Trendreport

Krankschreibung per App: Wie die Digitalisierung das Gesundheitssystem verändert

(Abbildung: Shutterstock / Syda Productions)

Videosprechstunde, Betreuungs-App, elektronische Akte: Patienten könnten sich bald sicherer und effizienter durch das Gesundheitssystem bewegen. Bei manchem potenziellen Nutzer überwiegt noch eine gesunde Skepsis. Doch die digitale Dosis steigt.

Nase verstopft? „Oh ja!“ Augen gerötet? „Aber hallo!“ Fieber? „Zum Glück noch nicht.“ Sechs Fragen gilt es auf einer Website insgesamt zu beantworten, neun Euro sind zu bezahlen – und ­wenige ­Stunden später kann sich der erkältete Online-Nutzer ­seine digitale Krankschreibung als PDF herunterladen. In der Zwischenzeit hat sich ein Arzt in Schleswig-Holstein die Angaben angeschaut und in ­Sekundenschnelle entschieden, ob die ­Symptome klar auf eine ­Arbeitsunfähigkeit hindeuten. Das Ergebnis: Eine Krankschreibung für zwei Tage, keine Bettruhe ­nötig, Ausgehen ist weiterhin erlaubt.

Mehr als 15.000 Mal will das Startup au-schein.de den ­digitalen „gelben Schein“ bereits seit Anfang 2019 verschickt ­haben – und das bei „keinerlei gemeldeten Fehldiagnosen und 100 Prozent Akzeptanz bei den Arbeitgebern“, wie Gründer Can Ansay beteuert. Für mittlerweile drei Erkrankungen bietet das Startup diesen Service an: Neben der Erkältung sind das Regel­schmerzen und Rückenbeschwerden. Das Startup selbst hofft auf ein ­gesundes Umsatzwachstum. Zudem will es aber auch dabei helfen, das Gesundheitssystem zu entlasten. Zeitraubende Kurzuntersuchungen in Arztpraxen fallen durch den Online-­Fragebogen weg: „Endlich nicht mehr wegen jeder Erkältung ewig im Wartezimmer warten“, lobt ein Nutzer bei Facebook.

Suche nach dem gesunden Maß an ­Digitalisierung

Weniger Stress, mehr Transparenz, schnellere Hilfe: Einen ­ganzen Rezeptblock an Argumenten führen Fürsprecher eines ­digitaleren ­Gesundheitssystems ins Feld. Dennoch gibt es eine Reihe von Gründen, die das Immunsystem gegen die Digitalisierung ­stabil halten: „Die Hinderungsgründe reichen von mangelnder Akzeptanz für den notwendigen Kulturwandel über unpassende Vergütungsregeln bis zur fehlenden Breitbandverbindung“, sagt Timo Thranberend. Er leitet das Projekt „Der digitale Patient“ der Bertelsmann-Stiftung, das diese Entwicklungen begleitet.

Anhand des Beschwerdebildes entscheidet die App Kry, ob der ­Patient einen Termin zur ­Videosprechstunde bei einem Arzt erhält. Eventuell notwendige ­Rezepte werden direkt an die Wunschapotheke weitergeleitet. (Abbildung: Kry)

Anhand des Beschwerdebildes entscheidet die App Kry, ob der ­Patient einen Termin zur ­Videosprechstunde bei einem Arzt erhält. Eventuell notwendige ­Rezepte werden direkt an die Wunschapotheke weitergeleitet. (Bild: Kry)

Dazu kommt eine gesunde Skepsis, die viele Patienten und Mediziner noch mitbringen. Regelmäßige Datenschutzverletzungen erschüttern das Vertrauen, hochsensible Gesundheits­daten in eine Cloud zu geben oder sich per Videochat ­untersuchen zu lassen. ­Au-schein.de hat seinen Service anfangs via Whatsapp angeboten, schwenkte dann wegen Protesten von Verbraucherschützern auf einen Online-Service um. Der Download der Krankschreibung ist zudem mit einem zweiten Faktor abgesichert.

Ein weiteres Problem: Im hochregulierten Gesundheitssystem werden viele Ideen ausgebremst, weil eine Möglichkeit zur Abrechnung fehlt. „Das System muss sich zum Wohle der Patientenversorgung für Innovationen öffnen“, gab ein Zusammenschluss von 48 Gründern Mitte Oktober 2019 als Parole aus. Sie haben sich zum neuen Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung zusammengeschlossen. Und übergaben Gesundheitsminister Jens Spahn ein Manifest mit ihren Forderungen.

Besserung ist in Sicht. Für den Verbraucher, gesund oder krank, steigt die Zahl der digitalen Gesundheitsangebote. Krankenkassen nehmen immer mehr Präventions-Apps in ihre Programme auf. In immer mehr Regionen laufen Tests mit Video­sprechstunden beim Arzt. Im Hintergrund ringen Mediziner,­ Kostenträger und Techunternehmen um eine elektronische Patientenakte, mit der Patienten ihre kompletten Arztdokumente und Medikamentenlisten stets komplett digital bereithaben. Ende Oktober hat der Bundestag zudem beschlossen, dass die digitale Krank­meldung kommt. „Die generelle Offenheit, sich mit dem Thema zu beschäftigen, hat zugenommen“, sagt  Thranberend.

Bald schon könnten die neuen Möglichkeiten stärker im Patienten­alltag zu sehen sein. Regulatorisch werden aktuell ­wichtige Weichen gestellt. Große Hoffnungen der Branche liegen auf dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) von Gesundheits­minister Jens Spahn. Der Entwurf in der vom Gesundheitsausschuss geänderten Fassung wurde im November 2019 vom Bundeskabinett angenommen.. „Patienten sollen sich darauf verlassen können, dass digitale Anwendungen und sinnvolle Apps schnell und sicher in die Versorgung kommen“, sagte Spahn im Juli.

Parallel erhöhen Startups, Klinikkonzerne und Kranken­kassen ihre Investitionen in die passenden technischen ­Lösungen. Die gesetzlichen Krankenversicherer arbeiten bereits mit Ärzte- und Krankenhausvertretern in einem Innovationsfonds ­zusammen. Die privaten Krankenversicherer sagten im ­September 2019 100 Millionen Euro für einen neuen Fonds zu, der in „Digital Health“-Unternehmen investieren soll. Kommen all diese Entwicklungen zusammen, könnte die digitale Gesundheit in den kommenden Jahren viral gehen.

Am Beispiel der Telemedizin lässt sich erkennen, welche Hürden ein digitales Gesundheitsthema überspringen muss. Der ­generelle Nutzen für viele medizinische Einsatzzwecke wird kaum bestritten: Über eine Videosprechstunde könnten Patienten etwa schneller einen Facharzttermin bekommen. In ländlichen ­Regionen, in denen Ärztinnen fehlen, ließen sich Routinebehandlungen von einem zen­tralen Standort durchführen. Die AOK Nordwest ist etwa mit dabei, bei der „Telepraxis Dagebüll“. In Nordfriesland sind viele Hausarzt­stellen frei, gleichzeitig steigt die Zahl der Touristen – häufig auch mit chronischen Krankheiten. Fachpersonal soll den Medizinern einiges an Routineuntersuchungen abnehmen, via Video wird eine approbierte Ärztin dazugeschaltet. Auch HNO- oder Herzspezialisten sollen in Zukunft mit eingebunden werden.

„Wer will denn mit ­Magen-Darm-Grippe oder Erkältung zum Arzt, wenn er im Bett viel besser ­aufgehoben ist?”

Und bei Erkrankungswellen, die jetzt auch zum Winter­beginn wieder durch Deutschland rollen, müssten sich viele Patienten nicht mehr ins Wartezimmer quälen, in dem sie sich im Zweifel noch einen Virus einfangen: „Wer will denn mit Magen-­Darm-Grippe oder Erkältung zum Arzt, wenn er im Bett viel besser aufgehoben ist?“, fragt Tom Ackermann, Vorstandsvorsitzender der AOK Nordwest.

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

Schreib den ersten Kommentar!

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung