligenz“ nicht nur auf dem Campus, sondern auch im Internet an – kostenlos, als MOOC, als massive open online course. Mehr als 160.000 Menschen aus 190 Ländern schrieben sich ein. Sie alle hörten dieselben Vorlesungen, erhielten dieselben Übungsaufgaben und legten dieselben Prüfungen ab wie die Studenten auf dem Campus, nur online. Ein Computer korrigierte die Übungen, die Studenten diskutierten Fragen in Foren. 23.000 Studenten bestanden die Abschlussprüfung und erhielten ein Zertifikat.

Das eigentlich Revolutionäre dieses MOOC ist allerdings nicht, wie viele Teilnehmer es gab, sondern woher die besten kamen. Unter den 248 Studenten mit Spitzennote war kein einziger aus Stanford. Deren Topstudent belegte im Abschlussexamen lediglich den 413. Platz. Zu den erfolgreichen Onlineabsolventen gehörte auch Khadija Niazi aus Pakistan. Sie war bei der Abschlussprüfung erst elf Jahre alt. Für das Studium brauchte sie nur einen Computer, schnelles Internet und viel Durchhaltevermögen. Für sie und viele andere war Spitzenbildung bisher unerreichbar. Nun verschaffen wenige Mausklicks Zutritt zum Wissen der Welt.

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Doch MOOCs sind nur der Anfang. Solange die abgefilmte Vorlesung im Internet selten mehr ist als ein digitaler Klon des analogen Formats, zahlt sich der theoretisch breitere Bildungszugang nur für die besonders Fähigen und Motivierten aus. Das belegen die heutigen Teilnehmer der MOOCs; die meisten von ihnen haben das akademische System bereits kennen und schätzen gelernt. Der typische Onlinelerner in Europa und den USA ist weiß, gut situiert, gebildet und hat meist schon einen Hochschulabschluss.

Bisher erreichen MOOCs nur selten neue, an Hochschulen unterrepräsentierte Gruppen. Solange wir es nicht schaffen, digitale Lerninhalte und Lernwege individuell an Lernstil, -tempo und -ziel anzupassen, wird die Demokratisierung der Bildung unvollendet bleiben. Wissen digital zugänglich zu machen, ist nur der erste Schritt der Bildungsrevolution. Der nächste heißt Personalisierung.

Personalisiertes Lernen

80 Prozent der Schüler an der David-Boody-Schule im New Yorker Stadtteil Brooklyn bekommen ein kostenloses Mittagessen; sie stammen aus einer sozial schwachen Familie, haben oft einen Migrationshintergrund und benötigen beim Lernen Unterstützung. Jeder hier bräuchte seinen auf ihn persönlich zugeschnittenen Unterricht. Seit vier Jahren bekommen alle Schüler genau das. New Classrooms heißt das Konzept, das auf digitalisierte Lerneinheiten statt Frontalunterricht setzt, um jeden bei seinem Wissensniveau abzuholen. In einem Raum, der sich über ein ganzes Stockwerk erstreckt, lernen etwa 90 Schüler Mathe an wechselnden Stationen: Die einen schauen Videos, die anderen nutzen Lernsoftware, andere arbeiten in Gruppen oder sprechen mit dem Lehrer.

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Das Besondere ist allerdings nicht, wie vielfältig die Lernmethoden sind, sondern die automatisierte Personalisierung: Am Ende eines Tages legt jeder Schüler einen kurzen Onlinetest ab. So kann ein Zentralcomputer in Manhattan über Nacht errechnen, welcher Schüler noch nacharbeiten muss und welche Methode die beste dafür ist. Daraus entsteht ein individueller Lernplan für den nächsten Tag, den die Schüler morgens über große Monitore an den Wänden erfahren. Die Technik verändert die Rolle des Lehrers: vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter.

Die Mathelehrerin Kelly Basacci genießt die neue Art des Unterrichtens: „In traditionellen Schulen ist man als Lehrer oft auf sich allein gestellt. Hier arbeiten wir alle zusammen, sprechen ständig miteinander, wie man mit einem bestimmten Schüler umgehen sollte, wie man eine Lektion am besten rüberbringt.“ Das sieht auch Schulleiter Dominick D‘Angelo so: „Das Material wird bereitgestellt – das macht den Job so viel einfacher, und die Lehrer können sich auf das konzentrieren, worin sie am besten sind: lehren.“ Mit beachtlichem Erfolg: Bevor an der David-Boody-Schule New Classrooms Einzug hielt, lag die Leistung der Sechstklässler in Vergleichstests knapp unter dem Durchschnitt vergleichbarer Schulen. Heute lernen die Schüler von New Classrooms knapp anderthalbmal so viel pro Jahr wie Schüler im nationalen Mittel.

Auch in Uruguay muss sich nicht mehr der Schüler an das Lehrbuch anpassen, sondern das Lernprogramm an den Schüler. Dort hat die Regierung beschlossen, an allen öffentlichen Schulen für den Mathematik-Unterricht eine interaktive Lernsoftware einzuführen. Zu Beginn erfasst diese den individuellen Leistungsstand eines jeden Schülers und teilt ihm passende Übungen zu. Je nach Lernfortschritt werden die Lektionen anspruchsvoller, es entstehen ganz persönliche Lernpfade, bei Problemen erklärt das System die Rechenfehler. Mit dessen Hilfe gewinnen die Lehrer Zeit fürs Wesentliche. Sie unterrichten Schüler statt Inhalte, können unterstützen, wo es nötig ist – nicht zuletzt bei Fragen des sozialen Miteinanders oder persönlichen Problemen.

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Das Lernprogramm heißt Bettermarks und wurde in Berlin entwickelt, anders als im Andenstaat arbeiten hierzulande aber gerade einmal 200 Schulen mit der Software. „Uruguay ist das Finnland Südamerikas. Da könnten wir uns in Deutschland in puncto individueller Förderung mit Hilfe von Lernsoftware doch ein Beispiel nehmen“, sagt Bettermarks-Gründer Arndt Kwiatkowski.

Studienerfolg durch Big Data

Die Austin Peay State University, nordwestlich von Nashville, Tennessee, ist eine kleine Hochschule mit großen Ambitionen. Sie berät ihre zehntausend Studenten so ähnlich wie Amazon seine Buchkäufer: Aus dem Angebot Hunderter Vorlesungen und Seminare schlägt die Software Degree Compass jedem geeignete Kurse vor. Dazu vergleicht sie die bisher belegten Veranstaltungen und absolvierten Prüfungen mit den Leistungen früherer Studenten. Mit der Erfahrung aus mehr als 500.000 Datenpunkten empfiehlt das Programm dann die passendsten Kurse. Dabei berücksichtigt die Software natürlich die Studienordnung, aber auch, dass ein Student etwa dienstags nicht kann, weil er jobbt.

Der größte Mehrwert des Degree Compass ist sein prognostisches Können: Die Software rechnet aus, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Student einen Kurs bestehen wird; sie kann sogar die Abschlussnote vorhersagen. „Ein Vergleich der Noten vor Einführung des Systems mit denen von heute zeigt: Signifikant mehr Studenten schaffen die Kurse. Dies gilt besonders für Studenten aus finanziell schwachen Haushalten“, sagt Universitatskanzler Denley. Tatsächlich bestehen 90 Prozent der Studenten, die das Programm nutzen, ihre Prüfungen. Gerade für Jugendliche ohne akademisches Elternhaus, die bislang oft im System gescheitert sind, bietet die Software Orientierung – der Algorithmus weist den Weg und mindert das Risiko des Studienabbruchs.

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Programme wie der Degree Compass versprechen große Erfolge – gerade für Hochschulen, die sich mit ihren Angeboten gezielt an Bildungsferne richten. Sie sind aber auch eine große Verpflichtung: Big Data darf weder zur vollständigen Überwachung noch zur Entmündigung führen. Algorithmenbasierte Empfehlungen sind nur akzeptabel, wenn der Kern der Privatsphäre gewahrt und die endgültige Entscheidung Sache des Studenten bleibt.

Computerspiele statt Zeugnisse

„Abschlussnoten sind wertlos bei der Personalauswahl. Wir haben festgestellt, dass sie rein gar nichts vorhersagen“, sagt Laszlo Bock, Personalchef von Google. Big-Data-Analysen zeigten, dass weder der Abschluss an sich noch das Renommée einer Universität entscheidend für den späteren Karriereverlauf sind. Knack, ein Startup aus dem Silicon Valley, versucht stattdessen, die Persönlichkeit eines Bewerbers mit Computerspielen zu erfassen. So lässt sich binnen 20 Minuten ermitteln, ob ein Bewerber für einen Job geeignet ist oder nicht. Als Wasabi Waiter kellnert er am Computer in einer Sushi-Bar. Die Gesichter seiner Gäste zeigen Trauer, Freude oder Zorn. Der Kellner soll jedem Gast das zu seinem Gemütszustand passende Sushi, erkennbar an Schildchen, servieren. Die Schwierigkeit: Die Zahl der Gäste wächst ebenso wie die Menge der Gefühle. Der Spieler muss darauf reagieren: Welche Gäste bedient er zuerst, wen lässt er warten?

Damit findet das Programm heraus, wie der Bewerber sich in Entscheidungssituationen verhält – wann er zögert, ob er aus Fehlern lernt, welche Prioritäten er setzt. Das gibt Aufschluss über seine Persönlichkeit. Mittels Algorithmen lässt sich daraus sehr präzise auf seine beruflichen Erfolgsaussichten schließen. Dazu ermittelt die Knack-Software aus dem Stellenprofil und den Erfahrungen mit bisherigen Mitarbeitern, was man können muss, um in dem ausgeschriebenen Job zu reüssieren. Das gleicht die Software mit den Spieldaten des Bewerbers ab. Bringt jemand die wesentlichen Fähigkeiten für einen Job mit, bekommt er die Stelle – unabhängig davon, wo und wie er gelernt hat oder wen er kennt.

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Das Zeugnis einer anerkannten Uni oder eines bekannten Arbeitgebers ist kein Garant mehr für einen guten Job. Anders als menschliche Personalvermittler, ist das Knack-Programm ein emotionsloser Beobachter. So eröffnen sich Chancen für diejenigen, die bislang wenige hatten. Es wächst aber auch die Unsicherheit. Für viele, die den klassischen Bildungsweg gegangen sind, wirft die Macht der Algorithmen alte Gewissheiten über den Haufen: Eine halbe Stunde Computerspielen wird plötzlich für die Karriere wichtiger als die bisherige Lebensleistung, als all die Jahre an Schule und Universität, als Hunderte geschriebene Klausuren und hart erarbeitete Abschlüsse und Titel.

Grafik: flaticon / freepik

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Wenn aber Fleiß und persönliche Anstrengung an Bedeutung verlieren, wirft das auch Fragen auf: Wofür lohnt sich dann noch die jahrelange Qual? Oder noch grundsätzlicher gefragt: Werden Algorithmen zwar durchschnittlich zu mehr Chancengerechtigkeit führen, aber gleichzeitig bestehende Abhängigkeitsmuster durch neue ersetzen? Und ist es wirklich für jeden gerechter, wenn über eine Einstellung nicht mehr die subjektive Einschätzung des Personalchefs, sondern die Wahrscheinlichkeitsrechnung entscheidet?

Digitaler Wandel als Chance

Diese vier Schlaglichter zeigen nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was die Bildung radikal verändert. Chancen entkoppeln sich von sozialer Herkunft. Humboldts Vision kann so globale Wirklichkeit werden. Digitale Bildung birgt aber auch Risiken: Der Lerner wird gläsern und hinterlässt Spuren im Netz; seine Daten können missbraucht werden. Der durchleuchtete Mensch, über dessen Bildungsweg Algorithmen entscheiden und der zum Objekt von Wahrscheinlichkeiten wird – das klingt mehr nach George Orwells Überwachungsstaat als nach Humboldts Bildungsideal.

Nur mit den richtigen politischen Weichenstellungen kann sich dieses Bildungsideal im digitalen Zeitalter neu entfalten. Damit wir die Daten beherrschen, statt von ihnen beherrscht zu werden, muss der rechtliche Rahmen für mehr Datensouveränität gesetzt werden. Wenn sich auch in Deutschland ein „digitales Ökosystem“ entwickeln und faire Teilhabe für alle keine Illusion bleiben soll, brauchen Bildungseinrichtungen Rechtssicherheit bei der Nutzung von Internet, digitalen Lernmaterialien und Geräten – statt hemmender bürokratischer Vorschriften. Deshalb sind Haftungsfragen zu klären, das Urheberrecht zu modernisieren und andere unzeitgemäße Regulierungen wie hochschulische Kapazitäts- und Lehrverpflichtungsverordnungen auf ihren heute notwendigen Kern zu reduzieren. Schulen müssen mit WLAN ausgestattet werden, Handys gehören nicht verboten, sondern als Arbeitsmittel auf den Tisch. Um alle Schüler digitalkompetent und datensouverän zu machen, braucht es eine Qualifizierungsoffensive für Lehrkräfte – dabei reicht es nicht aus, wenn einzelne Lehrer eine Fortbildung machen, ganze Lehrerkollegien müssen gemeinsam hinzulernen.

Nicht zuletzt braucht es mehr Mut zur Innovation. Deutschland sollte den Wandel anführen, statt ihn nur geschehen zu lassen. Die Amerikaner verfügen mit Harvard und Stanford bereits über die stärksten Bildungsmarken der Welt und sind im Begriff – so wie in der Digitalwirtschaft – nun auch in der Bildung globale Standards zu setzen. Dem muss Europa etwas Eigenes entgegensetzen und die Technik konsequent in den Dienst der Pädagogik stellen. Spezielle Förderprogramme oder Wagniskapitalfonds für Gründer im Bildungsbereich würden hier die notwendige Experimentierfreude befördern. All das wird aber nur gelingen, wenn wir die Digitalisierung als Chance begreifen: Der digitale Wandel ist kein Problem, sondern Teil der Lösung für mehr Chancengerechtigkeit.

Das Buch: Die digitale Bildungsrevolution
Die Digitalisierung stellt unser Bildungssystem auf den Kopf. Big Data erfasst Schulen und Universitäten, die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind gravierend. Anhand zahlreicher Beispiele zeigen Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt, was auf uns zukommt, welche Chancen sich jedem von uns bieten und welche Gefahren durch die Übermacht des Algorithmus drohen. Der Appell der Autoren: Um nicht den Anschluss zu verlieren, muss Deutschland die digitale Bildungsrevolution jetzt mitgestalten.
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Renate Hermanns

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