Trendreport

Die neuen Arzthelfer: Künstliche Intelligenz erobert den Gesundheitsbereich

(Abbildung: Ada Health)

Künstliche Intelligenz soll Ärzten Arbeit abnehmen und so für bessere medizinische Diagnosen in kürzerer Zeit sorgen. Und das alles für weniger Geld. Doch sollten smarte Algorithmen wirklich Doktor spielen?


Am Anfang stand die Verzweiflung. Ein renommierter Mediziner wusste nicht weiter und klagte Martin Hirsch sein Leid. Ein kleiner Junge war in seine Klinik eingeliefert worden, doch der Arzt war machtlos. Der Neunjährige baute vor den Augen des Doktors immer stärker ab. „Man wusste einfach nicht, was dem Jungen fehlte. Das fraß den Mann damals regelrecht auf“, erinnert sich Hirsch.

Hirsch, selbst theoretischer Mediziner, merkte, wie dieser clevere Arzt sich festgerannt hatte. Immer wieder versuchte er herauszufinden, wieso der Junge so rapide abnahm – aber immer auf die gleiche Art und Weise. Was ihm fehlte war ein Kollege, der sich auskannte, aber anders auf die Dinge schaut. Einer, mit dem er seine Gedanken neu durchgehen konnte. Mit dem er um die Ecke denken konnte. Aber eine weitere Koryphäe hätte möglicherweise auch nur den üblichen Weg genommen.

Ein Problem, das nicht nur diesen Doktor betraf. Hirsch beschloss, eine dauerhafte Lösung zu finden. Er begann mit Kollegen einen „Arzt“ aus dem Nichts zu erschaffen. Sie programmierten ihn Zeile für Zeile. Damit ein solches Dilemma nicht mehr passieren würde.

Mehr als sieben Jahre später ist aus dieser irren Idee ein vielversprechendes Startup im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) geworden. Während die Software 2011 noch weit davon entfernt war, helfen zu können, und nur ein plötzlicher Geistesblitz des besagten Mediziners den Jungen retten konnte, könnte das im Hier und Jetzt anders sein. Die Chancen stehen gut, dass die von Hirsch und seinen Kollegen programmierte künstliche Intelligenz namens „Ada Health“ am Ende den entscheidenden Tipp bei einer Diagnose geben könnte.

„Vor drei Wochen hatte die Tochter einer guten Freundin starke Bauchschmerzen und hat die Ada-App um Rat gefragt“, sagt Hirsch. Nachdem das Mädchen eine Reihe von Fragen beantwortet habe, sagte Ada, dass es wahrscheinlich etwas mit den Nieren in Kombination mit Magen-Darm zu tun habe. Genau so war es auch: „Es war eine Luftansammlung im Magen, die auf die Nieren drückte, und der behandelnde Arzt war tatsächlich beeindruckt, wie gut die erste Diagnose von Ada war.“

Beeindruckt sind auch die Investoren. Erst im Oktober des vergangenen Jahres kamen 40 Millionen Euro in einer neuen Finanzierungsrunde für die App zusammen. Und das deutsche Startup ist nur eines von vielen Beispielen für die KI-Hoffnungen im Bereich Gesundheit.

Babylon Health soll einfache Diagnosen stellen und einschätzen, wie dringend ein Nutzer wirklich zum Arzt muss und so das Gesundheitssystem entlasten. Die App ist von den britischen ­Gesundheitsbehörden zertifiziert. (Abbildung: Babylon Health)

Das kanadische Startup Cloud DX gewann zuletzt den renommierten X-Prize für eine KI-App, die das Husten von Nutzern aufnimmt und Anzeichen für Asthma, Tuberkulose oder eine Lungen-entzündung erkennt. Und die Firma Babylon Health, die an einer ähnlichen App wie Ada Health arbeitet, wird inzwischen vom britischen Gesundheitsversorger NHS gefördert, weil sie dabei helfen könnte, Kosten einzusparen.

Babylon Health soll einfache Diagnosen selbst stellen können und einschätzen, wie dringend ein Nutzer zum Arzt muss oder ob ein Magen-Darm-Tee erst einmal ausreicht. Dadurch sollen akute Fälle schneller zu den Fachärzten kommen, Lappalien mit Hausmitteln versorgt werden und das chronisch überforderte britische Gesundheitssystem entlastet werden. Zahlreiche Medien wie Wired oder die Financial Times schrieben bereits begeistert über Babylon Health, seit kurzem ist die App von den Gesundheitsbehörden zertifiziert.

Auch aus der klinischen Forschung werden immer wieder neue Erfolge für KI vermeldet. So zeigte zum Beispiel ein ­Algorithmus der University of Nottingham im vergangenen Jahr, dass er drohende Herzinfarkte besser vorhersagen konnte als die bisherige Standardmethode. Außerdem wird derzeit in China ein Bild-­erkennungsalgorithmus in Kliniken getestet, der dabei helfen soll, Lungenkrebs vorzeitig zu identifizieren.

„In der Bilderkennung sind die Algorithmen am Weitesten entwickelt.“

„Speziell im Bereich von Bilderkennung sind Algorithmen am weitesten entwickelt, und wir werden dort bald mehr und mehr nützliche Erfindungen für unsere Gesundheit sehen“, sagt Ali Torkamani, Direktor des Scripps Translational Science Institute in Kalifornien. Er verweist darauf, dass mit Arterys erst vor kurzem ein Produkt mit künstlicher Intelligenz die Prüfung der amerikanischen Medizinzulassungsbehörde FDA bestand. Die KI in Arterys soll es ermöglichen, mit MRI-Bildern schneller Herzprobleme zu erkennen.

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