Protonet-CEO Ali Jelveh und Cloud-Analyst René Büst diskutieren über Datenhoheit: Cloud oder local? Ein Streitgespräch

In Zeiten digitaler Transformation und Überwachung stellen sich Unternehmen zunehmend die Frage, wie sie mit ihren Daten umgehen sollen. Wir haben diese wichtige Frage mit zwei Experten diskutiert: Ali Jelveh, CEO von Protonet, trommelt mit seinen Private-Cloud-Servern und Kampagnen wie „Free Your Data“ dafür, dass Anwender ihre Daten immer unter Kontrolle haben sollen. Jelveh fordert, dass Nutzer lückenlose Einsicht in sämtliche zu ihrer Person gespeicherten Daten bekommen. Mit René Büst sitzt ihm ein Senior-Analyst von Crisp Research gegenüber, der Jelvehs Anspruch bei kostenlosen Diensten für unrealistisch hält. Der Cloud-Experte fordert mehr Transparenz und gleichzeitig den vertraulichen Umgang mit Daten auf Seiten der Anbieter.

t3n Magazin: Edward Snowden warnt vor der Nutzung von Cloud-Diensten wie Dropbox oder Google. Stimmt ihr zu?

Ali Jelveh: Das Hauptproblem liegt für mich darin, dass wir diesen großen Anbietern zunehmend ausgeliefert sind. Dropbox ist ja nicht groß geworden, weil die Menschen dazu gezwungen worden sind, es zu benutzen, sondern einfach weil es so gut funktioniert. Deswegen wollen und können wir teilweise nicht mehr darauf verzichten. Dienste wie Dropbox lösen Probleme und befriedigen Bedürfnisse, benutzen dafür aber Daten. Gleichzeitig sind sie von ihrer Architektur her ein sehr zentralisiertes System. Für mich lauert in dieser Kombination eine Gefahr: Wenn ein Unternehmen eine derart marktbeherrschende Position hat, können Nutzern schnell Nachteile erwachsen, beispielsweise nach einem Verkauf oder einer neuen Idee des Vorstands oder des CEOs in Bezug auf die Unternehmensausrichtung. Und eben auch, wenn sich dieses Unternehmen entscheidet, mit Geheimdiensten zusammen zu arbeiten. Was beim NSA-Skandal passiert ist, ist kein Hacking von außen: Man hat sich den Zugriff auf die Daten durch eine direkte Leitung in die Hauptrechenzentren beschafft. Ob ich als Verbraucher möchte, dass meine Daten besser geschützt werden, ist unerheblich, denn die Anbieter sitzen letztlich am längeren Hebel.

Ali Jelveh, Protonet-Mitgründer, fordert das Systeme und Plattformen so geschaffen sind, dass die Nutzer jederzeit die komplette Verfügungsgewalt über ihre Daten haben. Laut Jelveh bräuchte es eine Schnittstelle, die es ermöglicht, die Nutzerdaten, die bei Diensten wie Facebook oder Google gespeichert sind, jederzeit herunterzuladen und bei den Diensten zu löschen.
Ali Jelveh, Protonet-Mitgründer, fordert das Systeme und Plattformen so geschaffen sind, dass die Nutzer jederzeit die komplette Verfügungsgewalt über ihre Daten haben. Laut Jelveh bräuchte es eine Schnittstelle, die es ermöglicht, die Nutzerdaten, die bei Diensten wie Facebook oder Google gespeichert sind, jederzeit herunterzuladen und bei den Diensten zu löschen.

Ali Jelveh: Snowden hat Bedenken geäußert, weil sich die NSA als allüberwachendes Auge Zugriff zu Daten von Privatnutzern verschafft. Wenn also ein Unternehmen wie Dropbox einknickt, kommt der Geheimdienst an die Daten heran. Das hat jetzt weniger mit Datenhoheit zu tun, weil die meisten Dropbox nur zum Backup nutzen. Man hat die Daten immer noch bei sich – es sei denn, man ist komplett weg vom Notebook und nutzt nur das Smartphone oder Tablet, weil die Datenspeicher hier nur begrenzt sind.Natürlich sollte man da vorsichtig sein, aber wenn man mal den Spieß umdreht und sagt „ich will alle meine Daten nur bei mir behalten“ ist die Frage, ob sie da wirklich sicherer sind. Dropbox läuft auf Amazon Web Services und die Rechenzentren sind sicher. Da vertrete ich die These, dass ein Public-Cloud-Service mehr Sicherheit bietet als der Speicher Zuhause – das gilt auch für Unternehmen. Die Cloud-Anbieter investieren sehr viel Zeit und Geld, um ihre Infrastrukturen sicher zu machen. Hierbei muss man natürlich zwischen der Rechenzentrumssicherheit und der Sicherheit der Applikations-Architektur unterscheiden. Am Ende des Tages ist es doch aber so: Wenn man irgendwo rein möchte, kommt man da auch rein. Wenn der BND irgendwo anklopft, werden die wenigsten Unternehmen sagen können: „Das wollen wir nicht“.

Ali Jelveh: Das ist auch genau das, worin die Gefahr liegt. Uns ist auch klar: Wenn jemand an die Daten in einer unserer Protonet-Boxen will, dann kann er theoretisch im schlimmsten Fall mit einem Schraubenzieher rankommen. Deshalb arbeiten wir an Erweiterungen wie Verschlüsselungstechnologien und Geofencing, damit wir diese Gefahren minimieren können.

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