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Die Vermessung der Frau: Können Zyklus-Tracker die Pille ablösen?

Um ihren Zyklus zu verfolgen, mussten Frauen in der ­prädigitalen Ära mit dem Kugelschreiber Kreuze auf Papier ­machen. Heute gibt es modernere ­Messinstrumente: Apps, Armbänder und Sensoren ­wollen ­Frauen ein genaues Abbild ­ihrer Periode liefern, beim ­Kinderwunsch helfen oder gar die Pille ablösen. Aber geht das überhaupt?

Von Lisa Hegemann
16 Min. Lesezeit
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(Illustration: Florian Thiemann)

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Was ihr selbst passiert ist, davor will Lina Wüller andere Frauen bewahren. 2015 beschloss die studierte Betriebswirtin, dass es auch ohne hormonelle Verhütung gehen müsse, und suchte nach Alternativen. Sie stieß auf eine ältere Form der Verhütung: die Temperaturmethode. Die setzt auf eine simple Logik: Der weibliche Körper kann nur an wenigen Tagen im Monat schwanger werden. Frauen können diesen Punkt genau ermitteln, indem sie ihre Temperatur messen. Wenn die Temperatur um 0,5 Grad vom durchschnittlichen Wert abweicht, findet der Eisprung statt. Nur um diese Zeit ist die Frau fruchtbar. Wenn sie also weiß, wann der Eisprung kommt, kann sie in dieser Zeit entsprechend Vorkehrungen treffen, mit Kondom verhüten oder ganz auf Sex verzichten. Für Wüller klang das traumhaft einfach.

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Doch ganz so einfach war es nicht. Was sie nicht wusste: dass die Temperaturmethode allein nicht ausreicht. Wüller wurde ungewollt schwanger, verlor das Kind in einem frühen Stadium. Aus der schwierigen Situation reifte ein Entschluss: die Methode mit Hilfe von Technik genauer zu machen. „Ich habe selbst erlebt, was passiert, wenn eine Methode nicht genau ist“, sagt die heute 30-Jährige. Gemeinsam mit ihrer Schwester Eva entwickelte sie die App Ovy.* Frauen können auf der Benutzeroberfläche nicht nur die Temperatur eintragen, sondern auch weitere Faktoren wie den Zervix-Schleim, das ist der Schleim rund um die Vagina, oder die Beschaffenheit des Muttermundes. Faktoren, die bei der Temperaturmethode nicht mit einfließen.

Mit ihren Ambitionen sind Eva und Lina Wüller nicht allein. Ob Software oder Hardware, App oder Gadget – etliche Startups haben das Zyklus-Tracking für sich entdeckt, Risikokapital­geber haben in den vergangenen Jahren Millionen investiert. Die ­Pioniere von Clue erhielten bislang rund 30 Millionen US-Dollar an Kapital, die schwedische App Natural Cycles 37 Millionen, der Schweizer Armbandhersteller Ava* zwölf Millionen, von kleineren Finanzierungsrunden im einstelligen Millionenbereich gar nicht zu sprechen. Selbst in der „Höhle der Löwen“ durfte schon ein ­Zyklus-Tracker pitchen, Trackle bekam zwar keinen Deal, aber viel Lob von den fünf Geldgebern.

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Dass die Investoren begeistert von den Apps und Gadgets rund um das Thema Zyklus sind, hat einen offensichtlichen Grund: Zur Zielgruppe gehört grundsätzlich jede zweite Person im fruchtbaren Alter. Und die Macher bedienen zwei riesige Märkte – Verhütung und Kinderwunsch. Das klingt zwar nach einem Gegensatz, ist es aber nicht. Mit digitalen Methoden wollen die Tracker den Zyklus so genau nachzeichnen, dass Frauen mit Kinderwunsch wissen, wann sie Sex haben sollten, und die ohne Kinderwunsch, wann sie lieber keinen haben oder zumindest auf andere Verhütungsmittel zurückgreifen sollten. In ihrer Grundform bedienen sich digitale Zyklus-Tracker dafür der sogenannten Temperaturmethode – die Methode, die auch Wüller ausprobierte. Viele Apps und Gadgets setzen auf diese wissenschaftlich nachgewiesene Form der Verhütung. Damit sie funktioniert, muss eine Frau an jedem Tag zur selben Uhrzeit und an derselben Körperstelle ihre Temperatur messen. Schon eine stressige Phase oder eine lange Nacht können die Daten verfälschen. Manchmal reicht es sogar schon, vor dem Aufstehen zu sprechen, damit die Messung nicht mehr zuverlässig ist.

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Die Temperaturmethode wird daher auch nur mit einem Pearl-Index von 0,8 bis drei bewertet. Der Wert ist nach dem US-Forscher Raymond Pearl benannt und gibt an, wie wirksam eine Verhütungsmethode ist. Ein Pearl-Index von 0,8 bedeutet, dass in einem Jahr der Anwendung von 1.000 Frauen acht schwanger werden. Je niedriger also der Index, desto besser. Noch kann die Pille sicherere Werte vorweisen – ihr Pearl-Index liegt zwischen 0,1 und 0,9.

Manche Tracker beziehen zur Messung des Zyklus den Zervix-­Schleim mit ein. Der verändert sich durch die Hormone, in der Zeit um den Eisprung wird er dünn und fadenziehend. Wenn die ­Nutzerin ihn regelmäßig untersucht, weiß sie genauer, an ­welcher Stelle des Zyklus ihr Körper gerade steht. Gemeinsam mit der ­gemessenen Temperatur ergibt sich daraus die ­symptothermale Methode. Bei richtiger Anwendung erzielt sie einen Pearl-­Index-Wert zwischen 0,4 und 2,3. Schon besser als die Temperatur­methode, aber im Schnitt noch nicht so gut wie die Pille.

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Sexuelle Befreiung 2.0

Die Komplexität unterscheidet den Zyklus-Tracker von anderen Vermessungstrends. Wer seine Schritte zählen oder seinen Schlaf überprüfen will, für den ist es unwichtig, ob er 100 Schritte
mehr oder weniger läuft, ob er acht oder sieben Stunden fünfzig schläft. Aber bei Zyklus-Trackern geht es ohne Genauigkeit nicht – insbesondere bei der Verhütung. Ob der Eisprung einer Frau morgen stattfindet oder schon gestern eingetreten ist, das kann binnen neun Monaten eine große Umstellung bedeuten. „Bei wem die Verhütung versagt, der sieht sich mit der Entscheidung einer Abtreibung konfrontiert – oder mit einem Baby“, sagt Vanadin ­Seifert-Klauss, Leitende Oberärztin für Endokrinologie an der Frauenklinik der TU München.

Die Zyklus-Tracker wollen mit ihrer Methode gerade jene Erfindung ablösen, die einst für die sexuelle Befreiung der Frau stand: die Pille. Denn dass Frauen selbst verhüten können, ist ein neuzeitliches Phänomen. In Zeiten diverser Verhütungs­methoden mag das kaum vorstellbar sein, aber lange konnten Frauen die Empfängnis ohne Mithilfe des Mannes nicht verhindern. Erst seit den 1960er Jahren ermöglicht die hormonelle Verhütung ­Geschlechtsverkehr, ohne dass sie dabei die Kindszeugung in Kauf nehmen müssen.

Aber die sexuelle Befreiung von damals empfindet eine ­jüngere Generation von Frauen als Eingriff in den eigenen Körper. Nicht mehr die Vorteile stehen im Vordergrund, sondern die ­Nebenwirkungen: erhöhtes Thromboserisiko, Übelkeit, Kopfschmerzen. Frauen klagen mittlerweile gegen die Pharma­konzerne dahinter, allein Bayer stand in den vergangenen ­Jahren mehrfach vor Gericht. Es hat sich eine ganze Bewegung rund um das Thema Menstruation, Zyklus und natürliche Verhütung gebildet, die digitalen Tracker sind ein Teil davon. Mit Hilfe von Technologie streben sie eine neue sexuelle Befreiung an: die von der hormonellen Verhütung. ­Damit sprechen sie Frauen an, die der Risiken klassischer Methoden überdrüssig sind und keine Hormone mehr schlucken wollen.

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Um dieses Ziel zu erreichen, mischen Apps und Gadgets diverse Buzzwords wie Algorithmen, Big Data und Machine Learning zusammen. Die Technologie soll bei der genauen Bestimmung des Zyklus, des Eisprungs, der Periode assistieren. Ein Ziel, das auch Ovy verfolgt. Was Gründerin Wüller besonders wichtig ist: dass der Algorithmus auf dem Regelwerk der natürlichen Familien­planung, auch NFP genannt, basiert. „Viele Gynäkologen stehen der natürlichen Verhütung kritisch gegenüber, weil die Apps nicht nach dem NFP-Regelwerk funktionieren“, sagt Wüller. Die Gründerinnen haben ihre App entsprechend angepasst, beispielsweise werden der Zeitpunkt der Temperaturmessung und der Körperpunkt der Messung mittlerweile erfasst. Bisher müssen die Nutzerinnen die Werte noch händisch eintragen, das ist nervig und fehleranfällig. Die Schwestern wollen nun ein Thermo­meter entwickeln, mit dem sich die Temperatur via Bluetooth automatisch übertragen lässt. Mit Beurer, einem Mittelständler aus Ulm, haben sie einen Partner für den Bau des Thermometers gefunden. Einen genauen Veröffentlichungszeitpunkt wollen sie noch nicht nennen. Aber dank einer Finanzierung in Höhe von sechs Millionen Euro ist zumindest die Investition gesichert.

Trotzdem bleiben Experten skeptisch. Aus Sicht von ­Vanadin Seifert-Klauss ist der algorithmische Ansatz in vielen Fällen ungeeignet. Die Leitende Oberärztin warnt davor, aus den Daten eines vergangenen Zyklus Schlüsse auf den kommenden abzuleiten. Wenn eine Frau sieben Mal hintereinander einen 28-tägigen Zyklus und immer zur gleichen Zeit den Eisprung habe, dann werde davon ausgegangen, dass es beim nächsten Mal auch so sei, erklärt Seifert-Klauss. Ein Logikfehler: „Auch wenn der Eisprung sieben Mal zum gleichen Zeitpunkt im Zyklus stattfindet, kann er beim achten Mal einen Tag später sein.“

Diesen Punkt hob auch die Stiftung Warentest in einer Untersuchung im November hervor. Sie hat 23 Apps auf ihre Verhütungstauglichkeit getestet, das Urteil ist vernichtend: Nur zwei Tracker, Lady Cycle und My NFP, erhielten die Gesamtnote gut. Der Großteil fiel durch, darunter auch Ovy und Natural Cycles. In ihrem Test bemängelten die Autoren, dass die meisten Apps nur auf mathematischen Methoden beruhen, also entweder aus dem vorigen Zyklus Schlüsse auf den nächsten ziehen oder dass sie sich auf Durchschnittswerte aller Nutzerinnen stützen. Aber der Zyklus einer Frau ist nicht immer stur 28 Tage lang, sondern schwankt gewöhnlich zwischen 25 und 35 Tagen, bei manchen sogar noch stärker. Wie lang der Zyklus im Einzelnen sein wird, lässt sich aus diesen Daten nicht vorab errechnen. Allerdings sind die Daten nicht bei allen Trackern aktuell. So testete die Stiftung Warentest etwa eine erste Version von Ovy, die noch nicht auf der Methode der natürlichen Familienplanung beruhte. Mittlerweile ist das längst angepasst.

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Roxan hat erlebt, wozu eine falsche Prognose führen kann. Mit der hormonellen Verhütung war sie nicht zufrieden, sie litt unter Nebenwirkungen und entschied sich schließlich für eine App. Schon nach kurzer Zeit wurde sie schwanger – „überraschend, aber nicht ungelegen“, wie sie sagt. Ihr Freund und sie seien „risiko­freudig“ gewesen, hätten durchaus einen Kinderwunsch gehegt. Doch sechs Monate nach der Geburt ihrer Tochter wurde die heute 26-Jährige erneut schwanger, dieses Mal ungeplant – die Verhütung mit der App griff wieder nicht. „Mein Zyklus war nach der Geburt noch nicht regelmäßig und so wurde ich zu einem Zeitpunkt schwanger, an dem eigentlich meine ­Monatsblutung wieder beginnen sollte“, sagt Roxan. Sie bezeichnet zwar auch ihren Sohn als Wunschkind. Aber „damit sich das dritte ungeplante Wunschkind nicht ganz so schnell einschleicht“, will sie nun etwas Langfristiges wie eine Spirale versuchen.

Selbst vermeintlich seriöse Zertfikate helfen nicht weiter. Die schwedische App Natural Cycles erhielt 2017 eine Zertifizierung des TÜV Süd, sie darf sich seitdem offiziell als Verhütungsmittel bezeichnen. Trotzdem wurde sie im Januar 2018 bei der schwedischen Regulierungsbehörde MPA angezeigt. Ein Krankenhaus bemängelte, dass 37 Nutzerinnen ungewollt schwanger wurden und eine Abtreibung benötigten, obwohl sie mit der App verhüteten. Genau das, was der Zyklus-Tracker verhindern sollte.

Die Macher äußerten sich in einem Statement gegenüber ­The Verge dazu und gaben an, dass sie mit den Behörden in Kontakt stünden. Sie betonten aber auch, dass eben kein Verhütungsmittel hundertprozentig sicher sei. Die Anzahl ungewollter Schwanger­schaften sei nicht überraschend und liege innerhalb der Wirksamkeitsraten. Nach eigener Aussage hat Natural ­Cycles einen Pearl-Index von sieben, schützt also in 93 Prozent der ­Fälle „bei üblicher Anwendung“. Bei offiziell 600.000 Nutzerinnen kann man davon ausgehen, dass die Dunkelziffer insgesamt noch ­höher liegt. Für die Bewegung hinter den ­Zyklus-Trackern ein Rückschlag, stellt das Beispiel doch einen zentralen Teil der Methodik infrage: das Verhütungsversprechen.

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Alles Humbug?

Elina Berglund will davon nichts wissen. Sie ist die Gründerin von Natural Cycles und beharrt darauf, dass ihre App sicher ist. „Wir sind die einzige App, die zuverlässig für die Verhütung verwendet werden kann“, sagt sie. Im Gespräch betont die studierte Physikerin immer wieder, dass sie und ihre Mitgründer Wissenschaftler seien, dass es sich um wissenschaftlich belegbare Fakten handle. Der Algorithmus kalkuliere den kommenden Zyklus nicht nur auf Basis vorheriger, sondern beziehe auch externe Faktoren mit ein. Wenn die Temperatur dadurch stark schwanke, zeige die App mehr rote Tage an, also Tage, an denen keine klare Aussage getroffen werden könne, erklärt Berglund. Um die Wirksamkeit ihrer Methode zu überprüfen, hat Natural Cycles drei klinische Studien angestoßen, für die größte wurden die Daten von 22.000 Frauen anonymisiert ausgewertet. Dadurch erhofft sich die Gründerin Beweise für die Sicherheit der Methode.

Andere Gründer versuchen es mit anderen Parametern. Bei der App bleibt die Gefahr, dass eine Frau die Temperatur nicht immer zum gleichen Zeitpunkt misst oder dass sie die Messung morgens schlicht vergisst. Das kann die Vorhersagen ungenau machen. Maxim Loick und Katrin Reuter aus Bonn wollen einen besseren Weg finden. Mit Trackle arbeiten sie an einem Sensor, den eine Frau vaginal über Nacht tragen kann, ähnlich wie ein Tampon. Dadurch soll die Körperkerntemperatur aufgezeichnet werden können, wenn sie ihren niedrigsten Punkt erreicht – denn nur der sei relevant für die Messung, argumentieren die beiden Gründer. Über eine Aufbewahrungsbox, in die die Nutzerin den Sensor einmal täglich legen sollte, werden die Daten an eine App übertragen, alles automatisiert, keine nervige händische Eingabe, wie sie bei vielen Apps notwendig ist. Noch gibt es Trackle nicht zu kaufen, spätestens im März soll das Produkt aber ausgeliefert werden. Derzeit steckt das Startup in den Endzügen der medizinischen Zertifizierung. In der „Höhle der Löwen“ versprach Reuter, dass ihr Produkt – wenn es regelmäßig getragen werde – genauso sicher sei wie die Pille. Das Argument: Durch das dauerhafte Tragen kann die Messung nicht vergessen werden, die Vorhersagen werden zuverlässiger als bei einer App.

Manche versuchen es auch mit komplett neuen Parametern, um weg von der symptothermalen Methode zu  kommen. Lea von Bidder, Präsidentin des Startups Ava, beispielsweise. Das Schweizer Unternehmen hat ein Armband entwickelt, in dessen Berechnung insgesamt neun Parameter einfließen: Hauttemperatur, Ruhe­puls, Atemfrequenz, Herzfrequenz, Durchblutung, Bewegung, elektrodermale Aktivität, Wärmeverlust und Schlafqualität. Das Problem: Als Ava anfing, war lediglich der Zusammenhang zwischen Körperkerntemperatur und Zyklus wissenschaftlich belegt. Für alle anderen Faktoren fehlten die Belege.

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Das Startup versucht nun, die Korrelationen in eigenen wissenschaftlichen Untersuchungen nachzuweisen. Vor kurzem hat es eine Studie in einem Peer-Reviewed Journal veröffentlicht, die eine Korrelation zwischen Puls und den Zyklusphasen belegen soll. „Ich wünschte, dass wir schon Studien zu allen Parametern veröffentlicht hätten“, sagt von Bidder. Um die Genauigkeit des Armbands zu belegen, arbeitet das Unternehmen an einer umfassenden Studie, für die die Daten von bislang 430 freiwilligen Teilnehmerinnen anonymisiert ausgewertet werden sollen. Konkret konzentriert sich die Untersuchung auf Hauttemperatur, Pulsfrequenz, Atmungsrate, Haut und Schlafdauer sowie -qualität. Die Frauen geben zusätzlich tägliche Aktivitäten in einer Online­umfrage ein. Ergebnisse werden aber nicht vor 2019 erwartet.

Die Ava-Macher raten daher noch davon ab, ihr Produkt zur Verhütung zu verwenden. „Wir wollen unter keinen Umständen als Verhütungsprodukt bezeichnet werden“, sagt Lea von Bidder, dafür seien die Parameter nicht genau genug. „Wenn wir in den Bereich Verhütung gehen, wollen wir es richtig machen.“ Derzeit könne der Algorithmus zwar verraten, ob eine Frau gerade fruchtbar sei, aber nicht, ob sie in drei Tagen fruchtbar sein könnte.

Nicht nur Ava verweist auf die Zukunft. Auch Ovy-Gründerin Lina Wüller geht davon aus, dass der selbstlernende Algorithmus besser wird, je mehr Frauen das Produkt verwenden. Derzeit spricht aber auch sie nicht von Ovy als Verhütungsmittel. Konkrete Angaben, wann das eigene Produkt wirklich so sicher sein wird wie die Pille, traut sich kaum einer zu. Die sexuelle ­Befreiung 2.0 hat begonnen, aber sie steht noch ganz am Anfang.

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Aber muss alles so stark auf Genauigkeit getrimmt sein? Wer mit den Gründerinnen spricht, stellt fest, dass es häufig um das große Ganze geht – das Wohlbefinden der Frau. Damit beschäftigt sich auch Ida Tin. Wenn die Gründerin über ihre App Clue spricht, dann vermeidet sie sowohl die Worte „Verhütung“ als auch „Kinder­wunsch“. Auf der Website finden sich die Schlagworte nur vereinzelt. „Die Worte führen in die falsche Richtung“, sagt sie. „Unsere App sagt Frauen nicht, wann sie schwanger werden können oder wann sie nicht schwanger werden können.“ Tin geht es um die Bewegung dahinter: Sie will mit Clue eine Plattform bauen, die Frauen hilft, den eigenen Körper besser zu verstehen und das Thema Menstruation zu enttabuisieren.

Die App fokussiert sich auf Faktoren wie Gewicht oder die Beschaffenheit der Haut. Clue fragt zudem nach Punkten, die nicht direkt mit dem Zyklus zusammenhängen müssen, etwa nach Energie- und Motivationslevel oder nach dem Sozialleben. Insgesamt fließen 32 Parameter in die Bewertung ein. Mittlerweile zählt die App mehr als fünf Millionen Nutzerinnen. „Was uns von anderen Apps unterscheidet, ist, dass wir uns auf die Aufklärung fokussieren“, sagt die gebürtige Dänin. Ihr erklärtes Ziel ist es nicht, die Pille abzuschaffen, sondern mit Hilfe von Technologie auch über Alternativen zu informieren. „Raising awareness“ nennt sie das, man könnte auch von Hilfe zur Selbsthilfe sprechen. Damit erweitert Clue auch das Spektrum der Nutzerinnen: Auch für homosexuelle Frauen kann es interessant sein, wie der eigene Zyklus verläuft und wann der Eisprung stattfindet.

Grundsätzlich scheint es ein wichtiges Bedürfnis der Nutzerinnen zu sein, ein Gefühl für den eigenen Körper zu bekommen. ­Miriam ist 42 Jahre alt und nutzt seit vier Jahren einen Zyklus-­Tracker –­ explizit nicht zur Verhütung. Als IT-Projektmanagerin für digitale Gesundheitsprodukte hat sie sich einige Apps angeschaut und bezeichnet die Leistungsversprechen als „übertrieben“. Auch die Gadgets zeigten am Ende schlicht die fruchtbaren Tage an. „Verhüten muss man schon noch selbst“, sagt sie. Miriam sieht ihre App persönlich mehr als Dokumentations­methode, nicht als Fernbedienung. Als sie die Pille absetzte, habe sie einfach schauen wollen, wie sich ihr Zyklus ohne Hormone einpendele. „Die App hilft mir dabei, die Signale meines Körpers besser zu deuten und zu wissen, wann tatsächlich verhütet werden muss.“

Vom Wunder der Empfängnis

Aber die Zyklus-Tracker wollen eben nicht nur bei der Verhütung oder dem besseren Verständnis des Körpers helfen. Sie wollen auch jene ansprechen, die schwanger werden wollen. Fast alle Zyklus-Tracker widmen sich der Familienplanung: Sie wollen die „Zeit zur Schwangerschaft verkürzen“ oder versprechen bei Nutzung gar eine Verdopplung der Chancen auf eine Schwanger­schaft. Wer mit den Machern spricht, hört das Wort Kinderwunsch immer wieder, es scheint das dominante Thema zu sein. Klar: Das Risiko ist geringer. „Wer schwanger werden will, bei dem ist der Schaden bei einer falschen Voraussage des Eisprungs begrenzt“, sagt Vanadin Seifert-Klauss. Salopp formuliert: Wenn es nicht klappt, bleibt ja immer noch die Kinderwunschklinik.

Die Möglichkeiten für Paare, ein Kind zu zeugen, erinnerten bis vor wenigen Jahren an eine Szene in „Die Vermessung der Welt“. In dem Buch wird beschrieben, wie der Forscher Alexander Humboldt den Kapitän auf See beim Navigieren beobachtet und ihn schließlich fragt, warum er so ungenau arbeite. Man fahre so ungefähr den Breitengrad entlang, und irgendwann sei man da, antwortet der Kapitän darauf. Ähnlich könnte man auch den Weg zur Schwangerschaft beschreiben: Frauen haben regelmäßig Sex und schauen dann, ob die Periode nach 28 Tagen wieder einsetzt. Wenn ja, heißt es weitermachen. Wenn nicht, sind sie am Ziel.

Wer sich mit der Beschaffenheit einer Empfängnis befasst, der fragt sich irgendwann, wie eine Frau überhaupt schwanger werden kann. Rein physiologisch spricht viel dagegen: Nur ein einziges Mal im Monat erlebt der weibliche Körper einen Eisprung, nur in dieser Phase kann das Ei befruchtet werden und das höchstens 24 Stunden lang. Nicht jede Frau hat in jedem Zyklus einen Eisprung. Und selbst wenn sie einen hat und das Ei befruchtet wird, kann es passieren, dass sich die Zelle nicht in der Gebärmutter einpflanzen kann, weil der Zyklus zum Beispiel am Ende hin zu kurz ist. Nimmt man all das zusammen und rechnet dann noch neun Monate Schwangerschaft oben drauf, dann ist es vielleicht gar nicht so schwülstig, vom Wunder der Geburt zu sprechen.

Apps und Hardwarehersteller wollen eine bessere Navigation durch den Zyklus ermöglichen und so die Chancen einer Schwanger­schaft für Frauen erhöhen. Sie vermessen, wie lange die Tage dauern, wie viel Zeit zwischen Periode und Eisprung liegt und wie lange von da aus die Phase zur nächsten Blutung ist. Dadurch sollen Nutzerinnen einen Einblick in ihren Zyklus erhalten, sie sollen wissen, wann die Follikel entstehen, aus denen wiederum das Ei entsteht, und wie lange das Ei vor der nächsten Periode hat, um sich einnisten  zu können.

Bei Isabell, einer Nutzerin, hat es mit der Vorhersage funktioniert. Noch während sie ihre Kupferspirale trug, begann sie, ihre Temperatur zu messen und in die App einzutragen. Jeden Morgen um 6.30 Uhr, vier Tage die Woche. Auch den Zervix-Schleim schaute sie sich an. Als sie die Spirale herausnehmen ließ und schwanger werden wollte, klappte es direkt im ersten Monat. „Ich wusste viel genauer, wann meine fruchtbaren Tage kommen“, sagt die heute 32-Jährige.

Aber nicht bei jeder Frau geht das so schnell. Und dann wird es problematisch. „Bisher überweisen Ärzte eine Frau, die nach längerem Probieren nicht schwanger wird, in eine Kinderwunschklinik“, sagt Bettina Brammer. Die Diplom-Medienwirtin hat das selbst erlebt: Weil bei ihr kein Eisprung festgestellt wurde, versuchte sie es mit künstlicher Befruchtung, sechs Mal erfolglos. Sie und ihr Mann begannen, die Methode zu hinterfragen: Jede Frau sei gleich behandelt worden, die natürliche Zyklus­beschaffenheit nicht berücksichtigt, berichtet Brammer. Schließlich wurde sie doch noch schwanger – auf natürlichem Wege.

Heute ist sie Gesellschafterin bei einer der Firmen, die Frauen mit Kinderwunsch unterstützen will: Bei ­Ovularing verantwortet sie die Bereiche Marketing und Vertrieb. Gegründet wurde das Startup im März 2011 von Henry Alexander,­ einem Pionier der Reproduktionsmedizin. Der emeritierte Professor war lange an der Universitätsfrauenklinik Leipzig tätig, er zählte in den 1980ern zu den ersten Ärzten, die die Methode der künstlichen Befruchtung anwandten. Dass er sich trotzdem mit natürlicher Empfängnis befasst, hängt mit einer Feststellung zusammen: Viele Frauen glauben, dass sie ihren Eisprung einschätzen können, liegen aber falsch. Aus dieser Erfahrung entstand die Idee zu einem Sensor, der den Zyklus einer Frau rund um die Uhr erfasst.

Der Ovularing lässt sich wie Trackle vaginal einführen, Frauen können ihn durchgängig tragen, auch während des Geschlechtsverkehrs. Der Sensor speichert die Temperatur konti­nuierlich, 288 Mal am Tag. Um ein möglichst genaues Ergebnis zu bekommen, darf der Sensor nicht länger als zwei Stunden am Tag aus dem Körper genommen werden. Die Daten werden mittels eines Lesegeräts digital übertragen, der Sensor sendet nicht aus dem Körper heraus.

Damit eine Frau eine verlässliche Aussage über den Zeitpunkt des Eisprungs erhält, muss sie den Ovularing mindestens drei Zyklen lang nutzen. Schon ab dem ersten Tag kann sie im Web aber ein sogenanntes Cyclofertilogramm einsehen, das die Zyklus­kurve anzeigt. Laut Ovularing wird der Eisprung retrospektiv mit einer Sicherheit von bis zu ­99 Prozent ermittelt. „Wir arbeiten an einem Algorithmus, der nach dem ersten gemessenen Zyklus, also ab dem zweiten Zyklus, einen täglichen Fruchtbarkeitsstatus ausgibt“, sagt Brammer. Einen genauen Veröffentlichungszeitpunkt nennt sie nicht, nur dass es „bald“ so weit sein solle.

Denn auch wenn es beim Kinderwunsch nicht so genau zugehen muss wie bei der Verhütung, steigen die Chancen auf Schwangerschaft, je schneller und zuverlässiger der Zyklus vorhergesagt wird. Am Ende, das zeigt sich daran, bleibt der Wunsch nach Genauigkeit. In der „Vermessung der Welt“ fragt Alexander Humboldt den Kapitän, wie man leben könne, wenn einem Genauigkeit nichts bedeute. Diese Frage wird sich nicht nur für die Zyklus-Tracker stellen, sondern auch für ihre Nutzerinnen.

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Pajussi

Ich kann den „guten“ Rat „stress dich weniger, dann wirds schon klappen“ aus meiner Erfahrung nicht bestätigen. Bei mir wars so, dass ich sehr lange bis ungefähr 31 gar keinen Kinderwunsch hatte. Irgendwie haben wir dann aber doch gemeint, dass wir mal 1 Kind haben wollen, aber aufgrund von Stress im Job usw. doch immer wieder hinausgeschoben. Im Mai 2020 hab ich nach 17 Jahre die hormonelle Verhütung abgesetzt. Zuerst wollt ich es noch ruhig angehen, aber nachdem es nach 2 Monaten nicht auf Anhieb geklappt hat, hab ich angefangen mit Ovulationstests, Temperaturmessen, angeblichen Hilfsmittelchen. Nachdem es nichts gebracht hat, haben auch wir uns in der Ukraine beauftragt: in gut 3 Wochen ists soweit

Antworten
SteveB

Das neoliberale (Über?)Ich und der (Kinder)Wunsch
Kinder sind heute ein Wunschprogramm, ein EGO-Projekt, Egoismus pur (googlet euch nur die Preise für die ukrainische Leihmütter, die vermeintlich billigsten in Europa), und darüber wird im Individuellen unter Ausschluss der Öffentlichkeit entschieden. Jeder „tut sich selber einen Gefallen“. Oder anders gesagt, niemand zeugt Nachwuchs wegen der Allgemeinheit.

Kinder sind ein höchstpersönlicher Lebenswunsch, aufgeladen mit diversen moralischen Attributen, und das kommt in diesem Text zum Ausdruck. Ein Überhöhen von Moralansprüchen ist ein Zeichen für gesellschaftliche Pathologien.

Antworten
a_ber

Die meiste Zeit haben Menschen Kinder bekommen, weil es sich nicht vermeiden ließ; heutzutage pilgern unsere ungewollt Kinderlose zu den günstigen ukrainischen Kiwu-Kliniken, weil dort ein viel besser Service als in der Heimat angeboten wird. Wenn man entscheiden konnte, haben Menschen dann Kinder bekommen, weil sie welche wollten, oder wenn sie als Arbeitskraft und Altersvorsorge notwendig waren bzw. sind.

Ich denke, die Anzahl der Menschen, die Kinder „wegen der Allgemeinheit“ bekommen haben, lässt sich an zehn Fingern abzählen.

Anders gesagt: Kinder zu bekommen ist immer „Egoismus pur“.

Antworten
Pupsonaut

Ich habe auch jahrelang diesen ganzen Wahnsinn mitgemacht (inklusive Gedanken an die Leihmutterschaft in der Ukraine), hatte, wie ich Jahre später heraus gefunden hatte, ein Problem, dass zu diesem Zeitpunkt noch nicht erforscht war, und hab mir letztendlich aber gesagt: entweder es klappt, oder ich besuch meine Freundin in Peking. Außerdem hatten wir uns Mountainbikes gekauft, sind regelmäßig am Wochenende in den Wald und haben begonnen wieder Spaß zu haben.
Ich war bis jetzt nicht in Peking. Zur selben Zeit kam mein Neffe auf die Welt und ich habe raus gefunden, manche Kinder wollen dann doch auf die Welt kommen. Die warten aber schlicht auf den richtigen Zeitpunkt und kommen ganz sicher nicht dann, wenn die Eltern das wollen. Unser zweites Kind ist ein Pflegekind. Auch das ist eine Möglichkeit.

Antworten
Wannabeme

bevor ihr euch für die leihmutterschaft in der ukraine als letzte chance eltern zu werden entscheidet tipps nach 9 IFV-versuchen:
– 1 jahr lang normal versuchen, dann sofort zum experten in die kinderwunschklinik (das sind die besten gynäkologen, die ich bisher hatte)
– ändere deinen lebensstil nicht (sofern du nicht schwere trinker/in oder raucher/in bist)
– vorher festlegen was man bereit ist in den kinderwunsch zu investieren (nicht nur geld, sondern auch wie viele versuche)
– sobald man sich für schwangere freundinnen nicht mehr freut, sofort mit den versuchen aufhören und sich psychologische hilfe suchen
– tabulos diskutieren welche andere optionen bestehen: pflegekind, samenspende, adoption, embryoadoption oder leihmutter
– niemanden von dem vorhaben erzählen
wenn es klappt ist es eine eine großartige möglichkeit, wenn nicht, höllisch

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