Interview

Jeremy Rifkin im t3n-Interview: Dieser Mann hat einen Plan für den Planeten

Auf der DLD-Konferenz im Januar in München richtete Jeremy Rifkin einen eindringlichen Appell an das Publikum. Was kann jeder einzelne in seinem Geschäft für eine nachhaltigere Welt tun? (Foto: Andreas Gebert / Picture Alliance for DLD / Hubert Burda Media)

Mit seinen radikalen Thesen ist Jeremy Rifkin der Exot unter den Ökonomen. Jetzt prophezeit er für 2028 die Klimakatastrophe. Im Gespräch erklärt er, warum es dazu kommen wird und wie die Welt doch noch dagegen steuern kann.


Wenn man mit Jeremy Rifkin über seine Ideen spricht, setzt er eine sehr ­ernste Miene auf. Nichts scheint ihm wichtiger zu sein, als zu erklären, wie die Welt sich in Zukunft verändern muss. Dabei wirft der 75-­Jährige mit ­Zahlen und Studien um sich, stellt große ­historische Zusammenhänge her und vergisst hin und wieder, seine Leser oder Zuhörer mitzunehmen.

Er gleitet dann in eine eigene Sphäre ab, weil für ihn alles so logisch ist – wie in seinem neuesten Buch. Darin beschreibt er, wie ­Energienetze, Kommunikations­technologien und Mobilitätsdienstleistungen zu einer großen Infrastruktur zusammenwachsen müssen, wie diese gigantische digitale Infrastruktur funktionieren könnte. Und: Welche Rolle das Internet der Dinge dabei spielt.

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Rifkin hat über 20 Bücher geschrieben, unter anderem 2011 „Die dritte industrielle Revolution“, 2014 den viel zitierten Titel „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ und zuletzt im vergangenen Jahr „Der globale Green New Deal“. Er hat an der Wharton School der ­Universität Pennsylvania unterrichtet und dort unter ­anderem Führungskräften und CEOs erklärt, wie sie ihre Geschäftsmodelle nachhaltiger gestalten und so fit für die Zukunft machen.

Rifkin ist nicht nur in der Wirtschaft ein gefragter Mann, ­sondern auch auf dem internationalen Parkett der Politik: Er ­berät ­Regierungen, Metropolen und Bundesstaaten auf der ­ganzen Welt. Auch Angela Merkel hat bereits den Austausch mit ihm gesucht.

Auf der diesjährigen DLD-Konferenz in München richtete Rifkin einen mahnenden Appell an das gesamte Publikum. Es gebe aktuell nur eine ­Priorität in Politik und Wirtschaft: die Klimakatastrophe zu verhindern.

t3n: Der „Global Risk Report“ des World Economic Forums, der im Januar 2020 veröffentlicht wurde, sieht erstmals ­Umweltrisiken als die fünf größten globalen Risiken der kommenden zehn Jahre. Glauben Sie, dass Politiker und Wirtschaftsführer endgültig verstanden haben, was auf dem Spiel steht?

Jeremy Rifkin: Wenn sie es bisher nicht verstanden haben, werden sie es sehr bald spüren. 2018 hat der wissenschaftliche Rat der Vereinten Nationen bekannt gegeben, dass wir aktuell auf fast 1,2 Grad Erwärmung seit Beginn der Industrialisierung zusteuern. Und wenn wir die 1,5 Grad überschreiten, riskieren wir Ketten­reaktionen und Rückkopplungsschleifen im globalen Ökosystem, die weit über das hinausgehen, was wir uns vorstellen können. Zudem steuern wir auf einen Kollaps der fossil angetriebenen ­Zivilisation zu. Und der hat es in sich.

t3n: In ihrem Buch sagen Sie diesen Kollaps ungefähr für das Jahr 2028 ­voraus. Wie wird der denn ablaufen?

Der Markt wird dabei eine entscheidende Rolle spielen. Erstmals in der Geschichte sind die Kosten für erneuerbare Energien wie Wind und Sonne unter den Preis von Gas, Kohle und Atomkraft gefallen. Auf der anderen Seite sehen wir noch eine Vielzahl von Pipelines sowie Gas- und Kohlekraftwerke, die in den kommenden fünf Jahren in Betrieb genommen werden. Das Fatale ist allerdings, dass laut einer UN-Studie und auch anderen Untersuchungen diese neuen fossilen Projekte und solche, die sich im Planungsprozess befinden, uns weit über das 1,5-Grad-Ziel ­treiben werden.

t3n: Aber was passiert mit diesen gewaltigen fossilen Infrastrukturen, die gerade entstehen?

Es wird zu einem immensen Wertverfall von Kraftwerken, Energie­speichern, Pipelines und Verwertungsrechten auf der ganzen Welt kommen. In den vergangenen 18 Monaten sind etliche interne ­Reports aus verschiedensten Branchen erschienen, die von sogenannten „stranded Assets“ sprechen, also fossilen Infrastrukturen ohne Zukunft. Die Citigroup hat bereits 2015 ­darüber berichtet, dass es sich um eine Summe von 100 Billionen US-Dollar handeln könnte. In anderen Kreisen wird von mindestens 40 Billionen Dollar gesprochen.

(Grafik: t3n)

t3n: Was müssen wir tun, um diesen Marktkollaps zu ver­hindern?

Bevor wir irgendwelche Maßnahmen ergreifen, müssen wir zunächst einmal verstehen, wie die großen ökonomischen und gesellschaftlichen Paradigmenwechsel in der Geschichte abgelaufen sind. Sie ­fußen in der Regel immer auf drei großen technologischen Umwälzungen, die grundsätzlich verändern, wie Gesellschaften funktionieren, ihre ökonomischen ­Aktivitäten organisieren und die auch das soziale Leben fundamental ­beeinflussen.

t3n: Welche technologischen Umwälzungen sind das?

Erstens neue Kommunikationstechnologien, die den ökonomischen und sozialen Alltag immer größerer zusammen­kommender ­Kollektive von Menschen – unsere modernen Gesellschaften – ­organisieren. Zweitens: Neue Energiequellen und neue Netze, um diese Gesellschaften zu versorgen und den komplexer werdenden Alltag der Menschen sicherzustellen. Und drittens neue Mobilitäts- und Transportsysteme, um das ökonomische und soziale Leben und ihre Mobilitätsansprüche zu bedienen.

t3n: Das hört sich ziemlich kompliziert an.

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