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Gunter Dueck im Porträt: „Artgerechte Haltung für Techies“

Manch einem kommt das unflätige Wort „Rampensau“ in den Sinn, wenn er Gunter Dueck auf der Bühne erlebt – wie zuletzt auf der re:publica 2011. Zu Recht: Wenige verstehen es so gut wie der ehemalige IBM-Cheftechnologe, das Publikum zu fesseln – und das ganz ohne Faxen. Einfach nur durch Worte, die sitzen. Dueck selbst scheint davon selbst am meisten überrascht: „Ja, aus dem hässlichen Entlein ist wohl ein Redner geworden, der andere mitreißen kann.“

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Gunter Dueck: Vom Mathematiker zur „Rampensau“.

Gunter Dueck: Vom Mathematiker zur „Rampensau“.

Als CTO war Gunter Dueck einer der hellsten Köpfe beim gigantischen IT-Konzern IBM. Seit September letzten Jahres ist der 60-jährige Querkopf (Spitzname „Wild Duck“) nun offiziell pensioniert – und freut sich auf sein Leben als Redner, Schriftsteller und Business Angel.

Ganzheitlicher Kulturwandel – bis in die Chefetagen

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Bei IBM sorgte der studierte Mathematiker seit 1987 für das „technische und inhaltliche Gewissen“. Sein Thema: Cultural Change! Hinter dem Anglizismus verbirgt sich Duecks Arbeit an der strategisch-technologischen Ausrichtung des Konzerns. In seinen vielfältigen Projekten versucht Dueck, „das Ganze und auch die Kultur eines Unternehmens zu verstehen und durch einen systemischen Ansatz die Lage zu verbessern“. [1] Das „Ganze“ sehen will der Analytiker, der ländlich auf einem Bauernhof aufwuchs. Unternehmen vermittelt er, dass sich Wandel nie auf bestimmte Bereiche reduzieren oder an einzelne „Change-Agenten“ delegieren lässt.

Gunter Dueck hat die Zukunft des digitalen Zeitalters klarer vor Augen als viele der „New Economy“-Enthusiasten. Scharfsinnig weist er auf aktuelle Probleme hin, die uns auf dem Weg in die Zukunft behindern. Da wäre zum Beispiel die Sache mit der Infrastruktur. Leider stecken Städte und Länder noch viel zu viel Geld in alte, nicht zukunftsweisende Infrastrukturen, statt klar auf die Zukunft zuzugehen: „Wir bezahlen den Aufbau der Welt alle drei, vier Jahre neu.“ [2] Bei IBM leitete er die Initiative „Dynamische Infrastruktur für einen Smarteren Planeten“, die an intelligenten Infrastruktur-Lösungen für sämtliche Branchen wie Telekommunikation, Energieversorgung oder Städtebau tüftelt und weltweit Beispielprojekte durchführt.

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An der digitalen Revolution bewegt Dueck auch die Frage, wie sie unsere aktuellen Berufe verändert und der Mensch sich an die neuen Begebenheiten anpasst. Viele Berufe sind so, wie wir sie heute kennen, bald Vergangenheit, glaubt Dueck. Überall dort, wo es schwerpunktmäßig um die Beschaffung von Informationen geht – ob Reisebüro, Steuerberater oder auch im Gesundheitswesen – befragen die Menschen in Zukunft Herrn Google, Wikipedia und Co. Wissen, das man nachschlagen kann, qualifiziert nicht mehr. Die benötigten Kompetenzen werden vielschichtiger und breiter: Vertieftes Hintergrundwissen, die Fähigkeit zur Verknüpfung, Offenheit für ständige Transformationen sind gefragt. Neben die formale und inhaltliche Kompetenz treten angesichts von großen, internationalen Teams verstärkt soziale und kommunikative Fähigkeiten. „Befehlsgewalt und Budget reichen in den neuen Netzstrukturen nicht mehr.“ Von dieser „professionellen Intelligenz“ handelt Duecks nächstes Buch, das am 1. September 2011 erschien. [3]

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„Artgerechte Haltung für Techies“

Die vielleicht beste Eigenschaft an Gunter Dueck ist, dass er seine Gedanken nicht nur innerhalb der Wissenschaft-Szene bewegt sondern mit philosophischen Fragestellungen verknüpft und in Form satirisch-provokanter Bücher auf den (Massen-)Markt wirft. Sein Mathematikerhirn ist nicht nur an den Technologien der Zukunft interessiert sondern am innersten Kern des Menschen. Auf der Grundlage eigener Persönlichkeitsstudien, zu deren Teilnahme er regelmäßig aufruft, hat er sein ganz eigenes Bild vom Menschen entwickelt, das er der Menschheit in seinen Büchern vermittelt. Um die Belange einer Gruppe kümmert er sich dabei ganz besonders: die der „Techies“ (denen er sich zutiefst zugehörig fühlt). „Techies sind autistisch veranlagt. Die ‚Normalen‘ müssen lernen uns zu verstehen“, sagt er und fordert die „artgerechte Haltung“ dieser besonderen Spezies ein. Vorausgegangen sind Jahre der Selbstreflexion und die Freude darüber, endlich zum eigenen Gewordensein stehen zu können. [4]

Dagegen müssen sich Manager und Personalbeauftragte, die Mächtigen eben – zu denen er mittlerweile ebenfalls zählt – einiges gefallen lassen. „Es gibt eben Leute, die Inhalte liefern, und es gibt Leute, die die Regeln festlegen“, stichelt Dueck gegen die bestehenden Management-Strukturen (er ist ja auch Change Manager). Die alten Strukturen haben ihre gewisse Berechtigung, wo es um das „Daily Business“ gehe. Nicht aber im Bereich Kreativität, Innovation und Veränderung, der einen immer größer werdenden Teil einnehme. Leider spiele Hierarchie und Machtdenken noch eine zu große Rolle in den Köpfen vieler Führungskräfte – ein Problem, dem sich Dueck ausgiebig in seinem Buch „Direktkarriere“ [5] widmet. Aufsteigen durch die Demonstrierung von Potenzial und Selbstinszenierung ist die Devise. Eine Herangehensweise, die Frauen laut Dueck noch nicht ganz begriffen haben: „Frauen denken leider immer noch, dass man mit Leistung brillieren muss“, witzelt er. „Es ist toll mit Frauen zusammen zu arbeiten: Sie machen die tolle Arbeit und der Mann wird befördert, weil er gut schauspielern kann.“

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Dueck weiß wovon er spricht, bei IBM war er für die Frauenquote zuständig und begleitet bis heute viele Frauen als Mentor. Hilft ihnen, die vielfach antrainierten Selbstzweifel abzulegen, schubst sie väterlich. Und findet, dass die Management-Ebenen noch viel mehr weibliche Unterstützung gebrauchen könnten: Frauen, die als Frauen leiten und nicht männlich geprägten Führungsstilen nacheifern. „Würden wir in einer Gesellschaft leben, in der gefühlsbetonte Manager mit Mütter-Qualitäten hoch angesehen wären, würden viel mehr Frauen sagen: ‚Ich bin eine gute Managerin!’“

Berufswunsch? Dichter, Schachgroßmeister, Börsenmakler

Über all diese Dinge sinniert Dueck in seinen Büchern und der regelmäßig erscheinenden Kolumne „Daily Dueck“ [1]. Sein erster Berufswunsch war ja auch Dichter, leider hagelte es im Fach Deutsch nur schlechte Noten. Er habe sich beim Schreiben eben nie an die gewünschten literarischen Formen gehalten. Die Eins gab es nur ein einziges Mal: Bei der Aufgabe, eine Satire zu verfassen. Mit seinen Publikationen knüpft Dueck an dieses Erfolgserlebnis an. Schachgroßmeister und Börsenmakler wollte er auch werden. Geworden ist er Mathematiker mit BWL-Einschlag: „Ob ich Dichter werden darf hab ich meine Eltern gar nicht erst getraut zu fragen. Schachgroßmeister ging nicht, weil mir nachts die Partien nicht aus dem Kopf gingen. Für Börsenmakler war meine Stimme zu hell. In Mathe war ich einfach immer irre gut!“

„Irre gut“ ist in Duecks Fall kaum übertrieben. Im sechsten Semester knackte er eine Nuss, über die sich zahlreiche Vorzeige-Mathematiker den Kopf zerbrachen. Die wissenschaftliche Bahn nahm ihren Lauf: Nach dem Göttinger Studium in Mathematik und BWL folgte die Promotion an der Universität Bielefeld und ein zehnjähriges Forschungsprojekt mit seinem wissenschaftlichen Vater Rudolf Ahlswede. 1990 heimste das Duo den Prize Paper Award der IEEE Information Theory Society für eine neue Theorie der Nachrichten-Identifikation ein. Während dieser Zeit arbeitete Dueck selbst als Professor an der Uni Bielefeld, bevor ihn IBM 1987 abzwackte – „fast per Zufall“ sei er im IBM-Wissenschaftszentrum gelandet, „ein Diplomand zeigte mir eine Stellenanzeige. Ich schrieb kurz hin und bekam einen Traumjob.“ So jedenfalls formuliert Dueck es auf seiner Website „Sinnraum“, der wohl weltweit persönlichsten Homepage eines Mathematikprofessors.

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Ab diesem Monat (Nachtrgl. Anm. d. Red.: September 2011) ist Dueck nun also nicht mehr bei IBM. Die Hände in den Schoß legen wird er wohl trotzdem nicht. Ständig juckt es ihn, neue Bücher zu schreiben. Und auch sonst will er noch so vieles anstoßen. Zum Beispiel eine OpenSource-Bewegung für E-Books. Oder eine riesige Datenbank mit medizinischen Bildern, die einem bei der Selbstdiagnose – „Ich hab da einen unreinen Pickel auf dem Knie, da geh ich doch nicht zum Arzt“ – helfen. Google-Earth-Erdkunde, Youtube für Bio – an Ideen mangelt es nicht. „Die Angst, neue Sachen anzufangen, ist zum Glück gewichen.“

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