Digitale Gesellschaft

Liquid Democracy: Das Konzept im Unternehmenskontext

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Aller Anfang ist schwer

Noch funktioniert das Prinzip der liquiden Demokratie unter Realbedingungen nicht in jedem Fall so gut, wie sich die Initiatoren das wünschen. Bei der Internet-Enquete fiel die tatsächliche Beteiligung beispielsweise gering aus und auch beim Leuchtturmprojekt der Piraten haben derzeit maximal ein Drittel aller Mitglieder einen freigeschalteten Account. Weiterhin sagt auch die Zahl der Accounts nur bedingt etwas über die tatsächliche Aktivität der registrierten Mitglieder aus. Schon mehrfach wurde beobachtet, dass unmittelbar vor wichtigen Events wie Parteitagen die Aktivitätsrate zwar stieg, in den Phasen danach aber wieder auf ein niedriges Niveau sank.

Nicht beendet ist die Debatte darüber, wie verbindlich die Ergebnisse der Liquid-Feedback-Abstimmungen für Mandatsträger sein sollen. Auf Bundesebene handelt es sich offiziell um unverbindliche Meinungsbilder. Die Berliner Piraten nutzen Liquid Feedback intensiv und halten in ihrer Satzung die Parteiorgane dazu an, die Abstimmungsergebnisse aus Liquid Feedback vorrangig umzusetzen. Andere Landesgruppen der Piraten nutzen Liquid Feedback dagegen gar nicht.

Unabhängig vom Einsatz in der Piratenpartei ist ein allgemeiner Vorbehalt am Konzept von Liquid Democracy, dass viele Bürger keinen Netzzugang haben oder anstreben, so dass diejenigen die politische Meinungsbildung dominieren, die eine technische Affinität haben und die Zeit aufbringen, sich zu beteiligen. Das ist ein ernstzunehmender Einwand. Doch wird sich in spätestens einer weiteren Generation die Zahl der Netzbenutzer voraussichtlich soweit erhöht haben, dass eine flächendeckenden Nutzung erreicht ist.

Die Motivation der aktuellen Netznutzer, sich einzubringen, wird schon jetzt durch die neue Partizipationsform gestärkt. Beispiele aus Schule und Universität zeigen, dass Interesse und Beteiligung umso stärker wachsen, je niedriger die Zugangsschwelle ist. Liquid Feedback kann unmittelbar auf politische Entwicklungen reagieren. Das löst zwar bei manchen Kritikern die Angst aus, dass politische Entscheidungen von kurzfristigen Stimmungen verzerrt werden. Das ist eine berechtigte Sorge, aber genau aus diesem Grund sieht das Prinzip der Liquid Democracy in Abstimmungsprozessen Mindestfristen vor. Zusätzlich muss man darauf hinweisen, dass auch traditionelle Berufspolitiker Gefahr laufen, auf kurzfristige Stimmungsschwankungen zu reagieren. Nicht geklärt ist, wie das freie, allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht ohne Einflussmöglichkeiten und Risiken technischer Manipulation von dritter Seite umgesetzt wird. Ebenso offen ist die Frage, wann die prinzipielle Transparenz über alle Abstimmungen sinnvoll ist und in welchen Situationen Abstimmungen geheim durchgeführt werden.

Chancen überwiegen

Trotz dieser Geburtswehen kann sich Liquid Democracy zu einem interessanten Programm für mehr Partizipation in politischen Entscheidungsprozessen entwickeln. Die Frage sollte nicht sein, welche Schwächen das Programm hat. Die Frage sollte lauten, welche Chancen es bietet und wie man bisherige Schwachpunkte aufheben kann.

Die Wahlergebnisse einer Initiative mit dem Tool Liquid Feedback.
Die Wahlergebnisse einer Initiative mit dem Tool Liquid Feedback.

Ein Pluspunkt von Liquid Democracy ist, dass Kritik an bestehenden Anträgen mit Alternativen oder Verbesserungsvorschlägen verbunden wird. Bis zur Abstimmung sollen persönliche Gespräche durch einen virtuellen Austausch nicht ersetzt, sondern im besten Fall gefördert werden. In diesen Diskursen kann sich, bezogen auf den jeweiligen Anlass der Abstimmung, kreatives Potenzial entfalten, das in einer intelligenten und schnell lernfähigen Demokratie auch unmittelbar Einfluss auf das Abstimmungsergebnis haben kann. Das ist eine große Chance für alle, denen Bürgerbeteiligung am Herzen liegt.

Es ist nicht verwunderlich, dass auch Unternehmen großes Interesse an den Werkzeugen von Liquid Democracy zeigen. Die Synaxon AG involviert zum Beispiel schon heute ihre Mitarbeiter mittels Liquid Feedback in unternehmerische Entscheidungen, um das spezifische Wissen und die Intelligenz der Mitarbeiter zu nutzen.

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4 Kommentare
frostdiver
frostdiver

„Während Anhänger das Konzept unterstützen, stößt es bei Gegnern auf Widerstand.“
Sieh an, sieh an!

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Crowd makes proud
Crowd makes proud

Nicht die Mitarbeiter sind das Problem, sondern die sogenannte „Lehmschicht“, also das mittlere Management. Die sind nämlich überflüssig. Siehe Stromberg.

Und das man angstfrei diskutieren können muss ohne gemobbed zu werden, sollte auch klar sein.

Rot-grün hätten das 1999 unter AOL schon einführen können. Dann wäre Deutschland auf dem Weg der Schuldenfreiheit und Flughafen Berlin wäre längst fertig und würde Gewinne einspielen.

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laskuso
laskuso

„Während Anhänger das Konzept unterstützen, stößt es bei Gegnern auf Widerstand.“ Füllsatz-Alarm :-)

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Tobi
Tobi

Ich schreibe gerade meine Bachelor Thesis zu dem Thema (Schwerpunkt Mitarbeiterzufriedenheit durch Tools wie LiquidFeedback). Liebend gerne würde ich mal in einem Unternehmen arbeiten, die derartige Software nutzen und damit Erfahrungen sammeln. Aus meiner Sicht hat das richtig viel Potenzial in Bezug auf die Zufriedenheit und Innovationskraft der Mitarbeiter.

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