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t3n 46

„Ich sehe ein neues Apple am Horizont“

Foto: Github

Brandon Keepers ist Open-Source-Chef bei Github. t3n sprach mit ihm unter anderem darüber, warum Apple und Microsoft gar nicht so verschlossen sind, wie man gemeinhin annimmt.

Er gibt mehr als 38 Millionen Projekten – viele davon mit tausenden Teilnehmern – und rund 331.000 Unternehmen sowie Organisationen Feedback. Kein Wunder, dass sich Brandon Keepers jeden Tag aufs Neue den Mund fusselig redet. Zu seinen Kernaufgaben gehört es, Unternehmen und Communities mit Open Source vertraut zu machen. Er selbst kam bereits vor seiner Github-Zeit mit dem Thema in Kontakt, sein erstes Projekt: eine PHP-LDAP-Library.

t3n Magazin: Open Source erlebt aktuell eine kleine Renaissance. Es ist interessant zu sehen, welche Wege Microsoft beispielsweise mit seiner eigenen Software-Plattform .Net geht. Woher kommt dieses Umdenken?

Brandon Keepers: Microsoft war tatsächlich im vergangenen Jahr der größte Open-Source-Contributor auf Github. Will heißen: Der Konzern hat die meisten Projekte unter allen Unternehmen auf Github releast. Das Ganze kommt allerdings nicht plötzlich, vielmehr handelt es sich dabei um einen Prozess, der schon seit einiger Zeit im Gange ist. Viele Microsoft-Mitarbeiter sind schon lange Open-Source-Verfechter. Was wir aktuell sehen, ist das Ergebnis eines zehn Jahre anhaltenden Prozesses. Satya Nadella trägt ebenfalls einen großen Teil der Verantwortung für das Umschwenken Microsofts.

t3n Magazin: Und Apple? Das Unternehmen wird doch mit seinem Ökosystem häufig als „viel zu geschlossen“ kritisiert.

Brandon Keepers: Bei Apple liegt der Fall etwas anders als bei Microsoft. Apple hat eine lange Open-Source-Geschichte. Sie wurden zwar häufig dafür kritisiert, ein sehr verschlossenes Unternehmen zu sein, aber ich denke, wenn man zurückblickt, ist diese Kritik ungerechtfertigt. Als Apple OS X veröffentlichte, wurde auf den Darwin-Kernel gesetzt – und der ist nun mal Open Source. Mit Safari und dem iPhone haben sie jede Menge Webstandards gesetzt und ich bin der festen Überzeugung, dass das Web ohne diese Standards nicht das wäre, was es heute ist. Apple hat beispielsweise die modulare Compiler-Unterbau-Architektur LLVM (Low Level Virtual Machine) weiterentwickelt und jetzt hat das Unternehmen die Programmiersprache Swift veröffentlicht. Das alles sind Beispiele dafür, dass Open Source für Apple nichts Neues ist. Das Unternehmen hat Swift ja als echtes Community-Projekt ins Leben gerufen – ein klares Signal dafür, dass ein neues Apple am Horizont erscheint.

t3n Magazin: Was für eine neues Apple ist das deiner Meinung nach?

Brandon Keepers: Ein Apple, das Entwickler nicht dazu zwingt, auf In-House-Entwicklungsumgebungen zu arbeiten, wenn sie beispielsweise für iOS programmieren. Entwickler können in der Regel eben auf unzählige Möglichkeiten zurückgreifen, um ihren Job zu erledigen. Indem Apple sich diesbezüglich öffnet, kann der Konzern sicherstellen, dass sich Third-Party-Entwickler nicht von Cupertino abwenden und weiter für das Apple-Ökosystem entwickeln. Natürlich ist Apple immer noch ein recht proprietäres Unternehmen, aber es deutet einiges darauf hin, dass sich das in Zukunft ändern könnte.

t3n Magazin: Ein weiteres Beispiel unter den großen Tech-Unternehmen ist Alphabet. Wie bewertest du deren Open-Source-Bemühungen?

Brandon Keepers: Google setzt sehr stark auf Open Source, was in meinen Augen einer der größten Wettbewerbsvorteile des Unternehmens ist. Sowohl TensorFlow als auch Kubernetes sind beeindruckende Open-Source-Projekte von Google. Darüber hinaus macht das Unternehmen einige wirklich beeindruckende Fortschritte in den Bereichen Künstliche Intelligenz und Infrastruktur, die ebenfalls der Community zur Verfügung gestellt werden. Das sind starke Statements dafür, dass Google auch in Zukunft auf Open Source setzen wird.

t3n Magazin: Warum sollten Unternehmen überhaupt auf Open Source setzen?

Brandon Keepers: Wenn man als Community oder Unternehmen auf Open Source setzt, hat man den riesigen Vorteil, dass man sich nicht um den ganzen Low-Level-Kram kümmern muss. Unternehmen können einfach Systeme nutzen, die bereits existieren – Systeme, die von bekannten Unternehmen wie Google oder Facebook gebaut wurden und die man einfach in seine eigene Anwendung übernimmt. Sie können also direkt mit einem bewährten Grundgerüst loslegen und sich komplett darauf konzentrieren, eigene Ideen einzubringen und umzusetzen.

t3n Magazin: Ist es denn für jedes Unternehmen ohne weiteres möglich, auf Open Source zu setzen?

Brandon Keepers: Unternehmen müssen sehr strategisch vorgehen, wenn sie sich auf Open Source einlassen wollen. Das geht bei rechtlichen Aspekten wie Copyright und Urheberrecht los und hört auch nicht bei ökonomischen Überlegungen auf. Das klingt jetzt dramatischer, als es eigentlich ist. Unter dem Strich besteht die größte Herausforderung für Unternehmen darin, alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen und zu erklären, was der Plan ist und wie das Unternehmen von Open Source profitieren kann.

t3n Magazin: Und wie meinst du verändert Open Source die Art und Weise, wie Unternehmen arbeiten?

Brandon Keepers: Schaut man sich einmal an, wie Open-Source-Projekte funktionieren, stellt man schnell fest, dass viele Projekte über den ganzen Globus verteilt sind. Es gibt Projekte, an denen tausende Menschen arbeiten, die ihre Arbeit trotzdem selber koordinieren können. Das funktioniert mit Versionskontrollsystemen wie Git, Mailinglisten und öffentlichen Diskussionen, die jedem offenstehen. Jede Änderung, jede Konversation und jeder Aspekt eines Projekts wird dokumentiert. Dieses Maximum an Transparenz ermöglicht es, dass Interessierte jederzeit dazustoßen und sich schnellstmöglich auf den aktuellen Stand bringen können. Für Unternehmen kann das natürlich beängstigend sein. Es bedarf schon eines riesigen Umdenkens in der Unternehmenskultur – besonders für Firmen, die sich sonst eher verschlossen geben.

t3n Magazin: Github setzt auf Github, um Github zu bauen. Kannst du uns ein Beispiel dafür geben, wie das in der Praxis abläuft?

Brandon Keepers: Ein gutes Beispiel wäre, wenn ein Technik-Team ein Open-Source-Projekt veröffentlichen will – vor kurzem geschehen mit einem Projekt namens „Ghost“. Dabei handelt es sich um ein Tool, um im laufenden Betrieb Änderungen an einer MySQL-Datenbank vorzunehmen. Als der Release kurz bevorstand, öffnete der Techniker aus dem Systems-Team ein Issue, in dem er mitteilte: „Ich will dieses Projekt in die Welt entlassen.“ In dem Issue befand sich außerdem ein großes Template. Ich reagierte auf das Issue und wies den Techniker darauf hin, dass er vor dem Release bitte die Rechtsabteilung informieren solle: „Klasse, schick doch bitte eine @Mention an die Rechtsabteilung, bevor du das Projekt veröffentlichst, um sicherzustellen, dass wir auf der sicheren Seite sind. Außerdem wäre es super, wenn du dich mit der Marketingabteilung in Verbindung setzen könntest, um sie zu fragen, ob wir irgendwelche Schritte in Sachen PR unternehmen sollten.“ In der Regel dauert es – wie auch in diesem Beispiel – dann zehn bis zwanzig Minuten, bis Feedback aus der Rechtsabteilung mit einem Go kommt. Das Beispiel zeigt, mit wie vielen unterschiedlichen Menschen aus den verschiedensten Abteilungen wir über unsere eigene Plattform kollaborieren – und alles komplett transparent ist. Die Art und Weise wie wir das tun und die Inspiration, die wir dafür aus der Open-Source-Gemeinde ziehen, bewirkt, dass wir optimal zusammenarbeiten und sicherstellen, dass möglichst viele Kollegen involviert sind.

t3n Magazin: Open Source selbst hat die Entwicklung des Web nicht nur als Lizenzmodell beeinflusst, sondern auch als Philosophie. Wenn du an Walled Gardens wie Chatbots oder Apps denkst, die zunehmend an die Stelle einer offenen Plattform treten: Hat ein offenes Web überhaupt noch eine Zukunft?

Brandon Keepers: Klar, wir sehen diese Dinge, die auf die offene Infrastruktur des Webs aufsetzen, und es erscheint fast so, als würden sich viele Bereiche des Web abkapseln. In dem Zusammenhang ist es aber wichtig, sich bewusst zu machen, dass all diese geschlossenen Systeme auf einer Infrastruktur aufsetzen, die im Grundsatz offen ist. Damit meine ich Open-Source-Software, offene Web-Technologien und ähnliche Bereiche. Den Leuten wird bewusst werden, dass ein Ökosystem nur überleben kann, wenn es offen ist. Und man darf dabei nicht vergessen, dass die zugrundeliegende Infrastruktur noch immer jedem die Möglichkeit gibt, etwas darauf zu bauen.

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