How-To

User-Experience: UX-Testing im Guerilla-Style

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Zu einem Guerilla-UX-Test gehört darüber hinaus ein ordentliches Abschlussgespräch, das Debriefing. Oft fallen den Forschern während des Tests Dinge auf, die sie am Ende noch einmal ansprechen wollen. Und es lohnt sich, auf die beobachteten Emotionen und Gedanken der Probanden zu reagieren: Nicht selten erhalten Tester auf diese Weise wertvolle Informationen zur Inter­pretation der Ereignisse. Die Teilnehmenden sollten im ­Debriefing auch die Gelegenheit haben, Antworten auf ihre ­Fragen zu bekommen. Sollte eine Aufgabe sie beispiels­weise verwirrt haben, so wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um die ­Irritation aufzulösen. Die Forscher sollten dann darauf hinweisen, dass das Unternehmen das Produkt oder die Dienstleistung an dieser ­Stelle verbessern wird – nach dem Motto „Nutzer irren niemals“.

Wie viele Testpersonen sollten es sein?

Wann immer man über Testen nachdenkt, lautet eine nahe­liegende Frage: Wie viele Tests brauche ich eigentlich? Tendenziell testet man so lange, bis man den Eindruck bekommt, die meisten Aspekte beo­bachtet zu haben – ein gutes Indiz dafür ist, wenn man bei identischen Tests mehrmals in Folge kaum noch etwas Neues erkennt. Natürlich gibt es auch einige Faustregeln wie etwa die berühmte Empfehlung Jakob Nielsens, dass Tests mit fünf Nutzern ausreichen, um 85 Prozent der Usability-Probleme zu finden. Allerdings hängt die Zahl sehr stark davon ab, welche Art von Produkt oder Service man eigentlich testet. So gibt es beispielsweise Untersuchungen, die gerade bei Websites eine wesentlich geringere Entdeckungsrate von Problemen fanden. Wer es genauer wissen möchte, findet im Buch „Quantifying the User Experience“ von Jeff Sauro und James Lewis die nötigen ­Details.

Eigentlich ist die Anzahl der Teilnehmer bei Guerilla-UX-Tests aber gar nicht so zentral. Zunächst ist ein Test mit wenigen oder sogar nur einem Nutzer besser als gar keiner. Erfahrungsgemäß findet man ­immer ein User-Experience-Problem, das man noch nicht kannte. Besonders beim Testen geschäftskritischer Bereiche lohnt sich Guerilla-UX-Testing daher recht schnell.

Mithilfe einer Zielmatrix lässt sich schnell bestimmen, welche Probleme zuerst bearbeitet werden sollten. (Grafik: Björn Rohles)

Mithilfe einer Zielmatrix lässt sich schnell bestimmen, welche Probleme
zuerst bearbeitet werden sollten. (Grafik: Björn Rohles)

Hinzu kommt: Es ist vor allem dann besonders wichtig, die Teilnehmerzahl möglichst genau zu planen, wenn es wirklich nur eine, in sich geschlossene Untersuchung zur User-Experience geben soll. Guerilla-UX-Testing dagegen will ja gerade den Aufwand einzelner Tests so stark verringern, dass man immer wieder von Neuem testen kann. Im Businessumfeld sollen Nutzertests nämlich nicht möglichst viele Schwachstellen aufdecken, sondern ein Produkt verbessern. Dann aber ist nicht die Zahl der auf einen Schlag gefundenen Pro­bleme entscheidend, sondern vielmehr, dass man einige – wahrscheinlich sogar die häufigsten – entdeckt, an Lösungen arbeitet, weiter testet und mit der Zeit immer mehr Schwachstellen findet. Es geht also eher um eine Testkultur, bei der die Durchführenden möglichst nah an den ­Erlebnissen der Nutzer arbeiten. Oder anders gesagt: Lieber mehrere Reihen mit wenigen Nutzern als einen einzigen Test mit vielen Anwendern – vorausgesetzt natürlich, man arbeitet dazwischen auch wirklich iterativ an Lösungen.

Beobachten und Auswerten

Denn, ob Guerilla oder nicht: Nutzertests sind nur dann sinnvoll, wenn ein Unternehmen anschließend mit den ­Ergebnissen ­arbeitet. Das heißt, es muss nach dem Test die wichtigsten ­Aspekte aufgreifen, neue Lösungen erstellen und diese erneut testen. Wie aber sichert man die Testergebnisse, um sie analysieren zu können? Im Labor zeichnen Unternehmen die einzelnen Testsessions auf – meist mit einem Screenrecording und einer Videoaufnahme des Gesichts sowie den Aussagen beim „Lauten ­Denken“. Sofern die Testanwender damit einverstanden sind, können Unternehmen dies natürlich auch beim Guerilla-UX-­Testing tun. Programme wie die Mac-Anwendung ­Silverback (39 US-­Dollar) oder Screencapturing und Smartphonekamera helfen dabei.

Genauso wichtig sind jedoch auch Beobachtungen während der Tests. Am besten überlegt man sich schon im Vorfeld, was von besonderem Interesse ist, und legt einen entsprechenden ­Beobachtungsbogen an (siehe das Beispiel links). Eine solche Vorlage versammelt Felder für alle interessanten Stellen auf einer Seite – etwa, wohin ein Teilnehmer klickt, welche Probleme auftauchen, welche Emotionen ein Nutzer zeigt oder auffällige Aussagen. Der Beobachtungsbogen sollte dabei zwar möglichst viele Details abdecken, aber auch nicht unübersichtlich und schwierig auszufüllen sein. Gelingt der Spagat, hat der Beobachtungs­bogen mehrere Vorteile: Er eignet sich als Gedächtnisstütze für das ­Debriefing und hilft, sich bei der Analyse auf das Wesentliche zu ­konzentrieren. Mit ein bisschen Übung können die Durchführenden sogar schon einen Teil der Analyse während der Tests erledigen. Vor ­allem dann, wenn zwei Testmitarbeiter den Test machen und ­einer das Gespräch führt, während der andere den Bogen ausfüllt.

Guerilla-Tests auswerten

Die Auswertung eines Guerilla-UX-Tests soll die Bereiche ­herausfiltern, in denen Verbesserungen besonders sinnvoll sind. Typischerweise sind das User-Experience-Probleme. Es könnten aber auch positive Aspekte sein, die ein Unternehmen dann noch weiter ausbauen will. Um diese zu finden, notieren sich die Mitarbeiter alle auffälligen Ereignisse – das können Äußerungen beim lauten Denken sein, ­handfeste Probleme bei der Interaktion oder emotionale Reaktionen. Diese ­Momente, sogenannte ­„Critical ­Incidents“, fassen die Testenden nach Abschluss der Sessions zu User-Experience-Problemen zusammen. Ein Problem zeigt sich nämlich oft mit verschiedenen Symptomen. Außerdem ist es sinnvoll, festzuhalten, wie oft ein Problem aufgetreten ist und wie gravierend es sich ausgewirkt hat.

In den meisten Fällen dürfte diese Liste am Ende mehr ­Probleme enthalten, als ein Unternehmen auf einmal ­angehen kann. Deshalb ist es wichtig, herauszufinden, wo die viel­versprechendsten Verbesserungspotenziale liegen. Dazu kommen die Teammitglieder zusammen und diskutieren ihre Beobachtungen. Dann schreiben sie alle Probleme auf Post-its und ordnen sie in einer Matrix mit den zwei Achsen „wichtig“ und „machbar“ an. So zeigt sich schnell, welche Probleme relevant sind – beispielsweise, weil sie einfach zu lösen und besonders wichtig sind.

Fazit

Guerilla-UX-Testing kann zu wertvollen Einsichten beim Nutzungs­erlebnis führen. Die kostengünstige Methode versetzt, richtig angewendet, Unternehmen in die Lage, ihre Produkte oder Services schnell spürbar zu verbessern. Ein gutes User-­Experience-Design umfasst aber sehr viel mehr als nur Tests. Daher ist auch Guerilla-UX-­Testing nicht die einzige Möglichkeit, etwas für ein gutes Nutzungserlebnis zu tun. Weitere Taktiken der ­Guerilla-UX-Research stellen wir in einem weiteren Artikel in der nächsten t3n Ausgabe vor.

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2 Kommentare
Marc Schwips

Guter Artikel, der den Stellenwert von UX-/Usability-Test noch einmal unterstreicht. Im Artikel ist jedoch nur von UX-Tests die Rede – gemeint sind jedoch häufig Usability-Tests, die die Benutzerfreundlichkeit des Produkts evaluieren und nicht etwa das Nutzererlebnis. In der Praxis sind jedoch UX-, als auch Usability-Tests stark unterrepräsentiert.

Antworten
Björn Rohles

Vielen Dank für das Lob und den sehr guten Hinweis auf Usability – es stimmt absolut, dass sich Aspekte aus beiden Bereichen (und auch ihre Schnittpunkte) evaluieren lassen und dass beides sehr relevant ist (und viel zu oft vernachlässigt wird). Das hätte ruhig deutlicher rauskommen dürfen, gutes Feedback.

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