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Information Overload: Eine moderne Legende

Zweitausend Jahre ist es her, als Platon im Phaidros beschrieben hat, wie Sokrates gegen das neue Medium Buch wetterte, es werde das Denken schädigen. Zwei Millenien später bricht FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in seinem Buch „Payback“ die Argumente Sokrates' mit Hilfe der Neurowissenschaften und der Psychologie auf das Internet herunter. Und zettelt damit die Diskussion um einen „Information Overload“ erneut an.

Das Internet zermartere das Gehirn und die Informationsflut habe einen schlechten Einfluss auf unsere geistigen Fähigkeiten. So trivialisiert Schirrmacher [1] Sokrates' Thesen und unterfüttert sie mit mehr oder weniger „harten“ Fakten. Über die enorme Arbeitsverdichtung oder den Stress durch Entlassungen, Mobbing und Angst weiß Schirrmacher allerdings nichts zu berichten. Die Informationstechnologie, die Algorithmen und das Datennetz trügen allein die Schuld an den Überlastungen der Menschen im dritten Jahrtausend.

Worüber reden wir eigentlich? Die beiden Sätze „Haben Sie mal eine Tonne Information?“ und „Die brauche ich, um ein Pfund Wissen zu produzieren“ machen ein Problem deutlich: Wenn viele Buchstaben und Zahlen geordnet werden, entstehen Daten, Wörter, ganze Sätze oder Texte. Aber auch ein Nicken mit dem Kopf oder ein Hochziehen der Augenbraue gilt als Information. Im Internet bezeichnen die einschlägigen Autoren eine besondere Häufung von codierten Zeichenketten pro Zeiteinheit als Information Overload. Unschwer zu erkennen, dass dabei das uralte Bild des Speichermangels eine leitende Idee war.

Früher hatten Computer klitzekleine Speicher und Datenträger. Die Bewegung der Demokünstler macht aus dieser Begrenzung jedes Jahr einen 64k-Intro-Wettbewerb und kürt diejenigen zu Siegern, die in weniger als 65.536 Bytes eine künstlerisch und technisch aufwändige Animation realisieren. Bis vor einiger Zeit wurden die Siegerprojekte dann als Intros für Computerspiele eingesetzt – daher der Name.

Rauschen im Datenstrom

Informationstheoretiker bedienen sich gerne der Nachrichtentheorie und bezeichnen den Zufluss von Wörtern als Signal. Unwichtiges gilt dabei als Rauschen. Messgröße ist dann das Signal-Rausch-Verhältnis. Ist dieses besonders niedrig, also viel Rauschen im Datenfluss, bezeichnen sie diesen Zustand als Information Overload. Dabei ist zu beachten, dass der Begriff von einem Schriftsteller und Futurologen kommt und nichts mit Naturwissenschaft zu tun hat.

Da man bei der Entwicklung des Computers das damalige Verständnis des Gehirns zum Vorbild nahm, existiert im täglichen Sprachgebrauch noch heute eine enge semantische Verbindung zwischen Hirn und Rechner; leider sogar bis in die wissenschaftliche Welt. Umso unverständlicher scheint es, wenn einige Menschen heute das Gehirn in Begriffen und Grenzen des Computers begreifen. Denn wir wissen heute deutlich mehr über das Gehirn als damals. Wenn auch noch nicht alles. So weiß man heute etwa, dass das Gehirn gar nicht in der Lage ist, all die sensuellen Differenzen zu verarbeiten, die unsere Sinne über Augen, Nase, Ohren und Co. erfahren. Es gibt einen vorbewussten Filtermechanismus, dessen Überreste wir wahrscheinlich im Traum erleben.

Virtuelle Überfütterung

Der Philosoph Arthur Schopenhauer nahm im 19. Jahrhundert vorweg, was Sigmund Freud knapp 100 Jahre später mehr oder weniger als Remix dieser Ideen über den Geist und das Bewusstsein in seiner Psychoanalyse definierte. Zentral war dort das Unbewusste als Urgrund allen Verstehens. Information besteht im Fall des Internets aus strukturierten Wörtern. Diese Sätze sind in der Sprache kodifiziert mit Grammatik, Syntax, Semantik und Pragmatik, dem wichtigsten Part. Ohne die Pragmatik hat niemand einen lebensweltlichen Bezug zu den Wörtern. Denn die hohe intellektuelle Leistung des Verstehens geschriebener Wörter passiert nicht im Unbewussten. Die Sprache können wir bequem ausblenden und der Körpersprache eines Redners vertrauen. Und das tun wir auch. Denn viele Entscheidungen fällen wir auf diese „unterirdische“ Weise, die besonders findige Experten als heuristisch oder intuitiv bewerten.

Mit der begrenzten Menge an Sätzen, die Menschen erfassen können, befassen sich auch Experten. Sie bezeichnen das Web wahlweise als krank machendes oder als heilsames Mittel, um unser Gehirn zu überfluten. Im positiven Sinn ist diese Flut dann ein probates Mittel, um Einsamkeit, Sprachlosigkeit, soziale Ausgrenzung oder gar Entmündigung zu überwinden. Krank machend ist das Internet wie bei den alten Humanisten, die erklärten, dass die Dosis das Gift mache. Zeitung lesen sei nach dieser Ansicht heilsam, das Lesen im Web hingegen eher krankheitsfördernd; bis zur Gehirnerweichung.

Die Hebelwirkung dieser Argumentation setzt bei den Push- und Pullfaktoren an. Denn die Zeitung könne man ja jederzeit weglegen, das Web nicht. Generationen von Kindern haben ihre Eltern beim Frühstückstisch nur mit Zeitung vor der Nase erlebt – vor allem sonntags. Es wird deutlich, dass diese Bewertungen des Problems auf eine kaum taugliche Weise an einer Oberfläche kratzen, deren Untersuchung besondere Probleme mit sich bringt. Wer etwas untersucht, sollte aus wissenschaftlich-methodischen Erwägungen eine Distanz zum Untersuchungsgegenstand wahren. Sei es, wenn ein denkender Mensch das Denken beobachten will oder ein wahrnehmungsabhängiger Geist die Wahrnehmung selbst ins Visier nimmt. Sowohl aussagenlogisch als auch methodisch begeht derjenige einen Fehler, der glaubt, man könnte dem Sehen beim Sehen zuschauen oder dem Hören beim Hören zuhören.

Information Overload

Ein Netz verfügt über eine technische Barriere: die Bandbreite der zu übertragenden Daten. Auch ein Empfänger verfügt über eine solche Barriere: Zum einen ist das die Fähigkeit, Daten zu speichern, zum anderen die Funktion, sie einer dezidierten Ordnung unterwerfen zu müssen. Genau das tut nämlich das Unbewusste in uns. Als eine Art Hintergrund dessen, was wir erlebt haben oder bereits kennen, filtern wir nur das heraus, was verarbeitbar ist.

Zum Vergleich: Wer in einem Gitarrenladen den Kammerton A singt, kann erleben, dass alle korrekt gestimmten Gitarren mit der zweiten Saite mitschwingen. Wer hundert Sänger mitnimmt, die alle ein bisschen daneben singen, der wird auch alle Gitarren zum Schwingen bringen, die nicht oder nicht richtig gestimmt sind.

So verarbeiten wir also nur die Informationen, die vor dem Hintergrund unserer Vergangenheit Sinn machen. Das Bild vom Überlaufen des Speichers stimmt nur bei jenen Leuten, die Angst haben, etwas zu verpassen. Das sind die Gitarren, die permanent ihre Saiten neu stimmen, in der Hoffnung, dass man mit allen Sängern, die in den Laden kommen, ein Mensch-Gitarre-Duett singen könnte. Aber das liegt weder in der Bestimmung der Kunden noch in der Idee eines Musikinstruments.

In der Wirklichkeit kann der Mensch aber nur das einordnen, was ihm, seinem Vorwissen und seinem aktuellen Relevanz-Beuteschema dient. Wer also mit der Einstellung, allen Menschen nahe sein zu wollen, auf das Oktoberfest geht, der wird dasselbe Problem des Information Overload erleben, wie Schirrmacher und Kollegen es beschreiben – ganz ohne Web.

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Eine Reaktion
Christian

Nicht ganz neu, aber interessant: Abseits der Philosophie gibt es einige v.a. neurobiologische Ansätze, die das Thema anders (und wenn man so will wissenschaftlich fundierter) beleuchten:

http://www.amazon.de/Shallows-What-Internet-Doing-Brains/dp/0393072223/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1318921103&sr=8-2

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