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Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war

Klaus Bürgle: Die erste Marskolonie, 1976. (Illustration: Klaus Bürgle, Foto: Horst Alexy)

Wir haben Historiker, Zukunftsforscher und Weltraum-Experten gefragt, was wir eigentlich über die Zukunft wissen können. Und was nicht.

Ralf Bülow, ein Mann in seinen Sechzigern, im grünen Pullover, einem braunen Cordjackett und silberner Brille, steht, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, vor der Versuchslok „202 003-0“. Die Lok ist fugenlos rund wie ein U-Boot auf Schienen, Scheinwerfer und Windschutzscheibe sind in die Rundung eingelassen. Mit dem weiß-blauen Streifen sieht die Lok so aus, als wehten ihr auch im Stand noch 350 Kilometer pro Stunde Wind um die Nase. „Die ist aus der Zeit, in der Zukunft noch was war“, sagt Bülow und seufzt.

Der Mathematiker ist Mitglied der Forschergruppe „Die Zukunft in den Sternen: Europäischer Astrofuturismus und außerirdisches Leben im 20. Jahrhundert“ an der FU Berlin und begeistert sich schon ein Leben lang für die Zukunft: „Angefangen hat das mit dem Jahrbuch Das Neue Universum, da gab es Faltbilder von Raumstationen und futuristischen Bahnhöfen“, erzählt er. Fünfzig Jahre ist das her. „Heute ist es ja schon eine gewagte Vision, einen Flughafen in Berlin fertigzustellen.“ Ralf Bülow ist der Zukunft der 1960er, der Zukunft aus den Bildern in „Das Neue Universum“ treu geblieben. Auch wenn die tatsächliche Zukunft sich in eine andere Richtung entwickelt hat. Während in der richtigen Welt Computerchips und das Internet ihren Siegeszug angetreten haben, hat Bülow angefangen, die alten futuristischen Zeichnungen von Klaus Bürgle zu sammeln. Im Laufe der Jahre wurde aus dem Futuristen Bülow ein Retro-Futurist. Irgendwann hat ihn ein Museum gefragt, ob er seine Sammlung nicht für eine Ausstellung zur Verfügung stellen wolle. „Smartphones“, sagt er und schaut mich an, während ich mit dem Handy ein Bild von der Lok mache. „Das kann es ja noch nicht gewesen sein, mit der Zukunft.“

Gerade jetzt, Stand Herbst 2018, ist die Zukunft wieder sehr nah, sehr greifbar. Wie zu der Zeit, als der junge Ralf Bülow noch Bilder von Weltraumbahnhöfen in Das Neue Universum betrachtete. Elon Musk arbeitet daran, Touristen ins All zu schießen – sein Tesla ist da ja schon unterwegs. Yuval Noah Harari, der Bestsellerprophet der Stunde, sieht Designerbabys und eine Datenreligion am Horizont. Etliche Vordenker und Wissenschaftler der Tech-Elite warnen vor einer Macht­übernahme durch künstliche Intelligenz. Ray Kurzweil, der Erfinder des Flachbett-Scanners und heute als Chefingenieur bei ­Google tätig, Nick Bostrom, Zukunftsforscher in Oxford, und Ben Goertzel, der Chefwissenschaftler des Roboterbauers Hanson Robotics, gehen davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Maschinen uns in Sachen Intelligenz den Rang ablaufen.

Doch was folgt auf den Hype um das Thema Zukunft – ist es wirklich die Zukunft oder doch eher die Enttäuschung? Welche Zukunft landet im Museum und welche Zukunft haben wir irgendwann ganz selbstverständlich in der Tasche? Können wir das jetzt schon abschätzen? Oder anders gefragt: Wer kann das schon abschätzen? Die Jeff Bezos’, Mark Zuckerbergs und Ray Kurzweils dieser Welt? Zukunftswissenschaftler? Historiker? Wie gut hat das eigentlich bisher geklappt, die Zukunft vorherzusagen? Ich habe mich auf die Suche gemacht, um die Hürden und Grenzen der Zukunftsforschung auszuloten: gemeinsam mit Historikern, Zukunftsforschern, Skeptikern und Startups, die der Zukunft mit Märkten und mithilfe der Crowd näherkommen wollen.

Der Post-Apollo-Komplex

„Grüße aus der Stadt der Zukunft“, schreibt mir Alexander Geppert in einer E-Mail. Bevor er für die New York University nach Shanghai ging, leitete er in Berlin die Forschungsgruppe „Die Zukunft in den Sternen“, bei der auch Ralf Bülow Mitglied ist: ein Forschungsprojekt zur Geschichte des „Space Age“, der goldenen Zeit der Zukunft und Raumfahrt in den 1960ern. Geppert skypt von zu Hause aus und trägt dabei ein weißes T-Shirt, nach hinten geschwungene, dunkle Haare, und einen Zwei-Tage-Bart.

Aus Gepperts Perspektive fand der Zukunfts-Hype des vergangenen Jahrhunderts mit seinem Höhepunkt in den 60ern vor allem im Weltraum statt. „Einer der ersten Filme überhaupt war 1902 ‚Die Reise zum Mond‘ von Georges Méliès“, erzählt Geppert. „Seit den 1950er-Jahren wurde der Weltraum mit vielen Filmen immer bunter, besiedelter und konkreter vorgestellt, lange bevor der erste künstliche Satellit überhaupt im Erdorbit stationiert wurde. Die Ideen von Weltraum und Zukunftsszenarien befeuerten sich gegenseitig. Von den 1940ern bis in die 1970er ging man fest davon aus, dass die Zukunft im Weltraum stattfinden müsse und werde“, sagt Geppert. Und dann? „Und dann nichts. Ich nenne das das Post-Apollo-Paradox. Schon kurz nach der Mondlandung spielte der Weltraum eine viel weniger zentrale Rolle im Nachdenken über die Zukunft.“

Hyperloop gefällig? Eine ähnliche Vision hat Klaus Bürgle bereits im Jahr 1967 gezeichnet und pragmatisch „Personenrohrpost“ genannt. Die Idee: Während ferngesteuerte Hochbahnzüge oberirdisch den Schnellverkehr übernehmen, sollen die rund drei Meter dicken Fahrrohre unter der Erde die Menschen zwischen verschiedenen Ballungsgebieten miteinander verbinden. (Illustration: Klaus Bürgle)

Es spreche viel für die These, dass das wichtigste historische Resultat der Raumfahrt nicht der technische Sprung selbst war, sondern der Blick zurück, vom Mond auf die Erde, den er ermöglichte. Und damit ein neues Denken von der Erde als planetarischer Einheit. Nach Apollo 11 dominierten Bilder vom blauen Planeten, dem Raumschiff Erde und globalen Gefahren. Und das sei eben das Paradox: „Das Weltraumzeitalter wurde genau in dem Moment als überholt begriffen, als es globalhistorisch größere Wirkung zu zeigen begann als je zuvor.“ Die Zukunft wurde rückwärtsgewandter, introspektiver und auch ängstlicher. Man glaubte nicht mehr an Planbarkeit und Machbarkeit. Plötzlich brach sich eine Einsicht Bahn: Wenn die Menschheit so weiter macht, richtet sie den Planeten zugrunde. Zukunftsvisionen und Weltraumvisionen brachen dabei auseinander. „Aus historischer Perspektive war das Space-Age Anfang der 1970er-Jahre vorbei.“

Erstaunlich ist, dass sich vor allem viele Historiker mit der Zukunft beschäftigen. Ich verabrede mich mit Elke Seefried in der Nähe des Potsdamer Platzes. Seefried ist stellvertretende Direktorin des ­Instituts für Zeitgeschichte in München und hat ein Buch über die Geschichte der Zukunftsforschung geschrieben. Sie hat sich an eines der großen Fenster des Cafés gesetzt und schaut hinaus auf den Platz mit Brunnen, auf dem jetzt, im Herbst, die Blätter umherwehen.

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