Interview

Forscherin Maja Göpel zur Klimakrise: „Jetzt ist das Fe­­­nster der Möglichkeiten da!“

(Foto: Ole Witt)

Maja Göpel ist Generalsekretärin des WBGU, dem wissenschaftlichen Beirat, der für die Bundesregierung globale Umweltveränderungen analysiert. Im März hat sie mit anderen Wissenschaftlern die Scientists for Future initiiert. Sie erklärt, wie wir den Klimawandel in den Griff bekommen können – und welche Rolle die Digitalisierung dabei spielt.


Die Studierenden haben sich bisher eher vereinzelt mit den ­Schülern der ­Fridays-for-Future-Bewegung solidarisiert, ihre Lehrer und Lehrerinnen dagegen gehen schon mal stärker in Vorleistung: Rund 26.800 Wissenschaftler unterstützen die Aktion „Scientists for Future“. Ihre Botschaft: Die Schüler haben recht, es ist höchste Zeit, konkrete Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen.

Maja Göpel ist mittendrin. Sie hat die Scientists for Future nicht nur mit initiiert, sie sitzt als Generalsekretärin des WBGU (wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen) an der Schnittstelle zur Politik und berät sie bezüglich einer nachhaltigen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor hat die studierte Ökonomin das Berliner Büro des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie geleitet. In ihrem Buch „The Great Mindshift“ beschreibt sie, wie Überzeugungen und Orientierungsmuster sich verändern müssen, um große Transformationsprozesse voranzubringen. Wie diese gelingen? „Häufigkeitsverdichtung“ nennt Göpel das: Wenn verschiedene gesellschaftliche Gruppen genug Druck ausüben, entsteht ein Fenster der Möglichkeiten, um wirklich tiefgreifende Veränderungen durchzusetzen. Und dieses Fenster öffnet sich gerade.

t3n: Frau Göpel, im Mai dieses Jahres wurde mit 415,26 CO₂-Teilchen pro Million Teilchen Luft (ppm) der höchste je gemessene Wert an CO₂-Konzentration in der Erdatmosphäre gemessen. Dabei wurde 1992 auf der Klimakonferenz in Rio von 154 Staaten ein Abkommen beschlossen, um den Klimawandel deutlich abzumildern. Was ist in den letzten 30 Jahren falsch gelaufen?

Maja Göpel: Ich würde zwei Gründe nennen: CO₂-Emissionen sind sehr eng mit wirtschaftlichem Wachstum gekoppelt. Wir holen immer mehr aus dem Planeten heraus, um nicht so viel über Verteilungs­gerechtigkeit reden zu müssen. Und wenn dann auf einmal ­Studien sagen: „Moment mal, der Planet hat Grenzen, wir können gar nicht immer mehr für alle rausholen“, – dann wirft das natürlich ganz grundlegende Fragen auf und stellt sehr tief verankerte Strukturen und Machtverhältnisse zur Disposition.

t3n: Und was ist der zweite Grund?

Es fällt unheimlich schwer, die Rückkopplungsschleifen zwischen unserem Handeln und den Konsequenzen zu begreifen. Wenn ich direkt irgendwo etwas verschmutze, funktioniert das noch – also wenn ich zum Beispiel Öl auskippe und sehe, wie Vögel sterben. Die Auswirkungen meines Tuns auf das Ökosystem sind in diesem Fall greifbar. Aber gerade beim Klimawandel ist es ja so, dass wir das CO₂ in die Luft pumpen. Das lässt sich nicht spüren und nicht schmecken. Es geht irgendwo in die Atmosphäre und wirkt ja auch erst in der Summe nach längerer Zeit destabilisierend.

t3n: Haben die Prognosen der Wissenschaftler von damals nicht gereicht, um die Konsequenzen klar zu machen?

Das war ja das Problem. Der Klimawandel war eben nur eine Zukunfts­prognose. Heute fangen wir an, ihn zu spüren. Weil wir damals nicht direkt gehandelt haben. Der Heißzeitbegriff, der letzten Sommer geprägt wurde, war für viele sehr eingängig.

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t3n: Waren damals nicht auch die technologischen Möglich­keiten beschränkter?

Absolut. Die erneuerbaren Energien zum Beispiel waren vor dreißig Jahren technisch überhaupt nicht so weit, dass wir eine flächendeckende Versorgung hätten gewährleisten können. Das war damals noch eine verrückte Idee von einigen Ingenieuren und Wissenschaftlern. Heute hingegen sind wir an einem Punkt, wo wir, wenn wir etwa Subventionen für die fossilen Brenn­stoffe streichen und CO₂ bepreisen würden, die Energiesysteme sehr schnell umbauen können.

t3n: Der WBGU hat im Frühjahr ein Papier zu Digitali­sierung und Nachhaltigkeit veröffentlicht. Darin steht: „Das ­künftige Schicksal der planetarischen Umwelt hängt ­massiv vom Fortgang der digitalen Revolution ab.“ Was heißt das?

In der Nachhaltigkeitsforschung gibt es schon länger die ­Aussage, dass eine grundlegende Transformation der Gesellschaft nötig ist. Gleichzeitig stellt sich immer wieder die Frage, warum diese Transformation so schwierig und langwierig umzusetzen ist. Auf der anderen Seite ist die digitale Revolution ein Phänomen, das wir in der Nachhaltigkeitscommunity völlig verpennt haben. Und die strukturiert unsere Gesellschaften vergleichsweise irre schnell um. Daher stellen sich Fragen wie: In welche Richtung strukturiert sie um? Was wird dadurch gewonnen und was geht dadurch eventuell auch verloren? Wem wird ermöglicht, was zu tun und wem was erschwert?

t3n: Und was ist Ihre Antwort?

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Ein Kommentar
Martin

Spannendes Interview. Besonders interessant finde ich einen Punkt: Die Verbindung von Wirtschaftswachstum und CO2 Verbrauch – Genau diese Verbindung muss aufgelöst werden. Genau an solchen Schnittstellen sieht man aber auch das wir politische Lösungen benötigen.

Antworten

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