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Microblogging – Das perfekte Marketingwerkzeug

Die „Blogosphäre“, also die Masse an bloggenden Menschen, wächst von Tag zu Tag. Ob hochwertige Inhalte, tagesaktuelle Updates oder Privates: Der Trend lässt keinen Bereich aus und bedeutet für die Informations- und Medienbranche sowohl Gefahr als auch Chance. Vor allem der Nebenzweig Microblogging hat Zukunft und ist für viele Dienstleister das perfekte Marketingwerkzeug.

Kreative Zerstörung

Ein Anthropologe, der im Jahr 2050 verstehen will, wie sich das virtuelle Zeitalter aus der digitalen Ursuppe am Ende der Gutenberg-Galaxis [1] entwickelt hat, wird sicher die Graswurzelbewegung („grassroot movement“) der Blogosphäre als wesentliche Kraft hinter der digitalen Sozialisierung herausfiltern. Aus dieser emergenten, unkoordinierten und dezentralen Bewegung entstanden neue Technologien, Arbeitsansätze und Paradigmen in Wirtschaft und Gesellschaft.

Bezeichnend für die „Blogosphäre“ ist dabei der neue Arbeitsansatz: Sie ist in höchstem Maß kollaborativ, sozial und effizient. Mit diesen Eigenschaften löst sie das bestehende Establishment ab. Es entstehen neue Phänomene wie die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia, welche die Encyclopaedia Britannica als Wissensbasis und -instanz ablöst. Die Huffington Post wird geboren, ein Onlinemedium, das aktuell zur weltweit größten Tageszeitung emporsteigt und angestammte Platzhirsche wie die New York Times (NYT) ablöst. Einige Zahlen: Ende 2010 verzeichnete die Huffington Post (kurz „Huff“) bereits über 26 Millionen regelmäßige Besucher (NYT: 34,6 Mio. Unique Visitors pro Monat). Mit nur 93 angestellten Journalisten bringt es die „Huff“ dank 6.000 Bloggern auf bis zu 600 Beiträge pro Tag, während die NYT mit 1.200 angestellten Journalisten gerade auf 350 tägliche Artikel kommt. Die Produktivitäts- und Kostenvorteile liegen eindeutig bei der Blogosphäre.

Der Autor Don Tapscott prägte für diese neue Arbeitsweise den Begriff Wikinomics [2]. Für Tapscott schaffen die Technologien, Paradigmen und Ethik der Blogosphäre eine neue Welt, die der kapitalistischen Industriegesellschaft mit ihrer anonymen Massenproduktion folgen wird. Für Tapscott wie für andere Experten ist diese neue, aus der Blogosphäre kommende Welt sogar die Rettung dieses Planeten.

Eine kleine Datenreise

Die führende Blogging-Plattform WordPress wird von 30 Millionen Blogs genutzt, die im September 2010 von 96 Millionen Menschen (Unique Visitors) frequentiert wurden und dabei 1,1 Milliarden Pageviews generierten [3]. Insgesamt bevölkern bereits mehr als 200 Millionen traditionelle Blogs die Blogosphäre, wobei die Anzahl der interaktiv publizierenden Menschen durch das neue Phänomen des Microbloggings stark steigt.

Facebook, das Massenmedium schlechthin, ist aus der Blogosphäre heraus entstanden und hat rund 600 Millionen aktive Benutzer in die erweiterte Blogosphäre gebracht. Bei Facebook verweilten die Nutzer im vergangenen Jahr rund 700 Milliarden Minuten und publizierten mehr als 1.000 Postings pro Person. Nicht zu vergessen, dass rund um Facebook 2,5 Millionen Entwickler an diversen Apps arbeiten [4].

Kurz darauf erschien Twitter auf der digitalen Landkarte. Der Blogging-Dienst bot eine mit 140 Zeichen begrenzte Echtzeit-Publikationsmöglichkeit und prägte den Begriff „Microblogging“. Ende 2010 verzeichnete Twitter 106 Millionen Accounts. Trotz der optisch-funktionalen Einfachheit ist die Nutzung von Twitter relativ komplex, weswegen die Retention Rate (Kundenbindungsrate) auch nur bei 60 Prozent liegt [5]. In der Verwendung zeigt Twitter zwei gegensätzliche Entwicklungen auf: Einerseits benutzt die Blogosphäre das Medium als eine Art Presseagentur, um neue Beiträge mittels verkürzten Links zu kommunizieren. Andererseits ist Twitter ein profanes Tratschmedium.

Rund um Twitter entstand ein eigenes Ökosystem aus Bild- und Dienstplattformen. Mobile Clients sorgten für die Ubiquität, vor allem in den USA, wo man auch über SMS posten kann. Mit der Begrenzung auf 140 Zeichen erfuhren auch die verkürzten URLs eine Renaissance.

Microblogging hat sich zum Massentrend entwickelt. Dabei hat sich das 2007 gegründete Tumblr mit 11 Millionen Blogs (Accounts) und 48,8 Millionen Besucher (Unique Visitors) pro Monat zum neuen Champion entwickelt. Das Erfolgsprinzip lautet: Simplizität – einfache Handhabung, viele Bilder und kurze Texte. Das Einrichten eines Blogs ist denkbar einfach.

Wo bei WordPress Plugins und konfigurierbare Themes die Individualität verleihen, herrscht bei Tumblr die konsequente Einfachheit – mit starkem kommerziellen Fokus. So wird man etwa sehr rasch mit kostenpflichtigen Themes konfrontiert. Dieser kommerzielle Trend zeigt sich auch beim Mitbewerber SquareSpace, wo Nutzer ausschließlich kostenpflichtige Blogs betreiben können. Die neue Blogosphäre ist spürbar kommerzieller als WordPress und die anderen Pioniere.

Tumblr weist eine große Ähnlichkeit zu Twitter auf. Statt Retweet heißt die entscheidende Funktion, mit der man fremde Beiträge als eigene weiterleitet, Rebloggen. Tumblr fokussiert sich jedoch auf jüngere Blogger und positioniert sich seit kurzem eher als Magazin à la Huffington Post mit aktiv kuratierten Themenbereichen. Den Auftakt machte das Breitenthema Mode. Im Dezember 2010 wurde ein themenverantwortlicher Director angeheuert und kürzlich eine Einladung für 20 Blogger zur Fashion Week in New York ausgesprochen, um von dort ein von Tumblr organisiertes Livestreaming-Event abzuhalten.

Zuletzt kam 2008 Posterous dazu. Der Dienst positioniert sich mehr als Lifestreaming- und Autoposting-Plattform denn als Microblogging-Plattform. Posterous bietet die Möglichkeit, mittels Autoposting seine Beiträge über alle relevanten Publishingplattformen von Facebook über Twitter, Tumblr, WordPress bis hin zu Flickr und YouTube zu posten und unterstützt damit den Micro- und Reblogging-Trend. Allerdings weist der Dienst noch einige Kinderkrankheiten auf: Tags werden nicht sauber auf Plattformen mitgegeben und die Einordnung in Kategorien auf den einzelnen Plattformen muss man manuell nachziehen. Mit der Möglichkeit, statische Seiten und Links einzubauen, eignet sich Posterous auch als Plattform für einfache, aber dynamische Homepages und Corporate Sites.

Morphologie der neuen Blogosphäre

Die Blogosphäre explodiert aktuell, ebenso die unterschiedlichen Bloggingkonzepte, die daraus hervorgehen. In Bezug auf das Publikumsformat lässt sich folgende Unterscheidung vornehmen:

  • High Profile Publishing: Veröffentlichung von hochwertigen Inhalten, z. B. Huffington Post, TechCrunch und Mashable
  • Mainstream Publishing: Veröffentlichung von Analysen und Ideen von (semi-)professionellen Bloggern
  • Update Publishing: Veröffentlichung von kurzen Bild- und Textnachrichten zu bekannten Themen
  • Private Publishing oder Status Publishing: privates Kommunizieren ohne spezielles Thema und Relevanz

Dabei umschließt das höherwertige Publikationsformat alle einfacheren Formate, um ihre Inhalte zu transportieren, nicht aber umgekehrt (s. Grafik). Beispielsweise kommuniziert die Huffington Post ihre Inhalte über alle Kanäle bis hin zu Facebook, um die privaten Leser zu erreichen.

Höherwertige Publikationsformate transportieren Inhalte auch über die einfacheren Formate (Quelle: Medienfabrik 2011).
Höherwertige Publikationsformate transportieren Inhalte auch über die einfacheren Formate (Quelle: Medienfabrik 2011).
Die Formate „Update Publishing“ und „Private Publishing“ fallen dabei unter Microblogging. Darüber hinaus bietet Microblogging für High-Profile-Publisher die Möglichkeit, ihre Headlines samt Links breit zu kommunizieren – entweder über Autopostings mit verkürzten Links oder über interaktive Share/Like/Tweet-Buttons.

Trend zum MicroBlogging

Der Trend zum Microblogging ist nicht mehr aufzuhalten und basiert auf dem Erfolg des Private Publishings und des mobilen Webs. Anlassbezogene Beiträge samt Fotos am Smartphone, iPhone oder iPad zu schreiben, ist einfach bequem. Die kleinen Tastaturen zwingen zu kurz gefassten Beiträgen, während die eingebaute Kamera zu bild- und videobetonten Inhalten verführt. Daher dominieren auf Tumblr wie auf Posterous die Bildbeiträge und nehmen dort wesentlich mehr Raum im Verhältnis zum Text ein.

Blogging ist vor allem für digitale, über das Netz beziehbare Informationsgüter wie Software, Musik, E-Books oder Dienstleistungen ein perfektes Marketingwerkzeug. Das einzelne Blog stirbt aus, vielmehr müssen Blogger in Zukunft viele Blogs bedienen. Denn die einzelnen Bloggingplattformen bedienen unterschiedliche Zielgruppen, die jeweils eigene Marktsegmente darstellen. Während sich die jungen Blogger und Micro-Publizisten vorwiegend auf Tumblr und Facebook tummeln, findet das High-Profile-Publizieren eher auf WordPress oder TypePad statt. Es bleibt spannend, wie sich die Blogosphäre 2011 weiterentwickelt.

Noch eine Empfehlung zum Schluss: Für den professionellen Blogger empfiehlt sich die Präsenz auf möglichst allen wichtigen Plattformen. Mit Posterous kann man die meisten anderen Plattformen über Autoposting hervorragend integrieren und damit ein effizientes Publikations- und Kommunikations-Cockpit einrichten. In den nächsten Monaten und Jahren werden darüber hinaus mit Social-Media-Clients wie Hootsuite auch entsprechende Management-Werkzeuge für die Überwachung der Kommunikation über Social Media und Blogosphäre zur Verfügung stehen.

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Eine Reaktion
Gabriel

Schön geschrieben und viele Infos ohne viel drumherum verdichtet, danke! Aber ist die Blogosphäre wirklich "in höchstem Maß kollaborativ, sozial und effizient"? Auch die Frage, ob die Blogosphäre das Establishment ablöst, stellt sich mir, da die hier angeführte Wikipedia kein teil der Blogosphäre ist.

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