Interview

Precht im Interview: Ewiges Leben in der Cloud? „Nein, danke!“

(Foto: Richard David Precht)
Lesezeit: 10 Min.
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In seinem neuesten Buch kritisiert Richard David Precht die KI-Fantasien des Silicon Valley. Im Interview erklärt er, ­warum Maschinen niemals so intelligent wie Menschen sein werden und weshalb die ethische Programmierung von KI ein ­moralischer Super-GAU wäre.

Gehirn-Backup in der Cloud? Die erste menschliche Kolonie auf dem Mars? Eine Superintelligenz, die die Menschheit versklavt? Für Richard David Precht, einen der berühmtesten Philosophen des Landes, alles Hirngespinste einer nerdigen Tech-Elite aus ­Kalifornien. Mit ihren Visionen will sie uns laut Precht glauben lassen, dass alle Probleme der Welt mit Technologie lösbar sind. Das führe etwa auch zu der Forderung, KI ethisch zu programmieren – Precht hält das für naiv, wenn nicht gar ­gefährlich.

Der Philosoph kritisiert immer wieder öffentlichkeits­wirksam das Silicon Valley. Auch in seinem neuen Buch „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ tut er das, bisweilen polemisch, in jedem Fall hart in der Sache. Manchmal lenkt ­diese Polemik von seinem eigentlichen Thema ab, denn das Buch wird vor allem dann interessant, wenn Precht sich explizit mit der menschlichen Intelligenz auseinandersetzt und fordert, sie als „das Nicht-Banale am Menschen neu zu entdecken“, und zwar „nicht als das Andere der Natur, sondern als das Andere der künstlichen Intelligenz.“ Und müsste nicht diese philoso­phische Auseinandersetzung mit dem Menschsein im 21. Jahrhundert und seinen Konsequenzen das eigentlich große Thema von Prechts neuer Veröffentlichung sein?

Wir sprachen Anfang Juni mit ihm am Telefon, als sein neues Buch gerade erschienen war und die Weltpolitik sich mit den wirtschaft­lichen Folgen der Corona-Pandemie auseinander­setzte.

t3n: Herr Precht, warum schreibt ein Philosoph ein Buch über künstliche Intelligenz?

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Richard David Precht: Das Thema Intelligenz ist ja ein philosophisches Thema. Künstliche Intelligenz ist von erheblicher Auswirkung auf unsere ­Gesellschaft. Und die Aufgabe von Philosophen besteht darin, über die Gesellschaft nachzudenken; insofern ist das ausge­sprochen naheliegend, sich damit zu beschäftigen.

t3n: Worin unterscheidet sich denn menschliche Intelligenz von der künstlichen?

Es gibt ganz erhebliche Unterschiede, vor allem natürlich, weil wir im Gegensatz zu künstlicher Intelligenz emotionale Wesen sind. Wir haben ein Ich-Zentrum, auf das wir das, was wir erleben, beziehen. Wir Menschen sind fiktionsbedüftig, leben in unserer Fantasie also gerne in anderen Zeiten und anderen Welten. Das kann künstliche Intelligenz nicht. Und wir sind aufgrund all der anderen Eigenschaften moralfähig.

t3n: Ist das überhaupt Intelligenz, wenn wir von der Software sprechen, die wir heute als künstliche Intelligenz beschreiben?

Das ist eine schwierige Frage. Auch unter KI-Forschern selbst ist der Begriff künstliche Intelligenz nicht ganz unumstritten. Es gibt durchaus Spitzeninformatiker, die den Begriff nicht ­mögen. Intelligenz ist nach einer Definition von Jean Piaget das, was man einsetzt, wenn man nicht weiß, was man tun soll. Und das gilt natürlich im absoluten Sinne für künstliche Intelligenz nicht, da sie programmiert ist – selbst wenn sie innerhalb ihrer Programmierung auf kreative Lösungen kommt.

t3n: So etwas wie den gesunden Menschenverstand zum ­Beispiel können Maschinen nie verstehen?

Das wird in der Tat schwierig. Die menschliche Intelligenz dient in allererster Linie dazu, sich im Leben zu orientieren. Und ­Leben ist ein unglaublich komplexer und unberechenbarer Vorgang. Normales Leben fließt nicht in geregelten Bahnen. Und dafür sind unsere Gehirne im Evolutionsprozess optimiert worden. Das ist ein ganz großer Unterschied zur künstlichen Intelligenz, deren Aufgabe darin besteht, in geregelten Bahnen spezielle Aufgaben zu lösen. Und das, was der Mensch kann – sich in sehr komplexen Situationen zurechtfinden und ganz, ganz viele Aspekte einschließlich der emotionalen zu erwägen –, das kann künstliche Intelligenz in vergleichbarem Umfang nicht und wird es auch auf sehr lange Zeit nicht können.

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Ein Kommentar
David
David

Tolles Interview – Danke!

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