How-To

User-Experience: UX-Testing im Guerilla-Style

(Abbildung: Shutterstock/baranq)

Das Nutzererlebnis von Websites oder Apps zu testen, ist in der Regel mit hohem ­Aufwand verbunden. Doch das muss nicht unbedingt sein, denn kleine Tests sind ­besser als keine. Vor allem dann, wenn sie schlank, schnell und agil sind. Ein Blick auf die schlagkräftige Taktik des Guerilla-UX-Testing.

„Klar wären Nutzertests gut, aber dafür haben wir kein Geld und keine Zeit.“ Diesen oder ähnliche Sätze hört man noch immer häufig. Sogar in Unternehmen, die von den Vorteilen nutzer­orientierter Designs überzeugt sind. Denn auch sie schrecken oft vor dem hohen ­Aufwand gängiger Nutzertests zurück. Und so treffen sie wichtige, strategische Entscheidungen allein auf Basis begründeter Vermutungen. Dabei muss das gar nicht sein, es gibt schließlich Guerilla-UX-Testing. ­Dabei handelt es sich um Nutzertests mit überschaubarem Aufwand und geringem ­Budget, die dennoch hilfreiche Erkenntnisse über das Nutzungserlebnis (User-Experience) und die Nutzbarkeit (Usability) liefern. Der Usability-Experte Jakob Nielsen prägte dafür 1989 den Begriff Discount-Usability-Testing. Heute richtet sich der Blick aber nicht nur auf die Nutzbarkeit, sondern auf das ganzheitliche Nutzungserlebnis. Daher hat sich in den letzten Jahren die Bezeichnung Guerilla-UX-Testing eingebürgert. Wie auch immer man es nennt, ­Nielsen ist davon überzeugt, dass es „oft bessere Ergebnisse liefert als Deluxe-Usability-Testing, weil die Methoden ihren Schwerpunkt auf eine frühe und schnelle Iteration mit einem ­regelmäßigen Input der Nutzer legen“.

Der Trick dabei: Wer Guerilla-UX-Testing anwendet, senkt den Aufwand für die Auswahl der Testnutzer, die Durchführung der Tests und die Analyse der Ergebnisse so sehr, dass er sie häufig wiederholen kann. Und zwar, ohne auf valide Ergebnisse verzichten zu müssen. Guerilla-UX-Testing eignet sich für Produkte oder Services, die kein tiefes Spezialwissen erfordern und eine breite Zielgruppe ansprechen. Die App für den öffentlichen Nahverkehr zum Beispiel oder das Navi im Auto.

Natürlich braucht man manchmal auch klassische Nutzertests in Laboren oder anderen wissenschaftlichen Verfahren. Etwa dann, wenn die Zielgruppe schwer an öffentlichen ­Orten zu finden ist oder es kaum Einflüsse von außen geben soll. Außerdem ­ermöglichen Guerilla-­UX-Tests keine verallgemeinerbaren ­Aussagen oder aufwendige Testverfahren – dazu sind die Bedingungen nicht kontrolliert genug. Viele Unternehmen brauchen das aber auch gar nicht. Sie wollen vor allem ihre Produkte oder Dienstleistungen verbessern. Ihre Alternative besteht nur ­darin, gar nicht zu testen. Dann ist Guerilla-UX-­Testing genau das ­Richtige!

Der Zielgruppe auf der Spur

Anders als in klassischen Nutzertests rekrutieren die Organi­satoren beim Guerilla-UX-Testing die Testanwender nicht im Vorfeld. Stattdessen sprechen sie einfach einzelne Menschen an oder sorgen über auffällige Kleidung, Schilder, Accessoires oder Ähnliches dafür, dass Menschen neugierig werden und von sich aus teilnehmen wollen. Das reduziert den Rekrutierungsaufwand enorm und ermöglicht eine größere Zahl von Tests innerhalb kurzer Zeit.

Die große Herausforderung besteht dabei darin, Menschen aus der anvisierten Nutzergruppe zu erkennen. Denn während man beim Rekrutieren gezielt nach diesen Menschen suchen kann, ist man beim Guerilla-UX-Testing auf einige wenige Fragen während der kurzen Unterhaltung angewiesen. Je spezialisierter die Zielgruppe ist (etwa Fachleute oder Manager), umso schwieriger ist die Suche. Abmildern lässt sich das Problem mit der Wahl des richtigen Orts: Ein Fitness­studio, die Fußgänger­zone, eine Veranstaltung oder ein Netzwerktreffen – je nachdem, wo man Mitglieder seiner Zielgruppe besonders gut findet. Dabei empfehlen sich Orte, an denen sich viele Menschen in entspannter Atmosphäre aufhalten.

ZielBeschreibungMaterial
Ideen explorierenerste Lösungsideen testen,
grundlegende Probleme finden
Mockups, Entwürfe
Ideen validierenspezifische, typische Handlungen simulierenfunktionale Prototypen
Produkte validierenfinale Version testen, Qualitätskontrolle,
Zielerreichung prüfen
fertige oder nahezu fertige Version
Produkte vergleichenmehrere Lösungsmöglichkeiten vergleichen
(etwa verschiedene Ideen oder Wettbewerber)
Mockups, Entwürfe, funktionale Prototypen
oder fertige Versionen
Produkte weiterentwickelnkontinuierliche Verbesserungen,
Anpassungen an Marktveränderungen
marktreifes Produkt

Zu Beginn des Gesprächs sollten die Tester zunächst einmal die Studie vorstellen und in schriftlicher Form um das Einverständnis der Nutzer bitten, sie aufzuzeichnen oder ihre Erfahrungen anderweitig zu dokumentieren (mehr zur Dokumentation gibt es weiter unten). Es ist sehr wichtig, dass die Teilnehmenden verstehen, was sie erwartet und worum es geht. Dazu gehört vor allem auch, dass ihnen klar ist, dass das Produkt oder der ­Service getestet werden soll – und nicht sie als Person. Außerdem müssen die Forscher auch beim Guerilla-­UX-Testing ethische ­Standards wahren. Die Testpersonen müssen beispielsweise immer die Möglichkeit haben, Aufgaben nicht zu machen oder den Test ­sogar vorzeitig abzubrechen. Außerdem sollten die ­Teilnehmenden auch eine kleine Aufmerksamkeit für Zeit und Einsatz erhalten.

15 Minuten müssen reichen

Guerilla-UX-Tests sollen meist Schwachstellen aufdecken und Verbesserungspotenziale zeigen (formative Tests). Dazu müssen die Organi­satoren erst einmal das Material zum Testen vorbereiten. Je nach ­Interesse und Entwicklungsstand können sie dabei auf unterschiedliche Materialien zurückgreifen, wie die untenstehende Tabelle verdeutlicht. Guerilla-UX-Testing eignet sich aufgrund seines lockeren Charakters auch besonders gut für ­erste Papierprototypen und Entwürfe.

Danach geht es an die Planung der Sessions. Während Usability-­Studien im Labor gerne einmal 45 Minuten oder länger dauern, sollten Guerilla-UX-Tests nicht mehr als zehn bis 15 ­Minuten erfordern. Unternehmen sollten sich also lieber auf einige wenige Bereiche konzen­trieren und einfach immer wieder von Neuem testen. ­Meistens soll der Proband bestimmte ­Aufgaben ­lösen. Diese sollten das Produkt natürlich gut wiedergeben und zum Erkenntnisinteresse der ­Testenden passen. Die Aufgaben sollten kurz und einfach ­beschrieben und auf keinen Fall ­suggestiv formuliert sein, etwa um eine bestimmte Lösungsstrategie nahezulegen. Zu Beginn bekommen die Testpersonen häufig auch eine offene Aufgabe, durch die sie sich frei auf der Startseite bewegen und schon mal einen Überblick bekommen können. Dies zeigt, wie sich Besucher orientieren und ob sie verstehen, worum es bei einem Produkt oder Service überhaupt geht. Schließlich sollte man die Teilnehmenden bitten, zu erläutern, was ihnen durch den Kopf geht, während sie die Aufgaben lösen: Die ­Methode des lauten Denkens ist ein wesentlicher und sehr aufschlussreicher Bestandteil von Nutzertests.

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2 Kommentare
Marc Schwips

Guter Artikel, der den Stellenwert von UX-/Usability-Test noch einmal unterstreicht. Im Artikel ist jedoch nur von UX-Tests die Rede – gemeint sind jedoch häufig Usability-Tests, die die Benutzerfreundlichkeit des Produkts evaluieren und nicht etwa das Nutzererlebnis. In der Praxis sind jedoch UX-, als auch Usability-Tests stark unterrepräsentiert.

Antworten
Björn Rohles

Vielen Dank für das Lob und den sehr guten Hinweis auf Usability – es stimmt absolut, dass sich Aspekte aus beiden Bereichen (und auch ihre Schnittpunkte) evaluieren lassen und dass beides sehr relevant ist (und viel zu oft vernachlässigt wird). Das hätte ruhig deutlicher rauskommen dürfen, gutes Feedback.

Antworten

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