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„Keiner hat Snapchat bisher so richtig verstanden“

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t3n Magazin: Es gibt ja wahnsinnig viele soziale Netzwerke heute. Wie entscheidest du, welches du ausprobierst?

Gary Vaynerchuk: Anhand der Zahlen. Jeden Morgen wache ich auf, öffne den App-Store und gucke mir die beliebtesten Apps an. Das ist nicht so schwer, die Daten sind ja da. Normalerweise starte ich von unten. Dort habe ich auch zum ersten Mal Snapchat entdeckt. Und wenn ich eine App interessant finde, dann lade ich sie runter und versuche, sie zu verstehen.

t3n Magazin: Sind das nicht viel zu viele?

Gary Vaynerchuk: Nein. Die meisten tauchen an einem Tag auf, weil sie eine Anzeige geschaltet haben, und dann sind sie wieder weg. Aber ich gucke sie mir trotzdem genau an.

t3n Magazin: Wie entscheidest du, ob du auf einem sozialen Netzwerk bleibst?

Gary Vaynerchuk: Intuition. Das lässt sich nicht rational erklären. Leider können die Menschen von diesem Ratschlag wenig lernen. Was ich sagen kann: Die Menschen warten einfach zu lange, bis sie ein soziales Netzwerk ausprobieren, und sie geben zu schnell auf. Du musst manchmal ein Jahr warten, bis sich ein Effekt zeigt. Meine Wein-Show auf Youtube lief 17 Monate, bevor sie wirklich abhob. Und die habe ich fünf Tage die Woche gemacht.

t3n Magazin: Es gibt also keinen Knopf, den man drücken kann?

Gary Vaynerchuk: Nein. Jedes Netzwerk ist anders. Und jedes hat seinen eigenen Gradmesser, wann die Zeit reif ist.

t3n Magazin: Wenn du selbst ein soziales Netzwerk erfinden dürftest: Wie sähe es aus?

Gary Vaynerchuk: Wir brauchen ein besseres Twitter, genauso wie Facebook ein besseres Myspace kreiert hat. Das würde ich gerne bauen. Ein Twitter, das dich nur einmal alle 24 Stunden posten lässt.

t3n Magazin: Kannst du das genauer erklären?

Gary Vaynerchuk: Wenn es ein soziales Netzwerk gäbe, das dich zwingt, nur einmal in 24 Stunden einen Beitrag zu posten, dann würde das dazu führen, dass du wirklich nur Interessantes und qualitativ Hochwertiges schreibst. Ich würde dir folgen, selbst wenn du nicht unter meinen besten 50 Freunden wärst, weil ich wissen will, was du gerade machst. Wenn du 84 Mal am Tag postest, ist mir das irgendwann egal, weil es zu beliebig ist.

t3n Magazin: Du selbst bist sehr aktiv in den sozialen Medien. Einmal hast du einem deiner Twitter-Follower sogar 20 Kartons mit Eiern geschickt, weil er schrieb, er brauche welche. Wenn du Unternehmen im Alltag berätst: Was können sie von dieser Anekdote lernen?

Gary Vaynerchuk: Jedes Unternehmen sollte Eins-zu-eins-Marketing machen. Es eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Aber aus Erfahrung weiß ich: Die Konzerne wollen das einfach nicht.

t3n Magazin: Warum nicht?

Gary Vaynerchuk: Weil sie nicht denken, dass es skaliert. Ich habe viel über Konzerne gelernt. Wenn eine Firma mit Menschen kommunizieren will, aber nicht weiß, wie sie eine Rendite daraus ziehen kann, dann lässt sie es. Denn ihre Zahlen rechtfertigen das Verhalten nicht.

Gary Vaynerchuk in seinem Element: Am Ende des Interviews mit Redakteurin Lisa Hegemann antwortet der Marketingprofi auf die Fragen von t3n-Lesern – ganz stilecht auf Snapchat. (Foto: Dan Heisenberg)
Gary Vaynerchuk in seinem Element: Am Ende des Interviews mit Redakteurin Lisa Hegemann antwortet der Marketingprofi auf die Fragen von t3n-Lesern – ganz stilecht auf Snapchat. (Foto: Dan Heisenberg)

t3n Magazin: Was würdest du machen, wenn du in der Situation der Konzerne wärst?

Gary Vaynerchuk: Ich würde gar kein Produkt vermarkten. Ich würde einfach jeder Person mein Produkt schicken.

t3n Magazin: Wie willst du damit Geld verdienen?

Gary Vaynerchuk: Ganz einfach: Statt 20 Millionen US-Dollar für Marketing zu verschwenden, nutze ich das Geld, um mein Produkt jedem potenziellen Nutzer zu schicken. Ich denke darüber seit längerer Zeit nach. Es ist ein unheimlicher Gedanke, aber ich bin mir sicher, dass es funktionieren würde.

t3n Magazin: Warum?

Gary Vaynerchuk: Marketing funktioniert viel besser, wenn du das beworbene Produkt probierst. Angenommen ich produziere Müsli und schicke dir eine Probe zu. Du wirst es kosten, denn es ist eine nette Geste. Und die Erfahrung wird intensiver sein als ein 30-Sekunden-Clip im Fernsehen.

t3n Magazin: Die Idee des Eins-zu-eins-Marketing hast du in deiner Kindheit bekommen. Sie begann mit einem Baseball-Spiel und einem Spieler namens Ricky Henderson: Er zwinkerte dir zu. Kannst du beschreiben, warum dieser Moment so wichtig war?

Gary Vaynerchuk: Als ich ein kleiner Junge war, zählte Ricky Henderson zu den berühmtesten Spielern in meinem Lieblings-Baseballteam, den New York Yankees. Eines Tages saß ich im Stadion, er kam auf das Feld, hat mich angeschaut und mir zugezwinkert. Wenn ich heute darüber nachdenke, weiß ich natürlich, dass ihm neben mir auch noch zehn andere Personen gewunken haben. Also vielleicht hat er nicht direkt mir zugezwinkert. Aber es hat sich so angefühlt.

t3n Magazin: Was hat das Zwinkern verändert?

Gary Vaynerchuk: Es war nur eine Sekunde, doch sie machte mich zu einem Ricky-Henderson-Fan. Ich sammelte seine Baseball-Karten, meine Mutter kaufte mir sogar ein Football-Shirt von ihm. Das hat mich stark beeinflusst. Genauso wenn jemand in einem Interview nett ist: Das wirkt sich auf das aus, was du hinterher über diese Person erzählst. Und ich glaube, dass diese Hingabe und dieses Engagement skalierbar sind. Dass ich heute auf Twitter antworten und „Danke“ sagen kann, das digitale Zwinkern sozusagen, ist eine große Geste. Und es braucht dafür kaum Mühe. Die Leute sind verrückt danach. Und auch wenn das in der Masse nach unmöglich viel Arbeit klingt: Ich glaube daran, das Unskalierbare skalierbar zu machen.

t3n Magazin: Was versprichst du dir davon?

Gary Vaynerchuk: Wir leben in einer voll digitalisierten Welt, in der jeder mit Technologie Geld verdienen will. Und das ist mein Vorteil: Nichts ersetzt einen Handschlag, ein Zwinkern oder Engagement. Die meisten glauben, dass diese Methode ineffizient ist. Aber ich glaube daran.

t3n Magazin: Du nutzt jede Menge Kanäle, hast täglich jede Menge Treffen und Interviews, arbeitest 14 Stunden am Tag. Wie entscheidest du täglich, was du machst und was du nicht machst?

Gary Vaynerchuk: Völlig wahllos. Ich versuche immer, den CEO Gary Vaynerchuk, den Investor Gary Vaynerchuk und den Charakter Gary V unter einen Hut zu bekommen. Ab und zu will ich meine Arbeit strukturieren. Wenn ich beispielsweise das Gefühl habe, dass ich nicht genug für Vayner Media arbeite, dann maile ich meinen Assistenten und sage ihnen: „Ihr müsst mich jetzt stoppen. 60 bis 70 Prozent der Meetings müssen in den nächsten Monaten mit Vayner Media zusammenhängen. Wenn ich die Chance erhalte, auf das Cover eines deutschen Magazins zu kommen, dann müsst ihr ‚nein‘ sagen.“

t3n Magazin: Und das funktioniert?

Gary Vaynerchuk: Nicht immer. Ich bin sehr intuitiv, und so treffe ich auch meine Entscheidungen. Ab und zu, normalerweise einmal im Quartal, überkommt es mich und ich setze mich über das „Nein“ meiner Mitarbeiter hinweg. Und dann müssen wir wieder von vorne starten.

t3n Magazin: Auf deinem Twitter-Profil steht „Family first“. Welche sozialen Netzwerke nutzt du mit deiner Frau und deinen Kindern?

Gary Vaynerchuk: Wir texten. Oder wir nutzen Facetime.

t3n Magazin: Keine sozialen Netzwerke?

Gary Vaynerchuk: Nein. Es gibt in den sozialen Netzwerken nur sehr wenige Inhalte über meine Kinder und meine Frau. Sie will unser Familienleben privat halten und das hat auch mir geholfen. Wir haben entschieden, dass wir unsere Kinder nicht zur Schau stellen werden. Viele Menschen machen das, aber wir wollen, dass unsere Kinder selbst entscheiden, ob sie in die soziale Welt wollen.

t3n Magazin: Gibt es schon eine Tendenz?

Gary Vaynerchuk: Ich glaube, dass meine Tochter ihren Vater wie einen leisen, introvertierten Menschen aussehen lassen wird, wenn sie die sozialen Netzwerke entdeckt.

t3n Magazin: Hast du so etwas wie ein großes Vorbild?

Gary Vaynerchuk: Ich schaue nicht wirklich zu jemandem auf. Vielleicht klingt das merkwürdig, aber ich habe Sorge, jemanden zu bewundern, den ich gar nicht wirklich kenne.

t3n Magazin: Was meinst du damit?

Gary Vaynerchuk: Ich sehe es ja bei mir selbst. In den Medien heißt es – und sie meinen das nett –, dass ich mein Weingeschäft mit Hilfe sozialer Medien aufgebaut habe. Eigentlich stimmt das aber nicht. Ich habe es mit Hilfe digitaler Medien hochgezogen. Ich kann also nicht einmal meine eigene Geschichte beeinflussen. Wenn ich also die Medien schon selbst nicht erziehen kann, wie soll ich dann wissen, was über andere stimmt? Deswegen ist es schwer für mich, jemanden zu bewundern, außer ich kenne ihn wirklich gut.

t3n Magazin: Gibt es denn jemanden, den du gut kennst und bewunderst?

Gary Vaynerchuk: Meine Eltern. Dafür gibt es mehrere Gründe, sie kamen aus einem fremden Land und haben sich in den USA durchgesetzt. Aber der wichtigste ist, dass sie sich nie beschweren. Das finde ich sehr bewundernswert.

t3n Magazin: Gary, danke für das Gespräch.

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4 Reaktionen
Dankho

Noch ein weiterer Mensch, der diesen Hype unterstützt. Springt für ihn auf wirtschaftlicher Ebene viel raus. Unbrauchbar finde ich sowas.

Peter

Und T3N Qualität hat wieder zugeschlagen.
Welcher Schwachkopf hat das Interview übersetzt?

"Menge Geld mit Bannern und Doppelklicks"

Doubleclick ist bestimmt nicht Doppelklicks.

Proton

Snapchat hat ganz 24h auf meinem Handy überlebt. Die App ist schlecht programmiert und unintuitiv. Ich möchte beim öffnen nicht direkt die Kamera einschalten!
Außerdem ist es datenschutztechnisch sehr umstritten.
Es mag was für narzistische Mädels sein oder irgendwelche Leute, die es gerne haben sich von Werbeclips irgendwelcher Unternehmen berieseln zu lassen, aber mir fehlt da erstens die Zeit für und zweitens der Nerv.

PS: Ich bin 24.

Raphael

Interessanter Dialog, danke dafür!

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