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Die Vermessung der Frau: Können Zyklus-Tracker die Pille ablösen?

(Illustration: Florian Thiemann)

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Um ihren Zyklus zu verfolgen, mussten Frauen in der ­prädigitalen Ära mit dem Kugelschreiber Kreuze auf Papier ­machen. Heute gibt es modernere ­Messinstrumente: Apps, Armbänder und Sensoren ­wollen ­Frauen ein genaues Abbild ­ihrer Periode liefern, beim ­Kinderwunsch helfen oder gar die Pille ablösen. Aber geht das überhaupt?

Was ihr selbst passiert ist, davor will Lina Wüller andere Frauen bewahren. 2015 beschloss die studierte Betriebswirtin, dass es auch ohne hormonelle Verhütung gehen müsse, und suchte nach Alternativen. Sie stieß auf eine ältere Form der Verhütung: die Temperaturmethode. Die setzt auf eine simple Logik: Der weibliche Körper kann nur an wenigen Tagen im Monat schwanger werden. Frauen können diesen Punkt genau ermitteln, indem sie ihre Temperatur messen. Wenn die Temperatur um 0,5 Grad vom durchschnittlichen Wert abweicht, findet der Eisprung statt. Nur um diese Zeit ist die Frau fruchtbar. Wenn sie also weiß, wann der Eisprung kommt, kann sie in dieser Zeit entsprechend Vorkehrungen treffen, mit Kondom verhüten oder ganz auf Sex verzichten. Für Wüller klang das traumhaft einfach.

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Doch ganz so einfach war es nicht. Was sie nicht wusste: dass die Temperaturmethode allein nicht ausreicht. Wüller wurde ungewollt schwanger, verlor das Kind in einem frühen Stadium. Aus der schwierigen Situation reifte ein Entschluss: die Methode mit Hilfe von Technik genauer zu machen. „Ich habe selbst erlebt, was passiert, wenn eine Methode nicht genau ist“, sagt die heute 30-Jährige. Gemeinsam mit ihrer Schwester Eva entwickelte sie die App Ovy.* Frauen können auf der Benutzeroberfläche nicht nur die Temperatur eintragen, sondern auch weitere Faktoren wie den Zervix-Schleim, das ist der Schleim rund um die Vagina, oder die Beschaffenheit des Muttermundes. Faktoren, die bei der Temperaturmethode nicht mit einfließen.

Mit ihren Ambitionen sind Eva und Lina Wüller nicht allein. Ob Software oder Hardware, App oder Gadget – etliche Startups haben das Zyklus-Tracking für sich entdeckt, Risikokapital­geber haben in den vergangenen Jahren Millionen investiert. Die ­Pioniere von Clue erhielten bislang rund 30 Millionen US-Dollar an Kapital, die schwedische App Natural Cycles 37 Millionen, der Schweizer Armbandhersteller Ava* zwölf Millionen, von kleineren Finanzierungsrunden im einstelligen Millionenbereich gar nicht zu sprechen. Selbst in der „Höhle der Löwen“ durfte schon ein ­Zyklus-Tracker pitchen, Trackle bekam zwar keinen Deal, aber viel Lob von den fünf Geldgebern.

Dass die Investoren begeistert von den Apps und Gadgets rund um das Thema Zyklus sind, hat einen offensichtlichen Grund: Zur Zielgruppe gehört grundsätzlich jede zweite Person im fruchtbaren Alter. Und die Macher bedienen zwei riesige Märkte – Verhütung und Kinderwunsch. Das klingt zwar nach einem Gegensatz, ist es aber nicht. Mit digitalen Methoden wollen die Tracker den Zyklus so genau nachzeichnen, dass Frauen mit Kinderwunsch wissen, wann sie Sex haben sollten, und die ohne Kinderwunsch, wann sie lieber keinen haben oder zumindest auf andere Verhütungsmittel zurückgreifen sollten. In ihrer Grundform bedienen sich digitale Zyklus-Tracker dafür der sogenannten Temperaturmethode – die Methode, die auch Wüller ausprobierte. Viele Apps und Gadgets setzen auf diese wissenschaftlich nachgewiesene Form der Verhütung. Damit sie funktioniert, muss eine Frau an jedem Tag zur selben Uhrzeit und an derselben Körperstelle ihre Temperatur messen. Schon eine stressige Phase oder eine lange Nacht können die Daten verfälschen. Manchmal reicht es sogar schon, vor dem Aufstehen zu sprechen, damit die Messung nicht mehr zuverlässig ist.

Die Temperaturmethode wird daher auch nur mit einem Pearl-Index von 0,8 bis drei bewertet. Der Wert ist nach dem US-Forscher Raymond Pearl benannt und gibt an, wie wirksam eine Verhütungsmethode ist. Ein Pearl-Index von 0,8 bedeutet, dass in einem Jahr der Anwendung von 1.000 Frauen acht schwanger werden. Je niedriger also der Index, desto besser. Noch kann die Pille sicherere Werte vorweisen – ihr Pearl-Index liegt zwischen 0,1 und 0,9.

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