Karriere

Unmenschliche Lifehacks: Warum GTD, ZTD und andere Produktivitätsansätze so häufig scheitern

Alles geplant, aber nichts erledigt - kommt Ihnen das bekannt vor? Jeder von uns müsste eigentlich jeden Tag perfekt organisiert verbringen. Schließlich gibt es genügend Ratgeber, die uns haarklein erzählen, was wir dafür zu tun und zu lassen haben. Dieser Artikel zeigt, warum viele trotzdem immer wieder gegen das Chaos ankämpfen müssen – und welche Antworten darauf die neuesten Ratgeberbücher haben.

Und, heute schon richtig was weggeschafft? Wenn man den Hype der letzten drei Jahre um Produktivität gerade auch im Web und insbesondere der Blogosphäre verfolgt hat, sollte an dieser Stelle eigentlich niemand ein schlechtes Gewissen bekommen. Im Gegenteil, wenn man uns nach unserem Tagesablauf fragt, sollten wir alle in etwa wie folgt antworten:

Morgens stehen wir nach acht Stunden Tiefschlaf gegen 4:30 Uhr auf und arbeiten als erstes eine Stunde an der wichtigsten Aufgabe des Tages. Dann gehen wir laufen, duschen und nehmen ein reichhaltiges Frühstück zu uns, bevor wir den Rest unserer Familie wecken.

Anschließend checken wir zum ersten Mal unseren E-Mail-Eingang und arbeiten alles durch. Den Rest des Vormittags beschäftigen wir uns streng nach der 48-12-Regel (48 Minuten arbeiten, 12 Minuten surfen) mit den drei wichtigsten Aufgaben für den Tag, bevor wir in einer halben Stunde, weil sorgfältig geplant, unsere Einkäufe erledigen.

Gegen 16:00 Uhr wird es Zeit, ein zweites Mal einen Blick auf die E-Mail-Eingangsbox zu werfen und ein paar Mails zu bearbeiten. Danach erledigen wir gebündelt alle Anrufe für den Tag. Und weil es unsere frisch antrainierten Gewohnheiten so wollen, legen wir dabei automatisch auch noch die Wäsche zusammen, gefolgt von je einer halben Stunde Meditation und Feeds lesen.

Am Ende des Tages streichen wir zufrieden alle erledigten Aufgaben von unser elektronisch verwalteten und über alle Rechner und Gadgets synchronisierten To-Do-Liste. Noch schnell die drei Meilensteine für morgen bestimmt und schon geht auch dieser äußerst effektive und effiziente Tag zu Ende.

An dieser Stelle setzt bei den meisten von uns Resignation ein, denn auch drei Jahre später scheint außer den Autoren unserer Lieblingsbücher und -blogs niemand in der Lage zu sein, dieses propagierte Leben Realität werden zu lassen. So sehr wir auch versuchen, Alltagschaos und Prokrastination durch Lifehacks, Gewohnheiten und Selbstdisziplin zu bekämpfen, so frustriert sind wir nach jedem neuen Versuch, der scheitert.

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3 Kommentare
bernd
bernd

Guter Artikel, der das Thema von einer wichtigen Perspektive beleuchtet. Ich bin eher der Typus Künstler/kreativ/Chaos und bei ist mir ist in den letzten Jahren wirklich jedes GTD System gescheitert. Faktoren wie Spass, Muße, Inspiration, etc. werden von GTD und Co einfach nicht erfaßt. Ich bewege mich meist zwischen Ordnung und Chaos hin und her. Das ist für mich wichtig. GTD betont die Ordnung sehr einseitig und das Chaos wird als Zeitverschwendung/Prokrastination verdammt.

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Florian Fiegel

Also im Sinne von großen Produktivitätssystemen wie GTD stimme ich Dir ohne weiteres zu: unmenschlich und sinnfrei. Allerdings denke ich, dass Du den ZTD-Punkt dabei nicht ganz richtig einordnest. Bei ZTD geht es ja darum Gewohnheiten die einen selbst nerven oder die man sich angewöhnen will in den Griff zu bekommen. Also ganz langsam nach und nach die Produktivität zu erhöhen. Wobei auch das weniger im Vordergrund steht. Stichwort: Zen.

ZTD zielt nicht darauf ab sich in ein System zu pressen, sondern eben mit den kleinen Elementen einfach ein paar sinnvolle Verhaltensweisen anzutrainieren. Man steckt sich hier ebenfalls ein Framework und schafft sinnvolle Rahmenbedingungen.

Ich habe aus ZTD bzw. Zenhabits und Dinge geregelt kriegen meine entspannte Sichtweise bekommen und einen Weg gefunden jeden Tag zufrieden zu beenden. Ein paar Verhaltensweisen angewöhnen und den Rest dann dem Flow überlassen. Und nicht von heute auf Morgen auf die Idee kommen plötzlich übermäßig gut organisiert sein zu müssen.

Und es ist durchaus sinnvoll sich beispielsweise anzugewöhnen ein Notizheft in der Nähe zu haben, Emails nach einem möglichst sinnvollen System zu bearbeiten oder auch Informationen innerhalb einer möglichst simplen Systems für sich selbst zu managen. Gerade mit sowas steckt man sich die Rahmenbedingungen um den Kopf während der kreativen Arbeit frei zu haben.

Ansonsten ein wirklich guter Artikel zum Problem der übertriebenen Anforderungen.

Antworten
Matthias Orgler

Wäre schön, wenn mehr Menschen das in diesem Artikel erwähnte endlich verstehen würden. Ich selbst habe als ausgebildeter Ingenieur (M.Sc. Wirtschaftsinformatiker) und früherer Profimusiker das Aufeinanderprallen beider Welten erlebt: Anfangs wollte ich Bands managen wie ein Industrieunternehmen – zum Glück durfte ich sehr früh zu der Erkenntnis kommen, daß kreative Schaffensprozesse ganz anders funktionieren als industrielle. Dennoch spüre ich überall in unserer Gesellschaft noch die Einstellung, daß nur dann etwas Arbeit ist, wenn es auch mühsam aussieht und man „was tut“. Der einzige Ausweg für mich ist, meine eigenen Unternehmen mit dieser Philosophie aufzubauen und mich darüber zu freuen, daß immer mehr Menschen die Lehren dieses Artikels erkennen und umsetzen werden :).

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