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t3n 22

Friendticker-Mitgründer über Copycats, Frisöre und Gründerlehren

Das deutsche Startup Friendticker hatte zum Zeitpunkt unseres Gesprächs gerade eine siebenstellige Finanzierungssumme bekommen und will den Check-In-Markt in Deutschland aufrollen. Wir haben uns mit dem Mitgründer Florian Resatsch über die deutsche Startup-Szene unterhalten, wo sie besser ist, als man denkt und woran es hakt. Außerdem verrät er im Interview, wie die Friendticker-Gründer ihr Projekt zunächst mit Eigenmitteln auf die Beine gestellt haben und welches ihre wichtigste Lehre aus jetzt drei Jahren Startup ist.

Die Friendticker-Chefs im Büro in Berlin: Martin Pischke, Uwe Sandner, Florian Resatsch (v.l.n.r.)“
Die Friendticker-Chefs im Büro in Berlin: Martin Pischke, Uwe Sandner, Florian Resatsch (v.l.n.r.)“
t3n Magazin: Bei Friendticker geht es darum, sich an den Orten „einzuchecken“, an denen man sich befindet. Man teilt also mit, wo man gerade ist. Warum sollte man das überhaupt tun?

Florian Resatsch: Zum einen gibt es den Kommunikationsaspekt: Wo sind gerade Freunde in der Umgebung? Oder wenn man in eine Stadt fährt, kann man sehen, wo die eigenen Freunde schon einmal waren. Das kann man als eine Art Empfehlungsmarketing ansehen. Und dann haben wir noch ein Belohnungssystem ergänzt, das sich beispielsweise im Gegensatz zu Foursquare auf reale Güter bezieht und nicht auf virtuelle. Bei virtuellen Gütern verliert man nach einer Weile das Interesse. Bei uns kann man Gutscheine bekommen, Eintrittskarten, DVDs und einiges mehr.

t3n Magazin: Apropos Foursquare: Friendticker wird natürlich mit den amerikanischen Konkurrenten verglichen. Ist Friendticker denn eine dieser „Copycats“, die nur amerikanische Ideen übernehmen?

Florian Resatsch: Bei uns ist das so: Wir hatten bereits einen Check-In-Dienst, noch lange bevor Foursquare live war. Das war Ende 2008 und der funktionierte mit QR-Codes und RFID-Chips. 200 entsprechende Sticker hatten wir in Berlin-Mitte an Locations angebracht und mit denen konnte man eine mobile Website aufrufen und das Ganze an Facebook pushen. Handys mit RFID-Empfänger sind allerdings nie im Massenmarkt angekommen. Letztlich haben wir das auf Geolokalisierung und das iPhone umgestellt. Das Neue am iPhone war zu dem Zeitpunkt, dass es alles integriert. Es fragt automatisch alles ab, um den Ort zu ermitteln. Damit konnte man dann spielen. Und wir haben uns gesagt: Dafür müsste ein Markt da sein. 2009 haben wir begonnen, Friendticker zu bauen. Im August 2009 haben wir mit der Umsetzung richtig angefangen und live gegangen sind wir im April 2010.

t3n Magazin: Und wie stehen Sie allgemein zur Diskussion, deutsche Startups seien nicht innovativ genug?

Florian Resatsch: Aus meinem Berliner Blickwinkel finde ich die deutsche Startupszene sehr aktiv. Man trifft die anderen Gründer häufig, man hat einen tollen Austausch und profitiert von den Erfahrungen der anderen. Man lernt dabei auch, dass eine Idee wenig wert ist. Auf die Durchführung kommt es an. Schwierig wird es in Deutschland bei der Finanzierung. Du hast immer damit zu kämpfen, dass du weniger Geld bekommst als US-Startups. Konkurrent Gowalla beispielsweise hat eine Finanzierung über 8 Millionen US-Dollar bekommen. Foursquare hat gerade 20 Millionen bekommen. Mit solchen Summen kann man in Deutschland nicht rechnen. Und die Prozesse dauern länger, bis man das Geld hat. Nicht zuletzt ist die Risikobereitschaft geringer. Man wartet praktisch darauf, dass ein amerikanisches Erfolgsmodell da ist. Aber damit blockiert man Innovation. Und dann hat man natürlich oft das Gefühl, es werde kopiert, obwohl die Ideen vielleicht zeitgleich entstanden sind. Ich glaube, es gibt ganz tolle und intelligente Startups aus Deutschland.

t3n Magazin: Stört es Sie denn nicht, oft als „Copycat“ abgestempelt zu werden?

Florian Resatsch: Die Amerikaner sind jedenfalls positiver eingestellt, finde ich. Wenn ich allein diesen Begriff „Copycat“ in Deutschland lese: Warum sieht man das so? Das ist doch ein neues Startup, das etwas macht. Wir hatten keine 1:1-Kopie, unabhängig davon, ob wir vorher schon da waren oder nicht. In den USA sagt jeder: „Hey cool, dass ihr etwas macht.“ Meine Meinung: Jeder Frisör ist die Kopie eines anderen Frisörs. Da sind die Leute doch auch begeistert. Ich finde es schade, dass da in Deutschland so schnell Bashing kommt.

t3n Magazin: Zum Thema Finanzierung: Wie wurde denn Friendticker auf die Beine gestellt?

Florian Resatsch: Wir haben stark auf Bootstrapping gesetzt, also darauf, Friendticker aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Dafür haben wir eine Weile Projekte für Unternehmen und Institutionen umgesetzt und das Geld daraus zu 100 Prozent in das Projekt gesteckt. Dazu kamen einige kleinere Investoren, die schon bei unserem vorherigen RFID-Projekt dabei waren. Jetzt Ende Oktober 2010 kam mit der A-Finanzierungsrunde noch einmal eine siebenstellige Summe hinzu, worüber wir uns natürlich sehr freuen. Bislang hatten wir nur wenig Ressourcen, auch bei den Programmierern für die Apps.

t3n Magazin: Wie habt Ihr den Dienst bekannt gemacht? Gab es ein Marketingbudget?

Florian Resatsch: Wir hatten bisher kein Marketing gemacht. Deshalb nervt man als erstes alle seine Freunde, damit sie den Dienst ausprobieren. Dann lief auch viel über die Presse. Wenn man ein Thema besetzt, das relativ spannend ist, kann man mit der Presse viel machen. Ansonsten muss man darauf setzen, dass das Produkt viral wächst. Das ist nicht immer so schnell und nicht immer so kontinuierlich, wie man sich das wünschen würde. Man versucht natürlich, Möglichkeiten zu schaffen, wie der Nutzer aus der App heraus etwas verschicken kann, seine Freunde einlädt usw. Man hofft, dass den Leuten die App gefällt und sie sie weiterempfehlen – auch in den Medien und auf entsprechenden Websites. Wir halten außerdem oft Vorträge und sind auf Veranstaltungen. Wir werden auch noch Leute an die Unis schicken und zudem direkt vor Ort ins Marketing gehen. Und es gibt wichtige Kunden und Kampagnen, mit denen wir wachsen. Für eine Filmpromotion der Coen-Brüder musste man sich beispielsweise an sieben Punkten in Berlin einchecken, dann bekam man eine DVD. Mit ein bisschen Glück haben wir also Werbekunden mit so interessanten Aktionen, dass wir darüber selbst wieder bekannter werden. Wir können dann mit den Werbekunden wachsen. Es darf nur nie zu werblich werden. Unser Nutzer muss schon Spaß haben. Deswegen haben wir pro Location meist nur ein bis zwei „Items“. Denn es soll ja kein reines Marketingtool sein. Darauf achten wir bei der Menge und Auswahl der Kampagnen.

t3n Magazin: Wer sind die Nutzer von Friendticker?

Florian Resatsch: Angefangen haben wir mit dem 30-jährigen Stadtbewohner, weil der schon ein Smartphone hat. Jetzt gehen wir in die jüngere Zielgruppe, weil die mehr Interesse an den Goodies hat, die man bei uns bekommen kann. Entsprechend wachsen wir am stärksten bei den 20- bis 25-Jährigen. Günstig ist für uns der Preisverfall bei Smartphones. Viele weitere Zielgruppen werden sich ein Smartphone leisten können. In ein bis zwei Jahren werden praktisch nur noch Smartphones am Markt sein. Hinzu kommen die vielen Tablet-PCs. Das iPad ist hier der Anfang, jetzt kommen andere nach. Der Gerätemarkt ist also da. Hinzu kommen die günstigeren Flatrates. Dann wird mobiles Surfen zur Normalität. Und dann wird es für uns auch spannend, weil wir mit jedem neuen Nutzer mehr Reichweite generieren.

t3n Magazin: Weiß denn der Normalnutzer schon, was ein „Check-In“ ist?

Florian Resatsch: Nein, das steckt noch in den Kinderschuhen. Der Begriff Check-In ist heute mit solchen Dingen wie Flugbuchung oder Hotel belegt. Um den Nutzern das beizubringen, müssen wir mehr Marketing machen. In den Apps werden wir künftig auch noch besser erklären, warum ein Check-In eine gute Sache ist.

t3n Magazin: Zugleich wird die Konkurrenz immer schärfer. In Deutschland ist Qype mit eingestiegen und international will nun auch Facebook mitmischen. Wie positioniert sich Friendticker da?

Florian Resatsch: Gowalla beispielsweise haben wir in Deutschland schon weit überholt. Bei den Check-Ins sind wir erheblich größer. Ich denke auch, dass wir die Zahlen von Foursquare bald erreichen werden. Foursquare ist dabei klar ein Konkurrent, weil sie den Punkt „Freunde in deiner Umgebung“ ebenfalls betonen. Unseren Service kann man allerdings auch nutzen, ohne Freunde hinzuzufügen. Man sammelt einfach nur die Items und tauscht sie ein. Mit komplementären Firmen möchten wir außerdem zusammenarbeiten. Mit Qype kooperieren wir bereits. Auch Facebook Places ist interessant, damit Check-Ins von Friendticker dort erscheinen und man Check-Ins von Facebook bei Friendticker eintauschen kann. Wir sehen Facebook also nicht primär als Konkurrenz. Es gibt beispielsweise Friendticker-Nutzer, die nur ausgewählte Check-Ins an Facebook melden. Schließlich will nicht jeder meiner Facebook-Freunde jeden meiner Check-Ins sehen.

t3n Magazin: Wie sieht es mit dem Thema Internationalisierung aus?

Florian Resatsch: Erst einmal geht es um die deutschsprachigen Gebiete, technisch funktioniert es auch anderswo. Bevor wir in eine neue Region gehen, brauchen wir natürlich ein entsprechendes Angebot an Goodies, sonst ist es wie ein leerer Supermarkt. In der Planung ist erst einmal Kerneuropa, aber wir schauen da noch. Wir finden: Man muss erst einmal einen Markt richtig gut bedienen und das Produkt verbessern, dann kann man weitersehen.

t3n Magazin: Was haben Sie und Ihre beiden Mitgeschäftsführer für Lehren aus der Zeit seit 2007 gezogen?

Florian Resatsch: Ach, die Lehren aus Startups ähneln sich ja oft. Aber wir haben ein Grundprinzip entwickelt: Vertraue nie darauf, wenn du einen Deal machst und jemand sagt: „Wir kriegen das schon hin.“ Immer nachfragen: Wie genau kriegen wir das denn hin? Man muss sich als Startup genau rückversichern, ob der Partner das wirklich liefern kann und ob er die Entscheidung treffen darf und man muss alles so festhalten, wie es vereinbart wurde. Sonst wartet man lange auf Dinge, die nie passieren. Also: Erwartungshaltungen immer abgleichen. Ansonsten gilt natürlich: Produkt schnell iterieren, aus Fehlern früh lernen. Es ist nie die Technik, die etwas bestimmt, sondern das ganze Produkt. Und man kann das Produktkonzept nicht festschreiben. Und auch ganz wichtig: Kein Startup gründen, wenn man nicht auch selbst operativ ganz viel Hand anlegen möchte.

t3n Magazin: Lohnt es sich denn, Gründer zu sein?

Florian Resatsch: Es ist auf jeden Fall eine sehr lohnenswerte Erfahrung. Eine solche Erfahrungs- und Lernkurve hat man sonst nirgends. Selbst wenn man von seinen vorherigen Jobs dachte, man kenne alles, muss man es doch immer anpassen und neu machen. Ich denke, man darf es nicht wegen des Geldes machen. Wenn man gute Arbeit macht, minimiert man jedenfalls das Risiko.

t3n Magazin: Gibt es Vorbilder oder Leitlinien?

Florian Resatsch: Wir haben eine Vision, wo es hingehen soll. Und ich glaube, dass sich bei jedem Startup automatisch eine eigene Kultur herauskristallisiert. Die Gründer sind hier ganz wichtig. Es muss Rollen im Gründerteam geben: einen Extrovertierten, der immer redet, einen, der im Hintergrund die Prozesse managt, und einen, der die Technik versteht. Wenn man die drei zusammen hat, kann man viel erreichen. Ich bin überzeugt: Man braucht drei Leute, um ein Unternehmen zu gründen. Der Druck für einen allein oder auch für zwei ist schwer zu ertragen.

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Eine Reaktion
wulf-gang

Jetzt soll man der Werbung und den Gewinnspielen schon hinterherlaufen. Da mach ich nich mit...

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