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Googles UI-Designerin Eva-Lotta Lamm im Gespräch: „Man muss nicht zeichnen können”

Als UI-Designerin bei Google sorgt die Deutsche Eva-Lotta Lamm für ansprechende und gut funktionierende Interfaces. Bekannt geworden ist sie jedoch mit etwas anderem: ihren witzig-kreativen Sketchnotes, mit denen sie Vorträge visuell zusammenfasst. Nun vermittelt sie die Methode anderen Menschen und lässt dabei ein Argument nicht durchgehen: „Ich kann nicht zeichnen“.

Während der eine Teil von Eva-Lotta Lamms kreativer Ader in das Sketchnoting fließt, bringt sie den anderen Teil in das Entwickeln von Interface-Design ein. Seit über einem Jahr ist die Süddeutsche bei Google in London angestellt, wo sie aktuell an der Android-Entwicklerkonsole tüftelt. Mit dem Werkzeug können Android-Entwickler ihre Apps bei Google Play veröffentlichen und anschließend Statistiken, Bewertungen und Rezensionen einsehen. Eva-Lotta Lamm ist für die Überarbeitung der beliebten Anwendung zuständig, die sich aktuell in der offenen Betaphase befindet. „Die App läuft jetzt schneller und ist noch einfacher in der Anwendung. Sie bietet eine gute Grundlage, um die Funktionen weiterhin zu verbessern und Entwicklern noch mehr Werkzeuge anzubieten, um Android-Apps zu bauen und zu vertreiben“, erklärt die UI-Designerin.

Bevor sie zu Google wechselte, war Eva-Lotta Lamm auch schon für andere große Firmen wie Yahoo und Skype tätig. Dabei wirkt sie eigentlich nicht wie jemand, der gut in große Unternehmen und starre Hierarchien passt. „Ich hatte immer das Glück, in kleinen Teams arbeiten zu können. Dadurch hatte ich nie das Gefühl, in einer großen Maschinerie zu stecken, sondern konnte in meinen Projekten agil agieren und kollaborativ arbeiten“, erklärt sie die Tatsache, dass Google nun schon ihr dritter großer Arbeitgeber ist. Bei Yahoo hat sie es trotzdem nicht lange ausgehalten, der Fokus lag zu stark auf inhaltsorientierten Websites statt auf Web-Apps. Einige Monate später landete sie bei Skype, wo sie den auf Gruppen ausgelegten Manager in eine Business-Anwendung umwandelte.

„Wenn man im selben Raum sitzt, lassen sich Probleme leichter lösen“

[metabox keyword="google"]Nun sitzt sie bei Google in London und fühlt sich rundum wohl. „Ich arbeite bei meinem Projekt sehr eng mit den Entwicklern zusammen. Die meisten sitzen im selben Gebäude wie ich, nur ein paar Schreibtische entfernt. Wenn man im selben Raum sitzt, lassen sich Probleme viel leichter lösen, weil man verschiedene Lösungen ausloten und schnell mal einen Prototypen herstellen kann. So lässt sich festzustellen, ob bestimmte Ideen auch funktionieren“, gibt die Designerin Einblicke in ihren Arbeitsalltag. Neben der Arbeitsatmosphäre ist Eva-Lotta Lamm auch vom allseits gerühmten Essen bei Google begeistert und findet, dass sie dort ziemlich verwöhnt wird. Es ist nicht nur die Qualität des Essens, die sie überzeugt, sondern vor allem das Konzept, dass sich die Mitarbeiter täglich zum gemeinsamen Essen treffen und sich austauschen, statt alleine am Sandwich zu knabbern.

Was sie an Zeit übrig hat, steckt die Londonerin ebenfalls in Design-Projekte: Skizzen, Hand-Lettering, Illustrationen und Sketchnoting füllen ihre Freizeit aus. Aus ihren Sketchnotes sind bereits zwei Bücher entstanden (Sketchnotes 2009/2010“ und „Sketchnotes 2011“), darüber hinaus hat sie vor Kurzem das Buch „Content Everywhere“ von Sara Wachter-Boettcher illustriert. „Bei Designern ist nicht immer klar, wo die Arbeit aufhört und das Leben anfängt“, lacht sie. „Design ist eben Teil meines Lebens, das zeigt sich dann auch in der Freizeit.“ Ihre Work-Life-Balance sieht so aus, dass sie sich nach der Arbeit keinen Userdesign- und UI-Projekten mehr widmet, sondern Tätigkeiten, bei denen sie von Hand zeichnet. Bei denen die Kreativität einfach fließen darf und nicht so viel „mentalen Anspruch und Systematik“ verlangen wie die Arbeit als UI-Designerin – eben wie beim Sketchnoting.

Herausforderung beim Sketchnoting: Die eigenen Vorbehalte loslassen

„Sketchnoting“ klingt nach dem neuesten, kurzweiligen Trend, der ältere Verfahren wie Mindmapping und Creative Thinking abgelöst hat und nach einem neuen Modewort verlangt. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um eine uralte Technik, die laut Eva-Lotta Lamm bereits Maler wie Michelangelo nutzten, um ihre Einfälle und Ideen festzuhalten. Es ist eine Art und Weise, in persönlicher und visueller Form Notizen zu machen, bei denen Zeichnungen und Geschriebenes zusammen kommen, um sich Inhalte besser merken und später darauf zurückgreifen zu können.

Das Thema „Sketchnoting“ vermittelt Eva-Lotta Lamm immer häufiger auch anderen Menschen. Sie fühlt sich auf der Bühne sichtlich wohl und erzählt gerne von dem, was sie sich in den vergangenen Jahren angeeignet hat. In ihren Vorträgen, bei denen sie auch selbst zum Stift greift und erklärt, wie man aussagekräftige Strichmännchen zeichnet, motiviert sie Menschen dazu, die Technik des Sketchnoting selbst auszuprobieren – und geht dabei auf all die Ausreden ein, die Menschen für gewöhnlich anbringen, um es nicht auszuprobieren.

Eva-Lotta Lamms Schreibtisch: Bildschirm, Stifte, Sketchnote-Blöcke.
Eva-Lotta Lamms Schreibtisch: Bildschirm, Stifte, Sketchnote-Blöcke.

„Man muss nicht zeichnen können“

Mein Einwand, dass ich nicht zeichnen könne, scheint recht typisch zu sein, jedenfalls ist Eva-Lotta Lamm davon wenig beeindruckt. Man müsse nicht zeichnen können, um Sketchnotes zu machen. Es gehe um Skizzieren, nicht um akkurates Abbilden, das Resultat müsse nicht einmal gut aussehen, sondern einfach die Idee ausdrücken. Mit ein paar geometrischen Grundformen könne man alles Erdenkliche darstellen. „Es ist wie Lego: Man muss nur Formen zusammensetzen“, erklärt sie und empfiehlt zum Üben „Make a World“ von Ed Emberley, ein Kinderbuch aus den Siebzigern, in dem genau dies vermittelt wird: mit geometrischen Grundformen alles zeichnen, was es auf der Welt gibt.

Eine von Eva-Lotta Lamms Buch-Illustration für das Buch „Content Everywhere“ von Sara Wachter-Boettcher.
Eine von Eva-Lotta Lamms Buch-Illustration für das Buch „Content Everywhere“ von Sara Wachter-Boettcher.

Ein weiterer Einwand findet ebenfalls kein Gehör. Ich empfinde es als echte Kreativleistung, Gehörtes in Skizzen umzusetzen – eine Kreativleistung, die eben nur Designern vorbehalten ist. „Einfach Metaphern benutzen, die bereits existieren“, lautet ihr Tipp. Wenn der „Kunde König ist“, könne ein Strichmännchen mit Krone bereits alles Wichtige darstellen. Und wenn von einem „Recherche-Werkzeug“ die Rede ist – einfach einen Hammer zeichnen. Und „Recherche“ drüber schreiben. So einfach. „Im Endeffekt ist es Trainingssache. Unsere Vorstellungskraft ist wie ein Muskel, den man trainieren kann.“

Die Affinität zu Design zeigte sich bei Eva-Lotta Lamm schon in der Kindheit. Malen und Zeichnen gehörten für sie seit jeher zum täglichen Ausdrucksmittel. Auf Vorträgen zeigt sie manchmal noch Schulhefte aus ihrer Kindheit, um zu illustrieren, warum Sketchnoting so viel besser funktioniert als das „normale“ Mitschreiben von Inhalten. Und um zu zeigen, dass sie schon damals Überschriften verziert und verschönert hat. Auch ihr Vater habe großen Einfluss auf ihre Entwicklung gehabt, sein Architektur-Büro sei ihr wie die reinste Wunderkammer vorgekommen mit all den tollen Markern und Buntstiften. Am meisten war die Designerin von den tollen Namensschildern und Anhängerchen beeindruckt, die ihr Vater an Weihnachten zeichnete und an die Geschenke hing.

Bei ihrem späteren Grafikdesign-Studium in Krefeld und Köln hatte sie ihr eigenes Skizzenbuch für ihre Ideen und Einfälle. Doch mit der Zeit wurden auch solche Notizen, die sie auf Konferenzen und in Meetings machte, immer bildreicher. „Ich merkte einfach, dass ich geschriebene Notizen hinterher nicht mehr anschaute und die Inhalte nach kurzer Zeit vergessen hatte. Bei visuellen Skizzen ist das anders“, so die 35-Jährige. Durch Zufall stieß sie auf Arbeiten des US-Amerikaners Mike Rohde, die ihren eigenen ähnelten. Sie war überrascht, dass es dafür einen Namen gab, und trieb das Sketchnoting weiter voran. Und begeisterte damit auch andere Menschen, sodass sie mittlerweile regelmäßig angefragt wird, die Technik auf Konferenzen vorzustellen.

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