t3n 53

Zukunftsforscherin Amy Webb: „Biotech ist das nächste große Ding“

Seite 2 / 2

Schwierig. In den USA gibt es zwar einen großen Schub in Richtung Elektroautos. Aber nur, weil ein Auto elektrisch angetrieben wird, heißt das noch lange nicht, dass es autonom fährt. Das größte Problem ist die Regulierung. Also wie lange wird es zum Beispiel dauern, bis wir die Straßen soweit ausgebaut haben, dass sie fürs autonome Fahren ausgelegt sind? Deshalb glaube ich, dass 20 Jahre ein zu enger Zeitrahmen für echtes autonomes Fahren sein wird. Wenn es aber so weit ist, werden wir zwar keine futuristischen Vehikel wie bei den Jetsons in der Luft erleben, aber ein Großteil des Transportes wird dann tatsächlich komplett autonom erfolgen.

t3n Magazin: Du sprichst über Regulierung. Bei all diesen neuen Technologien: Müssen wir nicht viel früher über vernünftige Regulierung sprechen, um so etwas wie Fake News und Hassreden im Fall von Social Media zu vermeiden?

Um diese Frage zu beantworten, sollten wir vielleicht zunächst ­einen Schritt zurückgehen. Wie sind wir denn zum gegenwär­tigen Zustand gelangt? Niemand hat wirklich geplant und langfristig über die Konsequenzen nachgedacht. Und die DSGVO im Mai dieses Jahres war eine sehr harsche Reaktion der Euro­päer auf die Entwicklung der vergangenen Jahre. In den USA haben wir keine so harte Regulierung, aber das Problem ist ja das Gleiche. Die ­großen Plattformen weisen ihre Verantwortung ein Stück weit von sich und beharren darauf, dass sie lediglich die Technologie zur Verfügung stellen. Es gibt keine Rechenschaftspflicht.

t3n Magazin: Aber was ist denn der beste Weg zur Regulierung der ­großen Plattformen?

Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht. Was ich nur sagen kann: Aus europäischer Sicht vielleicht nicht unbedingt weitreichende Entscheidungen treffen, wenn man unter Angst und Stress steht. Bei uns in den USA wäre es ein Anfang, wenn Facebook und ­Twitter die richtigen Konsequenzen daraus ziehen würden, dass sie Mist gebaut haben. Es gibt sehr wohl Möglichkeiten, den ­Algorithmus so zu gewichten, dass Bots weniger bis gar nicht mehr im Stream auftauchen und dafür seriöse Nachrichtenquellen stärker in den Vordergrund treten. Das ist kein Hexenwerk. Unter den Nachrichtenquellen darf ja auch Fox News sein. Der Nutzer muss nicht immer mit der News-Quelle einer Meinung sein. Man könnte zum Beispiel Labels an die Nachrichten anbringen – bei Fox News etwa das Label „konservativ“. Das ­Problem aber ist, dass eine solche Veränderung natürlich Facebooks ­Geschäftsmodell tangiert. Das funktioniert nämlich vor allem dann, wenn alle durchdrehen. Das ist ein Konstruktionsfehler.

t3n Magazin: Wenn wir bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz ähnliche Fehler machen wie bei Social Media, haben wir ein echtes Problem.

Wir sind ja schon längst dabei, künstliche Intelligenz zu vermasseln. Es ist so viel Bias (statistische Verzerrungen, die beispielsweise diskriminierende Strukturen reproduzieren, Anm. d. Red.) in den Datensätzen, mit denen die KI-Systeme trainiert werden. Vor einiger Zeit haben in Stanford zwei Professoren ein Experiment durchgeführt, bei dem sie rund 70.000 Fotos von der Dating-Plattform Tinder auslasen und einen Machine-­Learning-Algorithmus darauf trainierten, in den Gesichtern die sexuelle Orientierung abzulesen. Es gab viel negatives Feedback zu dem Experiment. Die Forscher verteidigten ihr Anliegen nach der ganzen Aufregung mit dem Hinweis, dass sie nur zeigen wollten, dass so etwas heute schon möglich ist. Wir müssen einfach damit rechnen, dass Dinge, die möglich sind, auch gemacht werden.

t3n Magazin: China etwa nutzt künstliche Intelligenz, um einen digitalen Überwachungsstaat zu errichten.

Sie haben komplett andere Vorstellung von Menschenrechten als wir im Westen – wenn man sich etwa anschaut, wie dystopisch das Scoring-System wirkt. Ich halte das für besorgniserregend.

t3n Magazin: Wie stark schätzt du denn China im Markt und in der Entwicklung künstlicher Intelligenz ein?

Wenn wir davon ausgehen, dass künstliche Intelligenz die ­nächste Ära des Computings ist, und dass wir gerade erst am Anfang stehen, dann sehe ich China ganz weit vorne. Staat und Wirtschaft investieren viel in neue Technologien und sie haben Zugriff auf extrem viele Daten – nicht zuletzt auch deshalb, weil China das mit Abstand bevölkerungsreichste Land der Erde ist. Und es ist auch nicht so, dass sich die Chinesen innerhalb ­ihrer Grenzen einsperren. China ist überall, im Silicon Valley und auch in ­Teilen Europas. Sie beteiligen sich über Joint Ventures oder ­andere ­Investments still und leise und strategisch klug an US-amerikanischen Techfirmen. Ich glaube, wir alle haben ­China lange Zeit extrem unterschätzt. Noch heute – wenn ich über ­China rede – halten sich viele mit alten Klischees auf, dass Chinesen qualitativ schlechte Produkte bauen, dass sie kopieren und Markenrechte verletzen. Das ist ein großer Fehler.

„Wir sind ja schon längst dabei, künstliche ­Intelligenz zu vermasseln.“

t3n Magazin: China auf dem Vormarsch, Fallstricke in der KI-Entwicklung: Hast du Angst vor der Zukunft?

Nein, nicht unbedingt. Ich habe jedenfalls keine Angst vor ­Robotern, die uns Menschen töten. Ich habe auch keine Angst vor Maschinen, die uns die Arbeit wegnehmen. Ich fürchte mich eher davor, dass wir in 50 Jahren in einer seltsamen, unbequemen Welt leben, in der wir uns nicht wohlfühlen und wir nicht so richtig erklären können, warum Dinge passieren und wie es dazu kommen konnte. Aber diese Welt lässt sich verhindern.

t3n Magazin: Wie?

Wir müssen jetzt andere Entscheidungen treffen, also regulierend eingreifen. Ein wichtiges Mittel bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz ist Transparenz. Wer bewilligt bestimmte Projekte? Wer arbeitet an dem Projekt? Wo kommt der Datensatz fürs Training der Algorithmen her? Wir müssen also eine Transparenz schaffen, wie wir sie von Lebensmitteln kennen: Dort steht auf den Verpackungen sehr genau beschrieben, welche Zutaten darin stecken.

t3n Magazin: In den USA wird die KI-Forschung aber zunehmend privatisiert, die großen Unternehmen wie Facebook und Google investieren in die besten Köpfe.

Diese Unternehmen müssten dazu bereit sein, einen Teil ihres proprietären Wissens abzugeben. Die Schwierigkeit an der Sache aber ist, dass sie natürlich alle kommerzielle Interessen verfolgen und vor allem eines wollen: Geld verdienen. Das verträgt sich nicht unbedingt mit Offenheit, wenn es darum geht, innovative Errungenschaften zu teilen. Wir haben hier ein echtes Problem.

Startseite
  • Seite:
  • 1
  • 2

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Schreib den ersten Kommentar!

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.

Jetzt anmelden

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung