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„Wie ein Rudel fresswütiger Hyänen“ – Startups und die Kraft der Disruption

Startups und die Kraft der Disruption (Foto: ACS15 / iStock)

Mit unkonventionellem Management, innovativen Produkten und agilen Methoden dringen immer mehr Unternehmen in fremde Branchen ein und krempeln sie um. So verändern sie nicht nur das Wirtschaftsgefüge, sondern unser ganzes Leben. Ein Blick auf die gewaltige Kraft der Disruption

In einem Was-ist-was-Buch aus den 1980ern findet sich eine interessante Vision über das Auto der Zukunft – das Auto von heute: Fahrzeuge auf einem Highway, mit einem Greifarm in die Leitplanke eingeklinkt. Die Idee: Die Autos halten selbständig Abstand zueinander und fahren über lange Strecken autonom, bis sie rechtzeitig vor der Ausfahrt dem Fahrer Bescheid geben, damit er sich wieder aus dem System auskoppelt und selbst weiterfährt.

Bis dahin allerdings kann er seinen Sitz entspannt nach hinten drehen, um sich zu unterhalten oder zu spielen. So visionär diese Idee vor 30 Jahren war, so anachronistisch scheint sie heute, da das autonome Fahren fast Wirklichkeit ist. Doch nicht die großen Hersteller haben die Entwicklung vorangetrieben, sondern Startups und vor allem Google. Mit seinen Ideen hat das Tech-Unternehmen Konzerne wie Daimler, Ford oder Toyota gezwungen, sich der disruptiven Energie des Markts entgegenzustellen, um nicht überholt zu werden. Schon in fünf Jahren will der Konzern ausgerechnet in der geschundenen Autostadt Detroit sein Google Car zur Serienreife gebracht haben – gemeinsam mit Partnern wie Continental, Bosch oder LG1.

Dass Innovationen und wendigere Konkurrenten etablierte Firmen, Produkte oder Dienstleistungen unter Druck setzen oder gar vom Markt verdrängen werden, ist für viele Ökonomen, Gründer und Manager ein Dogma. Nachdem der Wirtschaftswissenschaftler Clayten Christensen den Begriff der Disruption Mitte der 1990er geprägt hatte, kann man dafür fleißig Beispiele sammeln: Enzyklopädien finden wegen Wikipedia kaum noch Abnehmer, die SMS bekommt durch Messaging-Services Konkurrenz, Disketten werden durch modernere Datenträger verdrängt, Fotos oder Schallplatten haben zum großen Teil digitalen Ersatz gefunden. Oder, ganz banal, die Taschenlampe, die sich heute in fast jedem Smartphone findet.

Google treibt mit seinem self-driving Car die klassischen Automobilhersteller ins digitale Zeitalter. Der Konzern will bereits in fünf Jahren in Kooperation mit Herstellern wie LG oder Bosch selbstfahrende Autos zur Serienreife bringen. (Foto: google.com)
Google treibt mit seinem self-driving Car die klassischen Automobilhersteller ins digitale Zeitalter. Der Konzern will bereits in fünf Jahren in Kooperation mit Herstellern wie LG oder Bosch selbstfahrende Autos zur Serienreife bringen. (Foto: google.com)

Immer wieder aber ist diese These auch kritisiert worden, zuletzt von der Harvard-Professorin Jill Lepore. Sie habe gezeigt, so Ferdinand Knauss, dass Christensen „ein lausiger Unternehmenshistoriker“ sei: „Die Firmen nämlich, die angeblich zugrunde gingen, [...] existierten meist in leicht veränderter Form erfolgreich weiter, und die angeblich zerstörerischen Innovatoren waren oft nach einiger Zeit selbst zerstört“.

Auch historisch gesehen lässt sich Christensens These nicht ganz so leicht aufrecht erhalten: Hatte der Buchdruck zu Beginn der Neuzeit noch zu einer radikalen Umwälzung der Welt geführt, werden die Printmedien heute durch Radio, Fernsehen und Internet selbst bedroht. Die Dampfmaschine, die Industrie und Verkehr revolutioniert hat, ist ebenfalls wieder verdrängt worden – beim Auto etwa durch Verbrennungsmotoren. Und die dürften irgendwann von elektrischen Antrieben ersetzt werden.

Ein Rudel angreifender Startups wie fresswütige Hyänen

Und doch finden sich bei Christensen nicht nur nette Anekdoten. Es findet sich auch ein Paradigma, das sich durch die letzten Jahrzehnte zu ziehen scheint: Fortschritt entsteht aus Angst, der Angst „zerrissen zu werden von fremden Innovationen“, so Knauss. Jill Lepore macht deutlich, wie das im Zeitalter der Startups funktioniert: „Ein Rudel angreifender Startups klingt wie ein Rudel fresswütiger Hyänen, aber im Grunde zielt die Sprache der Disruption – eine Sprache von Panik, Angst, Asymmetrie und Chaos – auf einen anderen Konflikt ab, in dem ein Startup sich weigert, nach den etablierten Regeln zu spielen und so den Wettbewerb untergräbt“, meint sie.

Startups seien rücksichtslos, unorganisiert und grenzenlos. „Sie sehen so klein und machtlos aus, bis man merkt – wenn es zu spät ist –, dass sie umwerfend zerstörerisch sind: Bang! Ka-boom!“ Doch nicht nur die Kraft, auch das Tempo der Entwicklung ist atemberaubend. Über Jahrzehnte war das intelligente Auto nur die Andeutung einer technischen Vision. Doch in kürzester Zeit hat es Google geschafft, die Branche aufzumischen. Kein Wunder, dass es sich 2015 kein Hersteller leisten wollte, nicht auf der CES in Las Vegas zu erscheinen. Übrigens kehrte dabei auch Daimler zur 1980er-Jahre-Vision zurück: Seine Studie „F015“ – ein futuristischer Benz – fährt autonom, überwacht den Fußgängerverkehr, projiziert Zebrastreifen auf den Boden und hat drehbare Vordersitze.

Was Google beim selbstfahrenden Auto geleistet hat, dürfte Elon Musk auch mit seinen Elektrofahrzeugen der Marke Tesla gelingen: die Branche zum Handeln zu zwingen. In anderen Branchen sieht es ähnlich aus: Uber wird den Nahverkehr, Airbnb den Tourismus und Blucarat das Online-Shopping revolutionieren. Und wer weiß? Vielleicht wird Flüssigessen wie Soylent die Lebensmittelbranche auf den Kopf stellen – und unsere Gewohnheiten. Dabei dürfen wir uns laut Sascha Lobo nicht der Illusion hingeben, Uber oder Airbnb seien Verfechter der Sharing-Economy. Ihnen geht es keineswegs ums Teilen: „Was man Sharing-Ökonomie nennt, ist nur ein Aspekt einer viel größeren Entwicklung, einer neuen Form des digitalen Kapitalismus: Plattform-Kapitalismus“.

Die Notwendigkeit fester Nahrung ist für den US-amerikanischen Entwickler Rob Rhinehart ein Bug, den er fixen wollte. Heraus kam dabei die Flüssignahrung Soylent. Welche Disruption wird das für die Lebensmittelindustrie bedeuten? (Screenshot: soylent.com)
Die Notwendigkeit fester Nahrung ist für den US-amerikanischen Entwickler Rob Rhinehart ein Bug, den er fixen wollte. Heraus kam dabei die Flüssignahrung Soylent. Welche Disruption wird das für die Lebensmittelindustrie bedeuten? (Screenshot: soylent.com)

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Eine Reaktion
Walter Rizzi

Da weiß man nicht ob man das für gut oder schlecht halten soll... Einerseits ist es ein technologischer Fortschritt wenn z.B. Google sich mit Autos beschäftigt. Andererseits begibt sich die gesamte Welt immer mehr in Abhängigkeit einzelner Großkonzerne (Google).
LG Walter Rizzi

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