Trendreport

Fortnite: Vom Videospiel zum sozialen Massenphänomen

(Screenshot: Epic Games)

Fortnite ist nicht nur ein riesiger Erfolg für die Gaming­industrie. Es wirft auch die Frage auf, ob ein Videospiel mit einer ­ähnlich hohen Reichweite wie Twitter nicht einen neuen digitalen Raum definiert. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus?

Als ein New Yorker Paar im September 2018 seine Hochzeit ­feiert, hält der anwesende Fotograf eine Szene auf der Tanzfläche fest: Vier Jungs, gerade erst Teenager geworden, stehen in Hemden – einer sogar im Anzug – beieinander, strecken die Arme aus, ­lachen sich gegenseitig an. Die meisten Kinder auf der Hochzeit, so schreibt der Bräutigam, Anoop Ranganath, später auf Twitter, hätten sich nicht einmal gekannt. Trotzdem trafen sie sich auf der Tanzfläche, denn: „Sie wussten alle, wie man Floss tanzt.“ Ohne sich zu kennen, tanzten die Vier einen der bekanntesten Tänze aus dem Videospiel Fortnite.

Drei Monate später wird sich Ranganath in genau dieses Spiel einloggen und es zusammen mit dem zwölfjährigen Sohn eines Freundes spielen. Mit dabei: die Teenagerfreunde des Jungen, alle über einen Sprachchat verbunden. Und während Ranganath versuchen wird, das Spiel zu gewinnen, erlebt er sprachlos mit, was die Jungs machen: Nicht der Ehrgeiz treibt sie ins Spiel, sondern das soziale Miteinander. Sie zeigen sich einen neuen Song und diskutieren diesen, anstatt sich zu konzentrieren. Die Spielwelt sei für die Kids nur noch Hintergrundrauschen, stellt Ranganath fest: „Die hängen in Fortnite ab, so wie wir früher in Kellern und Hinterhöfen.“ Nach der Partie wird er das Tanzfoto von seiner Hochzeit heraussuchen und mit einigen Gedanken auf Twitter veröffentlichen. Sein Fazit: „Fortnite ist kein Spiel. Es ist ein Ort.“

Millionen Gamer, darunter vor allem Teenager, zieht es Tag für Tag an diesen virtuellen Ort, programmiert vom US-Entwickler­studio Epic Games. Und zahlreiche Eltern und Erwachsenewenn sie denn nicht selbst spielen – stellen sich die Frage: Warum ­reden gerade alle über Fortnite? Was ist an dem Spiel so besonders? Und was machen meine Kids da den ganzen Tag?

Fortnite kam Mitte 2017 auf den Markt, in den knapp zwei Jahren seither hat es sich zu einem Spiel der Superlative entwickelt: 250 Millionen Spieler, 2018 einen Gewinn von über 2,4 Milliarden US-Dollar. Und auch wenn niemand weiß, wie lange das noch so weitergehen wird, ob nicht bald schon das nächste, größere, bessere Spiel erscheint, so ist eins doch sicher: Fortnite hat das Gaminguniversum so schnell und radikal verändert wie kaum ein Titel zuvor. Und es kratzt an der Frage, wie Fortnite den Status als reines Onlinespiel hinter sich lassen und zu einer Art sozialem Netzwerk werden konnte.

Der kometenhafte Aufstieg

Einer, der den Hype von Beginn an begleitet hat, ist der 31-jährige Youtuber Stanislav aus Halle (Westfalen). Seinem Kanal Stanplay folgen über eine halbe Million Fans, in seinen Fortnite-Videos beschäftigt er sich nicht nur mit den neuesten Trends, er macht sich auch auf die Suche nach Storylines, analysiert die Spielmechanismen. „Sowas wie mit Fortnite, das passiert nur alle paar Jahre. Es war wie ein Wunder, alles ging Hand in Hand“, sagt er. Fortnite habe sich herumgesprochen, jeder habe sich das angeguckt. „Und natürlich hatten auch die Influencer einen sehr großen Anteil daran“, sagt er.

Der Youtuber Stanislav (links) ­kündigte seinen Job als System­admin – und verdient sein Geld jetzt mit Videos zu Fortnite. Das Spiel sei für ihn als Youtuber ein Geschenk: „Die Ideen kommen von allein“, sagt er. (Foto: Stanplay)

Der Youtuber Stanislav kündigte seinen Job als System­admin – und verdient sein Geld jetzt mit Videos zu Fortnite. Das Spiel sei für ihn als Youtuber ein Geschenk: „Die Ideen kommen von allein“, sagt er. (Foto: Stanplay)

Stanislav selbst hat es Fortnite zu verdanken, dass er seinen Job als Systemadministrator kündigen konnte und sein Geld seit über einem Jahr ausschließlich mit Youtube verdient. Davor spielte er vor allem das Mobile-Game Clash Royale, bis er das Gefühl hatte, hier alles schon mal gesehen und gespielt zu haben. Kaum ein Spiel schafft es, eine relevante Menge an Gamern für mehr als drei bis vier Jahre an sich zu binden. Mit diesem Gefühl im Bauch erinnerte sich Stanislav an Fortnite. Ein Spiel, das zwar schon seit einigen Monaten auf dem Markt war, nun war aber ein ­Battle-Royale-Modus angekündigt. Ausgerechnet diese kleine – aber entscheidende – Modifikation sollte alles ändern.

Battle Royale, so hieß der damals noch frische Spiel­modus, der durch das Spiel Players Unknown Battleground (Pubg) ­populär geworden ist. Viele Spieler bekämpfen sich auf einem immer kleiner werdenden Terrain, nur der letzte Überlebende gewinnt. Doch Fortnite machte eins anders: Während Pubg und andere erfolg­reiche Shooter realitätsnahen Kriegssimulationen ähneln, entführt Fortnite seine Spieler in eine eigene knall­bunte Welt. Wer sich einloggt, der hat das Gefühl, Teil seines eigenen Disney-Films zu sein – ganz ohne Blut und freigegeben ab zwölf Jahren. Erstmals musste eine junge Zielgruppe ihren Lieblings-Shooter nicht mehr heimlich spielen, sondern tat es mitten im elterlichen Wohnzimmer.

„Für Youtuber ist ­Fortnite der Jackpot, der Heilige Gral.“

Dazu setzte Epic Games, der Fortnite-Entwickler, zum ersten Mal auf eine konsequente Multi-Plattform-Strategie: Unwichtig, ob man per Konsole, am Laptop oder auf dem Smartphone spielt, die eigenen Freunde können mitmachen. Auch inhaltlich entwickelte sich das Spiel weiter. Es ging nicht nur darum, Gegner über den Haufen zu schießen. In Fortnite können Spieler alles, was kein Terrain ist, mit einer Spitzhacke zerschlagen, um Holz, Steine und Metall zu sammeln, um daraus uneinnehmbare Forts und virtuelle Baumhäuser zu bauen.

Der Youtuber Stanislav erkannte das Potenzial sofort: Er entschloss sich, auf den Fortnite-Zug aufzuspringen, obwohl niemand ahnen konnte, wie viel Erfolg Epic Games damit haben würde. Die Fortnite-­Videos seien am Anfang noch schlecht geklickt worden, erzählt er. Der Youtube-Algorithmus bestrafte ihn dafür, auch seine anderen Videos litten darunter. Dann aber sprang der Funke über, 2018 explodierten die Nutzerzahl und die Aufmerksamkeit in der Fortnite-Welt. Ein Ende ist nicht in Sicht, schließlich sei das Spiel ein fortlaufender Content-Generator, das Perpetuum mobile für Gaming­influencer. „Für Youtuber ist Fortnite der Jackpot, der Heilige Gral. Die Ideen für meine Videos kommen von allein“, sagt Stanislav. Epic ­Games liefert neue Inhalte im Wochentakt, er müsse lediglich die neuen Updates nach interessanten Inhalten durchleuchten, nach kleinen Easter Eggs Ausschau halten. Die Videos würden dann hunderttausendfach geklickt werden.

Vier Jungs führen auf einer Hochzeit gemeinsam den berühmten „Floss“-Tanz aus Fortnite auf. Sie kannten sich vorher nicht. (Foto: Riley McLean)

Vier Jungs führen auf einer Hochzeit gemeinsam den berühmten „Floss“-Tanz aus Fortnite auf. Sie kannten sich vorher nicht. (Foto: Riley McLean)

Stanislav ist nicht der einzige Influencer, der es dank ­Fortnite zu beachtlicher Reichweite gebracht hat. Der wohl größte Profiteur im Influencerbereich: Tyler Blevins, unter dem Namen ­„Ninja“ bekannt, ist mit fast vierzehn Millionen Followern der erfolgreichste Streamer auf Twitch und verdient mehr als eine halbe Million US-Dollar im Monat. Doch nicht allein diese Summe ist bemerkenswert, auch sein Prominentenstatus geht weit über die Gaming-Bubble hinaus. Der Rapper Drake beispielsweise taucht bei ihm im Stream ebenso auf wie der umstrittene deutsche Internetunternehmer Kim Dotcom. Mesut Özil streamt selbst, der französische Nationalspieler Antoine Griezmann tanzte nach einem Tor „Take the L“ – wie „Floss“, ein Tanz aus ­Fortnite. Schritt für Schritt schwappen Umgangsformen aus der virtuellen ­Battle-Royale-Welt über die Pausenhöfe ins echte Leben.

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

Ein Kommentar

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung