Ratgeber

Wie ein Projekt Kryptowährung skalieren will: Bitcoin für alle?

Raspberry Pis als vollwertige Knoten im Lightning-Netzwerk: Sie sollen Kapazität und Stabilität der dezentralen Payment-Infrastruktur stützen und weiter vergrößern. Seit das Netzwerk Anfang des Jahres offiziell den Teststatus verlassen hat, ist es schon auf mehrere tausend Knoten angewachsen. (Foto: Friedemann Brenneis)

Elf Jahre gibt es Bitcoin mittlerweile, doch ist die Kryptowährung von ­einer ­Alltags­­tauglichkeit als echtes Geld noch immer weit entfernt. Zu langsam, zu ­umständlich und zu teuer sind einzelne Transaktionen. Ein neues Protokoll soll das nun ändern.


Es ist heiß, laut und riecht nach dunklem, starkem Kaffee an diesem Samstagnachmittag in einem geräumigen Berliner ­Coworking-Space. Rund 200 Entwickler, Bastler und passionierte Bitcoiner sind aus allen Teilen der Welt zu einem zwei­tägigen Hackday angereist. Sie wollen Vorträge hören, Prototypen ­basteln und über die drängendsten Fragen von Bitcoin diskutieren, dem digitalen Geld, das in diesen Monaten zehn Jahre alt wird. ­Obwohl 64 Prozent der Deutschen mittlerweile schon ­einmal von Bitcoin gehört haben und knapp die Hälfte der 18- bis 34-Jährigen hierzulande Kryptowährungen für ein interessantes Investment hält, hat sich das digitale Geld im Alltag noch nicht wirklich.

„Die ursprüngliche Idee von Bitcoin ist es, Geld in die Hände vieler Menschen zu bringen. Eine Alternative bieten zu können und mit ihr mehr Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und individuelle Freiheit“, sagt Jeff Gallas, dessen Research-Startup Fulmo ­regelmäßig ­Bitcoin-Hackdays wie diesen veranstaltet. Dass es Bitcoin als dezentrales Projekt nach zehn Jahren überhaupt noch gibt, sei daher an sich schon ein Erfolg, meint er. ­Immerhin hat die Blockchain als Infrastruktur­technologie gezeigt, dass ein staaten- und bankenunabhängiges Geld zumindest in der Theorie möglich ist. Doch ist das erste rein digitale Geld trotzdem noch weit davon entfernt, die selbst gesteckten An­sprüche als globales Universalgeld zu erfüllen.

Zwar kann man Bitcoin bereits verwenden, um Geldwerte rund um die Uhr an praktisch jeden Ort der Welt zu verschicken, ohne befürchten zu müssen, dass die Transaktion zensiert oder manipuliert wird. Allerdings ist die Kapazität des Systems noch stark begrenzt. Zu stark, als dass Millionen Menschen das digitale Geld jetzt schon bequem in ihrem Alltag verwenden könnten. Aktuell kann die Blockchain nur drei bis sieben Transaktionen pro Sekunde verarbeiten. Die Transaktionen brauchen mindestens zehn Minuten, um final bestätigt zu werden. Und bei einer starken Netzwerkauslastung drohen die erforderlichen Gebühren für den Nutzer unberechenbar nach oben zu schießen. Das hat sich zuletzt Ende vergangenen Jahres gezeigt, als dringende ­Bitcoin-Transaktionen nur noch möglich waren, wenn man bereit war, 20 Euro und mehr für ihre Abwicklung zu zahlen.

Teilnehmer des dritten Lightning-Hackdays in Berlin haben einen Automaten an das Lightning-Netzwerk angeschlossen, der Schokolinsen ausspuckt, wenn eine Zahlung ausgelöst wird. (Foto: Friedemann Brenneis)

„Der große Nachteil von Bezahlungen mit Bitcoin ist bisher, dass man jede einzelne Transaktion über die Blockchain ab­wickelt und quasi der ganzen Welt mitteilt, weil jeder im Netzwerk ­diese Transaktion sehen, verarbeiten und in seiner internen Buch­führung nachvollziehen muss“, erklärt ­Christian Decker aus ­Zürich das Problem. Er bezeichnet sich selbst als Bitcoin-­Enthusiast der ersten Stunde, hat über Bitcoin promoviert und ­arbeitet mittlerweile beim US-amerikanischen ­Startup ­Block­stream an einer Lösung, die beim Skalierungsproblem von ­Bitcoin Abhilfe schaffen soll. Die Idee: Man muss gar nicht jede einzelne Bitcoin-Transaktion direkt über die Blockchain ab­wickeln. Stattdessen aggregiert man über spezielle Zahlungs­kanäle erst einmal beliebig viele Bitcoin-Transaktionen zwischen zwei Partnern und schreibt am Ende nur noch die Schluss­abrechnung in die Blockchain. Über ein großes Netzwerk solcher Zahlungskanäle könnten auf diese Weise nicht nur Millionen Bitcoin-Transaktionen gleichzeitig abgewickelt werden, sondern auch extrem günstig und vor allem blitzschnell. Daher auch der Name des Konzepts: Lightning.

Millionen Zahlungen in Sekunden

Bis zu 500 Transaktionen, schätzt Decker, kann so ein Kanal im Lightning-Netzwerk in einer Sekunde verarbeiten. Und das ist erst der Anfang: Schon jetzt erlebe er sogar Debatten darüber, erklärt der Experte, wie es gelingen könne, dass eine Bitcoin-Transaktion nicht länger als eine Zehntelsekunde dauere.

Es ist eine große Euphorie, die an diesem Tag nicht nur bei ­Decker, sondern bei allen Teilnehmern des Hackdays zu spüren ist. Eine Aufbruchstimmung, die sie aus Japan, Südafrika, den USA und vielen anderen Ländern in Berlin hat zusammenkommen lassen, um sich konzeptionell mit Lightning auseinanderzusetzen, aber auch, um praktische Erfahrungen zu sammeln. Auf den Tischen, an denen ­parallel zu den Vorträgen gebastelt und gecoded wird, steht daher der Prototyp eines Süßigkeitenautomaten, der für jede ­Lightning-Zahlung eine Handvoll Schoko­linsen ausspuckt. Daneben eine Selfie-Kamera, die bei erfolgreicher Zahlung das Foto schießt und direkt twittert, umgeben von einer ganzen Reihe frisch konfigurierter Raspberry-Pi-­­Minicomputer. Jeder einzelne ein vollwertiger Knoten im ­Bitcoin- und ­Lightning-Netzwerk. Sie sollen die Kapazität und Stabilität dieser dezentralen Payment-Infrastruktur stützen und weiter vergrößern. Und damit einem Trend folgen. Denn seit das ­Lightning-Netzwerk Anfang des Jahres offiziell aus dem Testnet ins Mainnet gewechselt hat, ist es bereits auf mehrere tausend Knoten und über 12.000 miteinander verknüpfte Zahlungskanäle gewachsen. Exakte Zahlen gibt es nicht, da sich Daten über dieses für anonyme Zahlungen konzipierte Netzwerk zentral nicht vollständig erfassen lassen. Doch zeigen auch die unvollstän­digen Daten: Lightning ist nicht nur an diesem Tag hier in Berlin ein Thema, sondern begeistert die globale Bitcoin-Community insgesamt.

Die Skalierungsfrage spaltet die ­Bitcoin-Community

Dieser Jubel ist die Folge eines enormen Tatendrangs, der sich Bahn bricht, nachdem er über Jahre hinweg von der ­Community selbst gebremst und zunehmend aufgestaut wurde. Denn das Lightning-Konzept wurde als Skalierungslösung für Bitcoin bereits 2015 vorgestellt. Doch konnte sich die Community lange nicht ­darauf einigen, ob Off-Chain-Transaktionen tatsächlich der beste Weg ­seien, Bitcoin zu einem Alltagsgeld zu machen. Als zu experimentell galt der Ansatz den sogenannten „Big Blockern“. Sie fürchteten, dass die finanziellen Anreize für die Miner sänken, wenn sie das Netzwerk ohne entsprechende Transaktionsgebühr weiter mit ihrer Rechenleistung absichern sollten. Außerdem würden Entwicklung und Erprobung von Lightning viel zu lange dauern – wenn das Konzept insgesamt überhaupt funktioniere. Als schnelle und einfache Lösung wollten sie daher das Daten­limit der Blöcke der Bitcoin-Blockchain Stück für Stück anheben, um so mehr Transaktionen zu ermöglichen. Dieser Skalierungsansatz wurde jedoch von anderer Seite nicht nur als grundsätzlich unzureichend abgelehnt, sondern auch wegen der Gefahr der Zentralisierung kritisiert. Wenn die Blockchain-Datenbank ­immer schneller wachse, so das Argument, stiegen auch die ­Kosten für das Betreiben eines Knotens im Bitcoin-Netzwerks. Das ­gefährde die Dezentralität und mit ihr die Zensur- und Manipulations­resistenz von Bitcoin, ihr größtes Gut.

Im August vergangenen Jahres eskalierte dieser Konflikt schließlich. Die Bitcoin-Community spaltete sich und mit ihr die ­Bitcoin-Blockchain. Ein Teil der Miner und Knotenbetreiber folgte der Vision der Big Blocker, implementierte Codes zur Vergrößerung der Datenblöcke und schuf damit eine eigenständige Variante von ­Bitcoin, die mit dem Original nicht mehr kompatibel war: Bitcoin Cash.

Die überwiegende Mehrheit der Miner, Entwickler und ­Nutzer folgte der Fork jedoch nicht, sondern verblieb weiterhin beim ­originalen Bitcoin mit Lightning als präferierter Skalierungs­option, die sich ohne den Widerstand der Big Blocker nun leichter umsetzen ließ. Auch der Markt reagierte sehr positiv auf die ­Lösung des Konflikts. Unmittelbar nach der Bitcoin-Cash-Fork begann der Bitcoin-Kurs schnell zu steigen und entwickelte schließlich das euphorische Momentum, das Ende vergangenen Jahres im überhitzten Allzeithoch von knapp 20.000 US-Dollar mündete.

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