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Open Privacy – gegensätzliches Bedürfnis nach Privatsphäre und Austausch

Was haben Facebook und die Nachbarn gemeinsam? Sie alle teilen die Effekte eines soziobiologischen Urbedürfnisses: das gleichzeitige Bedürfnis der Menschen nach Privatsphäre wie auch nach sozialem Austausch. Open Privacy ist Ausdruck eines naturgegebenen Gesinnungswandels.

(Bildnachweis: Allzweckjack / photocase)

Julian Assange ist ein Held

Julian Assange, der Frontmann von Wikileaks, ist ein Held – für manche. Für andere ist er stattdessen ein Verräter, der Interna der nationalen Familien (also Staaten) nach außen trägt. Assange ist sozusagen Sinnbild für den Transformationsprozess, der derzeit stattfindet: ein massiver Wandel, getragen von Einflüssen des Internets und unseren Erbanlagen. Der Trend geht zu einem anderen Privatsphäre-Verständnis, das sich grundlegend von dem bisher gewohnten Verständnis unterscheidet.

Für Menschen zählen zuerst die Urbedürfnisse: Essen, Fortpflanzen, Gebiet sichern, Weiterentwickeln. Diese Basisfaktoren sichert der für alle Menschen wichtige kontinuierliche soziale Austausch. Das war schon in der Steinzeit so: „Was sagt der Schamane?“, „Wo ziehen die Wildtiere entlang?“, „Wie schütze ich mich?“ und ähnliche Fragen waren die damaligen Trending Topics. Antworten liefern heutzutage Technologie und mobiles Internet. Menschen verabreden sich spontan in der virtuellen Dorfmitte (Mobil, Facebook, 4square etc.), erfahren hierdurch, wo gerade welche Events stattfinden, wer mit wem Freundschaften knüpft, welcher Job möglicherweise vakant ist oder wo eine Wohnung frei wird.

Leben im Social Stream

Wir wissen also ständig über unsere soziale Umwelt Bescheid und das ist gut so. Durch die soziale Gruppe und ihre Dynamiken bewegen Menschen Dinge und schaffen Neues. Innerhalb der Gruppe ist man effizient, weil man nach innen transparenter kommuniziert als nach außen. Die soziale Herausforderung dabei: Jede neue Interaktion über Mobile und Web schafft möglicherweise neue Gruppen.

Wer andere anspricht, eine Community eröffnet oder eine Kampagne startet, schafft in der Regel das Potenzial für eine soziale Gruppe. Das Wichtigste dabei: Wer mit uns kommunizieren möchte, begibt sich damit auch in unsere Gruppe – man ist somit auf Augenhöhe und macht sich damit zwangsläufig auch selbst transparenter. Ein schickes Markenimage allein zählt dann nicht mehr, die vermittelten sozialen Werte zählen.

Direkte Internetverknüpfungen machen das Sozialverhalten jedes Mitglieds einer Community für die anderen auch schneller nachprüfbar als vor den Zeiten des Social Web. Man erfährt zu den neuen Gruppenmitgliedern, seien es „Produkte“, „Marken“, „Unternehmen“ oder „politisch und staatliche Verantwortliche“, schnell die relevanten Hintergrundinformationen.

An dieser Stelle findet auch die maßgebliche Veränderung statt – so beispielsweise sichtbar in den politischen Umwälzungen in Ägypten im Frühjahr 2011, die durch internetbasierte Transparenz via Facebook und andere Communitys Unterstützung fanden.

Vorbei ist es mit herkömmlichen Sender-Empfänger-Mustern. Nur wer sozial authentisch kommuniziert, ist anerkannt. Transparenz macht stark und verhindert (ungewollte) Enthüllungen. Die Ursache für den Erfolg des Social Web liegt im menschlichen Urbedürfnis nach Gruppenkommunikation und Transparenz innerhalb der Gruppe. Wie hat man also Erfolg in der Transparent Economy und Society? Ganz einfach. Durch Einhaltung einiger Grundsätze. Wer diese Prinzipien nutzt, ist im Vorteil.

Zwei Beispiele: Minecraft und SEMCO

Minecraft ist ein einfaches 3D-Aufbauspiel, sozusagen „SimCity + Second Life“ im LEGO-Stil. Die Besonderheit bei Minecraft liegt darin begründet, dass Entwickler Markus Persson das Spiel schon während der Entwicklung als Alphaversion zum Testen frei gab. Er bot an, Feedbacks und Nutzerwünsche nach Möglichkeit schnell zu integrieren. Wer wollte, konnte schon zu dieser Zeit für wenig Geld sogar eine Betaversion mit mehr Funktionen erwerben und damit die weitere Entwicklung unterstützen. Zudem erhielt man das Anrecht auf das spätere fertige Game (Once you've bought the game, it's yours. No DRM.). Persson stellte die Produktion von Minecraft komplett transparent auf, integrierte die Nutzer, und diese halfen als soziale Gruppe bei der Entwicklung für „ihr Spiel“ mit. Im Sinne des sozioökonomischen Trends „Social Sells“ empfahlen diese frühen Nutzer das Produkt zudem weiter.

Erfolg durch Transparenz

Minecraft verdiente bereits mit der ersten Alpha- und Betaversion Geld – sowohl auf Grund der transparenten Kommunikation als auch durch die Weiterempfehlung der Nutzer und Kunden untereinander. Die erste Alphaversion veröffentlichte Persson am 17. Mai 2009 und am 29. November 2010 bezifferte er das Wachstum mit zehn Prozent pro Woche. Unter Einbeziehung der beiden Trends Open Privacy und Social Sells errang Minecraft also bereits mit der ersten Alphaversion einen nachhaltigen finanziellen Markterfolg.

Open Privacy in der Old Economy

Auch der Konzern Semco ist ein gutes Beispiel für die konsequente Integration von Transparenz und Privatsphäre – sowohl nach innen wie nach außen. Die Unternehmensgruppe Semco verdankt ihren Erfolg ihrer internen gruppendynamisch-transparenten Struktur bei Kommunikation und Organisation. Die Teams wählen ihre Manager und entscheiden auch selbst über Anstellung und Entlassung von Teamkollegen. Darüber hinaus teilen sich die Teams ihre Arbeitszeiten und Aufgaben komplett frei ein und das gesamte Unternehmen kommuniziert Firmenzahlen und Gehälter jedes Quartal transparent. Sogar Kunden erhalten im Angebots- und Projektzusammenhang transparente Kalkulationszahlen. Dabei ist Semco Marktführer in Brasilien und in den eigenen Branchen auch international erfolgreich.

Das Unternehmen wächst im Jahr rund 30 Prozent und hat insgesamt etwa 5.000 Mitarbeiter. Verblüffend, dass man dort so transparent mit Informationen umgeht? Nein – einfach Erfolg durch gesteuerte Transparenz.

Wir kommunizieren immer mehr und das ist verständlich: Je dichter wir auf diesem Planeten zusammenleben, desto mehr Informationen entstehen und umso mehr tauschen wir uns aus. Die Gruppendynamik unserer gemeinschaftlichen Vernetzung verstärkt unseren Zusammenhalt. Je besser vernetzt, desto effizienter – dabei bevorzugt in flexiblen flachen Hierarchien.

Fazit

Die dem Trend Open Privacy zugrundeliegenden soziobiologischen Prinzipien liegen sozusagen jedem im Blut. Und jeder sollte diesen Trend aktiv nutzen sowie aktiv steuern. Das ist eine Notwendigkeit, um starke Hierarchie- und Kontrollkonflikte Stück für Stück zu vermeiden, die sich immer wieder finden. Bekannte Negativbeispiele hierfür gibt es genug: Nestlé/KitKat (Admins löschen nach Kritik kritische Facebook-Fangruppe), Jack Wolfskin (Firma verklagt private „Bastelmuttis“, daraufhin decken Blogger binnen zwei Tagen alte und neue Sünden von JW auf), zu Guttenbergs Plagiat-Affäre oder auch der Wikileaks-USA-Konflikt.

Derzeit dominieren noch die vertikal stark hierarchisch organisierten „alten“ Strukturen (von derart geführten Unternehmen und straffen Wirtschafts- und Staatssystemen bis hin zu den Extremen, den politischen Diktaturen). Dennoch: Wie es scheint, bildet sich im Hintergrund der sozioökonomischen Entwicklungen eine Art integrales Prinzip der Kommunikation und der Werte heraus. Dies führt dazu, dass viele Menschen zunehmend bewusst dem Status quo der alten Hierarchien um einige Phasen voraus sind.

Somit bildet sich ein Bewusstsein, das sich der Stärke durch sozialen Zusammenhalt bewusst ist – ob bei Unternehmen wie Semco oder in der Zunahme politischen Engagements via internetbasierte Kommunikation. Die Werte der Zukunft sind echter sozialer Austausch, Klarheit und Glaubwürdigkeit, Transparenz innen wie außen nach eigener Wahl sowie Stabilität durch Gruppentransparenz. Die Anzeichen dafür zeigen sich im Trend zu einer durch flache vernetzte Hierarchien gestützten Open-Source-Privatsphäre – kurz Open Privacy.

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4 Reaktionen
Robb

Hi, lass doch die olle Soziobiologie aus einem "ich find alle sollten offen sein"-Artikel raus, das macht das Thema noch unerträglicher und wehe wenns mal ein kritischer Wissenschaftler liest...

Offenheit und Hierarchieabbau in der Gesellschaft sind extrem begrüßenswert und werden auch durch soziale Medien durchaus gefördert, gut so.

Die Rechnung geht aber nur halb auf: die amerikanischen Internetkonzerne bauen derzeit extreme Macht- und Hirarchiepotenziale auf, so dass einem schwindelig wird. Hier sehe ich eher eine verlagerung als eine echte umfassende Öffnung.

Für die propagierten Segnungen wird ein dezentrales offenes System benötigt, also weder Google, noch Facebook noch Apple.

Lisa Figas

Ich finde es durchaus angebracht, dass jemand mal formuliert, worin die Chancen und Möglichkeiten der neuen Offenheit liegen. Dass Tranzparenz total böse und voll gefährlich ist bekommen wir jeden Tag zu hören. Aber es muss erlaubt sein auch mal die Vorteile zusammenzutragen.

Mir hat der Artikel interessante Impulse gegeben. Vielen Dank dafür!

Beste Grüße,

Lisa Figas

habIch

Den Unsinn an diesem "Trendwandel" erkennt man leicht daran, dass man sich nur mit Freunden unterhalten muss, um zu erkennen, dass der überall erwähnte Trendwandel nur in den Medien stattfindet. Und diese Medien werden auch nicht müde, diesen Trendwandel gebetsmühlenartig zu wiederholen.
Denn tatsächlich sind soziale Netzwerke nur Zeitfresser und die einzigen Nutznießer sind ebenjene Netzwerke und selbsternannte Experten wie Herr Kunze.

Klaus Lindow

Man könnte es Hirnwäsche nennen...

der Erfolg solcher Schaumschläger steigt leider mit der Anzahl der Hilfsbedürftigen, darauf fußt inzwischen ja eine ganze Industrie. Nach der Lektüre dieses Artikels stolperte ich dann noch über drei YouTube Videos des Herren, die haben mich letzten Endes davon überzeugt, dass mein erster Eindruck der richtige war.
Wenn Soma flächendeckend verfügbar ist, dann muss sich Herr Kunze nen neues Betätigungsfeld suchen.

Klaus Lindow

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