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Kolumne

Digitalisierung: Die Jugend handelt erwachsener als ihre Eltern

Jahrelang haben wir uns Sorgen um die Jugend gemacht und geglaubt, dass die Digitalisierung sie überfordert. Dabei handelt sie längst erwachsener als wir, meint Felix Schwenzel in seiner Kolumne für Irrelevanz.

Von Felix Schwenzel
3 Min.
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(Abbildung: Shutterstock / Eugene Partyzan)


„Technik löst Probleme, die wir ohne sie gar nicht hätten.“ Das ist ein Zitat von ­Harald Lesch, aber eigentlich eine ­Abwandlung eines sehr alten Witzes über Computer. Genau genommen ist es vor allem eine grobe Simplifizierung der ­Realität. Vereinfachung gehört nun einmal zu Harald Leschs Beruf als Fernseh­erklärbär. Denn natürlich löst Technik auch Probleme, die wir ohne sie hätten. Anders gesagt: Ohne Technik hätten wir ganz andere Probleme –, und sicherlich nicht weniger.

Derselben Logik folgend könnte man übrigens auch sagen, dass wir mit gesellschaftlicher Weiterentwicklung auf ­Probleme antworten müssen, die wir ohne den vorangegangenen gesellschaftlichen Fortschritt gar nicht hätten. Viele Witzbolde, Konservative, Sprachschützer oder Digitalverächter tun das auch. Dabei sind Reaktio­näre eigentlich gar nicht gegen das Neue, sondern nur gegen das neue Neue. Sie wünschen sich Zustände zurück, die in der Vergangenheit einmal neu waren. Das Problem mit dieser Weltsicht ist allerdings, dass wir mit Rückschritten zu altem Neuen vielleicht aktuelle Probleme ausräumen können, aber dafür auch wieder sehr viele alte, damals™ ungelöste Problemkisten öffnen müssten.

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Obwohl der Problemlösungswitz oben eine ärgerliche Simplifizierung ist, hat er, wie fast jeder Witz, doch einen wahren Kern. Der brillante Denker, Digitalisierungskritiker und Egomane Andrew Keen, der seit Jahren die Hybris, ­Arroganz, Maßlosigkeit und Egomanie der Silicon-­Valley-Unternehmer kritisiert, weist in der Kampagne für sein neues Buch auf ein grundsätzliches Problem des Fortschritts hin: „Die Geschichte der Menschheit zeigt, dass wir immer in die Zukunft hinein­stolpern, alles kaputt machen und es anschließend wieder in Ordnung bringen müssen. Wir haben 50 bis 100 Jahre gebraucht, um die Hauptprobleme des industriellen Kapitalismus zu lösen. Und mit einigen Problemen beschäf­tigen wir uns heute noch, etwa Umwelt­verschmutzung und Klimawandel.“

Nicht selten fällt es uns schwer, ­diese Probleme überhaupt zu erkennen, weil unsere Wahrnehmung und der gesellschaftliche Fortschritt nicht mit technischen Weiterentwicklungen ­mithalten können. Ebenso schwer fällt es uns, bereits erkannte Pro­bleme anzugehen: Lieber stolpern wir weiter voran – und halten uns, weil wir in Richtung Zukunft stolpern, für progressiv.

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Ich glaube durchaus, dass wir die ­Probleme, die uns Fortschritt und Technologie eingebrockt haben, mit mehr gesellschaftlichem und technischem Fortschritt lösen können. Die vergangenen Jahrtausende haben gezeigt, dass das mühsam ist, aber grundsätzlich funktioniert. Die Welt – und damit die Lebens­situation der Menschen – hat sich in den letzten Jahrhunderten durch technischen Fortschritt enorm verbessert: Wir werden mittlerweile im Schnitt über 70 Jahre alt, die Zahl der Menschen, die in extremer Armut lebt, hat sich in den letzten 20 ­ Jahren fast halbiert. Die aktuelle Klimakrise zeigt aber auch, dass Probleme nicht allein über persönliche (Konsum-)Entscheidungen gelöst werden können, sondern auch gesellschaftlich, politisch, am besten global angegangen und reguliert werden müssen.

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Nachdem wir alle die Klimakrise jahrzehntelang verdrängt und mögliche Lösungsansätze aufgeschoben und verstolpert haben, ist in den letzten Monaten Erstaunliches geschehen: Die (frei nach Andrew Keen) angeblich so narzisstische, Fast-Food-, Nikotin-, Spiel-, Porno- und Gadget-süchtige Jugend fordert, dass wir unsere politische Verantwortung für die Zukunft übernehmen.

Die Jugend, um deren Wohler­gehen wir uns angesichts der Digitalisierung und Vernetzung, der Allgegenwart von seichter Unterhaltung, Gewalt und Porno­grafie so große Sorgen gemacht haben, entscheidet sich erstaunlich bewusst, welche Apps oder Online­dienste sie nutzt und auf welche sie verzichtet. Sie hat erkannt, dass die Zukunft nicht vordringlich mit Jugendschutz, sondern mit politischem Handeln zum Klimaschutz gerettet werden muss. Es ist ­paradox, aber wir leben in einer Zeit, in der Jugend­liche den Erwachsenen zeigen, was es bedeutet, ­erwachsen zu handeln: Nämlich Technologie und Fortschritt nicht als Selbstzweck zu sehen, sondern als Gestaltungs­mittel für die Zukunft.

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Wenn wir endlich so erwachsen werden wie die Jugend, ­können wir mit ­Technologie auch wieder ­Probleme ­lösen, die wir ohne Technologie nicht lösen könnten.

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