Interview

Transformationsforscher im Interview: Ist das noch Kapitalismus, Harald Welzer?

(Foto: Ole Witt)

Der Soziologe und Publizist Harald Welzer fordert, dass die Digitalisierung noch viel stärker von Menschen gesteuert werden muss – sonst drohe ein entfesselter Kapitalismus, der die Gesellschaft weiter spalte. Dafür müssten wir allerdings die ­Vorzüge wirtschaftlichen Wachstums grundlegend überdenken.

Er mischt sich ein, nimmt kein Blatt vor dem Mund und hat zuletzt fast im Jahresrhythmus neue Bücher geschrieben: Der ­Soziologe Harald Welzer gilt als einer der einflussreichsten Intellektuellen Deutschlands. Seine Publikationen sind in 21 Ländern erschienen. Er ist immer wieder zu Gast in Radio und Fernsehen und sorgt für lebhafte Diskussionen: Warum sollte die Zukunft der Stadt nicht autofrei sein? Wann führen wir ein bedingungsloses Grundeinkommen ein? Warum brauchen wir eine grundlegende Transformation der Wirtschaft?

Der 1958 geborene Publizist ist Direktor von Futurzwei – ­Stiftung Zukunftsfähigkeit, die vierteljährlich das gleichnamige Magazin he­rausgibt. Er ist Professor für Transformationsdesign an der ­Universität Flensburg sowie an der Universität St. Gallen. In seinem neuesten Buch „Alles könnte anders sein“ entwirft er im Sinne einer „­modularen Utopie“ Zukunftsideen für konkrete Bereiche wie Arbeit, Soziales, Mobilität oder Migration. Denn statt nur zu kritisieren und untätig auf den vermeintlichen großen Umbruch zu warten, lasse sich die moderne Gesellschaft auch heute schon weiterentwickeln: im Kleinen, auf Basis von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Digitalisierung ist für ­Welzer dabei Mittel zum Zweck und nicht umgekehrt – ein Anspruch, den er auch im Alltag konsequent umsetzt.

t3n: Herr Welzer, es war nicht leicht, Sie für ein Interview zu gewinnen. Ich musste einen Brief schreiben.

Harald Welzer: Einen Brief?

t3n: Ja.

Einen postalischen?

t3n: Ja! Erst dann haben Sie zugesagt.

Um ehrlich zu sein, wahrscheinlich habe ich ihn gelesen, aber ich kann mich an solche Vorgänge nicht gut erinnern.

t3n: Warum verweigern Sie sich neuen Kommunikationstechnologien?

Tu ich doch gar nicht!

„Ich halte nichts davon, Technologien zu ­überschätzen, nur weil es eine fantastische Reklame dafür gibt.“

t3n: Sie haben kein Smartphone.

Ich habe ein einfaches Handy.

t3n: Klappt das gut?

Naja, also ich wüsste nicht, warum es nicht klappen sollte. Ich verstehe eigentlich die Frage nicht.

t3n: Sie nutzen auch keine sozialen Netzwerke.

Nein. Warum sollte ich?

t3n: Um auf Dinge aufmerksam zu machen, um mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Naja, so wie Sie fragen, zeigt sich ja schon, dass es im Grunde genommen als normal unterstellt wird, technische Angebote anzunehmen, nur weil sie existieren. Das ist nicht meine Haltung.

t3n: Sondern?

Ich finde, man muss darüber befinden, was man sinnvollerweise für sein Geschäft, sein Leben, seine Gesellschaft einsetzen sollte und was vielleicht nicht. Das lass ich mir doch nicht durch die Technik vorgeben.

t3n: Die Proteste der jungen Generation – etwa gegen die Urheber­rechtsreform der EU – zeigen aber, dass Technik auch neue soziale Räume erzeugen kann. Sehen Sie das nicht so?

Zweifellos. Wir können gerne über „Fridays for Future“ sprechen oder andere Formen des Protestes, auch in außereuropäischen Ländern, die sich natürlich über neue Medien organisieren. Ich bin ja kein Technikfeind und Maschinenstürmer. Ich würde immer nur die ­Frage stellen, wofür können wir das gebrauchen? Und bei den Freitagsprotesten erleben wir ja gerade etwas wahnsinnig Interessantes: dass diejenigen, die angegriffen werden, überhaupt nicht verstehen, wo­rum es geht.

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t3n: Inwiefern?

Die Reaktionen aus der Politik zu den Protesten zeigen das. Wenn man auf die Idee kommt, einer 16-Jährigen zu sagen: „Aber denk doch bitte auch an die Arbeitsplätze in der Lausitz“, dann hat man nichts verstanden. Und es geht so weit, dass auch diese neuen kommunikativen Räume im Netz, von denen Sie sprechen, überhaupt nicht begriffen werden. Das ist ja wirklich ein Generationsbruch, und die Älteren verstehen weder, worüber die Jüngeren reden, noch, wie sie darüber reden. Ich glaube, genau weil der Gap so riesengroß ist, ist ein Wahnsinnspotenzial in der Geschichte drin.

t3n: In Ihren älteren Büchern wie zum Beispiel „Die smarte Diktatur“ wirken Sie bezüglich neuer Technologien eher kritisch, um nicht zu sagen: feindlich. Haben Sie heute eine andere Haltung entwickelt?

Nein! Das ist immer dieselbe gewesen. Im Übrigen kann ich, im Unterschied zu den meisten Digital Natives, auch pro­gram­mieren.

t3n: Ernsthaft?

Ich habe es vor ungefähr 40 Jahren gelernt und viel damit ­gearbeitet. Vielleicht bin ich auch deshalb so empfindlich. Ich ­halte nichts davon, Technologien zu überschätzen, nur weil es eine fantastische Reklame dafür gibt.

t3n: Die großen technologischen Entwicklungen der ver­gangenen Jahrzehnte hängen mit unserer von Wachstum geprägten Wirtschaft zusammen. Allerdings müssen wir angesichts des Klimawandels ihren enormen Ressourcenverbrauch überdenken. Was genau ist schlecht am Wachstum? Er hat ja in den vergangenen 200 Jahren auch sehr viel Wohlstand erzeugt.

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Ein Kommentar
.jke
.jke

„nutzt keine sozialen Netzwerke“ – ja, muss man nicht mögen und auch nicht nutzen müssen. Allerdings frage ich mich dann, ob eine jugendliche Person mit Tiktok & Co nicht besser die Zukunft deuten kann als ein älterer Mensch, der diese neue Zwischenwelt partout ausblendet.

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