Karriere

Unmenschliche Lifehacks: Warum GTD, ZTD und andere Produktivitätsansätze so häufig scheitern

Seite 3 / 3

Drei Bücher zur Arbeit in der Wissensgesellschaft

dms_f0f9a763959f009c5e3e1d56e88b0c7eMit dem Hinterfragen der bestehenden und dem Schaffen neuer Rahmenbedingungen haben sich auch Kathrin Passig und Sascha Lobo in ihrem Buch „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin“ [1] beschäftigt, in dem sie sich vor allem dem Thema Prokrastination (gerne als „Aufschieberitis“ übersetzt) annehmen.

Statt einfach einen neuen Eimer Produktivitätstipps über den Lesern auszukippen, forschen sie zuerst einmal nach der Ursache, warum wir eigentlich Aufgaben vor uns herschieben. Dabei führen sie zunächst unsere Arbeitswut auf das calvinistische Heilsverständnis zurück, in dem der Grundsatz galt „Je mehr dröge Arbeit, desto besser die Chancen für eine schöne Nach-Tod-Erfahrung“. Aus dieser Beobachtung heraus gehen sie mit der Selbstdisziplin als quasi-religiösem Akt hart ins Gericht und vertreten die Meinung, dass die Notwendigkeit von Selbstdisziplin für uns ein Warnsignal sein sollte. Womöglich sind wir gerade dabei, uns zu etwas zu zwingen, was unser Unterbewusstsein nicht für sinnvoll hält. Das wiederum führt sie zu dem einen großen Produktivitätstipp in ihrem Buch: sich locker machen.

Passig und Lobo verstehen sehr gut, dass der harte Produktivitätsanspruch und ein stromlinienförmiger Karriereweg mit die größten Hindernisse für ihre kreative Arbeit sind. Wenn man die eigene Arbeit mit der richtigen Mischung aus Spiel, Chaos und Spontanität angeht, schafft man das „Arbeitsumfeld“, in dem Menschen ihre komplexe Kreativität und damit ihr wichtigstes Alleinstellungsmerkmal in der Welt der Arbeit ausspielen können. Das führt uns letztendlich zu dem grundsätzlichen Produktivitätstipp: sich beständig auf die Suche nach der Form von Arbeit zu machen, die am besten zu den eigenen Interessen und Talenten passt. Je weniger wir Arbeit als Arbeit empfinden, desto näher sind wir dem Umfeld gekommen, in dem wir „am produktivsten sind“.

dms_0b13a1ac475bce861066d14837b0dbd4Auch Markus Albers beschäftigt sich in seinem Buch „Morgen komm ich später rein“ [2] mit der Veränderung der Arbeitswelt und stellt die große Frage in den Raum, warum wir in der Wissensgesellschaft immer noch die selbe Arbeitsform haben wie in der Industriegesellschaft.

Unser wichtigstes Arbeitsinstrument ist inzwischen unser Kopf, trotzdem begeben wir uns jeden Tag quasi an das neue Fließband, den Computer in unserem Büro. Obwohl Ideen und Konzepte unser wichtigstes Produkt geworden sind, die wir an jedem Ort der Welt produzieren können, werden wir nach Anwesenheit in einem Gebäude abgerechnet. Dabei macht es uns der Fortschritt der Technologie möglich, an (fast) jedem Ort der Welt die gleiche Arbeit zu verrichten wie im Büro.

Das größte Problem sind die Führungsetagen, die sich extrem schwer tun, ihre Managementmethoden von Industrie auf Wissen umzustellen. Wie Albers in seinem Buch zeigt, gibt es aber löbliche Ausnahmen. Mehr und mehr Unternehmen verstehen den Wandel und stellen die Form um, wie Mitarbeiter arbeiten können. So hat die amerikanische Zentrale der Elektronikmarktkette Best Buy komplett auf das ROWE-System (Results-Only Work Environment) umgestellt, in dem allein das Erreichen der vereinbarten Arbeitsziele zählt. Wie und vor allem wo die Mitarbeiter sie erreichen, bleibt weitgehend ihnen selbst überlassen. Im Kampf um Fachkräfte werden sich mehr und mehr die Unternehmen durchsetzen, die verstanden haben, wie Arbeit und damit Produktivität in der Wissensgesellschaft funktionieren. Und je mehr Angestellte dieses Bewusstsein einfordern, desto schneller wird dieser Prozess vorankommen.

dms_786c162de8b08b9fa9c674c931f5935eSehr praktisch wird es bei Twyla Tharp, der Ballett- und Tanz-Choreografin. Mit ihrem Buch „The Creative Habit“ [3] hat sie ein Framework für den kreativen Schaffensprozess beschrieben und liefert damit den Prototyp für eine neue Herangehensweise an Produktivität, bei der die kreative Leistung statt der erledigten Aufgaben pro Zeiteinheit im Vordergrund steht.

Durch ihre jahrzehntelange Erfahrung hat sie ein außerordentliches Gefühl für das Umfeld entwickelt, in dem neue Ideen entstehen können. Entscheidend ist für sie die Mischung aus harter Arbeit, Geduld, Spiel und klaren Rahmenbedingungen. Dabei lässt sich ihr Framework auf alle Berufe und Aufgaben übertragen, in denen man ständig aufgefordert ist, neue Wege zu finden.

Auch allgemein scheint es ein guter Tipp zu sein, sich Hilfe für die Arbeit in der Wissensgesellschaft bei denen zu holen, die schon sehr lange kreativ arbeiten: den Künstlern. Das könnte sich auch langfristig lohnen. Denn wenn man den Trends am Horizont Glauben schenkt, werden für viele von uns auch die handwerklichen Fähigkeiten der Künstler wieder interessant. Die andere Gegenbewegung zur Industriegesellschaft, die sich neben der Wissensgesellschaft abzeichnet, ist nämlich die DIY-Bewegung (Do-It-Yourself), in der man wieder bewusst auf individuell gefertigte Einzelstücke aus lokalen Quellen setzt. Vielleicht sollte man also doch den Töpferkurs mit auf die „Irgendwann mal“-Liste setzen…

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

3 Kommentare
bernd
bernd

Guter Artikel, der das Thema von einer wichtigen Perspektive beleuchtet. Ich bin eher der Typus Künstler/kreativ/Chaos und bei ist mir ist in den letzten Jahren wirklich jedes GTD System gescheitert. Faktoren wie Spass, Muße, Inspiration, etc. werden von GTD und Co einfach nicht erfaßt. Ich bewege mich meist zwischen Ordnung und Chaos hin und her. Das ist für mich wichtig. GTD betont die Ordnung sehr einseitig und das Chaos wird als Zeitverschwendung/Prokrastination verdammt.

Antworten
Florian Fiegel

Also im Sinne von großen Produktivitätssystemen wie GTD stimme ich Dir ohne weiteres zu: unmenschlich und sinnfrei. Allerdings denke ich, dass Du den ZTD-Punkt dabei nicht ganz richtig einordnest. Bei ZTD geht es ja darum Gewohnheiten die einen selbst nerven oder die man sich angewöhnen will in den Griff zu bekommen. Also ganz langsam nach und nach die Produktivität zu erhöhen. Wobei auch das weniger im Vordergrund steht. Stichwort: Zen.

ZTD zielt nicht darauf ab sich in ein System zu pressen, sondern eben mit den kleinen Elementen einfach ein paar sinnvolle Verhaltensweisen anzutrainieren. Man steckt sich hier ebenfalls ein Framework und schafft sinnvolle Rahmenbedingungen.

Ich habe aus ZTD bzw. Zenhabits und Dinge geregelt kriegen meine entspannte Sichtweise bekommen und einen Weg gefunden jeden Tag zufrieden zu beenden. Ein paar Verhaltensweisen angewöhnen und den Rest dann dem Flow überlassen. Und nicht von heute auf Morgen auf die Idee kommen plötzlich übermäßig gut organisiert sein zu müssen.

Und es ist durchaus sinnvoll sich beispielsweise anzugewöhnen ein Notizheft in der Nähe zu haben, Emails nach einem möglichst sinnvollen System zu bearbeiten oder auch Informationen innerhalb einer möglichst simplen Systems für sich selbst zu managen. Gerade mit sowas steckt man sich die Rahmenbedingungen um den Kopf während der kreativen Arbeit frei zu haben.

Ansonsten ein wirklich guter Artikel zum Problem der übertriebenen Anforderungen.

Antworten
Matthias Orgler

Wäre schön, wenn mehr Menschen das in diesem Artikel erwähnte endlich verstehen würden. Ich selbst habe als ausgebildeter Ingenieur (M.Sc. Wirtschaftsinformatiker) und früherer Profimusiker das Aufeinanderprallen beider Welten erlebt: Anfangs wollte ich Bands managen wie ein Industrieunternehmen – zum Glück durfte ich sehr früh zu der Erkenntnis kommen, daß kreative Schaffensprozesse ganz anders funktionieren als industrielle. Dennoch spüre ich überall in unserer Gesellschaft noch die Einstellung, daß nur dann etwas Arbeit ist, wenn es auch mühsam aussieht und man „was tut“. Der einzige Ausweg für mich ist, meine eigenen Unternehmen mit dieser Philosophie aufzubauen und mich darüber zu freuen, daß immer mehr Menschen die Lehren dieses Artikels erkennen und umsetzen werden :).

Antworten

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung